Bach-Choräle und Rockmusik

Über Werner Fritschs Filmessay „ Faust Sonnengesang“

Von Jürgen WeberRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jürgen Weber

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das enfant terrible im Naturgarten

Werner Fritsch übersetzte bereits 1988 sein eigenes Romandebüt „Cherubim“ in den Schwarz-Weiß-Film „Das sind die Gewitter in der Natur“, indem er die bedrückende Lebenserzählung eines 1905 geborenen Knechts, Wenzel, durch ihn selbst erzählen ließ und in Bilder umsetzte. Auf diesen zweistündigen Film folgte 2011 der hier vorliegende dreistündige Filmessay „Faust Sonnengesang“ in Farbe. Beide Filme liegen nun in der filmedition suhrkamp in einer schönen Sammlerausgabe vor, die auch durch ein 64-seitiges bebildertes Booklet ergänzt wird.

Selbstbedienungsladen Goethe

Der in der Zeitschrift „Der Spiegel“ als „Rausch aus wilden Farbtupfern und idyllischen Naturbildern, aus wunderschöner Musik und großmächtiger Lyrik“ bezeichnete Filmessay changiert zwischen einer deutschen Version von Koyaanisqatsi (dem meisterhaften Film von Godfrey Reggio, USA 1982) und einer Neuauflage von Goethes Faust. Anders als in Koyaanisqatsi erzählt Fritsch aber nichts über die Arbeitswelt des einfachen Menschen in gewaltigen Naturbildern, sondern vielmehr über den Pakt zwischen Lyrik und Natur, den Fritsch in einer Vielzahl verschiedenster Bilder zu untersuchen versucht. Der Anspruch, „da anzusetzen, wo Goethes ,Faust‘ aufhört“, mag insofern erfüllt werden, als der Raum für Goethe-Interpretationen seit jeher weit und offen war.

Voller Einsatz der „Faust-Keil-Kamera“

Schauspieler wie Corinna Harfouch, Angela Winkler und Ulrich Matthes tragen die von Fritsch verfassten Texte vor, die teilweise mit wildem Donnern, Bach-Chorälen oder Rockmusik unterlegt werden und sich etwa vor Bildern von Felsinschriften der alten Ägypter oder Naturschauspielen abspielen. Dabei kommen die Merseburger Zaubersprüche, Kindheitseindrücke des Autors, die Wälder seiner oberpfälzischen Heimat, Gespenster der Nazizeit, die bis heute aufs Lebendigste herumspuken, nicht nur zu Wort, sondern auch zu Bild und Ton, wenn auch mit sehr verwackelter Kameraperspektive und fraglicher Synchronisationskoinzidenz. Split Screen, Schnitt, Überblendung werden in äußerst kreativer Art und Weise angewendet, Fritsch nennt seine Technik des Filmens gar „Faust-Keil-Kamera“ und will mit seinem verlängerten ebenso in das Unbewusste vordringen, wie manch anderer vor ihm schon, durch das einfache Gespräch oder Psychopharmaka.

Ein Filmessay über Heimat in Zeiten des Kosmopolitismus

„Gelobt seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen, / zumal dem Herrn Bruder Sonne; / er ist der Tag, und du spendest uns das Licht durch ihn. / Und schön ist er und strahlend in großem Glanz, / dein Sinnbild, o Höchster. / Gelobt seist du, mein Herr, durch Schwester Mond und die Sterne / am Himmel hast du sie gebildet, hell leuchtend und kostbar und schön.“

Diese Zeilen, die aus dem wohl berühmtesten „Sonnengesang“ der Literaturgeschichte stammen, sind eigentlich ein Gebet des heiligen Franz von Assisi, der spätestens seit der neuen Papsternennung wieder in aller Munde zu sein scheint und dem durch Franco Zeffirellis Film „Bruder Sonne, Schwester Mond“ schon 1972 ein Denkmal gesetzt worden war. Aber Fritsch widmet sich mehr der Schöpfung denn dem Schöpfer, denn er legt an einer Stelle des Films auch einfach eine Hand auf einen beleuchteten Zimmerglobus und zitiert damit – absichtlich oder nicht – Chaplins „Diktator“. Das globalisierte Filmessay verzichtet natürlich auch nicht auf plakativen Kosmopolitismus wenn es etwa indische Menschen zeigt, nordische Lieder intoniert, ein Kindheitsfoto des Autors und den Hof von Fritschs Eltern genauso wie kalifornische und neuseeländische Strände, einen gehörnten kleinen Schamanen, nackte afrikanische Frauen und einen fliegenden Derwisch in Pose wirft.

Das „Filmgedicht“ (Untertitel) des 50-jährigen Dichters und Dramatikers Werner Fritsch will zeigen, was „im Kopf eines Menschen abläuft, wenn er für immer die Augen schließt“ (O-Ton) oder vielleicht doch nur für einen Moment, denn er will uns viel darüber erzählen, was diejenigen Augenblicke und Träume ausmacht, „zu denen man sagen will: Verweile doch, du bist so schön!“.

Kein Bild

Werner Fritsch: Faust Sonnengesang - Das sind die Gewitter in der Natur.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2012.
64 Seiten, 29,90 EUR.
ISBN-13: 9783518135334

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