Politische Tiefenreflexion

Einführung in „Neue Philosophien des Politischen“ von Uwe Hebekus und Jan Völker

Von Sönke AbeldtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Sönke Abeldt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Zusammenbruch des Realsozialismus, Nine-Eleven, Finanzkrise, Arabellion – an großen Themen mangelt es nicht, Politik grundsätzlich zu überdenken. Quer zu herkömmlichen Theorien und stark im Trend liegen Philosophien über die so genannte „politische Differenz“. Die Politik (also: Interessenkampf und Regierungsgeschäft) sei von dem Politischen (Wesen oder begrifflichem Grund) zu unterscheiden. In der lobenswerten Reihe „Zur Einführung“ im Hamburger Junius Verlag ist nun ein Buch erschienen, das diese „Neuen Philosophien des Politischen“ darstellt.

Die Autoren Uwe Hebekus und Jan Völker zeichnen die Theorien von fünf ausgewählten Philosophen – Ernesto Laclau, Claude Lefort, Jean-Luc Nancy, Jacques Rancière und Alain Badiou – jeweils in Einzelkapiteln nach. Die Verfasser wollen die Kernmotive der Theorien „schlaglichtartig“ herausarbeiten, ohne sie miteinander zu verknüpfen. Das ist eine kluge wie pragmatische Herangehensweise. Denn die besprochenen Ansätze sind doch sehr unterschiedlich. Sie führen zurück auf Debatten mit und über Jacques Derrida im Paris der 1980er-Jahre; nicht zuletzt geht es auch um eine Reformulierung marxistischer Theorie sowie ein neues Verständnis von Demokratie, Hegemonie und politischer Ordnung. Das Politische (le politique) kann hier, vereinfacht gesagt, die ursprüngliche diskursive Formierung des sozialen Seins und seiner Konflikte, dort der nicht-messbare, irreduzible oder fiktive Ort von Gemeinschaft sein.

Wie es sich für eine solide Einführung gehört, halten sich Hebekus und Völker mit eigenen Bewertungen zurück. Sie lassen die Theorien vorwiegend selbst sprechen, ordnen das Ganze aber auch biografisch, werkgeschichtlich und philosophisch ein. Anmerkungen verweisen auf weiterführende Diskussionen. Auf eine Zusammenfassung verzichten die Verfasser. Die sehr empfehlenswerte Einleitung verschafft einen wertvollen Überblick, von dem auch Leser profitieren, die wenig Vorkenntnis mitbringen. Meistens bleibt die politische Aktualität der Ansätze erkennbar.

Dem allzu unbescholtenen Leser wird allerdings mühsame Tiefenreflexion abverlangt. Und zwar dann, wenn eine vermeintlich inhaltsgetreue Darstellung auf Kosten von Verständlichkeit zu gehen droht – wie hier: „Der Sinn als metaphysische Kategorie wiederum verweist auf die Unterordnung der Endlichkeit, der Sinn, der sich aus der Endlichkeit (als Entwerkung) ergibt, ist ein sich öffnender Sinn. Beide Male ist diese begriffliche Entgrenzung an eine innere Endlichkeit des Begriffs gebunden, die seine innere Unmöglichkeit markiert.“

Das klingt doch sehr bedeutungsschwanger und heideggerianisch – noch Fragen? Freunde von politischer Theologie würden behaupten, solche Gedankengänge seien einfach zwingend. Kritische Stimmen hingegen könnten nach dem Nutzen für die Politikanalyse fragen. Davon mal abgesehen: Uwe Hebekus und Jan Völker ist ein für das Politik- und Philosophiestudium informatives und nützliches Buch gelungen.

Titelbild

Uwe Hebekus / Jan Völker: Neue Philosophien des Politischen . zur Einführung.
Junius Verlag, Hamburg 2012.
250 Seiten, 14,90 EUR.
ISBN-13: 9783885066637

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