Sinnliches und Übersinnliches

Hermann Bausingers fundierte Justinus Kerner-Leseausgabe

Von Anton Philipp KnittelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anton Philipp Knittel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Flüchtig leb ich durchs Gedicht, / Durch des Arztes Kunst nur flüchtig; / Nur wenn man von Geistern spricht, / Denkt man mein noch und schimpft tüchtig“ / lautet eine Strophe aus dem Gedicht „Prognostikon“ des Dichters, Arztes und des als Geisterseher bekanntgewordenen schwäbischen Romantikers Justinus Kerner (1786-1862). Diese „Prognose für die Dichtung war sicher zu pessimistisch“, schreibt Hermann Bausinger in seiner Einleitung „Geisterwelt und Poesie“ zu seinem Kerner-Lesebuch unter dem Titel „Sinnliches und Übersinnliches“, das soeben als Band 25 in der bibliophil aufgemachten Kleinen Landesbibliothek beim Tübinger Klöpfer & Meyer-Verlag erschienen ist. „Was den Arzt anbelangt, so begründet das tägliche praktische Wirken ja wenig Nachruhm; aber Kerner hat sich mit einer Entdeckung einen sicheren Platz in der Medizingeschichte erworben. Zusammen mit einem anderen Arzt kam er bei den immer wieder, wenn auch selten vorkommenden Wurst- und Fleischvergiftungen dem toxischen Botulin auf die Spur, dessen Wirkungen er dann in systematischen Tierversuchen nachging.“

Der knappen instruktiven Einleitung folgen Auszüge aus „Das Bilderbuch aus meiner Knabenzeit“, unter anderem mit der bekannten Anekdote vom „amerikanischen Nilpferd“, und den verschiedenen Heilversuchen an jungen Kerner. Der Band bringt zudem Auszüge aus zwei Briefen an seine spätere Frau Friederike, Auszüge aus „Die Reiseschatten“, aus „Geisterseherinnen“, vor allem mit der Geschichte eines Bauernmädchens aus dem Weiler Orlach bei Hall, und schließlich einige „Klecksographien“, jeweils mit einer etwa halbseitigen Einleitung versehen. Alles in allem wird deutlich, dass der Parapsychologe Kerner vom Poeten und Arzt nicht zu trennen ist. So heißt es in einer Klecksografie: „Auch mein Bild kam aus einem schwarzen Tintenfass. / Als ich es sah, da wurde ich leichenblass. / Aus dem Kopfe kommen schwarze Dünste, / Der Arznei- und Dichtkunst schlechte Künste, / Meines ganzen eitlen Lebens Dunst, / Scham, dass ich unwert so vieler Gunst. / Schaut den alten Leib, der ein Gerippe, / Während ich am Lebensbaum noch nippe, / An den Füßen schaut die Erdenschwere, / O! wenn die noch abzustreifen wäre! / Ich vermag es nicht, und ihre Macht / Zieht mich nieder in des Hades Nacht.“

Insgesamt ist so ein faszinierendes Porträt eines Genies der Freundschaft entstanden, das Lust macht, die Kerner’schen Texte in Gänze mal wieder vorzunehmen. Denn seine Welt, so Bausinger einleitend, „war das Spiel – das souveräne Spiel der Fantasie, das immer konfrontiert blieb mit dem ernsten Spiel des Lebens.“

Titelbild

Hermann Bausinger (Hg.): Sinnliches und Übersinnliches.
Klöpfer und Meyer Verlag, Tübingen 2012.
230 Seiten, 14,00 EUR.
ISBN-13: 9783940086761

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