Ein Unhold in der Richterrobe

Helmut Ortners Porträt von Hitlers blutigstem Juristen bleibt skizzenhaft

Von Klaus-Jürgen BremmRSS-Newsfeed neuer Artikel von Klaus-Jürgen Bremm

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Vorstellung, eine Gestalt wie der Vorsitzende des berüchtigten Volksgerichtshofes, Roland Freisler, hätte nach dem Kriege in der Bundesrepublik noch im Justizdienst als Beamter Karriere machen können, erscheint zunächst absurd und hätte etwa Sophie Scholl und Cäsar von Hofacker, zwei seiner wohl prominentesten Opfer, ihren letzten Gang noch mehr erschwert. Tatsächlich jedoch billigten nach dem Krieg bayerische Behörden der Witwe des durch einen Bombentreffer umgekommenen Blutrichters genau mit diesem Argument eine mehr als üppige Hinterbliebenenpension zu. Dies war durchaus keine Posse aus dem bajuwarischen Kuriositätenkabinett, denn Freisler selbst wäre wohl wie Tausende andere blutbefleckte Juristen und willige Handlanger des Nationalsozialistischen Unrechtsstaates rasch wieder in Amt und Würden gekommen, hätte er nur den Krieg und die ersten, noch ernstgemeinten Tribunale der Alliierten überstanden.

Erkennbar führt der Zorn dem Journalisten Helmut Ortner die Feder, wenn er im ersten von insgesamt zehn Kapiteln seines Buches beschreibt, wie nicht nur sein Protagonist, sondern fast eine ganze Generation von deutschen Richtern, Staatsanwälten und Verteidigern eine jahrhundertealte europäische Tradition des Rechts und des Schutzes von Individualrechten innerhalb kürzester Frist bedenkenlos über Bord warf. Nur mit entsetzten Kopfschütteln nimmt man die von Ortner zitierten, sich überschlagenden Ergebenheitsbekundungen der deutschen Juristen zur Kenntnis, durchweg Männer mit exzellenten akademischen Karrieren, die schon wenige Wochen nach dem Reichstagsbrand allen Ernstes den ehemaligen Postkartenmaler und notorischen Bummelanten Adolf Hitler zur nunmehr alleinigen Quelle allen deutschen Rechts erklärten. Dabei mag es Abstufungen gegeben haben – doch kaum ein Jurist ging so weit wie Roland Freisler, jener Mann, der seit August 1942 im Rücken der zurückweichenden Fronten einen eigenen Feldzug gegen angebliche Verräter, Zweifler und Schlappmacher unter den sogenannten Volksgenossen führte.

Mehr als 5.000 Menschen ließen die insgesamt vier Kammern des Volksgerichtshofes im Namen eines nationalsozialistischen Rechtes, das tatsächlich nur primitive Rache war, umbringen, meistens aus nichtigen Anlässen, wie Ortner in einer erschütternden Auswahl von Fällen dokumentiert. Allein die Hälfte davon ging auf das Konto des geifernden Schlächters in der Richterrobe. Gedankt hat es ihm sein „Führer“ allerdings nie. Von einer persönlichen Begegnung des Diktators mit seinem eifrigsten Scharfrichter ist nichts bekannt.

Hitler verdächtigte ihn sogar, ein ehemaliger Kommunist gewesen zu sein. Tatsächlich war Freisler, der im Ersten Weltkrieg an der Ostfront schon bald in russische Gefangenschaft geraten war, nicht schon im Frühjahr 1918 nach Deutschland zurückgekehrt, sondern noch mehr als zwei Jahre in der Hauptstadt des Bolschewismus geblieben. Ortners Text trägt leider zur Klärung dieser nach wie vor mysteriösen Angelegenheit nichts bei. Auch die anderen biografischen Details behandelt er nur kursorisch. Doch es war nicht allein dieser blinde Fleck in der ansonsten makellosen Karriere des Einserjuristen aus einer aufstrebenden Großbürgerfamilie, der Hitler davon abhielt, Freisler mit dessen Wunschposition als Reichsjustizminister zu betrauen. Selbst führenden Nationalsozialisten erschien der Parteigenosse der ersten Stunde, der regelmäßig seine Opfer schon im Gerichtsaal verbal hinzurichten pflegte, bei aller unbestreitbaren Brillanz zu sprunghaft und unberechenbar. Auch die dubiosen Umstände des Suizids von Freislers Bruder dürften nicht dazu beigetragen haben, sein Ansehen in Parteikreisen zu steigern.

Ortners empörte Studie über Freisler und den Volksgerichtshof ist dann auch weniger eine Biografie, vielmehr der Versuch einer Gesamtskizze einer deutschen Funktionselite, die auch zwei Dekaden nach ihrem erstmaligen Erscheinen nichts an Aktualität eingebüßt hat. Wie Offiziere, Industrielle und Diplomaten hatte sich auch die deutsche Juristenschaft nach einer kurzen und nicht zu umfänglichen Säuberung vorbehaltlos in den Dienst des nationalsozialistischen Unrechtsstaates gestellt. Geschadet hat es den meisten von ihnen nach dem Krieg nicht. Anders als von Sophie Scholl und Cäsar von Hofacker prophezeit (in einem Jahr geht es um ihren Kopf), rollten ihre Köpfe später nicht, und auch keine alliierte Schlinge brach ihr Genick. Wohl einzig der Splitter einer alliierten Bombe bewahrte somit am 3. Februar 1945 den späteren Adenauerstaat vor der Peinlichkeit, Hitlers eloquentesten Massenmörder in Richterrobe wieder in Lohn und Brot zu setzen.

Titelbild

Helmut Ortner: Der Hinrichter. Roland Freisler - Mörder im Dienste Hitlers.
WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2013.
344 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-13: 9783534259052

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