Freundschaft ohne Heimat

Das deutsche Exilarchiv 1933-1945 erinnert mit dem Band „So wurde ihnen die Flucht zur Heimat“ an Soma Morgenstern und Joseph Roth

Von H.-Georg LützenkirchenRSS-Newsfeed neuer Artikel von H.-Georg Lützenkirchen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Man muss schon ein wenig Kenntnis über die Literatur des 20. Jahrhunderts haben, um auf Anhieb zu verstehen, was die beiden Schriftsteller Joseph Roth und Soma Morgenstern verbindet. Beide stammten aus Galizien, der abseitig fernen Provinz im Nordosten der österreichisch-ungarischen Monarchie. Hier, im Grenzland lebte ein Vielvölkergemisch aus Polen, Ruthenen, Russen, Deutschen, Ungarn, Moldawiern, Rumänen, „Zigeunern“ und Juden. Letztere lebten auf dem Land im Schtetl – bis die Nazis kamen und die Kultur endgültig zerstörten, indem sie die Menschen ermordeten. Morgenstern wurde hier 1890 in Budzanów, das heute in der Ukraine liegt, geboren. Sein Freund Roth vier Jahre später, 1894 in Brody, ebenfalls in der heutigen Ukraine gelegen. Geprägt von dieser untergegangenen Kultur verließen beide während des ersten Weltkrieges, in dem sie Soldaten waren, das Land. In beider Schriftsteller Werke wurde der Untergang einer Epoche zum zentralen Motiv.

Der Erfolgreichere war Joseph Roth. In seinen Werken beschrieb er mit melancholischer Sehnsucht den Untergang der österreich-ungarischen Doppelmonarchie als Symbol für einen existentiellen Verlust von Heimat und Identität. Die Heimatlosigkeit wurde für Joseph Roth schließlich zum tragischen Lebensmotiv. Nach 1933 verlor er die Möglichkeit, in Deutschland zu publizieren. Im gleichen Jahr ging er ins Exil nach Paris. Hier entstanden Romane und Erzählungen, darunter „Die Kapuzinergruft“, „Das falsche Gewicht“, oder „Die Legende vom heiligen Trinker“. Hier erlebte er, wie Österreich sich 1938 dem Nazireich ergab. Heimatlos, verloren stirbt Joseph Roth 1939 im Pariser Exil.

Soma Morgensterns Werk ist in Deutschland lange unbekannt geblieben. Erst seit den 1990er-Jahren ist Dank der Bemühungen des Lüneburger Verlags „zu Klampen“ eine Werkausgabe dieses bemerkenswerten Autors wieder verfügbar. Einzeltitel der von Ingolf Schulte herausgegebenen Ausgabe, so auch die dreibändige Romantrilogie „Funken im Abgrund“, sind auch im Aufbau-Taschenbuchverlag erschienen.

In Morgensterns Werk steht die untergegangene Welt des jüdischen Galiziens im Zentrum. Mit diesem Zungenschlag ergänzte er die deutsche Literatur um eine besondere Variante: einer jüdischen Literatur in deutscher Sprache. Wie Roth auch verlor der Autor diese Welt. Nach dem Ersten Weltkrieg lebte er in Österreich. 1938, nach dem ‚Anschluss‘ Österreichs an das deutsche Nazireich, emigrierte er nach Paris – und traf dort wieder Joseph Roth. Gemeinsam lebten sie eine Zeitlang im selben Hotel in der rue de Tornon. Nach dem Einmarsch der Deutschen in Frankreich wurde Morgenstern in einem Lager in der Bretagne interniert. Kurz bevor die Deutschen das Lager erreichten, gelang ihm von dort die Flucht. Mit Hilfe des Emergency Rescue Committees (ERC), einer amerikanischen Hilfsorganisation für deutsche und österreichische Flüchtlinge in Frankreich, konnte er schließlich von Marseille aus über Casablanca und Lissabon nach New York entkommen. Nur zögerlich fand er wieder zum Schreiben. 1947 und 1950 erschienen die Bände 2 und 3 seiner großen Romantrilogie in einer englischen Übersetzung. Eine deutsch Ausgabe seines Hauptwerkes erlebte Morgenstern nicht mehr. 11955 erschien „The Third Pillar“ (deutsch „Die Blutsäule“). 1976 starb Morgenstern als US-Bürger in New York.

Das deutsche Exilarchiv 1933-1945 der deutschen Nationalbibliothek gestaltete 2012 aus seinen Beständen die Ausstellung „So wurde ihnen die Flucht zur Heimat. Soma Morgenstern und Joseph Roth. Eine Freundschaft.“ Die Ausstellung zeigte teilweise bisher unbekannte Dokumente zum Leben der beiden Schriftsteller und ihrer gegenseitigen Beziehung. Aus diesem Anlass entstand der von Sylvia Asmus, der Leiterin des Archivs, herausgegebene Band. Der Band versammelt die ausgestellten Fotos, Dokumente, Briefe und Notizen und bettet sie in einen laufenden Text von Heinz Lunzer und Victoria Lunzer-Talos ein. Ein Interview, das Sylvia Asmus mit dem 1929 geborenen Sohn Morgensterns, Dan Morgenstern, führte, sowie ein Register vervollständigten den verdienstvollen Band.

Titelbild

Heinz Lunzer / Victoria Lunzer-Talos / Syvia Asmus (Hg.): "So wurde ihnen die Flucht zur Heimat". Soma Morgenstern und Joseph Roth. Eine Freundschaft.
Weidle Verlag, Bonn 2012.
120 Seiten, 25,00 EUR.
ISBN-13: 9783938803479

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