Klassiker zur polnischen Literaturgeschichte

Die Neuausgabe der „Geschichte der polnischen Literatur“ von Czeslaw Milosz erscheint mit einer DVD

Von Stephan KrauseRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stephan Krause

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

1969 brachte Czesław Miłosz (1911-2004), der polnisch schreibende und im heutigen Litauen geborene Dichter und Nobelpreisträger von 1980 „The History of Polish Literature“ zuerst heraus. Miłosz war 1961 Professor für Slawistik in Berkeley geworden und hatte mit dem beinahe 600 Seiten starken Band ein handbuchartiges literaturhistorisches Werk vor allem für die US-amerikanischen Studierenden geschaffen. Es avancierte zum Klassiker, zum oft und gern konsultierten Referenzwerk, das zunächst auf Englisch und ab 1981 in deutscher Übersetzung vorliegt. Seit 1993 ist es auch in polnischer Sprache greifbar, seit 2010 als vollständige Ausgabe.

Der große Übersetzer polnischer Literatur ins Deutsche, Karl Dedecius, würdigt das Buch in seinem einleitenden Essay als für ihn uneingeschränkt gültiges und befragbares Handbuch, das an seinem „Schreibtisch bis heute griffbereit“ stehe, um ihn anzuregen etwa durch „einen kritischen Treffer des skeptischen Optimisten Czesław Miłosz“.

Dieses Buch, um das es hier geht, war – so lässt sich unter anderem auch Dedecius reichhaltigen Erinnerungen in der Einleitung entnehmen – und ist – so darf hier vorwegnehmend gesagt werden – im Moment seines Erscheinens ein (kleines) literaturhistorisches Ereignis. Wojciech Więckowski, Direktor des Instytut Polski in Leipzig, dem diese Neuausgabe der „Geschichte der polnischen Literatur“ von Czesław Miłosz zu danken ist, weist mithin völlig zurecht auf deren Besonderheit hin: Es handelt sich um ein für den akademischen Betrieb verfasstes Kompendium der polnischen Literatur, das von einem Dichter geschrieben wurde. Die Suche nach Alternativen zu Miłoszs reichhaltigem Buch führt entweder zu Publikationen aus den 1920er-Jahren oder zu Dietger Langers ‚Abriss‘ „Polnische Literaturgeschichte“ von 2010. Aus einer der ostmitteleuropäischen Literaturen ließen sich allenfalls Antal Szerbs populär gehaltene, 1934 veröffentlichte „Magyar irodalomtörténet“ [Ungarische Literaturgeschichte] (in Ungarn mittlerweile als 15. Nachdruck von 2005 erhältlich) und seine „A világirodalom története“ [Geschichte der Weltliteratur] von 1941 (2006 erschien der 14. Nachdruck) noch als ähnliche Beispiele nennen. Doch liegt Szerbs „Ungarische Literaturgeschichte“ nur in einer eher versteckt gebliebenen deutschen Übersetzung vor, die Gabriele und Josef Gerhard Farkas 1975 in Youngstown, Ohio (!) herausbrachten, und auch deren Bekanntheitsgrad lässt sich – zumindest außerhalb Ungarns – mit dem von Miłoszs Buch wohl nur schwer vergleichen. Eine Geschichte der polnischen Literatur in deutscher Sprache auf der Grundlage aktueller Forschung, wie sie etwa Ernő Kulcsár Szabó für die ungarische vorgelegt hat, bleibt ein Desiderat. Szerb schreibt sein Buch zudem nicht aus der Situation oder dem Blickwinkel eines im Exil Lebenden und besitzt auch nicht jenen Gestus des informativen Erklärens, der sich bei Miłosz wohl an die Studierenden gerichtet hatte. Gerade diese Perspektivierung seines umfangreichen Gegenstandes, der sich für Miłosz als ‚die polnische Literatur in ihrer historischen Entwicklung‘ benennen ließe, macht den Reiz und die vergleichsweise gute Lesbarkeit dieses Textes aus. Dies trifft auch noch eingedenk der völlig berechtigten Anmerkungen von Hans-Christian Trepte zu, der am Schluss des Buches die Gestalt dieser Reprintausgabe erläutert. Seine kritischen Hinweise auf die in der deutschen Übersetzung teilweise leicht irreführende Orthografie polnischer Namen sind alles andere als Spitzfindigkeiten eines Philologen. Sie beugen vielmehr möglichen Irrtümern bei weiterführender Recherche vor und verweisen zugleich vielleicht indirekt auf die Zusammenhänge zurück, in denen Miłoszs Buch entstand (und übersetzt wurde).

Neben der gewissenhaften editorischen Präsentation dieser Reprintausgabe und der instruktiven und durchaus persönlich gehaltenen Einleitung von Dedecius enthält der Band aber noch eine wertvolle Zugabe: eine DVD mit dem Dokumentarfilm „Czesław Miłosz: Die Geschichte der polnischen Literatur des 20. Jahrhunderts“, Regie: Ewa Pytka-Chylarecka, von 1999. Der Film bietet knapp eine Stunde Miłosz im Originalton mit deutschen Untertiteln sowie mehrere eindrucksvolle Rezitationen und lässt das verhaltene, zuweilen doch entschiedene und stets angenehme Reflektieren Miłoszs über die polnische Literatur und ihr Werden noch in einem anderen Medium als dem gedruckten Text anschaulich werden. Miłoszs Ausführungen im Film sind eine Ergänzung zum Buch und zugleich eine indirekte Reflexion dieses literaturhistorischen Werkes selbst, dessen Entstehungskontext auch die polnische Geschichte spiegelt. Der Film geht aber zeitlich über den im Buch behandelten Rahmen hinaus und endet mit Miłoszs perspektivischem Fazit, einer Einschätzung zum Fortgang der polnischen Literaturgeschichte, in der „die tragische Geschichte Polens darauf drängen [wird], zu Wort zu kommen“, wie Miłosz sagt. Dies ist zugleich die Antwort auf eine Aussage des futuristisch-dadaistischen Dichters Aleksander Wat (1900-1967), die Miłosz zuvor im Film zitiert: Polen habe keine Literatur hervorgebracht, die seiner Tragödie entspreche. Miłoszs Geschichte der polnischen Literatur endet im Epilog des Buches mit dem Bezug auf die Einsetzung des Kriegsrechts (stan wojenny): „Der 13. Dezember 1981 bleibt zweifellos ein trauriges Datum in der Geschichte Polens, das an andere Daten von Niederlagen im Kampf des Volkes für die Unabhängigkeit von Beginn des 18. Jahrhunderts an erinnert. In Zukunft wird die polnische Literatur, so wie es bereits in der Vergangenheit geschah, Zeugin des unlösbaren Konflikts zwischen dem Engagement des Schriftstellers für die gemeinsame Sache des Widerstands sein und den persönlichen Ambitionen, sich selbst als Individuum auszudrücken.“

Wojciech Wieckowskis und Hans-Christian Treptes behutsamen Einschränkungen im Hinblick auf die Benutzung von Miłoszs Literaturgeschichte und ihre (sprachliche) Form, „die nur durch eine vollständige Neuauflage zu beheben wären“, ist zwar grundsätzlich zuzustimmen. Dass Miłoszs Buch nun in dieser erweiterten Neuausgabe vorliegt, ist aber nicht nur höchst erfreulich, sondern es zeigt den (unangefochtenen) Status als Standardwerk an, den Czesław Miłoszs „Geschichte der polnischen Literatur“ zu Recht genießt.

Titelbild

Czeslaw Milosz: Geschichte der Polnischen Literatur.
Mit einer Einleitung von Karl Dedecius und dem Dokumentarfilm "Czes?aw Mi?osz: Die Geschichte der polnischen Literatur des 20. Jahrhunderts".
Francke Verlag, Tübingen 2012.
450 Seiten, 49,99 EUR.
ISBN-13: 9783772084560

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