Tote Babys

Kurze Anmerkung zu Kathy Reichs „Knochenjagd“

Von Thomas NeumannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Neumann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der neue Kriminalroman von Kathy Reichs beginnt mit einer Tatortsbegehung und dem Auffinden von drei während oder kurz nach der Geburt verstorbenen Babys. Die Protagonistin Temperanve Brennan hält sich lange bei der Untersuchung und Analyse der Umstände der drei Todesfälle auf. Außerdem ermittelt sie einen weiteren Ort, an dem ein kurz nach der Geburt verstorbenes Kind gefunden wird. Der Untersuchung und forensischen Analyse wird im Detail im ersten Viertel des Buches nachgegangen. Dabei fragt sich der Leser, emotional von dem Fall ebenso berührt wie die Forensikerin Temperance Brennan, wie eine Mutter so gefühllos sein kann, eine solche Tat zu begehen. Die Details sind dabei nichts für schwache Nerven: „Ich wusste, was diesem Baby bevorstand. Der Angriff auf seine Person hatte eben erst begonnen. Die Kleine würde zu einer Fallnummer werden. Man würde an ihr materielle Indizien sichern und bewerten. Ihr zarter Körper würde gewogen und vermessen werden. Man würde ihr Brust und Schädel öffnen, ihr Hirn und Organe entnehmen, sie in Scheiben schneiden und unter dem Mikroskop untersuchen. Man würde ihr Knochenproben für eine DNS-Untersuchung entnehmen. Man würde ihr Blut und Glaskörperflüssigkeit für eine toxikologische Untersuchung abzapfen.“

„Das RCMP [Royal Canadian Mounted Police, Anmerkung des Verfassers] ist insofern einzigartig, als sie auf nationaler, provinzieller und kommunaler Ebene agiert und somit Polizeieinheiten in ganz Kanada und, unter Vertrag, in drei Territorien, acht Provinzen, mehr als 190 Kommunen, 184 indigenen Gemeinden und drei internationalen Flughäfen stellt.“ Reichs erklärt nicht zu viel, nicht zu wenig. Sie findet ein gutes Mittelmaß zwischen Spannung und Information des Lesers. Dabei hat sie aber vor allem die Dynamik der Handlung im Auge. Bei dem „Babyfall“ ergibt sich eine Spur in den kanadischen Norden. Brennans ehemaliger Liebhaber und gegenwärtiger Kollege Ryan begleitet die Untersuchung und heitert die Laune der Protagonistin zwischenzeitlich etwas auf. Trotzdem ist die Stimmung angespannt. Nachdem Brennan auf eine weitere Spur gestoßen ist, findet sie eine Beziehung zwischen kanadischem Landbesitz, der vermeintlichen Babymörderin und dem lukrativen Geschäft des Diamantenabbaus: „1998 wurde Ekati die erste Diamantenmine Kanadas. Im folgenden Jahr produzierte sie eine Million Karat. Heutzutage macht sie vierhundert Millionen Dollar pro Jahr und produziert vier Prozent der weltweiten Diamanten.“

Es werden weitere Personen ermordet und weitere Gewalttaten vermischen sich mit Brennans „Fall“ der „Babymörderin“: „Castain und Scarborough waren aus fahrenden Autos erschossen worden. Ruben wurde von einem Mann zu Fuß erschossen, vermutlich mit einem Gewehr. Beck und sein Kumpel waren mit einem Jagdgewehr erschossen worden.“ Sogar für Brennan wird es zwischendurch etwas unübersichtlich: „Sie schaute mich an, als bräuchte ich dringend eine Dosis Prozac.“

Zusammenfassend ein origineller Roman, der ungewöhnliche Handlungsstränge vereinigt und mit einem interessanten Plot die eigentlichen Verbrechen zu Beginn des Romans in anderem Licht erscheinen lassen. Witz und Humor, intelligente Situationsanalyse und die präzise Umsetzung in messerscharfe Sprache zeichnen den Roman aus. Fachtermini bleiben im Hintergrund, Abkürzungen verwirren den Leser nicht zu sehr und das Licht der Aufklärung lässt den ganzen Roman erstrahlen. Das Ganze ist sehr unterhaltsam und gut zu lesen. Kann man ohne schlechtes Gewissen zur Lektüre empfehlen.

Titelbild

Kathy Reichs: Knochenjagd.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Klaus Berr.
Karl Blessing Verlag, München 2012.
380 Seiten, 19,99 EUR.
ISBN-13: 9783896674517

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