Das Brot- und Butter-Geschäft

In einem Sammelband von Rolf W. Puster werden „Klassische Argumentationen der Philosophie“ durchleuchtet

Von Willi HuntemannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Willi Huntemann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Früher, als die Bestände einer Buchhandlung noch durchgängig nach Fachgebieten geordnet waren, fand man die Abteilung  „Philosophie“ meist neben „Religion“. Das hat historische Gründe, spiegelt aber auch die Verortung der Philosophie im breiteren Bewusstsein wider: eine Disziplin, die es, wie die Religion, mit den großen Fragen der Welt- und Lebensdeutung zu tun hat, nur ohne den expliziten Bezug auf Transzendenz und einen von vornherein fraglosen normativen Anspruch. Es gibt aber auch, und dies nicht nur im landläufig-populären Verständnis, eine Nachbarschaft der Philosophie zur (schönen) Literatur, bei der die Grenze verschwimmt, ja explizit geleugnet wird, was freilich auch philosophiegeschichtlich seinen Grund in der Sache hat.

Meist geht damit einher, dass Philosophie als Ideengeschichte betrieben wird. Der Oxforder Komparatist und Kulturphilosoph George Steiner ist ein prominentes Beispiel dafür (s. sein jüngstes Werk „Gedanken dichten“, Frankfurt /M.  2011; vgl. dazu http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=16612) oder auch – mit ganz anderem Hintergrund – der US-amerikanische Philosoph Richard Rorty. Man übertreibt wohl nicht, wenn man sagt, dass die klare Trennung von Philosophie und Philosophiegeschichte in der universitären Praxis des Faches europaweit alles andere als allgemeiner Konsens ist –  zumal dort, wo die ideengeschichtliche Denktradition vorherrschend ist.  Auf populärerem Niveau, aber mit großem Erfolg beim bildungsbürgerlichen Publikum, verfolgt in Deutschland Rüdiger Safranski diese ideen- beziehungsweise geistesgeschichtliche Ausrichtung mit seinen Autormonografien zu Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche und Martin Heidegger. Das Gegenstück zu diesem Ansatz, bei dem philosophische Ideen stets in ihrem biografischen und geistesgeschichtlichen Kontext diskutiert werden, in der deutschen akademischen Fachphilosophie ist die Auffassung von Philosophie als Philologie philosophischer Texte. Es gibt allerorten reine Lektüreseminare zu Hegels „Phänomenologie des Geistes“ wie in der Germanistik zu Goethes „Wilhelm Meister“, in denen methodisch nicht grundlegend anders verfahren wird.   Kennzeichnend für beide Zugänge zu philosophischen Texten ist nun, dass die Frage nach der Wahrheit ihrer Thesen und Theorien stets der nach ihrer Genese und Wirkungsgeschichte untergeordnet wird, sofern sie überhaupt gestellt wird. Das nimmt nicht wunder, lässt sie sich ja angesichts literarischer (fiktionaler) Werke in geistesgeschichtlicher Perspektive ebenfalls nicht stellen, da diese als nicht-diskursive Texte keine Antworten auf Fragen geben, die als plausibel, richtig oder gar „wahr“ beurteilt werden könnten. Im Extremfall kann das – in einer Art von „hermeneutischer Immunisierung“ – so weit gehen, vor allem bei den wenigen noch um den Deutschen Idealismus bemühten Philosophiehistorikern, dass nach jahrzehntelanger Hegel-Exegese noch gar nicht gesagt werden kann, was dieser eigentlich meine.

Demgegenüber steht ein Verständnis von Philosophie als systematischer Klärung von Sachfragen, wie sie sich musterhaft in der angloamerikanischen Philosophie des 20. und 21. Jahrhunderts, namentlich der analytischen Philosophie, ausgebildet hat und seit fast einem halben Jahrhundert auch an deutschen Lehrstühlen vertreten ist. Die Hermeneutik beispielhafter philosophischer Texte ist dieser Klärung untergeordnet –  im Mittelpunkt steht die Rekonstruktion und kritische Prüfung von Argumentationen; dies auch dort, wo ein Autor und sein Werk im Mittelpunkt stehen. Vorausgesetzt ist eine Methodologie rational-argumentativer Problemlösung, die sich prinzipiell nicht von der der Naturwissenschaften unterscheidet.

Seinem methodischen Grundverständnis nach ist der vorliegende Band zwischen den eben markierten Denktraditionen zu verorten, dabei allerdings weit näher dem analytischen Philosophieren mit arguments verpflichtet, wenn er 14 klassische philosophische Argumentationen von Zeno bis John Searle vorstellt und auf ihre Triftigkeit hin überprüft. Er ist aus einer Vorlesungsreihe an der Universität Hamburg 2004/ 06 hervorgegangen und füllt in dieser Verbindung von systematischer Klärung und gleichwohl historischer Wertungsperspektive, ohne die man nicht von „klassisch“ sprechen kann, eine Lücke. Neben metaphysischen Problemen und Lehrstücken, die zum europäischen Bildungsgut gehören wie dem Zenon-Paradox des ruhenden Pfeils, den klassischen Gottesbeweisen, Pascals Wette, der Debatte um die Willensfreiheit – mithin den „großen Fragen“ der Philosophie – stehen Probleme, die es eher nur in der akademischen Philosophie gibt, wie das Argument vom dritten Menschen (Platons Ideenlehre), das aristotelische „Meisterargument“ (Modallogik), Ockhams Rasiermesser, George E. Moores Argument der offenen Frage („naturalistischer Fehlschluss“), Ludwig Wittgensteins Privatsprachen-Argument, Hans Alberts Münchhausen-Trilemma sowie John Searles viel diskutiertes Gedankenexperiment des Chinesischen Zimmers.

Hervorzuheben ist die durchgängig textnahe und quellenkritisch sorgfältige Rekonstruktion der Argumentation bei den historischen Autoren von Zenon bis Pascal.  Dabei wird gerade so viel entstehungs- und wirkungsgeschichtlicher Kontext mitgeliefert, wie zum Verständnis des Argumentationskerns nötig ist. Der Forschungsliteratur tragen die Autoren in (mitunter leider auch ausufernden) Fußnoten und Literaturangaben zur Genüge Rechnung. Anders als bei herkömmlichen philosophiegeschichtlichen Überblicksdarstellungen werden keinerlei Abstriche an die Genauigkeit gemacht, auch um den Preis der schwereren Lesbarkeit. Wo es geboten ist, werden die Argumentationen auch symbolsprachlich dargestellt. (Man vergleiche die jüngst bei Reclam erschienene Sammlung „Philosophische Gedankenexperimente“ (Stuttgart 2012), die anders gelagert ist und – bei mehr als doppelt so vielen Lehrstücken –  viel kursorischer verfährt.) Das Niveau eines jeden Beitrags ist derart hoch, dass er ohne weiteres in einem Sammelband zu dem betreffenden Philosophen stehen könnte.

Der analytischen Philosophie ist mitunter vorgeworfen worden, dass sie unhistorisch verfahre. In diesem Sammelwerk zeigt sie sich unter der Wertungsperspektive des Klassischen von ihrer historisch sensiblen Seite. Manche der Beiträge wie der von Wolfgang Künne zu Ockhams Rasiermesser (dem überdies eine humorvolle Einkleidung gelingt, die der Sache nicht schadet, aber der Lesbarkeit zugute kommt) machen deutlich, wie ein Argument sich über Jahrhunderte durch verschiedene Zusammenhänge hindurchzieht (wahrheits-, bedeutungs- und urteilstheoretisch) und dadurch seine Klassizität beweist. Dass Argumentationen in diesem wirkungsgeschichtlichen Kontext beurteilt werden, bewahrt vor kurzschlüssigem Urteil.

Uwe Meixner zeigt in seinem Beitrag zum kosmologischen Gottesbeweis, dass mit Kants Kritik daran keineswegs das letzte Wort gesprochen ist, indem er eine kausalitätstheoretische Neuformulierung unter den Bedingungen der modernen Physik vorlegt, auch wenn das Argument dadurch nicht wesentlich an Überzeugungskraft gewinnt. Von noch größerem hermeneutischen Wohlwollen geprägt ist Hermann Weidemanns Lektüre von Blaise Pascals berühmtem Fragment über die Gottes-Wette: Anstatt alle kritischen Einwände aufzubieten, die gegen dieses Plädoyer für den Glauben an Gott erhoben wurden, versucht er, es mit dem strukturell ähnlichen Freiheitsargument des Alexander von Aphrodisias (200 nach Christus) plausibel zu machen. Hier wird deutlich, dass mangelnde Triftigkeit der Klassizität der Argumentation keinen Abbruch tut;  Triftigkeit ist „weder eine hinreichende noch eine notwendige Bedingung für Klassizität“, so der Herausgeber Rolf W. Puster, die für ihn eine nicht allgemein zu definierende „delikate Mischung aus logischen Qualitäten, historischen Verdiensten und inhaltlicher Relevanz“ darstellt.  „Damit ein Argument in der Philosophie verdient, groß genannt zu werden, muss es nicht besonders schwer widerlegbar sein. […] Es kommt auf anderes an: auf eine Art Schönheit vielleicht, vor allem aber auf den herausfordernden Charakter, darauf, dass es auf ein tiefes Problem aufmerksam macht“, wie es Niko Strobach in seinem Beitrag über das Pfeil-Paradoxon Zenons von Elea fasst.  Ästhetische Vorzüge wie Kürze und Eleganz machen denn auch die Argumente im ontologischen Gottesbeweis Anselm von Canterburys für Edgar Morscher, der sie skrupulös in der Sprache der modernen Logik aufschlüsselt, heute noch beachtenswert. Anders als in der Mathematik oder den harten Naturwissenschaften, wo die Geschichte der Physik für den Forscher unergiebig ist, ist in der Philosophie auch das kontrovers beurteilte oder einhellig als ungültig erkannte Argument nicht ein für allemal von „nur noch historischem Interesse“, sondern befruchtet in neuen Zusammenhängen die Sachdiskussion. Es gibt keinen linearen Erkenntnisfortschritt in der Philosophie, der Altes hinter sich ließe, sondern Philosophie und ihre Geschichte muss man sich wohl eher wie kommunizierende Röhren vorstellen.

Erkenntnisfortschritt – das ist auch der Tenor des jüngsten Buches von Herbert Schnädelbach (Was Philosophen wissen. Und was man von ihnen lernen kann, München 2012) – besteht nicht im zunehmenden Konsens über Lösungen philosophischer Probleme, sondern über die angemessenen Mittel dazu beziehungsweise die Standards des Argumentierens.

Ein solcher Konsens ist am wenigsten zu erwarten bei den großen metaphysischen Problemen wie den Jahrhunderte währenden Debatten um die Theodizee und die Willensfreiheit, mit dem sich im Sammelband Robert Schwarzkopff und Christoph Jäger beschäftigen. Schwarzkopff beschränkt sich auf zwei Argumente aus der neueren Diskussion der analytischen Religionsphilosophie, von J. L. Mackie und W. L. Rowe, und entschärft die zunächst als schlagend geltenden Theodizee-Argumente („logisch“ und „evidentialistisch“). Dadurch wird das Theodizee-Problem als Angriffsstrategie gegen den Theismus relativiert; es sei „weder die Achillesferse noch der ‚Prüfstein‘ für den Theismus schlechthin“. Das mag manchem als dürftig erscheinen, doch es ist gerade die Stärke dieser und anderer Argumentationsanalysen, dass sie weltanschaulich möglichst unvoreingenommen an die Sache herangehen, Voraussetzungen der streitenden Positionen sichtbar machen und sich bei den großen Ja/Nein-Fragen, die unser Selbstverständnis berühren, nicht auf eine Seite schlagen: Hat der Mensch einen freien Willen? Kann der Geist nach dem Modell des Computers verstanden werden?

Christoph Jäger greift sich aus der fast nicht mehr überschaubaren Debatte um die Willensfreiheit das „Konsequenzargument“ des US-amerikanischen Philosophen Peter van Inwagen heraus. Dieser streitet damit für die Unvereinbarkeit von Willensfreiheit und Determinismus, ist also Inkompatibilist. Damit ist der Debatte längst schon die Metaebene, gegenüber der ursprünglichen Frage, eingeschrieben und dies ist nur eine Position in der weit verästelten, hochgradig selbstreferentiellen und ausschließlich im angloamerikanischen Raum geführten Diskussion, die der extrem dichte Beitrag in den Blick nimmt.  Ohne Vorkenntnisse ist er weder nachvollziehbar noch ergiebig, da Jäger seinen Kommentar entlang der Forschungsliteratur entwickelt und hinter den Namen der Diskutanten und der markierten Positionen –  (In)Determinist, (In)Kompatibilist etc. – immer ganze Diskussionsstränge stehen.

Hier wird aber auch eine generelle Gefahr deutlich, nämlich dass eine Fokussierung auf das Technisch-Strategische der Argumentationen die Inhalte hinter den vielen Argumentationspirouetten auch verdunkeln kann und die Sinndimension der philosophischen Fragen jenseits dieses „argumentativen Stellungskriege[s]“ (Puster) vergessen lässt. Es erinnert an ein Argumentations-Schach, das wie das Schachspiel nur über eine logische Syntax, aber keinen Weltbezug verfügt. Der Sieg eines Kombattanten sagt schlechterdings nichts über die Welt aus – nur darüber, dass er der bessere Spieler war. Philosophische Probleme werden tendenziell zu einer Denksportaufgabe – entsprechende Sammlungen gibt es ja auch tatsächlich längst, etwa von Martin Cohen  – , an denen sich ein hochverfeinertes argumentationslogisches Instrumentarium abarbeitet, das aber oft in einem Patt endet (wie die Beiträge von Schwarzkopff und Jäger zeigen), was aber niemanden zu stören scheint.

Es ist sicher von Vorteil, wenn im „Brot-und-Butter-Geschäft der Philosophie“ (Puster) erst einmal weltanschauliche Luft abgelassen wird und Argumente technisch durchleuchtet werden, doch später muss die Sinndimension in Form der Frage, was die Konsequenzen dieser oder jener argumentationsgeprüften Antwort für unser lebensweltliches Selbstverständnis bedeuten, wieder ins Spiel kommen – auch wenn das wiederum Argumentieren auf einer neuen Ebene mit sich bringt.  Sonst bleibt der naheliegende Einwand, es handle sich nur um ein „selbstgenügsames logisches Glasperlenspiel“ (Puster), im Raum stehen. Der Herausgeber beruft sich demgegenüber zur Legitimation auf „eine Art philosophischer Grundlagenforschung […], die unseren Horizont durch die Erhellung von Implikationszusammenhängen erweitert“.  Wenn die Einsicht richtig ist, „dass philosophische Thesen nur so viel wert sind wie die Begründungen, von denen sie argumentativ gestützt werden“ (Rückentext), dann gilt ebenso, dass auch ein schlüssiges Argument letztlich von der Wahrheit seiner Prämissen abhängt und somit kein Organon ist, aus sich heraus syllogistisch philosophische Evidenzen zu erzeugen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass dieser Sammelband ein Desiderat darstellt, selbst wenn man den angloamerikanischen Raum mit einbezieht – was durchaus verblüfft –, aber als erste Einführung in die philosophischen Probleme, die hier in 14 klassischen Exempeln analytisch durchleuchtet werden, eher nicht geeignet ist, da die meisten Beiträgen viel Vertrautheit mit Argumentationslogik und den jeweiligen philosophischen Referenzhorizonten voraussetzen. Doch das sollte dem Verdienst des Sammelwerks keinen Abbruch tun: „There is no such thing as elementary philosophy. There is no shallow end to the philosophical pool“, wie in der Einleitung einer der grand old men der analytischen Philosophie, Peter F. Strawson, zitiert wird.

Titelbild

Rolf W. Puster (Hg.): Klassische Argumentationen der Philosophie.
Mentis Verlag, Münster 2013.
300 Seiten, 26,80 EUR.
ISBN-13: 9783897858060

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