Der Fluch der bösen Tat

In „Ein seltsamer Verein“ liefert Kim Young-Ha ein Psychogramm der südkoreanischen Gesellschaft in Form zehn packender Kurzthriller

Von Behrang SamsamiRSS-Newsfeed neuer Artikel von Behrang Samsami

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Südkorea ist ein Land krasser Gegensätze. Die japanische Besetzung bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, der anschließende Krieg auf der Halbinsel, ihre Teilung in einen kommunistischen Norden und einen kapitalistischen Süden, die Einflussnahme der USA, die Herrschaft der Militärs, die Industrialisierung und Verwestlichung – Umbrüche dieser Art in nur wenigen Jahrzehnten haben, wie in anderen postkolonialen Gesellschaften in Asien, tiefe Spuren bei den Menschen hinterlassen.

Ein Schriftsteller, der sich mit der modernen koreanischen Geschichte und den Folgen äußerer Einflüsse auf seine Heimat auseinandersetzt, ist der 1968 geborene Kim Young-Ha. Der studierte Betriebswirt ist in Korea einer der bekanntesten Autoren. Seine Bücher liegen auch hierzulande vor. Ein Beispiel ist der äußerst lesenswerte und preisgekrönte Roman „Schwarze Blume“ (Tübingen 2010). Darin erzählt Kim Young-Ha die wahre Geschichte einer rund tausendköpfigen Gruppe von Koreanern, die 1905 mit dem Versprechen auf gut bezahlte Arbeit nach Mexiko gelockt werden. Da sie sich dort aber als Lohnsklaven auf Henequen-Plantagen von Großgrundbesitzern wiederfinden, versuchen sie in der Folge, ihr Schicksal in bessere Bahnen zu lenken. Einige migrieren in die USA, andere nehmen 1910 an der mexikanischen Revolution teil.

Beschreibt Kim Young-Ha am Beispiel dieser Wirtschaftsflüchtlinge die bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts vielfältigen Auswirkungen der Globalisierung auf die koreanische Halbinsel, setzt er sich auch in seinem neuesten, jetzt auf Deutsch veröffentlichten Buch mit dem Zusammenprall eigener und fremder Denk- und Lebensweisen in der Gegenwart auseinander. Der Band „Ein seltsamer Verein“ umfasst zehn Novellen, in denen der Schriftsteller unter Beweis stellt, dass er nicht nur historische Romane schreiben kann, sondern auch ein Meister der Kurzform ist, in denen er das heutige Korea – ein Land zwischen Tradition und Moderne – ungeschminkt darstellt.

Kim Young-Ha gelingt es, in seinen jeweils 20 bis 30 Seiten langen Kurzthrillern verschiedene Aspekte der koreanischen Gesellschaft gekonnt zu bündeln und durch die Darstellung kritisch zu hinterfragen: Seit alters her bestehende patriarchalische Strukturen reiben sich an der Emanzipation und Partizipation der Frauen in Alltag und Beruf. Fast durchgängig sind sie es, die offen, neugierig und mutig genug sind, traditionelle, sie einengende Lebensmodelle zu überwinden – etwa indem sie, wie in den ersten beiden Texten „Christmas Carol“ und „Eine Reise“, für eine Zeit ins Ausland, in die USA oder nach Deutschland, gehen. Der Aufenthalt dort verschiebt ihren Blick auf die Heimat und sich selbst. Sie gewinnen Distanz und wollen ihr Leben ändern, was von den Männern als Bedrohung ihrer Macht und Ehre empfunden wird.

In „Christmas Carol“ wird geschildert, wie ein Koreaner mit dem Tod einer früheren Kommilitonin umgeht. Es stellt sich heraus, dass er und zwei andere Studenten gleichzeitig eine Affäre mit ihr hatten. Als diese nach einem längeren Europaaufenthalt nach Korea zurückkehrt, trifft sie die drei und erzählt ihnen von ihrer Entwicklung. Erst im Ausland habe sie erstmals wirkliche Liebe von einem Mann erfahren und ihren Selbsthass überwunden. Den drei Bekannten wirft sie vor, sie nur als Sexobjekt betrachtet, aber keinerlei Gefühl oder Interesse gehabt zu haben. Die Polizei verdächtigt einen der drei des Mordes an ihr. Diese, inzwischen beruflich erfolgreich, verheiratet und Väter, haben alle ein gutes Motiv für die Tat: Die Angst, Position und Gesicht zu verlieren, wenn die Rückkehrerin über ihre Vergangenheit auspacken sollte.

Kim Young-Ha kann den Männern nur wenig abgewinnen. Erscheinen die Frauen bereit, eigenes und fremdes Verhalten infrage zu stellen, wirken jene schwerfällig und unsensibel. Wollen die Frauen Probleme konstruktiv angehen, lehnen jene Gespräche ab. Beharren die Frauen auf ihrer Eigenständigkeit, werden jene aggressiv und wenden rabiate Mittel an, um die „Ordnung“ wiederherzustellen. Doch der Fluch der bösen Tat trifft die Männer. Beispielsweise in „Eine Reise“ entführt ein Hochschuldozent seine Exfreundin an die Küste, als er erfährt, dass sie einen anderen heiraten und Korea verlassen will. Er, der unzufrieden mit seinem statischen Leben ist, erträgt es nicht, dass es bei ihr besser laufen soll. Sie wirft ihm Indifferenz, Egoismus und Lieblosigkeit vor und will in Ruhe gelassen werden, ist aber nicht konsequent, da sie das nicht deutlich genug zum Ausdruck bringt und selbst wiederholt in alte, nicht hinterfragte Verhaltensmuster fällt, schweigt und sich ihm ergibt.

Kim Young-Ha stellt in seinen Kurzthrillern stets ein bestimmtes Ereignis als Wendepunkt dar, der zu irreversiblen Veränderungen im Leben der Figuren führt. In „Der Pager“ sieht der Protagonist, der von seiner Freundin verlassen wird, eine junge, hübsche Frau auf einem Bahnsteig und fantasiert sich ihr Leben als Schauspielerinnendouble in Erotikfilmen zusammen. Ähnlich wie in „Geliebter Schraubenzieher“ wird hier aus der Perspektive eines männlichen Protagonisten erzählt. Beide Novellen sind sehr geschickt konstruiert. Der Leser wird in die Irre geführt. Zugleich werden ihm aber durch die inneren Monologe die Wirkungskraft männlicher Fantasie und deren Abgründe vorgeführt. Die zweite Erzählung wirkt dabei wie eine Krankengeschichte. Der „Held“ ist in seiner Kindheit von seiner im Bordell arbeitenden Mutter vernachlässigt worden. „Freunde“ findet er deshalb nur in Maschinen, da sie ihn nicht enttäuschen könnten. Eines Tages verliebt er sich in eine Nachbarin, die als Studentin in Clubs Geld dazu zu verdienen scheint. Der Einzelgänger folgt ihr einmal und bringt die Betrunkene in seine Wohnung. Nach ihrem Erwachen kommt es zur Eskalation.

Eigene und fremde Erwartungen, der Stress im modernen Arbeitsalltag, die Unfähigkeit zu kommunizieren und echte Gefühle zu empfinden, der Rückzug ins Private und die damit verbundene Vereinzelung, das Leben in der eigenen Traumwelt und die Kollision mit der Realität – das sind die Themen, die Kim Young-Ha in unterschiedlichen Variationen in seinen Kurzthrillern verarbeitet. Ihre Sprache ist präzise und nüchtern im Gegensatz zu den Novellenfiguren, die ihre dunklen Seiten und Geheimnisse unbedingt zu verbergen versuchen. Ihre Schwächen und Fehler werden ans Licht geholt und unhinterfragte Regeln kritisiert.

Die Novellen sind nicht nur spannend, weil wie in „Mord im Fotoshop“ Verbrechen geschehen und zurückverfolgt werden. Hat, fragt sich der Kommissar, die Frau des Shopbesitzers die Tat begangen, ein Kunde, mit dem sie scheinbar eine Affäre hat, oder doch ein ganz anderer? Die Texte packen den Leser auch, weil wie in „Der Vampir“ Menschen beschrieben werden, die etwas Seltsames und Undurchdringliches umgibt. In dieser (auch als Satire zu lesenden) Novelle erhält ein Schriftsteller namens Kim Young-Ha einen Brief, in dem die Frau eines Autorenkollegen den Gatten verdächtigt, ein unsterblicher Blutsauger zu sein. Ihre Gründe lauten: Er sei depressiv und lebensmüde, an Sex uninteressiert, wolle nichts von ihrer Vergangenheit wissen, schlafe im Arbeitszimmer gelegentlich in einem Sarg und schreibe Gedichte, Drehbücher und Romane, die fast nur Tod und Verfall behandelten.

Kim Young-Ha erweist sich in den Kurzthrillern als sehr genauer Beobachter der koreanischen Gesellschaft mit all ihren Problemen, Widersprüchen und Skurrilitäten. Er arbeitet sie fein heraus und transponiert sie in atmosphärisch dichte Texte mit überzeugenden, fast realen Figuren. Es werden über die kriminellen Taten und „schrägen“ Verhaltensweisen gleichzeitig die zwischen Tradition und Moderne pendelnden Denk- und Lebensweisen sowie die geheimen Wünsche und Verstrickungen der Figuren, der Männer und Frauen, die alle etwa zwischen 20 und 40 Jahre sind, beleuchtet. Der Leser wird dabei in die Aufklärung einbezogen. Er bekommt die Möglichkeit, selbst als Detektiv nach den Ursachen für das Verhalten der Menschen zu forschen.

Auch wenn die Novellen in „Ein seltsamer Verein“ eine düstere und oft unheimliche Atmosphäre besitzen, auch wenn sie scharfe Kritik an der Gefühlskälte und Gewalt insbesondere der Männer üben – der letzte Text „Dein Baum“ scheint einen Bruch mit den bisherigen dar. Im Mittelpunkt steht ein Psychologe, der von seiner Freundin verlassen, plötzlich den Wunsch verspürt, zu den Tempeln des in Kambodscha gelegenen Angkor zu fahren und dort, fernab von Lärm und Hektik, in sich zu kehren und zu meditieren. Er unterhält sich mit einem Mönch, spürt, wie hier die Zeit in „umgekehrter Richtung“ fließt und sieht Bäume, die mit ihren Wurzeln Tempel und Buddhastatuen umfassen, diese einst zerdrückt haben, seitdem aber auch zusammenhalten. Darüber stellt er sein schlechtes Benehmen gegenüber der Exfreundin infrage, packt und geht – ob in der Hoffnung, neu zu beginnen, oder in den alten Trott zurückzukehren, bleibt offen.

Titelbild

Kim Young-Ha: Ein seltsamer Verein. Erzählungen.
Übersetzt aus dem Koreanischen von Hoo Nam Seelmann und Rudolph Bussmann.
Konkursbuchverlag, Tübingen 2012.
283 Seiten, 10,90 EUR.
ISBN-13: 9783887697761

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