„abseits“ oder „Schatten der Versehrtheit“

Claudio Hils’ Fotografien geben Einblicke in den Wandel ländlicher Lebenskultur

Von Anton Philipp KnittelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anton Philipp Knittel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Und die verlorenen, flurbereinigten Felder in ‚Ortsrandlage‘ lagen da, als wären sie nun tatsächlich nichts anderes als für die Innovationsindustrie ‚ausgewiesene Fläche‘, da, um für jede Brutalität ein Betätigungsfeld zu bieten“, notiert Arnold Stadler jüngst „Auf dem Weg nach Winterreute“ bei seinem „Ausflug in die Welt des Malers Jakob Bräckle“, wie sein großer Essay überschrieben war.
An Stadlers Blicke („jede Liebe beginnt mit einem Blick“), an seine poetischen Notate in seinen Romanen und Erzählungen vom Verschwinden, vom Wenigerwerden der Heimat – quasi auf „Taubenfüßen“ – wird erinnert, wer den eindrucksvollen Bildband „abseits“ von Claudio Hils in die Hand nimmt. Der mit einem Vorwort vom baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann versehene und vom Land und der EU geförderte Katalog versammelt neben den beeindruckenden Fotografien des Kommunikationsdesigners Hils Textbeiträge der Schriftsteller Peter Renz und Walle Sayer sowie des Professors für Fotografie und Designtheorie Manfred Schmalriede.

„Dorfrandgestaltung im Baumarktstil“ erkennt Renz in den Fotografien. Hils’ Fotos – ob eingezäunte Autos in einer Neubausiedlung oder überdimensionierte Kreisel – erscheinen als „Menetekel der Moderne“, die zugleich die „Schatten der Versehrtheit“ mit ins Bild setzen. „Abriss, Planierung und Begradigung“, werden im Bild stillgestellt, nachträglich erkennbar als „die Vorboten der Transformation einer Lebenswelt, die sich auf all das nicht mehr berufen kann, was ihre bisherige Bestandsgarantie schien: Originalität, Sturheit und Eigensinn.“

Mit diesem Verlust einher geht auch, wie Renz betont, das, „wofür die ländliche Lebenskultur nicht selten belächelt wurde: Ihre Sorge ums Einzelne“, eine Sorge, die sich in Stadler’scher Diktion vielfach als „Erbarmen“ mit den Skurrilen, den Verlierern und Gescheiterten, den Minus-Männern literarisch in seinen Romanen niederschlägt. Und eine weitere Verbindungslinie lässt sich von Hils über Renz und Sayer zu Arnold Stadler ziehen: Der Kollateralschaden einer ausschließlich auf Verwertbarkeit und Wachstumsstrategien gerichteten Modernisierung zeigt sich auch sprachlich. Denn „mit dem Verschwinden der Gegenstände“, sagt Renz, „sind auch die Wörter fast schon vergessen.“ Mit dafür verantwortlich ist – so Stadler immer wieder in seinen Werken – unter anderem die Fernsehsprache, die die Muttersprache zur ersten Fremdsprache degradiert. Bei Hils werden dafür Satellitenschüsseln, diese „Geistesblitzableiter“ (Sayer), fotografisch zum Sprechen gebracht. Trotz aller „Leerstellen“ (Schmalriede), auf die Hils wie Renz und Sayer verweisen: Erkennbar wird dennoch und trotz allem die „Würde einer Landschaft“. Schließlich wird „Welt“, wie es in Stadlers „Bräckle“-Essay heißt, auch darin „aufgehoben“ – eine Tatsache, die uns der Bildband „abseits“ mit seinen in ins Englische und Französische übersetzten Essays gleichermaßen eindrucksvoll wie nachdenklich vor Augen führt.

Gerade ist der Band für den Deutschen Fotobuchpreis nominiert wordeb. Zusammen mit den Siegertiteln soll „abseits“ an der Wanderaustellung „Deutscher Fotobuchpreis 2013“ teilnehmen.

Titelbild

Claudio Hils: Abseits = Aside.
Klöpfer und Meyer Verlag, Tübingen 2012.
148 Seiten, 39,00 EUR.
ISBN-13: 9783863515003

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