Plädoyer für eine neue Selbstreflexivität

Literaturwissenschaftliche Anmerkungen zu Peter Ullrichs Buch über Antisemitismuskritik und Antizionismus in der deutschen Linken

Von Jan SüselbeckRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jan Süselbeck

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Schon die Kombination der Förderer dieses Bandes über die deutsche Linke und ihr ambivalentes Verhältnis zum Antisemismus spricht für sich. Damit Peter Ullrichs Publikation in dem – unter Akademiker/innen für seine immensen Druckkostenzuschüsse berüchtigten und zugleich als State-of-the-Art-Adresse mit hohem symbolischen Kapital geschätzten – Wallstein Verlag erscheinen konnte, bezahlte die Axel-Springer-Stiftung, und zugleich dankt der Autor der Rosa-Luxemburg-Stiftung für „die Unterstützung bei den Arbeiten an diesem Buch“.

Was bewegte diese beiden, auf den ersten Blick politisch so diametral entgegengesetzt orientierten Vereinigungen, sich gemeinsam für das Projekt zu engagieren? Der Springer-Konzern, nicht erst seit 1968 mit der „Bild“-Zeitung einer der mächtigsten Agitatoren gegen die Studentenbewegung und die Linke in Deutschland, verfügt über eine Unternehmensverfassung. Diese soll laut Angaben der Konzern-Website „gesellschaftspolitische Grundüberzeugungen“ definieren, „aber keine Meinung“ vorgeben. Weiter heißt es: „Die Grundsätze werden ergänzt durch die Leitlinien zur Sicherung der journalistischen Unabhängigkeit bei Axel Springer und einen internationalen Katalog sozialer Standards.“ Jeder, der bei Springer eingestellt wird, muss diese Leitlinien unterschreiben. Das zweite Statut des Verlags fordert das „Herbeiführen einer Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen, hierzu gehört auch die Unterstützung der Lebensrechte des israelischen Volkes.“

Die Rosa-Luxemburg-Stiftung wiederum, die der Partei „Die Linke“ nahesteht, hat ebenfalls gute Gründe, das Thema des vorliegenden Buches für wichtig zu halten. Gab es doch seit 2011 immer wieder aufwallende Debatten über einen genuinen Antisemitismus der Linkspartei, der unter anderem von der internen Plattform der „linksjugend“, bak-shalom, heftig kritisiert und analysiert wurde. Nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch in der Partei selbst wurde also „intensiv weiter diskutiert und gestritten“, wie es im oben verlinkten Artikel auf der Website von bak-shalom heißt. „Mit ihrem Beschluss über ein Par­tei­pro­gramm am 23. Oktober 2011 in Erfurt bekannte sich Die Linke schließlich klar zur deutschen Ver­ant­wor­tung für den millionenfachen Mord an Jüdinnen und Juden. Sie leitete daraus die Verpflichtung ab, ge­gen je­den Antisemitismus einzutreten und bekräftigte ihr Engagement für das Existenzrecht Israels und eine Zwei-Staa­ten-Lösung im Nahen Osten.“

Mit bloßen Parteibeschlüssen ist allerdings ein Problem wie der Antisemitismus kaum aus der Welt zu schaffen. Zudem gibt es in Deutschland eine äußerst komplexe Landschaft linker Strömungen und Konflikte, die oftmals nur diejenigen halbwegs durchschauen, die mehrere linke Zeitungen und Zeitschriften abonniert haben oder selbst in der Linken engagiert sind. Der Soziologe, Kulturwissenschaftler und Mitarbeiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung Peter Ullrich versucht nun in seinem Band „Deutsche, Linke und der Nahostkonflikt. Politik im Antisemitismus- und Erinnerungsdiskurs“, was aufgrund rigider Frontstellungen oder auch Freund-/Feind-Schemata innerhalb der deutschen Linken seit vielen Jahren geradezu unmöglich geworden zu sein scheint. Er möchte mittels objektiver Analysen der jeweiligen Argumentationsformen, Diskurspositionen oder auch frames, also Deutungsmuster, zwischen den sogenannten Antideutschen – also den ostentativ pro-israelisch eingestellten Antisemitismuskritikern, wie sie in Zeitungen oder Zeitschriften wie „Bahamas“, „Jungle World“ und „Konkret“ publizieren – und einer antiimperialistischen, teils antizionistisch auftretenden Linken aus dem Umkreis des „Neuen Deutschland“, der Zeitung „junge welt“ und der Partei „Die Linke“ vermitteln.

Dabei ist das Buch nicht zuletzt als luzide Einführung in die Formen des ‚sekundären‘ Antisemitismus nach Auschwitz allgemein lesbar, wie sie sich in Deutschland in ganz spezifischer Weise herausgebildet haben und – keineswegs nur in der Linken – in beängstigender Weise um sich greifen. Ein instruktives Dossier aus den betreffenden Kapiteln der Studie, die sich teils aus überarbeiteten Beiträgen zusammensetzt, die der Autor bereits früher einmal an entlegenen Stellen publizierte, erschien vor Kurzem in der „Jungle World“, die damit einmal mehr unterstrich, dass es sich bei dieser Zeitung entgegen anderslautender Vorurteile um ein äußerst debattierfreudiges und offenes Blatt handelt: Zumindest ist so neben dem Springer-Konzern und der Rosa-Luxemburg-Stiftung nun auch noch eine vielfach als rabiate ‚antideutsche‘ Postille geschmähte Wochenzeitung zu den lobenswerten Förderern von Ullrichs Buch zu zählen.

Ullrich gelingt es in seinen – teils mit Co-Autor/innen zusammen verfassten – Kapiteln, auf gewisse Blindheiten und Probleme in allen analysierten linken Parteiungen und Lagern hinzuweisen, aber nicht nur dort: So wird sowohl die „Bild“-Zeitung für ihren forcierten und verkürzten Philosemitismus kritisiert, als Ullrich auch trotz seiner eher verteidigenden Positionierung an der Seite der Partei „Die Linke“ konstatiert, dass die Kritik an einem Antisemitismusproblem in dieser Organisation, wie sie Samuel Salzborn und Sebastian Voigt 2011 in einer viel beachteten Schrift äußerten, trotz der eindeutigen Beschlusslage der Linkspartei zur Anerkennung des Staates Israel, die Salzborn und Voigt ignoriert hätten, „einen rationalen Kern“ habe.

In Ullrichs Aufsatzsammlung sind Definitionsprobleme, die verschiedene Formen des Philo- und Antisemitismus derzeit aufwerfen, ein zentrales Thema. Obwohl der Philosemitismus „eine Verwandtschaft mit dem Antisemitismus in der Form und in der Reaktion auf die gleiche Ausgangssituation“ zeige, stelle er „sicherlich ein geringeres Problem als der Antisemitismus dar“, meint Ullrich. Andererseits kritisiert er an Artikeln aus der „Jungle World“ beziehungsweise bei Autoren wie Stephan Grigat und Matthias Küntzel die Tendenz, die „Forschungen zur (unbestrittenen) Kollaboration von Palästinenser/innen mit dem Nationalsozialismus“ angeblich „extrem überzubewerten“. Dies führe zu „teils extremen Verzerrungen“ im politischen Diskurs, indem diese Autoren „bis heute etablierte Wahrnehmungsmuster einer binär codierten Opfer- und Vertretungskonkurrenz“ auch zeitlich zurückprojizierten. Schlüssige Belege für diese Behauptung, etwa in Form von Zitaten von Grigat und Küntzel, zwei tatsächlich überaus schätzenswerten Analytikern der derzeitigen Situation im Nahen Osten und in Israel, bringt Ullrich an der Stelle allerdings nicht bei – was auch insofern befremdet, als er ja selbst im zitierten Satz einräumt, eine frühere Kollaboration von PalästinenserInnen und Nationalsozialisten sei „unbestritten“.

Angesichts eines Leipziger Flugblattes von 2002 moniert Ullrich dennoch die Tendenz, die ,sekundär’-antisemitische Identifikation des Staates Israel mit dem Nationalsozialismus einfach umzudrehen und stattdessen die Palästinenser/innen in homogenisierenden Darstellungen „als  Kollaborateure beziehungsweise Wiedergänger der Nationalsozialist/innen“ darzustellen. Dadurch werde „von der tatsächlichen Heterogenität der Einstellungen und Diskurse innerhalb der palästinensischen Bevölkerung abgelenkt“. Angesichts der Tatsache, dass dieser „Diskurs zuerst als anti-antisemitischer entstanden“ sei, sei es „umso erstaunlicher, welche strukturellen Parallelen zum Antisemitismus hier reproduziert und nicht reflektiert“ würden: „Insbesondere am radikalen Rand des antideutschen Spektrums wird mit dieser Diskursstrategie ein Grad der Dämonisierung erreicht, der nicht zuletzt sein eigenes normatives Ideal (den Kultus der Individualität) ad absurdum führt und unverhüllte rassistische Zuschreibungen vornimmt“.

Die empörte Antwort auf diese Kritik der Antisemitismuskritik antideutscher Gruppierungen wird sicherlich nicht lange auf sich warten lassen. Zumal man dem Vergleich Ullrichs zumindest entgegenhalten muss, dass tatsächlich kein Mensch in Israel die Vernichtung der Palästinenser fordert, während die drohende Ankündigung, Israel werde in naher Zukunft durch einen gerechten Djihad samt seinen jüdischen Einwohner/innen komplett von der Landkarte radiert, nicht nur in den Botschaften von Terrororganisationen wie der Hamas und der Hizbollah gang und gäbe ist, sondern auch in Deutschland seit über 10 Jahren bei jeder Demonstration zum al-Quds-Tag durch skandierte Chiffren bekräftigt wird, von der jeder der Beteiligten weiß, was sie genau bedeuten sollen. Mit anderen Worten: Die antisemitische Behauptung, Israel sei ein rassistischer Apartheidsstaat und gehe mit den Palästinensern in Gaza so um wie die Nazis mit den Juden in den KZs, ist mitnichten mit der berechtigten Kritik gleichzusetzen, es gebe in islamistischen Kreisen erschreckend viele Leute, die offen die Fortführung der Shoah fordern. Ersteres ist eine paranoide Wahnvorstellung, die nirgends in der Realität ihre Bestätigung findet, während Letzteres schlicht den Tatsachen entspricht. Das konnte man kürzlich sogar in der ARD dokumentiert sehen (etwa ab Minute 19 der hier verlinkten Dokumentation).

Hinzu kommen in dem von Ullrich porträtierten, hochkomplexen und teils auch diffusen politischen Panorama linker Gruppierungen die Anhänger/innen der Critical Whiteness Studies, deren rassimuskritische Sprechverbote wiederum von den Antideutschen äußerst scharf angegriffen werden. Die essentialistische und, wie Ullrich anmerkt, in sich ebenfalls höchst widersprüchlichen Parteinahme der Critical Whiteness Studies für People of Colour führe bei der pro-israelischen Linken in ihrer forcierten Konzentration auf das Antisemitismusproblem zu einer „antiantisemitischen Abkehr von der Rassismuskritik“.

Hier gibt es, zugespitzt gesagt, eine Art Mexican standoff wie in einem Film von Quentin Tarantino: Die Critical Whiteness Studies zeihen den ‚dämonisierenden Verallgemeinerungsdiskurs‘ pro-israelischer Antisemitismuskritiker/innen gegenüber dem Islam des offenen Rassismus, während Letztere den Ersteren vorwerfen, für den eliminatorischen Antisemitismus des „Islamfaschismus“, den sie im Nahen Osten an der Tagesordnung sehen, schlicht blind zu sein und sich damit selbst zu nützlichen Idioten der Planer eines drohenden kommenden Holocaust zu machen.

Ullrich versucht sich in diesem veritablen ideologischen Minenfeld mit bemerkenswerter Ruhe und Nüchternheit zu bewegen. So stellt er im Blick auf den teils nur schwer dingfest zu machenden ‚sekundären‘ Antisemitismus in der antizionistischen Linken und ihrer ‚Israelkritik‘ einen 8-Punkte-Fragenkatalog auf, der zwar keine eindeutigen Antworten auf die Frage geben könne, ob jemand, der sich demonstrativ mit den Palästinensern solidarisch zeige, um aus dieser politischen Positionierung heraus Israel zu kritisieren, antisemitischen Vorurteilen folge. Die Antworten auf die Fragen, die möglichst „ja“ lauten sollten, könnten aber doch Kriterien liefern, die „bei der Sensibilisierung hilfreich“ seien:

- Werden an Israel die gleichen Kriterien wie  an andere Länder/Konflikte angelegt?

- Werden die legitimen Interessen aller beteiligten Menschen, auch der Israelis, mit bedacht?

- Wird eine Gleichsetzung Israels mit dem Nationalsozialismus vermieden?

- Wird die besondere Bedeutung der Shoah und des Antisemitismus als ein Grund (unter anderen!) der Entstehung Israels anerkannt?

- Ist man in der Lage, die Konfliktparteien nicht nur als homogene Blöcke zu sehen, sondern auch ihre innere Widersprüchlichkeit wahrzunehmen und auch die unterstützten Konfliktpartei in verschiedenen Punkten zu kritisieren?

- Schließt man Bündnisse mit rassistischen und antisemitischen Kräften aus?

- Werden keine antisemitischen Stereotype verwendet?

- Werden nicht fälschlich Jüdinnen und Juden für die israelische Politik verantwortlich gemacht oder Antisemitismus oder Antisemitismus mit der israelischen Politik rationalisiert?

Dieser systematische Versuch, eine Klassifizierung oder Kategorisierung typisch gewordener antisemitischer Bewertungsmuster in der politischen Kultur Deutschlands vorzunehmen, dürfte auch Literaturwissenschaftler aufhorchen lassen, die sich mit der Bestimmbarkeit und Kritisierbarkeit ästhetischer Stereoytype ‚des Juden‘ in der Literatur auseinandersetzen. Stellte doch der Literaturwissenschaftler Martin Gubser bereits 1998 eine vergleichbare 6-Punkte-Liste für die Feststellung von Elementen des Literarischen Antisemitismus seit dem 19. Jahrhundert auf, die seit der Jahrtausendwende wiederum zu vielfältiger Kritik und Differenzierung dieses für verkürzt gehaltenen Ansatzes im Fach geführt hat. Nun könnte man Ullrichs Punkte im Grunde gut zu denen Gubsers hinzunehmen, um in der Gegenwartsliteratur Texte wie das umstrittene Gedicht „Was gesagt werden muss“ von Günter Grass zu interpretieren. Könnte man doch die Frage, ob die Gleichsetzung Israels mit dem Nationalsozialismus in diesem Text vermieden werde, im Blick auf die vielsagende Metaphorik des Gedichts, die eine geradezu mustergültige Täter-Opfer-Umkehr nahelegt, zum Beispiel keineswegs ohne Weiteres mit „ja“ beantworten.

Ebenso verhält es sich mit der siebten Frage: „Werden keine antisemitischen Stereotype verwendet?“ Wenn das Gedicht von Grass unter anderem behauptet, die Atommacht Israel gefährde den „Weltfrieden“, so ist damit einerseits eines der ältesten antisemitischen Stereotype überhaupt aufgerufen – das der Juden als ,Kriegstreiber’, die gleich die gesamte Welt ins Unglück zu stürzen drohen. Dass Grass jedoch nicht die Juden nennt, sondern ,nur’ den Staat Israel, ist eine gängige Chiffre des sogenannten sekundären Antisemitismus, deren Verwendung, wie etwa Monika Schwarz-Friesel und Yehuda Reinharz kürzlich in einer instruktiven Studie belegt haben, zu den am weitesten und gerade auch in der ,Mitte’ der bürgerlichen deutschen Gesellschaft verbreiteten Diskursstrategien zur Vermeidung des Antisemitismusvorwurfes dort gehören, wo dennoch uralte antisemitische Wahnvorstellungen erneut aufgerufen werden.

Ähnlich wie im Fall der ,Checkliste’ Gubsers kann man aber auch im Blick auf Ullrichs Buch festhalten, dass die von dem Autor ins Auge gefasste Sensibilisierung für das Problem des Antisemitismus im politischen Alltag bereits ein wichtiger Schritt ist, den viele Diskutant/innen oder auch Leser/innen bisher nicht einmal im Ansatz nachvollzogen haben. Auch in der Literaturwissenschaft hat sich seit Gubsers Buch über den Literarischen Antisemitismus ein ganz neues Interesse an den von Simone Winko und Renate von Heydebrand in ihrer „Einführung in die Wertung der Literatur“ (1996) so genannten „axiologischen Werten“, also den übergeordneten Wissensmaßstäben und die Zuordnungsvoraussetzungen wissenschaftlicher Einschätzungen von Fremdheitsbildern in Texten entwickelt. Ullrichs Buch zeigt seinen Leser/innen zumindest soviel: Dass es alle Gruppierungen der deutschen Linken genauso wie in die Literaturwissenschaftler/innen dringend nötig haben, die eigenen Wertungsmaßstäbe in ihrer Positionierung zum Thema Antisemitismus jeweils immer wieder neu und selbstreflexiv zu hinterfragen.

Titelbild

Peter Ullrich: Deutsche, Linke und der Nahostkonflikt. Politik im Antisemitismus- und Erinnerungsdiskurs.
Wallstein Verlag, Göttingen 2013.
207 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783835313620

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