Unter Selbstbeobachtung

Imre Kertész reflektiert in „Letzte Einkehr. Die Tagebücher 2001-2009“ seine zwiespältige Rolle als erfolgreicher Schriftsteller

Von Beat MazenauerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Beat Mazenauer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Mit dem Literatur-Nobelpreis wird ein Werk besiegelt und abgeschlossen. Unter der Bürde dieser Auszeichnung ist es nicht leicht, weiter zu schreiben. Noch 2001 notierte Imre Kertész in seinem Tagebuch, er sei „erleichtert“ darüber, „dass diese Glückskatastrophe nicht über mich hereingebrochen ist“. Kertész wurde schon damals als Kandidat gehandelt. Ein Jahr später sollte dieser Becher nicht mehr an ihm vorübergehen. Am 3. Oktober 2002 schreibt er: „Man droht mir abermals mit dem Nobelpreis“, neun Tage später heisst es nüchtern: „Den Nobelpreis irgendwie interpretieren“. Damit setzt eine Auseinandersetzung an, die Imre Kertész zwischen der Freude über die Ehre und der Bürde eines „Holocaust-Clowns“ (so am 5. August 2007) hin und her wirft. Zum einen enthebt ihn der Preis aller peinigenden Geldsorgen, zum anderen fühlt er sich dadurch „zum lebendigen Leichnam erstarrt“. Seine Texte würden dadurch „sakralisiert“.

Mehr und mehr empfindet er seinen Namen als „Markennamen“, als Maskerade eines plötzlich Erfolgreichen, der eine öffentliche Rolle spielt. „Es fällt mir schwer zu akzeptieren, dass meine Bücher den Menschen tatsächlich etwas geben, mich begleitet unentwegt ein Gefühl von Hochstapelei; ich verhalte mich wie der Imitator meiner eigenen Rolle“, notiert er am 5. Dezember 2003. Dennoch ist das Ganze „atemberaubend“.

Unter der Überschrift eines von Kertész selbst zur Veröffentlichung vorgesehenen Tagebuchs, „Letzte Einkehr“, legt der Rowohlt Verlag die gesammelten Aufzeichnungen von Imre Kertész aus den Jahren 2001-2009 vor. Es sind Tagebücher des Leidens und der Krankheit, doch auch des Ruhms und des Glücks. Imre Kertész ringt förmlich um seinen Lebenswillen. Die diagnostizierte Parkinson-Erkrankung ängstigt ihn, weil sie Lebenslänglichkeit verheisst und weil sie ihm mehr und mehr das Schreiben mit der Hand verunmöglicht. Depressive Zustände wechseln sich mit gelassener Zuversicht ab, oft in kürzester Folge: „Ich bin nicht glücklich. Aber ich bin glücklich.“ Der Antisemitismus, der sich besonders in Ungarn immer offener zur Schau stellt, trübt sein Verhältnis zur Heimat, so dass er in Berlin Zuflucht sucht. Ausgerechnet in Berlin, wie er selbst festhält, doch die Stadt gefällt ihm und hier spürt er, dass er mit seinen Büchern eine Aufgabe zu erfüllen hat. In Deutschland findet er eine Leserschaft, daheim in Ungarn mit seinem „diskreten Faschismus“ aber wird er nur verdrängt und angefeindet.

Kertesz’ Tagebücher sind eine im besten Sinn irritierende, mitunter verstörende Lektüre. Der Schreibende stellt alles kategorisch in Frage. War es das richtige Leben, das er gelebt hat? Er ist sich dessen nie sicher. Mal obsiegt der Glaube daran, dass sein Überleben einen Sinn gehabt hat, mal schreckt ihn das eigene Spiegelbild ab, das ihm einen hinfälligen alten Mann vorhält.

Die „garstigen Krankheiten“ wiegen wunderbare Momente beim Hören von Musik auf, er spürt grosse Genugtuung angesicht der Rezeption seiner Bücher und versinkt in trüben depressiven Stimmungen über das Alleinsein, das zugleich Bedingung seines Schaffens ist. Der Schreibende möchte geliebt und geschätzt sein – auch auf die Gefahr hin, dass er am Zuspruch zweifelt. Das Spektrum der menschlichen Ängste, Wünsche und Sehnsüchte findet sich hier auf engstem (Zeit-)Raum konzentriert.

Davon ist auch sein literarisches Werk betroffen. In der Zeitspanne von 2001-2009 ringt Kertész hart um sein Manuskript „Dossier K.“. Es ist ein beständiges Hin und Her, das am Ende glücklich ausgeht, wie eine Notiz vom 13. April 2006 bezeugt: „Dossier K. ist mein erstes Buch, das ich vorbehaltlos mag“ – unmittelbar gefolgt vom Zusatz: „Mein Leben, meine Lebensform aber mag ich nicht.“

Und dennoch bleibt im Kern sein Selbstbild als Künstler unangetastet und heil. „Ich schreibe derart verständlich, dass ich mich manchmal selbst nicht verstehe.“ Ein Satz wie dieser erinnert daran, dass Imre Kertész nicht einfach ein Holocaust-Überlebender ist, der seine Erfahrungen eindrücklich zur Sprache bringt. Er ist vor allem ein Schriftsteller, der sich einer literarischen Moderne verpflichtet fühlt und der für seine finsteren Erfahrungen eine ganz und gar radikale Sprache findet. Erzählung und Reflexion, Roman und Essay durchdringen sich beständig und heben sich gegenseitig auf. Alle Geschmeidigkeit in seinen Texten kann nie darüber hinwegtäuschen, dass Kertész die Literatur als eine rau geschliffene Form des ästhetischen Widerstands versteht. Nebst dem unnachahmlichen „Roman eines Schicksallosen“ zeugen der vielleicht unterschätzte „Fiasko“-Roman sowie „Liquidation“ von seiner stupenden stilistischen Meisterschaft.

Das Ringen um „Dossier K“, das in den Tagebüchern reflektiert und begleitet wird, gibt Einblick in den schmerzlichen Arbeitsprozess. Kertész freut sich über gelungene Sätze, und verzweifelt andererseits an den uneingelösten Ansprüchen des eigenen Schreibens.

„Nur die kurzen Phasen des Alleinseins haben mir im Leben etwas Freude gebracht, die Arbeit, das Schöpferische. Ansonsten war alles Irrtum, feige Stagnation; ich habe alle betrogen, vor allem mich selbst…“ Kertész zieht eine düstere Bilanz aus seinem Tun – ein Urteil, das ganz und gar unfair ist, möchte man ihm von außen zurufen.

So negativ es klingt, es bleibt ein unübersehbarer Rest. Die Bücher und auch die Tagebücher von Imre Kertész zeugen von der Authentizität ihres Autors. Und hin und wieder offenbaren sie jenen „heiligen“ Moment, der die Lesenden anrührt und fürs Leben verändert. Wer immer sich diesen Büchern ernsthaft hingibt, taucht als ein anderer daraus hervor. Genau das ist Weltliteratur: eine Literatur, in der das Bleibende aufgehoben ist, über den Autor, die Lesenden, die Epoche hinweg.

Titelbild

Imre Kertész: Letzte Einkehr. Tagebücher 2001 - 2009 .
Übersetzt aus dem Ungarischen von Kristin Schwamm.
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2013.
464 , 24,95 EUR.
ISBN-13: 9783498035624

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch