Eine Mammutaufgabe

Über Peter Nussers Literaturgeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart

Von Albrecht ClassenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Albrecht Classen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die vorliegende zweibändige Literaturgeschichte ist bereits in einer Frühfassung 1992 beziehungsweise 2002 bei Alfred Kröner im Druck erschienen; nun liegt sie, leicht revidiert, das heißt durchgesehen und aktualisiert, erneut vor, jetzt von der Wiss. Buchgesellschaft verlegt. Im Wesentlichen hat sich Nusser erneut die Aufgabe gestellt, circa 1.200 Jahre deutsche Literaturgeschichte in großen Zügen nachzuzeichnen und kritisch zu sichten, was für einen einzelnen Autor eine ungeheure Leistung ausmacht, wie man auch im einzelnen urteilen mag. Der Rezensent hat beide Bände in der ursprünglichen Fassung bereits einmal rezensiert und verweist daher auf seine früheren Kommentare, jedenfalls zum zweiten Band, der sich allerdings nur bis 1800 erstreckte: Daphnis 33, 1-2 (2004): 320-22. Die Rezension des ersten Bandes hatte in der Zeitschrift Synopsis erscheinen sollen, die aber vorher eingestellt wurde. Im Gegensatz zur Erstauflage hat jetzt Nusser auch die Zeit von 1800 bis zur unmittelbaren Gegenwart berücksichtigt und damit sein Projekt beeindruckend komplettiert.

Bei solch einem Mammutunterfangen darf man nicht beckmesserisch Details kritisch beurteilen, sondern muss zunächst die globalen Strukturelemente in Betracht ziehen. Generell kann man von vornherein konstatieren, dass die Masse an Material, die von Nusser gesichtet wurde, schlicht erstaunlich ist, denn er gelangt sowohl in Bezug auf die Literatur des Frühmittelalters als auch auf diejenige der letzten zehn Jahre und mehr zu tiefgreifenden, überzeugenden und stets triftigen Urteilen. Wohin man auch blickt, stößt man auf gute Überblicke, zusammenfassende Interpretationen und vor allem, was generell den Schwerpunkt ausmacht, Bemühungen, die literarischen Texte in ihren geistesgeschichtlichen und mentalitätshistorischen Kontext zu stellen, jedoch ohne dass diese theoretischen Modelle kritisch vorgestellt würden. Anstatt also schlicht chronologisch oder gattungsspezifisch vorzugehen, strebt Nusser an, zentrale Aspekte als Leitfaden zu benutzen. Das Frühmittelalter wird daher zunächst aus der theologisch-religiösen Perspektive behandelt, woran sich die Darstellung hoch- bis spätmittelalterlicher und frühneuzeitlicher geistlicher Literatur anschließt, womit ein sehr interessanter Bogen bis hin zur protestantischen Reformation geschlagen wurde. Der Preis für solch ein mutiges Vorgehen besteht leider darin, was natürlich unvermeidlich ist, dass eine gute Zahl von bekannten und bedeutenden Dichtern bzw. Autoren, etwa unter den Mystikerinnen, schlicht wegfällt oder dass so manche nur flüchtig gestreift werden. Hartmanns von Aue „Gregorius“ (circa 1190) hätte dann hier mitberücksichtigt werden müssen, während dieser Text erst viel später im Rahmen von Hartmanns Gesamtwerk diskutiert wird.

Die notwendige Auswahl ist manchmal fast schmerzlich, aber es geht Nusser nicht um eine minutiöse Behandlung all derjenigen, die einen Beitrag zur Literaturgeschichte geleistet haben, sondern um die thematische Durchdringung und Analyse im globalen Zuschnitt. Dies gelingt ihm in eindrucksvoller Weise, und dies sowohl im Abschnitt zur Vormoderne als auch zur Moderne. Allerdings hätte man sich dann gerade bei solchen Meisterwerken wie dem „Hildebrandslied“ mehr an Interpretation gewünscht, denn die Forschung ist doch erheblich vorangeschritten, was bei dieser revidierten Neuauflage jedoch kaum zu erkennen ist. In den Anmerkungen zeigt sich nämlich, dass Nusser kaum jemals wissenschaftliche Literatur zitiert, die über die 1980er-Jahre hinaus erschienen ist. So stellt er zwar richtig fest, dass impliziert die vasallitische Ehre als etwas Barbarisches hingestellt wird (123), aber worin die wahre Kritik der Mönche bestanden haben mag, die den Text aufgeschrieben oder sogar neu gestaltet haben, werden wir nicht aufgeklärt (Kommunikation, Familie versus Sippe, Exil, Geschenke, Rassismus, Fremdheit et cetera).Sehr sympathisch wirkt hingegen immer wieder, wie sehr der Autor darum bemüht ist, den sozialhistorischen Hintergrund auszuleuchten, wie wir es zum Beispiel in Bezug auf die ritterliche Dichtung beobachten. Nusser zitiert aber weiterhin ganz unbedarft die Thesen von Norbert Elias zum Zivilisationsprozess (1939), obwohl sie doch schon längst stark unter moderner Kritik gelitten haben. Und dann, bei den großen Versromanen, bietet er ausführliche Inhaltszusammenfassungen, die für sich genommen durchaus hilfreich sein werden, aber in Anbetracht der heutigen Forschungslage und zahlreicher anderer Einführungen eigentlich nicht mehr so recht am Platz zu sein scheinen. Ganz noch so wie in den 1980er-Jahren und früher endet für Nusser mit Wolfram und Gottfried die Zeit der hochhöfischen Dichtung, und dann erwähnt er nur noch einige Namen aus den späteren Generationen (auf einer Seite), um sich darauf dem Minnesang zuzuwenden. In diesem Zusammenhang geht er schließlich zwar auch auf Neidhart ein, den er immer noch als „(aus dem Reuental)“ identifiziert, aber Hugo von Montfort, Oswald von Wolkenstein, Michel Beheim oder der Mönch von Salzburg, poetische Giganten des 15. Jahrhunderts, finden nur noch namentliche Erwähnung oder fallen ganz unter den Tisch (Hugo).

Ausführlich diskutiert Nusser anschliessend die kulturelle Welt der spätmittelalterlichen Stadt als Folie für die dort entstandene Literatur, wobei er relativ ausführlich auf die Gattung des mære, der Schwankerzählung und des allegorischen Romans (Wittenwilers „Ring“) eingeht. Zuletzt bemüht er sich noch, die Literatur der Unterschichten zu greifen, indem er die sogenannten Volkslieder und -sagen bedenkt, ohne sich jedoch bewusst zu werden, wie weit die Forschung schon seit gut zwanzig Jahren deutlich von solchen Urteilen hinsichtlich des Populären Abstand genommen hat, die nur aus der Romantik stammen und wenig bis gar nichts mit den literarhistorischen Bedingungen gemein haben. Den Abschluss bildet ein eindringliches und gut verständlich geschriebenes Kapitel zum Humanismus und zur artes liberales Literatur, wobei uns Nusser bis hin zum späten 16. Jahrhundert führt. Wir erfahren zwar die Namen der großen Schwankautoren Jörg Wickram und Hans Wilhelm Kirchhof, aber was sie wirklich geschaffen haben, wird uns dann leider wieder fast gänzlich vorenthalten.Der zweite Band greift bei der Hofkultur des Absolutismus ein, wobei es dem Autor weiterhin ein großes Anliegen ist, so ausführlich wie möglich stets zunächst die sozialen, historischen, ökonomischen, politischen und religiösen Bedingungen darzustellen. Mit Befriedigung stellt man fest, dass im Abschnitt zum Barockdrama gleich eingangs auch das Jesuitendrama erwähnt wird, wenngleich die Informationen zum Jesuitenorden nicht ganz ausreichend sind. Ebenso erfreulich ist, dass sich Nusser am Ende jedes Großkapitels noch einmal darum bemüht, die wesentlichen Aspekte im Überblick zusammenzufassen, womit er gute Brücken zum nächsten Abschnitt schafft. Dort werden wir klar nachvollziehbar in die Grundlagen der Aufklärung eingeführt, aber die philosophischen Thesen, die hierzu wesentlich beitrugen (Kant), kommen kaum zur Sprache, wie überhaupt diese ganze Arbeit durch ihre Berührungsängste hinsichtlich der Philosophiegeschichte gekennzeichnet ist. Umso mehr kann man dafür Nusser Anerkennung aussprechen, eine äußerst gut lesbare Darstellung geschaffen zu haben, die viele komplexe Verhältnisse in leicht fassbarer Weise vor Augen führt. Wesentlich stärker als vorher gelingt es auch Nusser, die Volksliteratur, wie sie etwa um 1800 stark verbreitet war, in die Diskussion einzuschließen und sie vorsichtig abwägend in ihrem eigenen Wert zu behandeln. Er kehrt später wiederholt zu diesem Aspekt zurück und kann somit eine sympathisch vielschichtige Literaturgeschichte entwerfen, die zukünftigen Lesern durchaus zu empfehlen ist. Allerdings macht sich auch hier in diesem großen Abschnitt zur modernen Literatur ebenfalls bemerkbar, dass der wissenschaftliche Apparat recht veraltet ist, jedoch nicht so dramatisch wie im ersten Band.

Anstatt sich hier ausführlich mit Nussers Behandlung der großen Klassiker auseinanderzusetzen, woran nicht viel auszusetzen ist, soll lieber die ausdrückliche Beachtung der neueren Literatur seit 1945 hervorgehoben, wobei er deutlich zwischen der BRD- und der DDR-Literatur unterscheidet, leider aber die Literatur Österreichs und der Schweiz nicht gesondert beachtet, von deutschsprachiger Literatur im Ausland ganz zu schweigen (Lisa Kahn, Robert Schopflocher, Gabrielle Alioth, Renate Ahrens). Immerhin findet sich ein Kapitel zu Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt, und Autoren wie Christoph Ransmayr, Ingeborg Bachmann, Elfriede Jelinek oder Herta Müller werden selbstverständlich mitberücksichtigt. Breit rezitierte Autoren der Gegenwartsliteratur wie Patrick Süsskind oder Bernhard Schlink kommen schließlich auch noch sehr kurz zur Sprache, während die mittlerweile mit großer Aufmerksamkeit verfolgte Migrantenliteratur (Zafer Şenocak) genauso fehlt wie die bedeutende Lyrik von Yoko Tawada unter anderem.

Insgesamt besticht aber Nussers neu aufgelegte und erheblich erweiterte Literaturgeschichte sowohl durch ihre Breite als auch die gute Durchdringung des vorgestellten Materials. Sie ist formal und inhaltlich so eindrucksvoll gestaltet, dass man sie gut und gern vielen verschiedenen Leserkreisen nahelegen kann. Der Wissenschaftler in einem entdeckt natürlich überall Lücken oder Oberflächlichkeiten, aber keine Literaturgeschichte kann wirklich noch den heutigen Erwartungen ganz entsprechen, ist ja die Forschung insgesamt so weit vorangeschritten, dass eigentlich kein einzelner mehr es zu schaffen vermag, dieses Genre so zu gestalten, dass wirklich alle Seiten ganz zufrieden sein werden. Trotzdem scheint das vorliegende Ergebnis nicht völlig ausreichend zu sein. Wenn so bedeutende Lyriker wie Oswald von Wolkenstein bloß namentlich genannt, wenn ein Mærendichter wie Heinrich Kaufringer nur dürftig berücksichtigt wird, wenn so bedeutende Frauen der Reformationszeit wie Argula von Grumbach und Anna Ovena Hoyers ganz unterschlagen werden, wenn ein längst schon wiederentdeckter Anakreontiker wie Friedrich von Hagedorn bloß namentlich auftaucht, wenn wichtige Revolutionsdichter wie Georg Weerth und Ferdinand von Freiligrath gerade mal so erwähnt werden, dann fehlt dann doch einiges. Andererseits, um gerecht zu sein, Nusser ist es tatsächlich gelungen, auf 1262 Seiten mehr oder weniger das Wesentliche der deutschen Literaturgeschichte in den Blick zu nehmen und eigentlich auch in den Griff zu bekommen. Dafür und für vieles mehr verdient er unsere Anerkennung.

Ein Beitrag aus der Mittelalter-Redaktion der Universität Marburg

Titelbild

Peter Nusser: Deutsche Literatur. Vom Mittelalter bis zur Frühen Neuzeit (Band I).
WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2012.
474 Seiten, 39,90 EUR.
ISBN-13: 9783534254491

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Titelbild

Peter Nusser: Deutsche Literatur. Vom Barock bis zur Gegenwart (Band II).
WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2012.
788 Seiten, 39,90 EUR.
ISBN-13: 9783534254507

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