Anekdoten über einen verrückten Hund

Tom Folsoms Biografie über Dennis Hopper

Von Michael EschmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Michael Eschmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die (angebliche) Biografie über den amerikanischen Filmschauspieler Dennis Hopper, der mit dem Motorradfilm „Easy Rider“ Filmgeschichte schrieb, liegt nun in deutscher Sprache vor. Verfasst wurde sie von dem Journalisten Tom Folsom (Jahrgang 1974). Zuvor veröffentlichte dieser eine Biografie über den Drogenbaron Leroy Barnes und danach steigerte er sich noch, in dem er über den legendären Mafioso Crazy Joe Gallo ebenfalls ein Buch schrieb, das wochenlang auf der New-York-Times-Bestsellerliste stand.

Nun – quasi als dritte Persönlichkeitsdarstellung – folgt die Lebensgeschichte des amerikanischen Schauspielers und Regisseurs Dennis Hopper (1936-2010). Von James Dean einst gefragt, warum er Schauspieler werden wolle, antwortete Hopper, er habe „ihm erzählt, was für ein Albtraum mein Leben zu Hause gewesen war, dass alle neurotisch waren, weil keiner das machte, was er gern gemacht hätte, und dass sie mich alle angeschrien haben, wenn ich kreativ sein wollte, denn sie sagten, kreative Leute endeten alle auf dem Barhocker – was durchaus stimmte, wie ich später herausfand.“

Schon nach wenigen Seiten merkt der Leser, hier stimmt etwas nicht. Der Text strahlt eine Unruhe aus, wirkt fast hektisch herunter geschrieben. Das Buch darf man als anmaßend und nervig bezeichnen. Anmaßend, weil es bereits auf dem Schutzumschlag mit roten Buchstaben provokativ dafür wirbt, „die Biographie“ des Schauspielers zu sein. Vermutlich ging dies auf eine Idee des deutschen Verlags zurück, denn der amerikanische Originaltitel lautet noch recht bescheiden: „Hopper – A Journey Into the American Dream“. Dies trifft den Kern des Buches auch viel besser, denn es ist nur ein biografisches Lesebuch voller Anekdoten geworden, die man glauben mag oder besser ganz schnell wieder vergisst. Erzählt wird die Geschichte eines jungen Schauspielers, der trotz extremer Anpassungsschwierigkeiten mit Regisseuren, denen er sich aus einer Mischung aus Trotz und Größenwahn gerne verweigerte, am (Lebens-)Schluss eben doch noch Karriere machte. Es klingt alles ein bisschen (zu) sehr märchenhaft. Der „amerikanische Traum“ wird (erst) durch Hollywood wahr.

Cineasten, die gerne mehr über die Hintergründe der Filme von und mit Hopper erfahren hätten, werden von diesem Buch bitter enttäuscht sein. Zuviel fehlt: Eine Filmografie mit genauen Daten zu Drehbuchautoren, Schauspielern und Regisseuren gibt es nicht. Für weitere Forschungen wird es deshalb nur eingeschränkt nutzbar sein, da die Fakten vorwiegend durch Zeitzeugen gesammelt wurden. Für einen Journalismus mag dies akzeptabel sein, für einen Filmhistoriker ist es zu wenig verlässlich. Andere künstlerische Tätigkeiten Hoppers – als Fotograf und Maler – finden nur am Rande Erwähnung. Inzwischen sind sie aber ebenso bedeutend wie die Filme selbst. In einer derartigen Darstellung dürfen sie deshalb nicht mit wenigen Nebensätzen abgehandelt werden.

Noch mehr gilt dies für die Tätigkeit als Regisseur. Hier wäre die Möglichkeit gewesen, Schauspieler, die unter Hoppers Anweisungen spielten, ausführlicher zu Wort kommen zu lassen. War er – der unbeugsame Schauspieler – als Regisseur umgänglicher? Wie fand er die passenden Drehbücher? All das bleibt unbeantwortet, wird vermisst. Vielmehr watet der Leser durch einen Hades von Hollywood-Geschichten auf dem Niveau eines Talkshowgeplappers. Nervig ist das Ganze deshalb, weil es den Schauspieler in einer rotzigen Umgangssprache zu sehr, zu sensationell, auf die Rolle eines durchgeknallten Drogenfreaks reduziert. Drogen, Suff und Knast – umgeben von Amokläufen, Gewalt und Pöbeleien waren nur eine Facette seines Lebens. Tom Folsom glaubt aber, dies in einer scheußlichen Sprache dem Leser gleich kübelweise übergießen zu müssen. Der drastische Erzählstil mag aus dem amerikanischen Englisch (vielleicht) authentisch übertragen worden sein, literarische Qualitäten besitzt er dadurch aber noch lange nicht. Kostprobe: „In seinem brutheißen peruanischen Hotelzimmer langsam vor sich hin schmelzend, trug der Prophet aus ,Easy Rider‘ einen silbernen Kokslöffel wie ein Kruzifix um den Hals und verbreitete Dunstschwaden von Marihuana, Lamascheiße und muffigem Körpergeruch. Und über ihm schwebte die dunkle Wolke des Scheiterns.“

Hier muss man ernsthaft fragen, welche Zielgruppe von Lesern mit solchen Texten angesprochen werden soll. Es ist schon wieder fast eine Form von „Kunst“, wenn Tom Folsom sich auch nicht zu schade ist, in die Niederungen der Trivialität ganz tief hinab zu steigen, um eine Verhaftung Hoppers in Taos/New Mexico derart kitschig zu schildern: „Kaum hatte man ihn nachmittags entlassen, eilte er zurück zu Desiree. Wie eine Mutter war sie zu ihm und briet ihm Spiegeleier. Kümmerte sich um seine Verletzungen. Die Cops waren schlimm mit ihm umgesprungen, hatten die Scheiße aus ihm rausgeprügelt. Ihm nicht mal die Augen gesäubert. Sie pflegte ihn gesund.“

Eine seriöse Biografie ist das nicht geworden. Welche große Chance wurde hier vertan, einen schwierigen Charakter besser auszuloten und dadurch dem Leser verständlicher zu machen! Dies wäre Sinn und Zweck einer gelungenen und damit dann auch guten biografischen Arbeit gewesen. Hier fehlt sie. Übrig geblieben ist eine platte Beschreibung einer schauspielerischen „Maske“, die zu wenig den Menschen Hopper zeigt.

Titelbild

Tom Folsom: Dennis Hopper. Die Biografie.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Teja Schwaner.
Karl Blessing Verlag, München 2013.
415 Seiten, 22,99 EUR.
ISBN-13: 9783896674975

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