Schauen und Denken

Eine Einführung zur Geschichte und Funktion des Museums

Von Stefana SabinRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefana Sabin

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Feststellung, dass mehr Leute ins Museum als ins Fußballstadion gehen, gilt inzwischen als Gemeinplatz, und die Feuilletons beschäftigen sich regelmäßig mit dem „Phänomen Museum“. Ihre Berichte konzentrieren sich auf Museumsarchitektur, auf besondere Ausstellungseffekte und auf Rekordbesucherzahlen und ignorieren meistens die Folgeerscheinungen des Museumsbooms der letzten 40 Jahre, also die Vielfalt neuer Disziplinen wie Museumsforschung, Museum Studies, Curatorial Studies oder Exhibiting Cultures und die damit zusammenhängen Berufsbilder. Dass das Museums- und Ausstellungswesen zu einer allumfassenden Unterhaltungsindustrie gehört, betont Anke te Heesen in einer flüssig geschriebenen Einführung über Theorien des Museums.

Thema ihres Buches ist nicht die moderne Museumspraxis, sondern die Geschichte des Museums als einer kulturellen Institution, die seit der Renaissance materielle Zeugnisse unserer Zivilisation sammelt, ordnet und präsentiert; nicht das Kunstmuseum als Musentempel, sondern das Museum als öffentlich zugängliche Einrichtung zur Wissensvermittlung, Bildung und geistiger Erbauung. Vom Ideal des Kunstmuseums als der „eigentlichen, kanonischen Museumsgattung“ ausgehend beschreibt te Heesen verschiedene Museumsgattungen, ihre Entstehung und ihre Funktion in der gegenwärtigen Kulturlandschaft – und behandelt auch die Museumskritik und Museumsutopien und ihren geistesgeschichtlichen Kontexten.

Te Heesen, die Wissenschaftsgeschichte an der Berliner Humboldt-Universität lehrt, hat sich in ihren Studien sowohl mit der wissenschaftlichen Bedeutung des Sammelns als auch mit der Organisation von Wissen beschäftigt und hat selbst als Kuratorin gearbeitet. Die praktische (Museums-)Erfahrung war eine produktive Zutat ihrer kulturgeschichtlichen Überlegungen und hat womöglich zu ihrem Leitgedanken einer grundsätzlichen Unterscheidung zwischen Museum und Ausstellung geführt: zwischen dem Dauerhaften einer großangelegten Sammlung und dem Ephemeren einer orts- und zeitgebundenen Präsentation. „Das Museum ist ein Ort, an dem dekontextualisierte Objekte in neuer Ordnung zusammengestellt, aufbewahrt und präsentiert werden. Die Ausstellung setzt Objekte und ihre zahlreichen Bedeutungen in den Raum, hat eine veranschaulichende Funktion und ermöglicht eine vergleichende Betrachtung.“

Aber sowohl das Museum wie die Ausstellung fördern den „vergleichenden Blick“, jene analytisch-kritische Betrachtungsweise, die neue Sinnzusammenhänge erkennt und daraus neue Weltdeutungen schafft. Dieser vergleichende Blick kann gelernt, geschult und geübt werden – und das, so te Heesen, ist die Funktion des Museums als einer „Einrichtung im Dienst der Gesellschaft“.

Titelbild

Anke te Heesen: Theorien des Museums . Zur Einführung.
Junius Verlag, Hamburg 2012.
219 Seiten, 15,40 EUR.
ISBN-13: 9783885066989

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