Fern von Trivialität und Hyperkomplexität

Der von Roland Pauler auf 2 CDs vorgelegte Hörbuch-Überblick zu Karl dem Großen (auditorium maximum) besticht durch die Kombination aus hoch komplexer historischer Informationen und Quellenauszügen mit eingängig vorgetragenen Textpartien

Von Jürgen WolfRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jürgen Wolf

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Einleitung gibt zunächst einen groben Überblick über Gestalt, Herrschaft und Rezeption Karls, wobei Reflektionen auf die Karlswahrnehmung vom 18. bis zum 21. Jahrhundert eine Brücke zwischen dem uns doch recht fern und dunkel erscheinenden 8. und 9. Jahrhundert und der Moderne schlagen.

Der konzise Überblick beginnt mit den römischen Wurzeln der karlischen Herrschaftsidee. Konsequent in der Tradition zeitgenössischer Geschichtswerke wie dem ‚Pantheon‘ Gottfrieds von Viterbo oder der ‚Kaiserchronik eines Regensburger Geistlichen‘ werden Cäsar und Augustus als Fundamente des Kaisertums, das dann mit Karl die dudischen herren übernehmen, herausgestellt. Die kurze Skizze der römischen Kaisergeschichte mündet im spätantiken Verfall des Imperiums und der Völkerwanderung mit ihren dramatischen Veränderungen in Zentraleuropa, um dann zunächst das Papsttum als Sachwalter des römischen Kaisertums in den Blick zu nehmen. Der Silvesterlegende und der sogenannten Constantinischen Schenkung sind einige Minuten gewidmet. En passant gelingt es Pauler, alle wesentlichen Aspekte dieser Schenkung herauszupräparieren, ihre Bedeutung für das mittelalterliche Spannungsverhältnis zwischen Papst- und Kaisertum aufzuzeigen und die Geschichte ihrer Entlarvung als Fälschung auch nicht zu verschweigen.

Als weitere Säulen der Entwicklungen werden anschließend die fränkische Königstradition, die Persönlichkeit Karls und der Aufstieg der Arnulfinger in den Blick genommen. Nach Pauler – und da ist ihm vorbehaltlos zu folgen – ist nur auf diesen vielschichtigen Grundlagen der Aufstieg Karls verständlich. In den nächsten Minuten wird Karls Weg zum Königtum von der Geburt bis zur Herrschaftsübernahme nacherzählt. Neben unmittelbaren Quellen zur Karlsgeschichte fließen allgemeine Erkenntnisse zur infantia und pueritia – Kindheit und Jugend – eines Herrschersprosses in die Darstellung ein. So entsteht ein weit über die Karlsfigur hinausreichendes Kindheitsszenario mit Aspekten von Wissen und Ausbildung bis hin zu Schulbildung und Glauben. Es folgen einzelne Aspekte der ersten Herrscherjahre, aber vor allem auch eine Reflexion der karlischen Herrschaftsidee. Im Zentrum stehen dabei die Sachsensfeldzüge (772-804) mit der Christianisierung und der Italienfeldzug mit den spannungsreichen Beziehungen zwischen West- und Ostrom.

Karl steuert auf den Zenit seiner Macht zu: Die Kaiserkrönung. Sie folgt allerdings erst nach rund 30 weiteren Minuten auf der zweiten CD, denn eingeflochten sind zuvor zahlreiche ‚weiche’ Fakten, wie „Aussehen und Charakter“ Karls, sein „Familiensinn“, sein Kulturprogramm und seine „Großzügigkeit“. Nach bewährter Manier kommen zahlreiche zeitgenössische Autoren und Quellen zu Wort, um ein möglichst dichtes Bild Karls zeichnen zu können. Im Zentrum stehen Einhards ‚Karlsvita‘ und die ‚Reichsannalen‘, die in Teilen paraphrasiert und jeweils in historische Zusammenhänge eingepasst werden. Die zweite CD ist ganz der karlischen Kaiserzeit gewidmet. Vor der Kaiserkrönung steht aber noch eine „Rekonstruktion“ der karlischen Selbstdarstellung „auf reicher Basis“, so Pauler. Einmal mehr kommen zahlreiche zeitgenössische Quellen zu Wort. Das so entstehende feinmaschige Karls-Bild wird immer auch auf einem für ein Hörbuch beachtlichen wissenschaftlichen Niveau relativiert und reflektiert.

Das Attentat auf Papst Leo leitet die Berichte zur Kaiserkrönung ein. Erneut sind es auf der einen Seite die zeitgenössischen Quellen, aus denen die Ereignisse rekonstruiert werden, um sie auf der anderen Seite vor dem Hintergrund der Forschung zu reflektieren. Das komplexe Verhältnis Karls zu Leo und vor allem der Kaiser- zur Papstidee kann so von allen erdenklichen Seiten beleuchtet werden. Pauler rückt dabei den patricius Romanorum (Schutzherrn der Römer) ins Zentrum seiner Überlegungen. Romzug und Kaiserkrönung schließen diesen Abschnitt ab.

Wie im ersten Teil folgt auf die Darstellung der harten Fakten sofort die Aufarbeitung der Hintergründe und Folgen. So geht es in den folgenden Minuten auf Basis der ‚Einhardsvita‘ um die Legitimation der Kaisererhebung und das Verhältnis zu Ostrom. Angesprochen sind dabei unter anderem das sogenannte Einhardsrätsel, also die Frage, ob Karl wirklich Kaiser werden wollte oder ob er die Kaiserkrone nur widerwillig und völlig überraschend aufgezwungen bekommen habe – eine Frage, die insbesondere im Kontext nationalpatriotischer Überlegungen im 19. Jahrhundert diskutiert wurde. Zur Sprache kommen auch die zeitgenössischen Vorstellungen vom nahen Weltende samt ihrer Bedeutung für die Kaiserkrönung. Dahinter steht die Idee, Karl könne wenige Tage vor dem Ende der diesseitigen Welt im Jahr 800 der Retter sein.

Das Hörbuch beschließen Reflexionen zu den Folgen der karlischen Kaiserkrönung: zur Herrschaftslegitimation, zur Stellung seines Kaiserreichs im Bezug zu Ostrom, zur mit vielfältigen Ideen aufgeladenen Münzprägung. Hier schließt sich der Kreis von der Antike bis zur Moderne, denn es sind vornehmlich römisch-kaiserzeitliche Traditionen, die von Karl aufgenommen werden: renovatio romanii imperii – Erneuerung des römischen Kaiserreichs. Und es sind die Ideen des karlischen Kaisertums, die die Entwicklung Mitteleuropas bis in unsere Zeit prägen werden.

Als Fazit bleibt festzuhalten, dass Roland Pauler hier nicht nur ein ganz vorzügliches Karlsbild, sondern überhaupt für dieses Metier vorbildliches Hörbuch vorgelegt hat. Ihm gelingt es, historische Quellen und Forschungspositionen sowie Eingängigkeit zu verbinden, ohne dass jemals Trivialität oder wissenschaftliche Hyperkomplexität drohten.

Titelbild

Roland Pauler: Karl der Grosse. Der Weg zur Kaiserkrönung.
WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2010.
2 CDs, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783534601370

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