Ein geschickter Grenzgänger zwischen den Kulturen

Der Althistoriker Baltrusch rehabilitiert überzeugend den so genannten König der Juden und angeblichen Kindermörder von Bethlehem

Von Klaus-Jürgen BremmRSS-Newsfeed neuer Artikel von Klaus-Jürgen Bremm

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Zu den wohl beachtlichsten Herrschergestalten der großen Umbruchszeit unter Augustus zählt fraglos der jüdisch-hellenistische König Herodes. Unter den verschiedenen so genannten Klientelkönigen, mit deren Hilfe Rom damals den Orient zu beherrschen versuchte, ragt der in der christlichen Überlieferung vor allem als „Kindermörder von Bethlehem“ gebrandmarkte Monarch nicht nur wegen seiner langen Regierungszeit bei weitem heraus. Einer intensiven internationalen Forschung- und Grabungsstätigkeit in den letzten Jahrzehnten ist es zu verdanken, dass sich abseits dieser jahrtausendealten üblen Legende nun auch allmählich das Gegenbild eines meist geschickt agierenden und geradezu weitsichtigen Potentaten abzeichnet, der es in engem Bündnis mit Rom verstand, einer notorisch von ethnischen Konflikten und religiösem Fanatismus geprägten Region für wenigstens wenige Dekaden Ruhe, Ordnung und sogar etwas Wohlstand zu verschaffen.

Der Berliner Althistoriker Ernst Baltrusch hat nun eine gründliche und in ihren Argumenten ausgewogene Biografie einer antiken Persönlichkeit vorgelegt, über die die historische Zunft dank der jüdischen Altertümer des romanisierten Juden Flavius Josephus immer schon vergleichsweise gut, wenn auch oft einseitig, informiert war. Deutlich wird aber, das der Idumäer Herodes, dessen Volk erst ein halbes Jahrhundert vor seiner Geburt gewaltsam von den damals die Region dominierenden Hasmonäern judaisiert worden war, an der Schnittstelle unterschiedlicher und oft rivalisierender Kulturen lange mit beachtlichem politischem Geschick agierte. Der Verfasser scheut bei seiner Einschätzung der politischen Bilanz des bemerkenswerten Monarchen auch nicht den Vergleich mit dem neuen Kaiser in Rom, wenn er schreibt: „Bedenkt man die Gemengelage, die ja nicht neu war und die nie zu brodeln aufgehört hatte, dann darf man die Leistung des Herodes, über Jahrzehnte unangefochten und erfolgreich regiert zu haben, kaum geringer bewerten als die des Augustus, auch wenn dieser ein Weltreich neu zu ordnen hatte.“

In vielem wirkte Herodes sogar geradezu modern, wenn er etwa, so Baltrusch, auf eine Assimilation der verschiedenen Ethnien seines Reiches verzichtete, ihre Kulte nicht uminterpretierte, wie es die Römer oft taten, sondern versuchte, sie in ihrer Vielfalt zu erhalten und sogar zu fördern. Zeitweise gelang es ihm damit sogar, die extremistischen und untereinander verfeindeten jüdischen Gruppen der Pharisäer und Sadduzäer wenigstens ruhig zu stellen.

Ein exzellentes Zeugnis stellt er seinem Protagonisten für dessen Konzept der herrschaftlichen Durchdringung seines Reiches durch repräsentative Bauten aus. Über die Neugründung „Caesarea“ schreibt er: „In gewisser Hinsicht war die Herodes-Stadt wirklich ein Gesamtkunstwerk, eine gelungene Mischung aus Kleinathen und Kleinalexandria, ein Stück politische Utopie, in der weder römische noch jüdische Interessen die Hauptrolle gespielt haben, sondern in dem das friedliche Zusammenleben aller Gruppen von vorneherein intendiert war.“

Baltrusch hat seine kompakte biografische Studie in zwei Hauptteile gegliedert. Dabei nimmt der herkömmliche biografische Part, den der Experte für die Geschichte des antiken Judentums in einer Mischung aus historiografischen und systematischen Betrachtungen präsentiert, den größten Raum ein. Den zweiten und erheblich kürzeren Teil seiner Darstellung widmet er der Rekonstruktion der verschiedenen Varianten des ausschließlich negativen Bildes, das die christliche Tradition von dem angeblichen Kindermörder Herodes beinahe bis heute geprägt hat.

Tatsächlich wäre der baufreudige Herodes wohl als bedeutende Herrscherfigur der Antike in die Geschichte eingegangen, wenn nicht sein sorgfältig austariertes politisches System nach beachtlichen Erfolgen in seinem letzten Lebensjahrzehnt in eine existenzielle Krise geraten wäre. So sehr wütete der in die Jahre gekommene Potentat gegen seine eigene Familie, ließ nach Hochverratsprozessen drei seiner Söhne hinrichten und tötete oder verbannte zwei seiner Frauen, dass selbst der hartgesottene Augustus in Rom entsetzt ausgerufen haben soll, es sei besser, das Schwein des Herodes zu sein als dessen Sohn. Tatsächlich aber blieb Herodes, der seit Pompeius immerhin fünf einander abwechselnde römische Bürgerkriegsherren politisch überlebt hatte, mit seinen drakonischen Maßnahmen im Rahmen seiner Zeit. Illoyalität oder gar Verrat im engsten Familienkreis konnte in einem Zeitalter, dem eine demokratische Herrschaftslegitimation vollkommen unbekannt war, kein Potentat hinnehmen. Auch Baltrusch kann nur darüber spekulieren, weshalb seinen Protagonisten der volle Bannstrahl der jüdischen und schließlich der christlichen Überlieferung getroffen hat.

Auch wenn sein Protagonist am Ende seiner langen Herrschaft als Gescheiterter erscheint, fällt das Fazit des Biografen mehr als wohlwollend aus. Die verschiedenen Gruppen seines Reiches in der Balance zu halten war ihm immerhin mehr als zwei Jahrzehnte gelungen. Damit vollbrachte er eine Leistung sui generis, zu der nur wenige fähig gewesen wären. Aber irgendwann, so Baltrusch, war auch Herodes damit überfordert, eine Region zu stabilisieren, die noch heute von Unruhen erschüttert wird. „Vielleicht schwanden seine Kräfte, vielleicht war auch das System überdehnt. Als Anerkennung dafür, dass er sich dieser Herkules-Aufgabe nicht entzogen hat, möge ihm der Beiname zustehen: Herodes der Große.“

Titelbild

Ernst Baltrusch: Herodes. König im Heiligen Land.
Verlag C. H. Beck, München 2012.
448 Seiten, 26,95 EUR.
ISBN-13: 9783406637384

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