Weltliteratur? Aha

Helon Habilas „Öl auf Wasser“ versucht viel, es gelingt nur nicht

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Zugegeben, über die Situation in Nigeria weiß man nicht viel, und gesetzt, all das, was man in Helon Habilas „Öl auf Wasser“ liest, entspricht den Verhältnissen vor Ort – sagt das über den Roman immer noch nichts aus, außer dass die Szenerie einigermaßen realistisch ist. Ein Land, das von Ölkonzernen ausgebeutet und von seiner eigenen Regierung im Stich gelassen wird, ein Land, das nach und nach im Bürgerkrieg untergeht, in dem Gewalt Gegengewalt erzeugt, bis ins Unendliche. Ein Land auch, in dem die Menschen jede Gelegenheit ergreifen, um aus der Armutsspirale zu kommen, und in der es nur eine Möglichkeit gibt, sich nämlich auf das Angebot der Ölgesellschaften einzulassen. Es gibt keine Alternative, und vor allem keine Möglichkeit, einen Status quo – wie immer der auch ausgesehen haben mag – zu erhalten.

Das ist schlimm und inakzeptabel, ebenso wie es nicht hingenommen werden kann, dass der Wohlstand der Industriestaaten mit der Armut und der Gewalt in Afrika bezahlt wird. Die politische Diskussion und Publizistik, soweit sie sich solchen Themen widmet, ist davon geprägt. Und es ist kaum anders zu erwarten, als dass sich auch literarische Texte mit dem Thema befassen.

Womit wir unter anderem bei Helon Habilas „Öl auf Wasser“ wären. Der Plot ist einigermaßen einfach gestrickt, mit einem gewissen Hang zum Banalen: Ein junger Reporter soll mithelfen, die entführte Ehefrau eines englischen Ölingenieurs zu suchen und gegebenenfalls als Vermittler zwischen Entführern und dem Ehemann aufzutreten. Er ist nicht allein, ein ganzer Trupp samt Wachmann macht sich auf den Weg, darunter auch ein Reporterurgestein namens Zaq, der das Idol des jungen Rufus ist. Mittlerweile ist Zaq jedoch nur noch ein Schatten seiner selbst, dem Alkohol verfallen und todkrank.

Dennoch entwickelt er sich mehr und mehr zum Mentor Rufus’, zumal nachdem die übrigen Reporter bei der erstbesten Gelegenheit das Weite gesucht haben. Sie geraten auf ihrer Fahrt an den Schauplatz eines Scharmützels zwischen Rebellen und Regierungstruppen und brechen die Suche nach der Entführten ab. Zu riskant, wie man weiß, da kurz zuvor zwei Reporter bei einer vergleichbaren Suchaktion erschossen worden waren.

Es bleiben Rufus und Zaq, die in die unübersichtliche Gemengelage der Kampfzone geraten, von Insel zu Insel reisen, in die Hände eines durchgedrehten Regierungskampftrupps geraten (daher wohl der Vergleich mit Joseph Conrad), um dann gleich wieder mit den Rebellen konfrontiert zu werden.

Am Ende findet Rufus die Frau und kehrt mit der Nachricht zurück, binnen zwei Tagen ein hohes Lösegeld zu zahlen, anderenfalls werde sie getötet. In diese Geschichte eingebaut sind die Erinnerungen Rufus’ an seine Werdegang (daher wohl das Attribut Bildungsroman), seine Sorge um die missgestaltete Schwester, die Liebesgeschichte mit einer Krankenschwester (warum erinnert das nicht an Theweleit?), Eindrücke von einer geheimnisvollen Sekte, die sich versucht, aus allen Auseinandersetzungen zu halten, vieles zum Selbstbild der Journalisten und der Medien in Nigeria und das eine oder andere zur Situation im Land.

Der Roman will vieles sein, nur an einen Kriminalroman erinnert eigentlich nichts. Die Suche nach der entführten Frau? Gestaltet sich im Wesentlichen als ein zielloses Hin-und-her-Fahren. Der Protagonist und sein Mentor sind wohl doch mehr Getriebene, als dass sie irgend ein Ziel bewusst ansteuern würden. Um daraus so etwas wie eine konsistente Handlung zu machen, verfällt Habila auf die Idee, seine Schauplätze und Figuren wiederholt auftauchen zu lassen und dabei so etwas wie eine Eskalationsspirale in Gang zu setzen, mit dem bekannten Ende. Die Recherchebemühungen der Reporter jedoch sind kaum mehr als ein wüstes Herumgefrage, bei dem nur irgendetwas herauskommen kann. Wenn aber etwas zum Verbleib der Entführten, dann nur zufällig.

Nun ist das kein Schaden, wenn ein Roman kein Kriminalroman ist, auch wenn man ihm das nachsagt, sondern eh in der Weltliteratur-Klasse spielen soll. Dass das aber der Fall sein soll, ist erstaunlich: Der Text ist in der Anlage teilweise unausgegoren, mit viel unnötigem Ballast und gehörigem Blödsinn belastet. Gestrickt wird das Ganze wie nach dem Lehrbuch moderner Literatur, mit ein paar Rückblenden, harten Schnitten und dergleichen mehr, weshalb dann der Text Bildungsroman, Medienroman, Krimi, Politthriller, mystische Reise und Liebesgeschichte zugleich sein muss. Too much, wie Brinkmann seinerzeit meinte.

In der Ausstattung ist der Text gelegentlich nicht minder halbgar: Allein die Ansichten zum Mediensystem und zu den Aufgaben eines Journalisten (sehr schön: „Wir sind unschuldige Reporter. Ihr könnt uns vertrauen.“) sind von unerhörter Naivität.

Stilistisch ist zumindest die Übersetzung bieder bis klischeehaft, was das englische Original angeht, schwant einen aber nichts Gutes. Da gleiten Gewänder selbstverständlich, wenn sich der Held einen Kittel überzieht, da gehen Leute „bald langsam“ zugrunde, was jeden Leser ungeduldig machen sollte. Aber immerhin bleibt ja noch die Gewissheit, dass man es mit einem politisch wichtigen Thema zu tun hat, mit Afrika. Was wiederum auf den Punkt führt, dass es kein gutes Zeichen ist, wenn ein Text sich darauf zurückziehen muss.

Titelbild

Helon Habila: Öl auf Wasser. Roman.
Herausgegeben von Indra Wussow.
Übersetzt aus dem Afrikaans von Thomas Brückner.
Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2012.
227 Seiten, 24,80 EUR.
ISBN-13: 9783884233917

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