Ein Kantersieg der Männer

Ein von Johannes G. Pankau herausgegebener Sammelband stellt Autoren und Werke des Fin de Siècle vor

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Seit einiger Zeit wird vom belesenen Bildungsbürgertum gerne darüber geklagt, jungen Menschen falle es zunehmend schwer, sich auf die Lektüre zusammenhängender Texte zu konzentrieren oder gar komplexeren Argumentations- und Gedankengängen zu folgen. Schuld daran seien neben anderen Faktoren etwa das kurzatmige Internet und die Gewohnheit, schnell durch allerlei verdummende Fernsehsendungen zu zappen. Ganz so neu ist ein solches Lamento allerdings nicht. Bereits ein rundes Jahrhundert vor dem Internet und ein halbes, bevor das TV in die Wohnstuben Einzug hielt, bedauerte Hugo von Hofmannsthal in seinem berühmten „Chandos“-Brief, dass ihm „völlig die Fähigkeit abhanden gekommen“ sei, „über irgendetwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen“. Als Schuldiger wurde hierfür am Ausgang des 19. Jahrhunderts allerdings noch das hektische Großstadtleben des als nervös gebrandmarkten Zeitalters ausgemacht.

Der Literatur des Fin de Siècles ist nun ein von Johannes G. Pankau herausgegebener Sammelband gewidmet, der sich an ein gebildetes Laienpublikum richten dürfte, wie dies bei den Publikationen der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, in deren Programm das Buch erschienen ist, bekanntlich nicht selten der Fall ist.

Da der Herausgeber in der Einleitung nicht nur konstatiert, dass sich „bündige Charakterisierungen des Fin de Siècle verbieten“, sondern zudem ausdrücklich moniert, dass diese Zeit „immer wieder als fest umrissene ‚Epoche‘ in Studienplänen und Einführungen“ auftaucht, wundert es dann schon ein wenig, dass sie im Untertitel des Bandes eben doch als „Epoche“ apostrophiert wird.

Jedenfalls möchte der Herausgeber mit dem Band „zeittypische Aspekte, die in der kulturwissenschaftlichen Diskussion in jüngerer Zeit verstärkt thematisiert werden“ und „einige der anerkannt bedeutenden Autoren in den Vordergrund rücken“. Ein, wie man meinen könnte, entbehrliches Unterfangen, stehen Dinge doch quasi per definitionem im Vordergrund, wenn sie „anerkannt bedeutend“ sind und „verstärkt thematisiert“ werden.

Vorgestellt wird etwa die sich in „Film, Cabaret, Varieté“ manifestierende „Unterhaltungskultur um 1900“. Ihr widmet der Herausgeber persönlich einen Beitrag, in dem er nicht zu unrecht „Heteronomie, Vielfalt, Widersprüchlichkeit“ als „Kennzeichen der Fin-de-Siècle-Kultur“ ausmacht. Einem anderen Aspekt, der „Nervenkunst“, geht Galina Hristeva am Beispiel des ungleichen und nicht selten konkurrierenden Geschwisterpaares „Psychoanalyse und Literatur“ nach, um anhand von Texten Sigmund Freuds und Arthur Schnitzlers zu zeigen, „dass ‚Nervenkunst‘ nicht nur ein Schwelgen in ‚Sensationen‘, nicht nur Ästhetizismus und ‚Mystik der Nerven‘, sondern auch Traumatologie sein kann“. Sigurd Paul Scheichl wiederum vergleicht kunstschaffende „Cliquen und Kreise“ in der Wiener und Münchener Boheme. Sie unterschieden sich etwa darin, dass im Wiener Café Griensteidl „kein Platz für Literatinnen, auch nicht in den Freundes- und Bekanntenkreisen von Hofmannsthal, Schnitzler und den anderen“ war, in Münchens Schwabing hingegen sehr wohl.

Nur wenig Platz finden Literatinnen auch in dem vorliegenden Sammelband. Gemäß der seit Menschengedenken immer gleich gestrickten Masche, Männer als mit individuellen Eigenschaften ausgestatte Personen zu würdigen, Frauen jedoch entindividualisierend als Menschen zu betrachten, die wesentlich durch ihr Geschlecht determiniert sind, werden die Literatinnen der Zeit in nur einem Beitrag über den – wie Pankau formuliert – „Anteil weiblichen Schreibens“ zusammengepfercht, während nicht weniger als sieben Literaten die Ehre zuteil wird, je einen eigenen Artikel gewidmet zu bekommen. Hinzu kommt, dass der Titel des den ‚weiblichen Anteil‘ behandelnden Beitrags, „Frauen und Frauenliteratur“, nicht einmal zwischen Autorinnen, Leserinnen und weiblichen Figuren unterscheidet. Tatsächlich aber handelt der von Cornelia Pechota verfasste Aufsatz doch ganz wesentlich von den Autorinnen und hier wiederum vornehmlich von zweien, der „entfesselten Gräfin“ Franziska zu Reventlow und von Lou Andreas-Salomé, „die zu Lebzeiten immerhin ernst genommen wurde“. Die Werke Reventlows und Salomés gleichen sich nun Pechota zufolge so sehr, dass es ihr fast scheint, „als hätten sie voneinander abgeschrieben“.

Von dergleichen kann bei den Autoren natürlich keine Rede sein, handelt es sich doch bei jedem von ihnen um einen ganz eigenen genialen Kopf. Eröffnet wird der siebenköpfige Männerreigen des Bandes mit einem Brüderpaar. Hans Richard Brittnacher wendet sich „Heinrich Mann als Autor des Fin de Siècle“ zu, während Ortrud Gutjahr das Frühwerk von Thomas Mann beleuchtet. Anschließend würdigt Elke Maria Clauß Arthur Schnitzlers „Frühe Erfolge“. Hartmut Vicon folgt Frank Wedekinds „Aufbruch ins 20. Jahrhundert“. Antonia Eder nimmt Hugo von Hofmannsthal in den Blick und Fred Lönker den „frühen Musil“. Abschließend misst Erich Unglaub „Grenze und Übergang bei Rainer Maria Rilke“ aus. Da hat sich dann doch wenigstens noch ein weiblicher Vorname in die Literaten-Riege eingeschlichen.

Doch nicht nur in den einzelnen Autoren gewidmeten Beiträgen, auch in den Aufsätzen zu thematischen Aspekten ist die Hegemonie der Männer ungebrochen. Sie nimmt schon in der Einleitung des Herausgebers ihren Anfang, der ohne weiteres einräumt, bei der Auswahl besonders zu würdigender „Autoren“ habe seine „persönliche Präferenz“ eine Rolle gespielt. So habe die Frage, warum andere Schriftsteller nicht mit einem persönlichen Aufsatz bedacht wurden, durchaus ihre Berechtigung. Stefan George, Carl Sternheim, Paul Heyse, Max Halbe, Ernst von Wolzogen, Julius Bierbaum und Richard Dehmel wären etwa in Frage gekommen, räsoniert er – und noch immer fallen ihm ausschließlich Männer ein.

Helmut Koopmann wiederum nennt in seinem Beitrag über „Erscheinungsformen, Begründungen, Gegenbewegungen“ der Décadence ausschließlich Männer als deren literatische Vertreter. Es sind dreiundzwanzig an der Zahl. Die Gründe für diesen Geschlechterbias verrät er nicht. Vielleicht hat er ihn nicht einmal bemerkt. Das heißt jedoch keineswegs, dass Frauen in seinem Text gar keine Rolle spielen. Das tun sie sehr wohl. Allerdings nicht als Vertreterinnen der Décadence. Vielmehr handelt es sich bei der Malerin Angelika Kaufmann, deren Bilder einer „versunkenen gloriosen Antike“ huldigten, und Isolde Kurz, die „Renaissancenovellen“ verfasste, um Künstlerinnen, die sich ganz im Gegenteil bemühten, „dem Sog einer sich überall stärker ausbreitenden Décadence zu entgehen“. Natürlich fanden sich unter den Kunstschaffenden, die nicht der Décadence anhingen, ebenfalls Künstler – und auch sie werden von Koopmann genannt. Doch stellt sich die Frage, ob es Zufall sein kann, dass es – folgt man Koopmann – ausschließlich Männer gewesen zu sein scheinen, die der Décadence anhingen. Vermerkt sei auch, dass der Autor die „Neorenaissance“, die durch Künstlerinnen wie Kurz und Kaufmann vertreten wurde, als „lächerlichen Dilettantismus“ und „unglaubwürdig“ kritisiert.

Ganz offensichtlich möchte der vorliegende Band nicht mit neuen Forschungsergebnissen glänzen, wartet also weder mit herausragend innovativen Erkenntnissen auf, noch strebt es sie an. Doch dürfte manch einer der Beiträge für ein interessiertes Laienpublikum und StudienanfängerInnen durchaus mit einem gewissen Gewinn zu lesen sein. Da der Band jedoch von der gesamten Anlage her dazu beitragen dürfte, dass die Relevanz der Literatinnen des Fin de Siècle weiterhin unterschätzt wird, kann man ihn nicht wirklich zur Lektüre empfehlen.

Titelbild

Johannes G. Pankau (Hg.): Fin de Siecle. Epoche Autoren Werke.
WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2013.
238 Seiten, 29,90 EUR.
ISBN-13: 9783534245871

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