Flüchtiges Leben

Über Manuela Reicharts ersten Roman „Zehn Minuten und ein ganzes Leben“

Von Friederike WonschikRSS-Newsfeed neuer Artikel von Friederike Wonschik

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Eine Frau liegt im Sterben. Es ist viertel vor zehn. Bereits unerreichbar für die Stimmen derer, die noch so vieles fragen wollten, sieht sie ihre eigene Geschichte in Bildern – klein und bruchstückhaft wie Puzzleteile – an sich vorüberziehen. Als ihre Geschichte endet, ist es fünf vor zehn.

Manuela Reichart gelingt mit ihrem Romandebüt auf Anhieb eine nachdenklich stimmende Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Sinn des Lebens. Der schmale Band, der im Mai 2012 im S. Fischer Verlag erschien, schildert 70 kurze Szenen so stilistisch unprätentiös wie erzählerisch einprägsam. Gekonnt führen die Erinnerungsfragmente die zutiefst menschlichen Unzulänglichkeiten im Umgang mit der Endlichkeit unseres Daseins und dem Bedürfnis nach der Gewissheit des Glücks vor Augen. Die Besonderheit der Lektüre liegt in dem Eindruck der unmittelbaren Teilhabe an dem Ablaufen der Zeit. Reichert schickt den Leser hinein in den Zustand des Übergangs, in dem die Lebensgeschichte einer sterbenden Frau sich ein zweites Mal schreibt, um ihren Schluss zu finden. Indem die Bilder vor dem Auge des Lesers auftauchen wie vor dem inneren Auge der Protagonistin, schafft der Roman zunächst den Eindruck großer Nähe und Intimität und nicht zuletzt einen Sog, dessen Kraft sich der Lesende weder entziehen kann noch will.

Im Kontrast zu den beiden am Krankenbett wachenden Personen, deren Stimmen einen narrativen Rahmen bilden, wird er Zeuge intimer Erinnerungen, die wie die Sequenzen eines Filmes einander ablösen und deren Lektüre nur wenige Minuten dauert. Auf diese Weise greift Reichart für die literarische Sterbeszene ein gängiges Verfahren der Kinematografie auf und auch der dem Rückblick vorangestellte innere Monolog der Protagonistin, aus dem geradezu die Aufregung vor einer Premiere spricht, verdeutlicht die Bildhaftigkeit der kurzen Texte: „Das Bild. Ich sehe es vor mir. Psst. Still, bitte seid still. Das Bild, das erste Bild.“

Die spontane Erinnerung an ein Gemälde ihres späteren Ehemannes ist es auch, die den Anstoß gibt, über die verhängnisvollen Zufälle des Lebens und deren Folgen Tragweite zu reflektieren. Bereits hier erfährt der Leser, dass die darauffolgende Lebensgeschichte aus Sicht der Protagonistin die der Desillusionierung ist: „Das Leben ist kein Roman, es ist eine Aneinanderreihung von mehr oder weniger pointenlosen Kurzgeschichten.“

Gleich darauf nimmt die Sterbende den Leser mit hinein in Kindheitsszenerien, den Ritt auf dem Rücken des Großvaters, das Versteckspielen im Kohlekeller, den Verlust des geliebten Hundes und den ersten Liebeskummer; es erfassen ihn der Strudel der Ereignisse und Zeitsprünge, sodass die Flüchtigkeit des Augenblicks während der Lektüre erfahrbar wird. Einzelne Beobachtungen und unmittelbare Begegnungen, wie die Braut in der S-Bahn oder ein unbeabsichtigtes Wiedersehen mit einer ehemaligen Schulhofschönheit prägen sich ein. Schöne Momente, wie die leuchtenden Kinderaugen beim Baden, sind allerdings selten, die Wertung am Ende jeder Begebenheit zumeist lakonisch, bald von Frustration gekennzeichnet. Die Vergänglichkeit von Jugendidealen, von Leidenschaft und Liebe, dem vermeintlichen Glück, wird zunehmend greifbar. Prägende Kindheitserinnerungen und flüchtige Glücksmomente nehmen einen winzigen Raum ein und wirken fahl gegen die Fülle von negativen Erinnerungen.

Insbesondere die ehelichen Szenen zeichnen sich in der retrospektiven Wahrnehmung der Erinnernden durch disharmonische Details aus. Die Schilderungen heimatlichen Familienidylls sind geprägt von Misstrauen und Ungenügen. Die Ernüchterung lauert am Ende jeder Szene – die anfänglich spürbare leise Melancholie weicht der großen Enttäuschung, während sich der quälende Gedanke an ungenutzte Alternativen einschleicht.

Die (Un)Möglichkeit zur Umkehr ist eines der zentralen Denkfiguren des Romans. Aus der Retrospektive erhalten mehrere Momentaufnahmen das Gepräge der letzten Chance, dem Leben, wie es ist, zu entfliehen. Daher klammert sich die Frau zeitlebens an die abstrakte Vorstellung vom großen Glück, das irgendwo auf sie wartet – in einem Alternativleben, dessen Zugang in dem Blick eines Fremden, in der Begegnung mit einem neuen Mann, in dem Brief eines ehemaligen Geliebten verborgen sein müsse. Sie bleibt die ewig Suchende nach dem Glück, von dem sie hofft, es sei ein Liebesverhältnis: „Es ging immer nur um die Liebe.“ Doch immer wartet nur die große Enttäuschung. Bald gestattet sie sich den „weiblichen Liebestraum“ einzig, um den langweiligen Alltag, die Verantwortung als Mutter und Ehefrau zu fliehen, um sich der Illusion des Ausbruchs durch eine aussichtslose Affäre hinzugeben, während sie zwei Jahrzehnte lang darauf wartet, dass ihr Mann sie endlich verlässt. Das Porträt, das aus der Aneinanderreihung verschiedener potenzieller, erhoffter und erprobter Liebesverhältnisse entsteht, zeigt eine zunehmend vereinsamende und desillusionierte Frau, die den Mut nicht aufbringt, ihr Leben tatsächlich in die Hand zu nehmen. Ihrem Mann dagegen, dem Maler, gelingt der Neuanfang.

Doch Sentimentalität ist Reicharts Sache nicht. Ganz im Gegenteil – auch die Protagonistin eignet sich nur bedingt zur Sympathieträgerin, etwa wenn sie enttäuscht die Gebrechlichkeit eines früheren Bekannten feststellt, der immer hinter ihr her war. Keine Erinnerung, aus der sich Freude für einen anderen Menschen herauslesen ließe. Keine, die Genugtuung oder Stolz bedeutet. Selbst die lückenhaften Erinnerungen an die drei Kinder bleiben Bilder der Fremdheit. Zudem bestechen die kurzen Texte sprachlich durch ihre Eindringlichkeit und Sprödigkeit und ermöglichen dem Leser trotz des Effekts des Miterlebens die Wahrung kritischer Distanz.

Einzelheiten sind austauschbar und so findet sich der Leser ein ums andere Mal selbst in einer Erinnerung wieder, da Reicherts kurze Texte nicht selten Gefühlszustände oder Fragen veranschaulichen, die jeder kennt: Nicht sein wollen, wer man ist. Der plötzliche Wunsch, wieder Kind sein zu dürfen. Die Gewissheit, eine falsche Entscheidung getroffen zu haben. Das Gefühl, nichts mache mehr Sinn. Die Angst vor dem Altern, der Neid auf die Jugend, eine fatale Diagnose des Arztes und schließlich die Frage: „Bleibt überhaupt etwas?“ Und so scheint der Titel von Reicharts Roman nicht zufällig an die Schlussworte von Tschechows „Kirschgarten“ zu erinnern: „Das Leben ist vorbeigegangen, als ob es gar nicht da gewesen wäre.“

Die Tragik dieses Rückblicks liegt darin begründet, dass Reichart hier eine wirklichkeitsnahe Lebensgeschichte erzählt, deren Verlauf immer hinter den Erwartungen der Protagonistin zurückbleibt, deren Enttäuschungen schwerer wiegen als die seltenen Glücksmomente. So überschattet das Gefühl der verpassten Chance, insbesondere angesichts des Scheiterns diverser Beziehungen, alles andere und bildet den zentralen Bestandteil der Selbsterinnerung. Unweigerlich stimmt dieser Pessimismus nachdenklich in Bezug auf die eigene Wahrnehmung und Bewertung von privaten Lebensereignissen.

Es bleibt ein beinah versöhnlicher Schluss unter Rückgriff auf ein traditionsreiches Motiv: eine Aufforderung zum Tanz durch den Tod – der letzte Walzer. Tanzen hätte man öfter sollen. Vielleicht ist dies ihre späte Einsicht über die Natur des wahren Glücks.

Titelbild

Manuela Reichart: Zehn Minuten und ein ganzes Leben.
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2012.
112 Seiten, 16,99 EUR.
ISBN-13: 9783100636041

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