Wege aus dem „Dickicht der Forschung“

Barbara Neymeyrs neuer Sammelband über Georg Büchner wandelt auf alten Pfaden

Von Galina HristevaRSS-Newsfeed neuer Artikel von Galina Hristeva

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wenn es um Georg Büchner geht, tendiert die Forschung zu Recht dazu, ihn mit mehreren Prädikaten zu würdigen. Man denke hier an den Titel eines Aufsatzes von M. H. Weinberg: „Georg Büchner. Arzt – Revolutionär – Dichter. (In: Münchener Medizinische Wochenschrift 105 (1963)), an den Titel einer Ausstellung in Basel aus dem Jahre 1987 „Georg Büchner: Revolutionär, Dichter, Wissenschaftler 1813-1837“ oder an das neulich erschienene Buch von Christian Milz „Georg Büchner: Dichter, Spötter, Rätselsteller“ (Wien 2012). Das „facettenreiche Werk“ Georg Büchners soll auch im Sammelband „Georg Büchner. Neue Wege der Forschung“ enthüllt werden, wie die Herausgeberin Barbara Neymeyr bereits im ersten Satz ihres Vorworts ankündigt. Neymeyrs Vorwort erfasst tatsächlich im besten Sinne und nur auf wenigen Seiten „die paradigmatische Modernität“ Büchners „sowohl in thematischer als auch in formaler Hinsicht“ und „die bleibende Aktualität“ des inzwischen zum „literarischen Klassiker“ avancierten Büchner.

Der Band selbst ist dagegen in mehrerer Hinsicht eine Enttäuschung. Zunächst weil hier unter dem Untertitel „Neue Wege der Forschung“ fast ausschließlich alte, anderweitig und meist in den 80er- Jahren erschienene Aufsätze wieder abgedruckt worden sind. Der einzige Beitrag aus neuester Zeit stammt von der Herausgeberin selbst: „Ästhetik als Therapeutikum. Zur Funktion der realistischen Programmatik in Büchners Lenz“ (2012). Unnötig zu sagen, dass durch diese Beschränkung auf alte, „repräsentative Forschungsarbeiten“ und „exemplarische Analysen“, um dem „unübersichtlichen Dickicht der Forschung“ zu entkommen und „Orientierung“ zu bieten, auch Büchners Geist mit seiner Verunsicherung, Aporetik und Subversion aus dem Band ausgetrieben wird. Sogar in formaler Beziehung wird durch die im Band herrschende strenge Symmetrie – zu jedem der „vier Werke“ Büchners werden jeweils drei Aufsätze angeboten – und durch das explizite Bekenntnis der Herausgeberin zu den „strikten Vorgaben des Verlags“, der Kürzungen (weshalb die hier abgedruckten Aufsätze nicht einmal in voller Länge erscheinen) und „Einheitlichkeit“ auferlegt hat, Büchners „antithetische“, „exzentrische“, subversive Architektonik durchkreuzt und seine Sprengkraft gezähmt.

Die Aufsätze sind zwar an sich und für sich allein betrachtet vorbildlich. Sie schaffen es als Ganzes auch weitgehend, Büchners Werk als ein „Schnittfeld sehr unterschiedlicher Diskurse“ zu präsentieren, doch warum spricht die Herausgeberin von den „vier Werken“ des genialen Autors, während uns Büchner in Wirklichkeit außer der im vorliegenden Band analysierten Dramen „Dantons Tod“, „Leonce und Lena“ und „Woyzeck“ und der Erzählung „Lenz“ auch die Flugschrift „Der Hessische Landbote“ (zusammen mit dem Pastor Weidig), mehrere naturwissenschaftliche Werke, einige faszinierende Schriften aus seiner Gymnasialzeit und viele schillernde und bewegende Briefe (von denen lediglich der berühmte Fatalismus-Brief immer wieder apostrophiert wird) hinterlassen hat? Ohne diese Texte ist das literarische Werk des Autors nicht adäquat zu verstehen. Die Vielfalt und Heterogenität Georg Büchners, die im Vorwort erwähnt werden und in den Aufsätzen immer wieder durchscheinen, werden im Band also letztlich beträchtlich zurechtgestutzt.

Die „ausgreifende Rezeptionsgeschichte“ und die „kontroversen Forschungsdiskussionen“, von denen Neymeyr in Zusammenhang mit Büchner spricht, blitzen im Band ebenfalls selten auf – etwa beim Auftakt ihres eigenen Aufsatzes. Über die neueste Forschung erfährt man nicht viel, höchstens noch etwas aus der schmalen Bibliografie am Ende des Buches. Einen Platz hätten hier beispielsweise neuere Untersuchungen über Georg Büchner verdient wie das anfangs genannte Buch von Christian Milz „Georg Büchner: Dichter, Spötter, Rätselsteller“ oder die extensive Untersuchung über Georg Büchners ,Psychosomatik‘ von Marion Schmaus in ihrem Buch „Psychosomatik. Literarische, philosophische und medizinische Geschichten zur Entstehung eines Diskurses (1778-1936)“ (Tübingen 2009), um nur zwei zu nennen.

Mit der Fokussierung auf das „Repräsentative“, „Zentrale“ und „Exemplarische“ fügt sich der Band unmissverständlich und zuungunsten von Büchner und seiner Leser in die pragmatische Politik des Verlags Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, die sich zumindest für diese Reihe („Neue Wege der Forschung – Germanistik) in folgenden programmatischen Punkten erschöpft: „Repräsentativer Überblick über die neuere Forschung“, „praktische Materialsammlung für Studium und Lehre“, „effektive Vorbereitung von Seminaren und Prüfungen“. Dass ein solchermaßen ‚abgerundeter Band‘, der eher einem Herbarium als einer sprudelnden Wissensquelle gleicht, die „engagierte Auseinandersetzung mit Büchners Werk fördern“ wird, wie Barbara Neymeyr dies haben möchte, ist sehr unwahrscheinlich.

Titelbild

Barbara Neymeyr (Hg.): Georg Büchner. Neue Wege der Forschung.
WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2012.
238 Seiten, 29,90 EUR.
ISBN-13: 9783534245277

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