Der Volkskundeprofessor wird literarisch

Hermann Bausingers vergnügliches Erzähldebüt „Wie ich Günther Jauch schaffte. 13 Zappgeschichten“

Von Anton Philipp KnittelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anton Philipp Knittel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Dies ist kein gutes Buch. Ständig sind in den Geschichten – erfundenen wahren Geschichten – Fernseher eingeschaltet. Und sie spiegeln nicht nur Realität, sondern mischen sie auch auf. Das Fernsehen greift in den Alltag ein. Wie im richtigen Leben“, heißt es in der knappen Vorrede zu Hermann Bausingers (Jahrgang 1926) Erzähldebüt „Wie ich Günther Jauch schaffte. 13 Zappgeschichten.“

Bausinger, Begründer der empirischen Kulturwissenschaft und von 1960-1992 Professor an der Universität Tübingen, erzählt mit Humor und Selbstironie Fernseh-Realitäten. Es sind Medien-Erzählungen lange vor dem Web 2.0. So heißt es in der satirischen Schlussgeschichte „Das Literarische Trio. Auszug aus dem Protokoll der Startsendung“, in der die „Zappgeschichten“ Gegenstand der Sendung sind, und HK (Hellmuth Karasek) auf den Einwand von MRR, es sei nicht Aufgabe der Literatur „modernen technischen Entwicklungen“ nachzurennen, meint: „Aber das tut der Autor doch gar nicht! Im Gegenteil: Das ist doch eher ein altmodisches Buch. Ein nostalgischer Rückblick auf eine Zeit, in der das Fernsehen die Nation vereinigt und oft auch geeinigt hat. Einer wird gewinnen, Wetten dass…, Marienhof, Der Kommissar – das war einmal eine Art Generationenvertrag: Alt und Jung vor dem Bildschirm. Aber das war einmal. Die heutigen Digital Natives …“.

MRR ist es im Übrigen, der in seinem Eingangsstatement nicht nur beklagt, vom Sender auf die Hälfte der Zeit reduziert worden zu sein, sondern auch auf die „kurze Vorrede“ abhebt: „Eine sympathisch kurze Vorrede – ich vermute, der Verleger hat sie ohne Wissen des Autors hineingeschmuggelt. Da steht der Satz, der zur Beurteilung völlig ausreicht und die Belanglosigkeit dieser Veröffentlichung demonstriert. Hier steht. Dies ist kein gutes Buch. Einverstanden!“

Doch nicht nur HK, sondern auch der Gast, WH (der Sportreporter Werner Hansch ist zu erkennen), der betont, in diesem Jahr nicht nur dieses Buch gelesen zu haben, verteidigen Bausingers „Zappgeschichten“ als Schauplatz einer „Zwischenwelt, die einen immer größeren Platz in unserem Leben einnimmt; es geht um die Überformung unseres Alltags durch die Medien. Es geht darum, dass wir einen Teil der Wirklichkeit, einen immer größer werdenden Teil Wirklichkeit gar nicht mehr unmittelbar erleben, sondern, dass sich immer schon die Perspektive des Fernsehens dazwischenschiebt.“

So in der Titelgeschichte, in der der Ich-Erzähler bei der Sendung „Wer wird Millionär“, die im Übrigen gar nicht genannt wird, den Moderator dadurch in die Bredouille bringt, dass er keine Ahnung hat und alle Hilfsbrücken professoral kritisch hinterfragt. Wobei der Clou der Geschichte der ist, dass der Erzähler, obwohl er durch Nichtwissen glänzt, 50.000 Euro erhalten soll, weil die Sendung am nächsten Tag, da Jauch erkrankt sei, wiederholt werden soll.

„Dank“ vieler Erklärungen der Gattin seines Chefs, die den Erzähler abends zu Hause anruft, um die Überraschungs-Geburtstagsfeier für ihren Mann zu besprechen, verpasst dieser ein wichtiges Champions League-Spiel zu Hause vor dem Fernseher. WH glänzt am Ende im „Literarischen Trio“, in dem er es als „das entscheidende Achtelfinalspiel zwischen Werder und Juventus Turin“ identifiziert und sich an seiner damaligen literarischen Anspielung „Werders Leiden“ delektiert. Es ist gerade der verpasste Fernseh-Abend, der die Realität der Figur entscheidend beeinflusst: „Er schlief schlecht in der folgenden Nacht. Das Spiel hatte ihn mehr Nerven gekostet, als wenn er es gesehen hätte. Dass Bremen verloren hatte, höchstwahrscheinlich verloren hatte, war eine Last. Aber eine größere Last war dieses höchstwahrscheinlich: Dass er nicht wusste, ob Bremen nicht vielleicht doch gewonnen hatte – das ließ ihn nicht zur Ruhe kommen.“

Wie Bausingers eigene Zunft den durch die Medien veränderten Realitäten auf den Leim geht, erzählt die Geschichte „Die heilige Dreizahl“, in der der „Volkskundeprofessor“ in einem Dorf über die alte Tradition des Leonhardsritts referiert und dies – gewissermaßen als „Ausnahme“ des Fachs – ohne „visuelle Kommunikationsmittel“ (oder dank einer „gewissen Technikphobie“). Der „genaue Ursprung“ des Ritts am Leonhardstag um die Dorfkapelle „verliere sich im Dunkel der Geschichte“, so der Professor. Die Besonderheit eines dreimaligen Umritts (ein „Alleinstellungsmerkmal“ für die Gemeinde) erklärt er mit ausführlichen Hinweisen auf die „Verankerung der Dreizahl in ganz alltäglichen Erfahrungen“, in der Philosophiegeschichte (natürlich mit Verweis auf Aristoteles und Plato), im Märchen und selbstverständlich in der Religion.

Dabei verdankt sich der dreimalige Umritt um die Kapelle ausschließlich einer Aufnahmepanne in der Nachkriegsära, als der aufgeschlossene Dorfpfarrer ein Fernsehteam zu Dreharbeiten am Leonhardstag ins Dorf eingeladen hatte. Dies war auch Studierenden der Kulturwissenschaft entgangen: „Als nach etwas mehr als einem Jahrzehnt eine Gruppe von Studierenden ins Dorf kam, um Erhebungen zu machen, erhielten sie vom Bürgermeister, einem jungen Mann, der erst vor wenigen Monaten gewählt worden war, die Auskunft, die bekannteste und älteste Tradition im Ort sei der Leonhardsritt. Der sich über Stunden hinziehe, weil die Reiter dreimal den Weg um die Flur und um die Kapelle nähmen. Die Studentinnen und Studenten waren geschult in der Feldforschung; sie wussten, dass Amtspersonen nicht die verlässlichsten Gewährsleute waren, weil sie oft das Bild ihrer Gemeinde retuschierten – im Dienst des Fremdenverkehrs oder auch nur des allgemeinen Prestiges. Als zuverlässiger galten die Auskünfte einfacher Dorfbewohner; aber auch sie stellten allesamt den Leonhardstag als Besonderheit heraus. Eine Frau, die mindestens auf die 80 zu ging, sprach von einem uralten Brauch.“

Ähnlich komisch auch die Geschichte eines Pfarrers in „Cliffhanger“, der als unerfahrener Reisender im Hotel für ein paar Sekunden zu lange auf dem Pornokanal bleibt oder meint geblieben zu sein und deshalb allerhand Seelennöten ausgesetzt ist, beziehungsweise sich selbst aussetzt, zumal er mit einem Prälaten reist, der am nächsten Morgen schon seine Hotelrechnung beglichen hatte.

Alles in allem mag man MRRs Fernseh-Fazit in der letzten Geschichte, wonach es vielleicht ja „ganz gut für die Literatur ist, wenn die Leute nicht so viel fernsehen“ nach diesem wunderbar hintersinnigen Buch nicht zustimmen. Viel eher hofft man im Sinne HKs, dass den augenzwinkernd erzählten Fernseh-Realitäten dieses klugen und amüsanten Volkskunde-Professors – Technikphobie hin oder her – auf jeden Fall noch Geschichten über „digital natives“ folgen sollten.

Titelbild

Hermann Bausinger: Wie ich Günther Jauch schaffte. 13 Zappgeschichten.
Klöpfer und Meyer Verlag, Tübingen 2011.
187 Seiten, 18,90 EUR.
ISBN-13: 9783863510206

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