Rennen und Welt retten

Wie das Schielen auf die Filmrechte aus Michael Crichtons nachgelassenem Wissenschaftsthriller „Micro“ einen misslungenen Roman, aber eine gute Filmvorlage macht

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Seit „Andromeda“ war Michael Crichton eine feste Adresse im Wissenschaftsthriller. Er lieferte dabei nicht nur zahlreiche lesenswerte Romane, sondern auch außergewöhnliche Filmvorlagen, von denen wohl „Jurassic Park“ die bekannteste sein sollte. Erfolg soll zwar Neider auf den Plan rufen, und sicher wird man auch an Crichtons Texten mächtig mäkeln können, aber Leute, die die Vorlage für Filme schreiben, in denen ein Satz fällt wie „Mama ist wirklich böse“ – kann man über solche Leute schlecht reden? Wohl nicht.

Und doch gibt es Anlass dazu, und just an dem Roman, den Michael Crichton nicht mehr selbst hat beenden können, bevor er 2008 knapp jenseits der Pensionsgrenze starb. Richard Preston, der selbst sein eigenes Renommee zu pflegen hat, hat fertiggestellt, was Crichton hinterlassen hat. Und herausgekommen ist ein Roman, der eigentlich ohne Erzählung auskommt.

Der Plot? Eine Gruppe junger Wissenschaftler wird von einem Unternehmen angeworben, das ein Verfahren entwickelt hat, Menschen, Tiere und Gegenstände auf mikroskopisches Format zu verkleinern. Damit kann man eine Menge anfangen, und nicht zuletzt deshalb ist das Verfahren, ja sogar seine Existenz geheim. Allerdings ist es auch fehlerhaft, was zu Auseinandersetzungen in der Führungscrew führt. Der böse Chef bringt seinen Entwicklungsleiter und seine Finanzchefin um, dann macht er sich an die jungen Wissenschaftler ran, weil sie ihm auf die Schliche kommen. Um sie unschädlich zu machen, verkleinert er sie mit seinen Geräten und seine Finanzchefin setzt sie im Gelände aus (noch zu ihren Lebzeiten). Für Leute, für die Ameisen die Länge eines Unterarms haben, kann das eine böse Sache sein. Aber da beginnt die wilde Jagd schon, an deren Ende naheliegenderweise der Triumph der Überlebenden über den Bösewicht stehen muss. Immerhin gilt es das eigene Leben und die Welt zu retten, trotz der mikroskopischen Größe, die aus jedem Meter eine kaum bewältigbare Entfernung macht.

Der Plot mag überanstrengt sein, aber er funktioniert halbwegs, eben nicht weil er plausibel ist, sondern weil er vor allem eines soll: Er soll seine Helden in Situationen bringen, aus denen dann einer oder zwei entkommen dürfen. Das aber ist erzählerisch so etwas wie eine „Run-Run“-Situation. Die Helden sollen um ihr Leben und das Schicksal der Welt so schnell rennen wie nur möglich. Dabei müssen einige von ihnen das Leben lassen, weil sie nicht ganz gut sind, weil sie entbehrlich sind oder weil eben auch ein paar Figuren drauf gehen müssen. Am Ende aber muss das Ganze siegreich bewältigt werden. Schnell genug zu rennen heißt eben auch Held werden und überleben.

Erzählerisch ist das allerdings eine Bankrotterklärung vor der Komplexität von Handlung und Ereignis. Man hat eine Art modernes „Zehn kleine…“ vor sich – was im Wording auch nicht mehr politisch korrekt ist, als Prinzip jedoch den Wissenschaftsthriller bestimmt. Für Leser kann es dann nur noch darum gehen zu raten, wer denn dran glauben muss und wer es überlebt. Mehr Spannung ist nicht, und der Rest heißt Staunen.

Besser gesagt, mehr Spannung liegt nicht in der Erzählung. Umso mehr kann man jedoch von der filmischen Umsetzung des Stoffs erwarten, die offensichtlich auf der Hand liegt, auch wenn es schon eine Reihe von Vorläufern gibt, die Menschen in Blutbahnen schicken oder ähnliches mehr.

Denn ein riesiger Regenwurm, der in eine notdürftige Unterkunft von unten einbricht, sich dann aber daraus wieder in das Erdreich zurückzieht – das wird im breiten Format sehr schön aussehen. Regentropfen, die zu Sturzfluten führen, die die Expedition ins Mikroreich weiter dezimieren – sehr dramatisch. Oder Wespen, die ihre Eier in den Arm eines der Mikromenschen legen – das ist was für den Ekelfaktor.

Crichton und sein postmortaler Schreibassistent Preston wissen sehr genau, wo und wie sie faszinierende Blicke in eine Welt werfen können, die wir in Normgröße nicht einmal wahrnehmen. Einmal klein gemacht, wird alles groß, und vor allem wird alles gefährlich.

Mäuse, Wespen, Libellen, Tausend- und Hundertfüßler, Insekten und Spinnen aller Art bedrohen die verkleinerte Crew, die sich einem unerreichbaren Ziel zu nähern versucht, denn die Uhr tickt. Ihnen bleiben nur wenige Tage, bevor die Microkrankheit sie umbringt. Soll heißen, natürlich funktioniert der Apparat nicht gut genug. Nach wenigen Tagen sterben die verkleinerten Wesen und bislang hat niemand einen Weg gefunden, diesen Mangel zu beheben.

Zeit, Raum, Verfall und die allgegenwärtige und dabei nicht minder mörderische Fauna sprechen gegen die Protagonisten. Und dennoch werden sie siegen. Wenn auch nicht alle. Immerhin, das ist gewiss und gibt Hoffnung, was die Weiterentwicklung der visuellen filmischen Techniken angeht. Nur leider geht dabei ein Erzählen, das nicht die Intelligenz von Lesern und Filmfreunden beleidigt, zugrunde. Als Nachruf auf Crichton gefällt das nicht.

Titelbild

Richard Preston / Michael Crichton: Micro. Roman.
Übersetzt aus dem Englischen von Michael Bayer.
Karl Blessing Verlag, München 2012.
543 Seiten, 22,95 EUR.
ISBN-13: 9783896674296

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