Durch die Wüste der Gleichgültigkeit

Wird ein „Bloch-Wörterbuch“ von der dramatischen Stille um den Philosophen verschluckt?

Von Herbert JaumannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Herbert Jaumann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Zumindest seit dem „Grand dictionaire historique“ von Louis Moréri (zuerst Lyon 1674) und vor allem Pierre Bayles „Dictionaire historique et critique“ (zuerst Rotterdam 1697) und dann Voltaires „Dictionnaire philosophique“ (zuerst Genf 1764) kann in Frankreich auch eine Enzyklopädie mit Artikeln über Begriffe und Sachen, aber auch über Personen beziehungsweise Autoren, den Titel eines „dictionnaire“ haben, während das deutsche „Wörterbuch“ noch heute normalerweise das Lexikon einer lebenden (oder toten) Sprache meint, mit einer gegenüber dem französischen Titel also schon immer entschieden enger gefassten Bedeutung. Doch hat der französische Titel in der deutschen Terminologie Schule gemacht, und so gibt es heute nach dem Muster eines „Dictionnaire de critique littéraire“ (4. Aufl. 2011), eines „Dictionnaire de la contre-révolution“ (2011) oder eines „Dictionnaire Eugène Ionesco“ bekanntlich auch ein „Historisches Wörterbuch der Philosophie“ (1971 ff.) und der „Rhetorik“ (1992 ff.), ein „Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus“ (1983 ff.), ein „Wörterbuch zu Martin Luthers deutschen Schriften“ (1870 ff.), ein „Goethe-Wörterbuch“ (1978 ff.), und nun also auch eines über die „Leitbegriffe“ bei Ernst Bloch.

Schon eine kurze Recherche fördert eine beachtliche Zahl von Institutionen, Schriftenreihen und Aktivitäten zutage, die sich alle in den Dienst der Pflege und Vermittlung des philosophischen Erbes von Ernst Bloch gestellt haben: Eine „Ernst-Bloch-Assoziation“ (EBA, Sitz in Nürnberg) gibt das Jahrbuch „VorSchein“ heraus (Nr. 31: 2009/10). Im Jahre 1986 wurde die „Ernst-Bloch-Gesellschaft“ (EBG) in seiner Geburtsstadt Ludwigshafen gegründet, wo es auch ein „Bloch-Zentrum“ gibt, wo die „Bloch-Stiftung“ ihren Sitz hat und seit 1985 alle drei Jahre ein „Ernst-Bloch-Preis“ vergeben wird und in deren Auftrag deren Präsidentin, Dr. Francesca Vidal (Koblenz-Landau), das „Bloch-Jahrbuch“ herausgibt; man plant dort auch eine „Kritische Gesamtausgabe“ der Werke, für die sich noch der 2010 verstorbene Sohn Jan Robert Bloch eingesetzt hatte. Die Witwe Karola Bloch war 1994 in Tübingen gestorben, ihren Namen trägt die „Karola Bloch-Stiftung Hilfe zur Selbsthilfe e.V.“, um ihr Vermächtnis kümmert sich seit 2012 ein „Karola-Bloch-Kuratorium“. Das „Ernst-Bloch-Archiv“ in der Stadtbibliothek Ludwigshafen schließlich gibt seit 1981 einen „Bloch-Almanach“ heraus, und die von September 1990 bis Ende 2008 bestehende Zeitschrift „Utopie kreativ“, herausgegeben von der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der „Diskussion sozialistischer Alternativen“ gewidmet, konnte eine Nähe zu Blochs Utopiebegriff nicht verleugnen, der ja zuerst Utopie und Marxismus unter dem Leitbegriff der „konkreten Utopie“ zusammengebracht hat.

Das „Bloch-Wörterbuch“ dürfte nun die bisher anspruchsvollste Leistung dieser zahlreichen Initiativen sein, und es ist zu hoffen, dass sie auch als solche wahrgenommen wird. Der Band geht auf eine Initiative der „Ernst-Bloch-Assoziation“ zurück, wo man im Jahre 2000 mit zunächst 23 Artikeln eine Online-Enzyklopädie startete, ehe sich der damalige Cheflektor Prof. Heiko Hartmann für eine vom Verlag de Gruyter besorgte Druckfassung einsetzte, die nun nach mehrjähriger Vorbereitungszeit erschienen ist. Hartmann hat selbst drei Artikel verfasst („Atheismus“, „Traum“ und „Zeit“), und auf ihn geht auch das Aufbauschema der Artikel zurück, das an das literaturwissenschaftliche „Reallexikon“ angelehnt ist, mit Angaben zur Wort- und Begriffsgeschichte der Lemmata und einer dem explikativen Hauptteil folgenden Forschungs- beziehungsweise Rezeptionsgeschichte, die manche, aber leider nicht alle Autoren zu einer Auseinandersetzung mit der Kritik an der Philosophie Ernst Blochs nutzen. Die Auswahl der Lemmata umfasst vor allem die von Bloch selbst geprägten Leitbegriffe seiner Philosophie wie zum Beispiel „Das Dunkel des gelebten Augenblicks“ (von Werner Jung), „Heimat“ (Gerd Koch), „Hoffnung“ (Francesca Vidal), „Latenz“ (Doris Zeilinger), „Möglichkeit“ (Werner Jung), „Multiversum“ (Beat Dietschy, Rainer E. Zimmermann), „Naturallianz/Allianztechnik“ (Rainer E. Zimmermann), „Noch-Nicht“ (Johann Siebers), „Spuren“ (Laura Boella) oder „Ungleichzeitigkeit / Gleichzeitigkeit / Übergleichzeitigkeit“ (von Beat Dietschy), daneben auch Disziplinen und Themen der klassischen philosophischen Terminologie wie „Ethik“, „Materie“, „Natur“, „Naturrecht“, „Subjekt-Objekt“, „Theorie-Praxis“. Ein Stichwort „Stalinismus“ gibt es nicht, Blochs Elogen auf Stalin vor dem Krieg werden nicht verschwiegen, aber das Thema wird nur in dem freilich sehr guten Artikel „Marxismus“ von Wolfgang Fritz Haug ausführlicher, wenngleich nicht im biografischen Zusammenhang erörtert, neben der auch bei Bloch wichtigen Differenz Marx versus Marxismus. Unter den Autoren sind neben den Herausgebern die üblichen Verdächtigen der Bloch-Exegese wie allen voran Hans Heinz Holz, der seine beiden Artikel („Metaphysik“, „Spekulativer Materialismus“), mit denen er an seine noch immer herausragende Bloch-Monografie „Logos spermatikos“ von 1975 anknüpft, noch kurz vor seinem Tod im Jahre 2011 fertigstellen konnte, der Journalist Peter Zudeick (mit sehr informativen Artikeln zu „Fortschritt“, „Materie“, „Utopie“) oder der schon genannte verdienstvolle „Argument“-Herausgeber Wolfgang Fritz Haug. So gerne sich die Herausgeber auf das internationale Interesse an Bloch berufen, so gering ist doch die Zahl außerdeutscher Autoren, es finden sich auch keine fremdsprachigen Beiträge, und die Literaturdokumentation legt wenig Wert auf die Registratur entsprechender Publikationen. Sie ist im übrigen, abgesehen von nützlichen Siglen auch ganz ohne die anderswo so oft auf die Nerven fallende Abkürzerei, vorzüglich gestaltet und benutzbar.

Zu den besten Artikeln gehört „Entfremdung“ von Hans-Ernst Schiller und Ivan Boldyrev (Düsseldorf / Moskau), weil darin ähnlich wie in Schillers „Ethik“-Artikel vor allem die charakteristischen Differenzen der Bloch’schen Fassung des Begriffs gegenüber dem traditionellen wie auch marxistischen Verständnis in den „scheinsozialistischen“ Ländern (Bloch) herausgearbeitet werden. Ansätze zu solcher Profilierung finden sich auch sonst, aber die Beiträge Schillers zeichnen sich dadurch aus, dass die Strahlkraft dieses an der großen Philosophie partizipierenden Denkens, dem man (ohne seine eigene Schuld?) heute kaum mehr begegnet, noch einmal fassbar werden kann. So wird auch der deutliche Hinweis auf die Verluste erst plausibel, die der ersatzlose Ausschluss dieses kritischen Diskurses heute bedeutet: Während „Entfremdungsgefühle“, ohne das Wort zu verwenden, „angesichts von Anpassungsdruck und Spaßindustrie nur als pathologisierte zugelassen sind, hat die Verdinglichung des Lebendigen, des Personalen und damit eben auch des Sozialen ein geradezu unheimliches Ausmaß erreicht. Wie müssen Menschen verfaßt sein, die sich versichern, nicht sie, sondern ihr Gehirn habe entschieden; die sich als Typen klassifizieren und hauptsächlich wissen wollen, was ‚angesagt‘ ist? Das Leiden an Entfremdung scheint stumm geworden.“

Übrig scheint von Bloch, wie man manchmal befürchten muss, nur noch das „Prinzip Hoffnung“ im Geschwätz von Journalisten und Politikern, wo es am dümmlichsten ist. Die „Große Blochmusik“[1] ist längst verklungen, sie konnte sich gegen die Katzenmusik des Medienklamauks nicht behaupten. Das muss für die Erinnerung an Bloch oder gar den interessierten Rückgriff auf seine Texte kein Schaden sein. Ob das „Wörterbuch“ mit seinen Mitteln dazu im Stande ist, zu einem Rückgriff anzuleiten, scheint fraglich. Ein früher Band mit „kritischen Essays“ von Bloch trägt den Titel „Durch die Wüste“ (Berlin: Cassirer 1923). Schon die Herausgeber versäumen in ihrem schlecht formulierten Vorwort eigene Überlegungen, in denen von Chancen in dieser Situation, von eigenem Versagen, aber auch von Entgegnungen auf die Kritik an Bloch, alte wie neuere, hätte geredet werden müssen. Natürlich auch vom „Ende der Utopie“, von dem diejenigen reden, die noch nie eine Verwendung dafür hatten, und zu dem Bloch selbst zuletzt so jämmerlich wenig eingefallen ist.[2] Sollte man nicht erwarten, dass sich Vertreter einer (wieder einmal) verlorenen Sache vielleicht so hilflos, wie nicht anders möglich in einer Lage, in der es sogar an Gegnern mangelt und überall die blanke Gleichgültigkeit herrscht, aber wenigstens eingehend mit den Widerständen auseinandersetzen: analytisch-interpretierend, kritisch, ironisch, polemisch, saugrob, wie auch immer je nach Temperament und der Vorstellung davon, welcher Ton möglich und nötig ist. Aber wenig davon in diesem Band, man gibt sich mehrheitlich ungerührt.

Ist das „revolutionäre Geduld“ oder bloß ungerechtfertigtes Selbstvertrauen? Trotz aller Institutionen und Aktivitäten in seinem Namen und vieler redlicher und gut gearbeiteter Artikel in diesem „Wörterbuch“ – im ganzen überwiegt der Eindruck, die große Blochmusik werde weitergespielt, als wäre nichts gewesen und als herrschte nicht überall diese dramatische Stille um Blochs Philosophie – und um Philosophie überhaupt, die diesen Namen verdient.

[1] So der Titel von Theodor W. Adornos denkwürdiger Besprechung der erweiterten Neuausgabe von Blochs zuerst 1930 in Berlin bei Paul Cassirer erschienenen Essaysammlung „Spuren“ (Bibliothek Suhrkamp 1960), in: Neue deutsche Hefte, H. 69 (April 1960), S. 14 ff. Der Titel wurde von Bloch als „Hohn“ empfunden (Bloch im Brief an Adorno vom 14.09.1963, in: Bloch: Briefe, Band 2, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1985, S. 451), und Adorno ließ den Essay dann in „Noten zur Literatur II“ (1961) unter dem neutralen Titel „Blochs Spuren“ erscheinen. Jetzt in: Adorno: Gesammelte Schriften, Band 11, S. 233-250. Adornos Essay, der ein außerordentlich seltenes Gespür gerade für Blochs frühe Texte beweist, wird von Laura Boella in ihrem Artikel „Spuren“ zwar erwähnt, aber nicht analytisch genutzt. Überhaupt wird das Verhältnis zu Adorno im Wörterbuch nur am Rande erwähnt. Zu dem notorisch schwierigen Verhältnis Gunzelin Schmid Noerr: Bloch und Adorno – bildhafte und bilderlose Utopie. In: Zeitschrift für kritische Theorie 13 (2001), S. 25-55.

[2] Ernst Bloch: Abschied von der Utopie? In: Abschied von der Utopie? Vorträge. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Hanna Gekle. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1980, S. 76-82 (zuerst ein Radiovortrag, SWF 1974).

Titelbild

Beat Dietschy / Doris Zeilinger / Rainer Zimmermann (Hg.): Bloch-Wörterbuch. Leitbegriffe der Philosophie Ernst Blochs .
De Gruyter, Berlin 2012.
678 Seiten, 149,95 EUR.
ISBN-13: 9783110205725

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