Notizen über die Liebe – süß und bitter

Tina Strohekers „Luftpost für eine Stelzengängerin“

Von Jenny SchonRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jenny Schon

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Tina Stroheker hat einen kleinen Text in sanften Tönen vorgelegt, Ruhe geht von den Zeilen aus, den kleinen, halbseitigen Prosatexten. Entsprechend verhalten ist das stille Begehren, das sich hier eine Frau eingesteht:„Ich will umfallen, weil ich mit dem Mann meines Lebens verheiratet bin und nicht genug von Dir kriegen kann. Immer will ich so gehen wie jetzt, neben dir durch die Straßen. Der boy ist heraus aus der box und ist eine Frau geblieben, eine, die eine Frau im Arm hält.“

Tina Strohekers Ich entdeckt etwas für sich Neues: die Frau, die andere Frau, mit der sie sich verbinden möchte. Sie tastet sich heran. „Du bist anders: Geheimnis der Spiegelung…Wir berühren einander, versuchen, wie nah wir uns kommen…unsere Haut als Verbündete…unsere Körper verstehen sich…Rätsel der Spiegelung. Aus dem Spiegel trittst Du auf mich zu, ich auf dich. Keine von uns ist ein Narziß. Ich bin sicher, wir gehen uns nicht verloren, wenn wir ins Wasser greifen…“ Sie lernen sich näher kennen. „Zwei Frauenköpfe und viel Himmel darüber….Wir sitzen auf Decken und Anoraks, trinken Cola und Bier… Wir sehen beide fröhlich aus…Du schaust zu mir herüber. Was du denkst, ist Dir nicht anzusehen.“

Eine der vielen Fragen, die Stroheker der Freundin, der Geliebten stellt, lautet: „Wie lassen sich Stelzen besteigen? Und wie steht sich’s da oben?“ Gestelzt darf eine nicht tun auf Stelzen, auch nicht hochnäsig, weil das zu gefährlich wäre. Aber die Frage, wie eine da wieder runter kommt, wie sie zur Erde zurückkommt,  bleibt offen. Einige Seiten später findet Stroheker die Titel gebende Pointe: eine Brieftaube. „Für Luftpost an eine Stelzengängerin. Aber Vorsicht, solche Post muß leicht sein, ganz leicht.“

Wo Glück ist, ist meist auch Trennung. Sie lauert zwischen den Zeilen. Seiten später fleht sie: „Sperr mich nicht aus…Schick mich nicht fort.“ Doch die Trennung kommt, aneinander denken, sich sehnen, auf Post warten, in Gedanken an das geliebte Wesen die Geschichten erzählen, die einem draußen begegnen. „Im Traum betrat ich Deine Wohnung noch einmal, sie war dunkel und sehr aufgeräumt. Die Post hatte keinen Brief gebracht. Der Anfang ist wie das Ende, so scheint es: „Die Schokolade schmeckt bitter. Die Schokolade schmeckt süß. Du hast sie mir über den Tisch gereicht…“

Aber die Wertung am Ende ist anders: „Die Schokolade schmeckt süß. Die Schokolade schmeckt bitter. Ich hab sie im Dorflädchen gekauft und gleich davon abgebissen.“ Am Anfang steht die Ahnung um eine beginnende Zweisamkeit, die bittere Schokolade wird süß, am Ende schmeckt die süße Schokolade bitter, sie wird im Lädchen gekauft, nicht von der Geliebten gereicht. Die Frau geht allein an den Rhein, schwimmen. Sie fühlt sich wie ein Seehund. Als sie zu frösteln beginnt, verwandelt sie sich „wieder in eine Frau, alleine an einem Ufer, die einen Rest Schokolade ißt, ihre Sachen zusammenpackt, losgeht.“

Das war’s, denkt man. Und es war viel. Es war Liebe.

Titelbild

Tina Stroheker: Luftpost für eine Stelzengängerin. Notate vom Lieben.
Klöpfer und Meyer Verlag, Tübingen 2013.
106 Seiten, 16,00 EUR.
ISBN-13: 9783863510701

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