Erfolgskonzept „Historischer Roman“

Titus Müller verbindet in seinem Roman „Tanz unter Sternen“ die Sehnsüchte und Leiden seiner Figuren gekonnt mit den historischen Ereignissen am Vorabend des Ersten Weltkriegs

Von Gunnar KaiserRSS-Newsfeed neuer Artikel von Gunnar Kaiser

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es ist vielleicht nicht direkt barbarisch, nach James Camerons „Titanic“ einen Roman über den Untergang der Titanic zu schreiben, zumindest aber ein mittelgroßes Wagnis. Kann man überhaupt noch einen (Gesellschafts-)Roman auf einem Schiff spielen lassen, ohne sich angesichts der frei flottierenden Symbolhaftigkeit des Ganzen lächerlich zu machen? Das Meer des Erzählens ist überfüllt von den Eisbergen platter und altbekannter Schiffsmetaphorik, die eine Geschichte schnell zum Kentern bringen können. Wer will schon beim Lesen ständig das Schild „Vorsicht! Symbolisch!“ vor dem inneren Auge haben?

Aber ein historischer Roman hat die Aufgabe, Geschichte anhand von Geschichten zu zeigen, und wenn die Weltgeschichte sich auf einem Schiff abspielt, können Autor und Autorin historischer Romane nicht gut auf einen solchen Stoff verzichten. Wird sich auch Titus Müller gedacht haben, dessen historischer Roman „Tanz unter Sternen“ sich relativ unbeeindruckt von der kulturgeschichtlichen Überfrachtung seines Motivs zeigt.

Stattdessen erzählt er. Erzählt von Menschen, die am Vorabend des Ersten Weltkriegs historisch plausible Leben führen, genretypisch getrieben sind von der leidenschaftlichen Suche nach Liebe, Anerkennung, Macht und so weiter und deren Schicksale sich voraussehbar im Schatten des großen Zivilisationsmenetekels kreuzen. Einfache Leute zumeist, deren Leben jedoch – soviel historische Verpflichtung muss sein – für sie selbst unerkenntlich mit den großen Linien der Politik und des Zeitgeschehens verbunden sind.

Die junge Tänzerin Nele beispielsweise scheitert in ihrer Suche nach Anerkennung im berühmten Berliner Wintergarten, geht nach Paris, klaut Geld für ein Ticket und findet sich an Bord der Titanic wieder, wo sie von einem Neuanfang in Amerika träumen kann. Dort lernt die den Pastor Matheus kennen, dessen Ehe in eine Krise geraten ist und der der Verführungskraft der Tänzerin erliegt, während seine Frau sich wiederum von einem britischen Spion umgarnen lässt.

Das Personal hat seine Ziele, seine Sehnsüchte und Wünsche, durch die es der Leserschaft Identifikation anbietet und den Konflikt vorantreibt. Ein Roman wie aus dem Lehrbuch für historische Romane. Die dramatis personae entstammen den gesellschaftlichen Ständen von oben bis unten, und nicht nur hierin kommt Müllers Roman Camerons Film gefährlich nah. Aber Ähnlichkeiten zu motivischen Vorbildern stören im Verlauf des Lesens immer weniger, weil Müller seine Geschichten geschickt anlegt und erzählerisch überzeugend durchführt.

Dass Müller erzählen kann, dass er sprachlich und stilistisch nicht auf die Schwächen seiner Kolleginnen und Kollegen zurückgreift und man sich nicht Seite für Seite durch ein Dickicht von Gemeinplätzen und Phrasen kämpfen muss, hat er bereits in seinen Roman „Der Kalligraph des Bischofs“ bewiesen, und auch „Tanz unter Sternen“ ist gut erzählt. Opulent, mit der Liebe zum Detail ebenso wie mit dem Willen zum Großen, Bedeutsamen, vielleicht allzu Plakativen. Die Figuren sind recht glaubwürdig in ihren Lebensläufen und ihrem Seelenleben; die Verbindungen mit den historischen Gegebenheiten mögen gewollt vorkommen, aber darüber wird man getrost hinwegsehen, weiß man doch um die genretypischen Notwendigkeiten solcherlei Belletristik.

Perspektivwechsel gelingen ohne großen Orientierungsverlust, und besonders anstrengen muss sich der Leser auf keiner Seite. Recherchierte Geschichte wird lebendig – das Berlin des vorletzten Jahrhundertbeginns, wie man es aus Filmen zu kennen meint, Atmosphäre wird serviert, Action wird gezeigt, Konflikte werden aufgebaut, Rätsel gestellt und zuverlässig aufgelöst. Spannung entwickelt sich dabei eher gemächlich und nur im letzten Teil kommt der handlungsorientierte Leser auf seine Kosten. Bis dahin muss er sich mit einer lebendigen Figurenzeichnung und einer plausibel motivierten, aber hin und wieder durch historische Abrisse unterbrochenen plot-Entwicklung zufrieden geben. Wen es interessiert, den wird es nicht weiter stören, und dem wird auch der Anhang zupass kommen, in dem Müller die Früchte seiner Recherche auf dem Tischtuch des populären Sachtexts ausbreiten kann. Für den Fall, dass die nicht ganz so geneigte Leserin ihm während der Lektüre historische Unzuverlässigkeit unterstellt.

Ein Roman um Liebe und Verrat, Untreue, Spionage und weltpolitische Verstrickungen, den man in einem Seminar für kreatives Schreiben historischer Romane als gelungene Vorlage preisen kann. Ein Titel, der diese Motive anklingen lässt und empfindsame Assoziationen erlaubt, dazu eine liebevolle Buchgestaltung, wie man sie vom Blessing Verlag gewohnt ist, mit geschichtsträchtigen Bildern, koloriert und sepiafarben – erfüllt ist das Erfolgskonzept „Historischer Roman“. Müller ist nicht der erste, der sich auf dem Buchmarkt mit diesem Konzept halten kann. Er wäre aber – sollte man es ihm wünschen? – einer der wenigen, die irgendwann einmal aus ihrem Genrekäfig ausbrechen und nach den anderen Sternen der Literatur greifen.

Titelbild

Titus Müller: Tanz unter Sternen. Roman.
Karl Blessing Verlag, München 2011.
399 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783896674562

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