Anderswo hin, ganz unfreiwillig – Hinweise auf einige Studien und Beiträge zu Jean Améry, der dieses Jahr 100 Jahre alt geworden wäre

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Vor Kurzem fand in Berlin eine Tagung zum Anlass von Jean Amérys 100. Geburtstag statt. Dort trat neben der Améry-Biografin und -Editorin Irene Heidelberger-Leonhardt auch Gerhart Scheit auf. Der in Wien arbeitende Literatur-, Musik- und Theaterwissenschaftler Scheit ist – unter anderem als Mitherausgeber der von Heidelberger-Leonhard besorgten Améry-Werkausgabe bei Klett-Cotta – einer der besten Kenner des Werks von Jean Améry. Als freier Publizist, der gegen die Moden und Trends des Wissenschaftsbetriebs unserer Tage der Kritischen Theorie folgt, ist Scheit zudem ein Analytiker, der sich seit Jahren in Zeitschriften wie „Bahamas“, „konkret“ und der „Jungle World“ zum Thema Antisemitismus äußert.

Scheits erhellende Publikationen werden unter Akademikern definitiv zu wenig gelesen. Kaum ein Literaturwissenschaftler, der sich mit Themen wie dem Literarischen Antisemitismus auseinandersetzt, dürfte etwa, so ist zu befürchten, Scheits materialreiches Buch „Verborgener Staat, lebendiges Geld. Zur Dramaturgie des Antisemitismus“ (2006) kennen, in dem sich der Autor unter anderem mit dem Antisemitismus in der Romantik auseinandersetzt. Forscher, deren Studien in kleinen linken Verlagen wie ça ira erscheinen, haben es weiterhin schwer im Fach. Nicht zuletzt gelten Interpretationen, die sich wie die Scheits auf Denker wie Theodor W. Adorno berufen, den meisten Germanisten als unzeitgemäß. Für Scheits Publikationen interessiert sich jedenfalls unter Literaturwissenschaftlern, die stattdessen dubiose, heideggerisierende Schaumschläger wie Giorgio Agamben hochhalten, so gut wie keiner.

Gerhart Scheit ist einer der Herausgeber der neuen, im Verlag ça ira erscheinenden „Zeitschrift für Ideologiekritik“. Das Magazin heißt „sans phrase“. Das erste Heft dieses Projekts enthält aber nicht nur Beiträge von Scheit, Stephan Grigat und anderen bekannten Publizisten, sondern auch einen bislang ungedruckten Essay Jean Amérys. Hanjo Kesting erinnert sich in der gleichen Ausgabe an einen der letzten Auftritte Amérys im Jahr 1978: Damals gab es der Diskutant zusammen mit Edgar Hilsenrath bald auf, Martin Walser beizubringen, dass es große Unterschiede zwischen dem Faschismus und dem Nationalsozialismus gab. Améry bekämpfte diese Strategien der Verleugnung der spezifischen Vernichtungsqualität des Nationalsozialismus, wo er konnte, schien im Oktober 1978 jedoch langsam müde geworden zu sein: „Améry saß mit verstörtem, schwermütig resigniertem Gesicht“, erinnert sich Kesting. „Er verstummte zunehmend in dieser Diskussion, in der zum Schluss nur noch Walser und Chotjewitz das Wort führten.“

Gerade in diesen Tagen, da in Israel Raketen der terroristischen Hamas aus Gaza Menschen töten, während man in der deutschen Presse und im Fernsehen meist nur die israelischen Versuche skandalisiert, diese Attacken zu unterbinden, brauchen wir die Schriften Amérys wieder umso mehr. Améry war als „Zeuge des Jahrhunderts“, wie ihn eine ZDF-Interviewsendung aus dem Sommer 1978 vorstellte – also wie die von Kesting erinnerte Diskussion kurz vor Amérys Freitod in Salzburg am 17. Oktober – stets ein Kritiker, der Verdrehungen und Relativierungen, wie sie in Deutschland insbesondere im Blick auf den Nationalsozialismus, den Antisemitismus und auch die Rolle des Staats Israel typisch waren, mit analytischer Schärfe entgegentrat. Zumindest solange, wie seine Kräfte dazu ausreichten: Auch in dem bei YouTube abrufbaren, langen Ausschnitt aus dem besagten ZDF-Interview kann man sich ansehen, wie Améry den Unterschied zwischen dem Faschismus, dem Bolschewismus und dem Nationalsozialismus seinem begriffsstutzigen Gesprächspartner Ingo Hermann noch einmal mit großer, bewundernswerter Geduld auseinanderzusetzen versucht.

Zur weiteren Auseinandersetzung mit Améry laden auch neuere Forschungsbeiträge ein. Neben Studien von Sylvia Weiler („Jean Amérys Ethik der Erinnerung. Der Körper als Medium in die Welt nach Auschwitz“, 2012) und Ulrike Schneider („Jean Améry und Fred Wander. Erinnerung und Poetologie in der deutsch-deutschen Nachkriegszeit“, 2012), auf die an dieser Stelle jedoch nur kommentarlos hingewiesen werden kann, erschien bereits im Frühjahr dieses Jahres eine Ausgabe der Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung, „Mittelweg 36“, die sich schwerpunktmäßig Leben und Werk Amérys widmete. In dem Heft, dessen Beiträge 2011 bei einer Améry-Tagung in Jerusalem gehalten wurden, erinnert neben Aufsätzen Ulrich Bielefelds, Dan Diners und Jan Philipp Reemtsmas der Literaturwissenschaftler Nicolas Berg an jene legendäre öffentliche Kontroverse, auf die sich Améry mit dem früheren SS-Mann und Nachkriegspublizisten Hans Egon Holthusen einließ. Holthusen hatte 1966 im „Merkur“ einen Text mit dem Titel „Freiwillig zur SS“ publiziert. Der „Merkur“-Autor Améry, der Auschwitz überlebt hatte, antwortete auf Holthusens durchschaubare Schutzbehauptungen in einem offenen Brief: „Sie gingen zur SS, freiwillig. Ich kam anderswo hin, ganz unfreiwillig.“

J. S.

Titelbild

Ulrike Schneider: Jean Améry und Fred Wander. Erinnerung und Poetologie in der deutsch-deutschen Nachkriegszeit.
De Gruyter, Berlin 2012.
380 Seiten, 99,95 EUR.
ISBN-13: 9783110281859

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Titelbild

Sylvia Weiler: Jean Amérys Ethik der Erinnerung. Der Körper als Medium in die Welt nach Auschwitz.
Wallstein Verlag, Göttingen 2012.
448 Seiten, 44,90 EUR.
ISBN-13: 9783835311305

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Titelbild

Hamburger Institut für Sozialforschung (Hg.): Mittelweg 36. Heft 2/2012. Jean Améry.
Hamburger Edition, Hamburg 2012.
96 Seiten, 9,50 EUR.
ISBN-13: 9783868547139

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Kein Bild

Manfred Dahlmann / Gerhard Scheit (Hg.): sans phrase. Heft 1, Herbst 2012.
Ca ira Verlag, Freiburg 2012.
12,00 EUR.
ISSN: 21948860

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