Reich ist der Mann, der sich satt essen kann

Ernst Schubert gibt einen Einblick in die mittelalterliche Esskultur

Von Yvonne LutherRSS-Newsfeed neuer Artikel von Yvonne Luther

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ernährungsgeschichte als Zugang zur Gesellschaftsgeschichte – das ist die Leitidee, auf der das Werk des Historikers Ernst Schubert zum Essen im Mittelalter fußt. So beginnt er seine Darstellung direkt mit einer grundlegenden, die immer noch populären Irrtümer über fleischreiche Gelage ausräumenden Einführung. Das Bild der stets knappen Nahrungsdecke zieht sich dann auch wie ein roter Faden durch das gesamte Hörbuch. Der Hörer, der sich von dem etwas plakativen Titel angezogen fühlt und vielleicht sogar mittelalterliche Rezepte erwartet – die Schubert zufolge übrigens wohl kaum heute als schmackhaft empfundene Gerichte hervorbrächten – wird also enttäuscht werden.

So kommen auch die im Titel genannten Nonnenfürze (ein Fettgebäck) im Hörbuch gar nicht zur Sprache – die wichtige, über Jahrhunderte vorherrschende Getreidebreinahrung dagegen ausführlich. Wer einen fundierten, sorgfältig recherchierten Einstieg in die Thematik sucht, wird hier zwar fündig, bekommt jedoch bereits beim ersten unbedarften Hören den Eindruck, etwas Unvollständiges, in gewisser Weise Unabgeschlossenes vor sich zu haben. Des Rätsels Lösung ist schnell gefunden: Schuberts bereits 2006 erschienenes Buch „Essen und Trinken im Mittelalter“ erweist sich nach kurzer Durchsicht als Grundlage beziehungsweise Textspender des Hörbuchs. Das umfangreiche Werk ist jedoch nur teilweise für die CD umgesetzt worden: Während das nun vorliegende Hörbuch den ersten Teil („Das Essen“) wiedergibt – und auch dies nur in Ausschnitten – enthält das gedruckte Buch einen zweiten Teil zum Thema Trinken sowie einen dritten „Essen und Trinken in den Lebensordnungen“.

Im Hörbuch steht zunächst das wichtigste Nahrungsmittel des Mittelalters – das Getreide, in der Regel in Form von Brei und Brot – ausführlich im Mittelpunkt. Die Bedeutung und Verwendung der verschiedenen Getreidesorten wird ebenso dargestellt wie die Schwierigkeiten der Vorratshaltung oder die gravierenden Auswirkungen von Handelsblockaden auf die Versorgung der Menschen. Angenehm aufgelockert wird die Darstellung dabei durch Beispiele aus literarischen Zeugnissen, die etwa die hohe Bedeutung der allgegenwärtigen Breinahrung untermauern. Schubert blickt auch über die im Fokus des Werkes stehende Zeitspanne hinaus, wenn er zum Beispiel darauf aufmerksam macht, dass der Haferbrei bis ins 18. Jahrhundert eine übliche Alltagsspeise war. Ebenfalls ausführlich beschrieben wird die Entwicklung des Brotes und des Backens im Laufe des Mittelalters und darüber hinaus. Die Darstellung der Professionalisierung des Bäckerhandwerkes setzt den Ansatz des Zugangs zur Gesellschaftsgeschichte über die Ernährungsgeschichte adäquat um.

Der zweite Teil des Hörbuchs widmet sich dem Fleisch oder vielmehr der im Mittelalter vorherrschenden Fleischarmut und dem Umgang mit dieser. Schubert betont hier, dass die aus heutiger Sicht einfallslose, getreidelastige Küche des Mittelalters der knappen Nahrungsdecke geschuldet war – und damit eigentlich eher als einfallsreich bezeichnet werden muss. Fleischarmut bestimmte die Küche des gemeinen Mannes. Fleisch war Festtagen vorbehalten, wie anhand von Zitaten aus zeitgenössischen Quellen belegt wird. Auch das Nahrungsmittel Fleisch wird wie das Brot genutzt, um die Entwicklung des (spätmittelalterlichen) Metzgerhandwerks und seiner Reglementierung, zum Beispiel durch einen Schlachthauszwang, darzustellen.

Teil Drei der CD nimmt das mittelalterliche Grundnahrungsmittel Fisch in den Blick. Ausgehend vom ehemaligen Fischreichtum der Gewässer macht Schubert deutlich, dass auch hier nicht von einer ausreichenden Versorgung der Bevölkerung ausgegangen werden kann: Die Fischerei war ein Herren- oder auch ein Gemeinderecht, zudem war Fisch kaum preisgünstiger als Fleisch. Im Laufe des Mittelalters gelang es jedoch, kommunale Fischereirechte durchzusetzen und damit einen Verrechtlichungsprozess in Gang zu setzen. Der Bedarf an Fisch zeigt sich auch in der Etablierung von Teichwirtschaft und Fischzucht, die sich durch das ganze Mittelalter zieht. Der Fisch bietet auch einen Ansatzpunkt, die Bedeutung der Hanse im Zusammenhang mit der Nahrungsversorgung einzuflechten, war doch der Hering ein äußerst wichtiges, in ganz Europa verbreitetes Fernhandelsgut.

Schließlich wird der Frage nachgegangen, wie es um die Obst- und Gemüseversorgung im Mittelalter bestellt war. War die mittelalterliche Küche vitaminarm? Vermutlich war sie es, jedoch gehört die Obstbaugeschichte zur weitgehend verloren gegangenen Geschichte des Alltags, sodass zum Beispiel heutige Apfelsorten nur bis ins 18. Jahrhundert zurückzuverfolgen sind. Dennoch dokumentieren bereits Obstmarktordnungen aus dem 14. Jahrhundert die Veränderungen im Ernährungsalltag, das heißt wohl den Rückgang der Bedeutung des Wildobstes. Kulturkontakte lassen sich aber auch anhand der Verbreitung des Gemüses beobachten, zum Beispiel durch die Übernahme der Gurke aus dem osteuropäischen Raum nach Westeuropa.

Das Hörbuch bietet insgesamt einen guten, fundierten und Interesse weckenden Einstieg in die Thematik Essen im Mittelalter. Sprecherin Kerstin Hoffmann trägt den Text angenehm ruhig – einem Sachbuch angemessen – manchmal jedoch etwas monoton vor. Die faktenbasierte Darstellung der einzelnen Themenbereiche wird durch Zitate aus Quellen, Verweise auf literarische Werke und die Einbindung passender zeitgenössischer Sprichwörter aufgelockert und gleichzeitig argumentativ unterstützt. Dass es sich bei diesem Hörbuch um Auszüge aus einem wesentlich umfangreicheren Druckwerk handelt, wird jedoch leider allzu deutlich – auch da ein abschließendes Kapitel fehlt und die CD dadurch etwas unvermittelt endet. Schubert gelingt durchaus die angestrebte Verzahnung von Ernährungsgeschichte und Kulturgeschichte beziehungsweise Gesellschaftsgeschichte, jedoch geht in der Ausschnitthaftigkeit des Hörbuchs viel von seiner theoretischen und methodischen Fundierung verloren. Eine in sich geschlossene, mit Anmerkungen und ausführlichem Quellen- und Literaturverzeichnis ausgestattete Darstellung in einem (gedruckten) Buch lässt sich offensichtlich nicht ohne Weiteres in ein gelungenes Hörbuch umgestalten.

Titelbild

Ernst Schubert: Hirsebrei und Nonnenfürze. Leben und Essen im Mittelalter.
Gesprochen von Kerstin Hoffmann.
WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2009.
1 CD, 12,90 EUR.
ISBN-13: 9783534600267

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