Im „Eifer des Festhaltenwollens“

Hermann Hesse als Zeichner und Maler

Von Klaus HammerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Klaus Hammer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

3.000 Aquarelle fanden sich in seinem Nachlass, dazu tausende kleinformatige Bilder, mit denen er seine Briefe und Gedichthandschriften versah. Zu malen begonnen hat er im Ersten Weltkrieg, als ein Nervenzusammenbruch ihn zu einer psychoanalytischen Behandlung führte. Auf ärztliches Anraten, seine Träume doch bildlich zu fixieren, entdeckte der schon 40-jährige Hermann Hesse seine Befähigung zum Zeichnen und Malen. Aus dem kühlen Norden, aus Bern war er 1919 in das sonnendurchglühte Tessin übergesiedelt, hatte in einem alten Schlösschen in Montagnola oberhalb von Lugano zwei Zimmer gemietet und gab sich hier ganz dem Malen hin – als Ausweg aus der ihn bedrückenden Realität, als eine Art des Ausruhens von dem „Hauptgeschäft“ der Literatur. Sein Landsmann Gottfried Keller hatte, nachdem er als Maler gescheitert war, zur steten Abschreckung eine leere, weiße Leinwand in seinem Arbeitsraum aufgespannt. Das musste Hesse nicht tun, er durfte sich frei der Farbe verschreiben, konnte er doch immer wieder zur Literatur zurückkehren. Denn die Liebe zum bildlichen Darstellen hat ihn auch in seiner Lyrik und Prosa erfüllt. Noch der Fünfundsiebzigjährige erklärte, als er „Vom Altsein“ und dessen Gaben sprach: „Die mir teuerste dieser Gaben ist der Schatz an Bildern, die man nach einem langen Leben im Gedächtnis trägt“. Er nannte sein Leben ein „Bilderbuch“, in welchem er behutsam blättere, und griff damit ein ihm zeitlebens lieb gebliebenes Wort seines Schaffens auf. Er hat aber genauso auch die Welt der Töne eingefangen und in Wortmusik neu erklingen lassen.

Aus dem Nachlass des Sohnes Heiner Hesse ist jetzt eine Ausstellung der künstlerischen Arbeiten Hermann Hesses zusammengestellt worden, die bis ins nächste Jahr hinein in vier Stationen durch Deutschland zieht (Kunsthaus Stade, 2. Februar bis 11. Mai 2014; August Macke Haus Bonn, 28. Mai bis 14. September 2014; Kunsthalle Vogelmann – Städtische Museen Heilbronn, 18. Oktober 2014 bis 11. Januar 2015; Kunstsammlungen Zwickau – Max-Pechstein-Museum, 7. Februar bis 3. Mai 2015). Mehr als 130 Zeichnungen mit Bleistift, Kreide, Tusche und Feder, Gouachen und Aquarelle aus den Jahren 1917 bis 1937 werden gezeigt: Landschaften, Orte, Häuser, Bäume, Blumen, Gärten, Interieurs, Stillleben, in denen die Welt mit Maleraugen gesehen wird, kaum aber Porträts oder Figurendarstellungen. Manchmal glaubt man, in einem Aquarell die bildliche Entsprechung zu einem literarischen Text des Schriftsteller-Malers vor sich zu haben. Obwohl das natürlich eine Täuschung ist, denn Hesse hat mit seinen Aquarellen keine Illustrierung der Literatur beabsichtigt. Es sind autonome Kunstwerke, und wenn er sie seiner Lyrik oder Prosa beigegeben hat, dann, um zwei unterschiedliche Kunstgattungen einander ergänzen zu lassen.

Im reich bebilderten Katalog spürt Ina Hildburg, Kuratorin der Hesse-Ausstellung im Kunsthaus Stade, dem bildnerischen Schaffen Hermann Hesses nach, wobei sie ihre besondere Aufmerksamkeit auf die Zeichnungen richtet. Es setzt mit zwei Berner Alpenansichten von 1916 ein, Hesse unternahm Malausflüge in der Gegend von Locarno, immer wieder zeichnete er die Casa Camuzzi in Montagnola, in der er 12 Jahre wohnte, reiste durch das Tessiner Land. Mit dem Umzug in die Casa Rossa in Montagnola 1931 wurden dann Malausflüge in die Umgebung seltener. Jetzt entstanden vor allem Gedicht- und Briefillustrationen. Abseits der künstlerischen Moderne ist Hesse seine eigenen Wege gegangen. Regina Bucher, Mitkuratorin der Ausstellung und Direktorin des Museums Hermann Hesse in Montagnola, gibt Einblicke in die Beziehung von Hermann und Heiner Hesse. Heiner Hesse, der zweite Sohn aus Hermann Hesses erster Ehe mit Maria Bernoulli, war als Innendekorateur und Schaufenstergestalter sowie später gelegentlich auch als Buchillustrator tätig, er hatte sich in früheren Jahren vom gutbürgerlichen Dasein des Vaters abgegrenzt, der inzwischen mit seiner dritten Frau Ninon verheiratet war und in einem großen Haus in Montagnola lebte. Doch nie war der Kontakt zwischen beiden abgebrochen. Nach dem Tode von Hermann Hesses Witwe Ninon war er es, der sich aufopferungsvoll um den literarischen Nachlass des Vaters kümmerte. Er siedelte auch in dessen Wahlheimat, das Tessin, über, wo es ihm auch gelang, ein Hermann-Hesse-Museum aufzubauen, bevor er 2003 im Alter von 94 Jahren starb. Sein Sohn Silver Hesse, der seit 2003 den literarischen Nachlass Hermann Hesses verwaltet, gibt Erinnerungen an seinen Vater und Großvater wieder, während Volker Michels, Herausgeber der ersten Hermann-Hesse-Gesamtausgabe und Verwalter des bildnerischen Nachlasses Hermann Hesses, in einem Nachruf auf Heiner Hesse dessen Verdienste würdigt.

Hesse hat ganze Sätze, ja viele Seiten zur Feier der Farbe geschrieben. Er hat Worte wie „seeblau“ oder „Obstbaumdunkel“ erfunden, die eine spezifische Farbstimmung erfassen. Er hat aber auch den Sinn für den schöpferischen Menschen, dem die Farbe zum Schicksal wird, erfasst: Johann Veraguth, der Maler in dem Roman „Roßhalde“ (1914), liebte „die seltsame, kühle und dennoch leidenschaftliche Lust des Sehens“ und die „kalte Lust des Darstellens“ mehr als die Menschen. Ganz anders der lodernde, schöpferische Mensch der anderen Maler-Erzählung „Klingsors letzter Sommer“, die, als sie 1920 erschien, ausdrücklich Hesses Wohnsitz Montagnola auf dem Rückblatt der Titelseite vermerkt. Montagnola und seine Umgebung – das ist das verzauberte Klingsor-Land, in dem Hesse alles beisammen sah, was er früher im fernen Indien suchte. Hier begegnete er auch seiner späteren zweiten Frau Ruth Wenger, die in der Erzählung als „Königin der Gebirge“ auftritt, während der Maler Klingsor eine der vielen Selbstprojektionen Hesses ist, aber auch an den von ihm verehrten Vincent van Gogh erinnert.

Hier, im farbenfrohen Südtessin, wurde der Dichter Hesse zum Maler, er hat sich seine neue Heimat förmlich erwandert und ermalt. Seine Malerei trat in den 1920er-Jahren eigenständig neben die Dichtung. So heißt es in der „Nürnberger Reise“: „In den Sommermonaten ist mein Hauptberuf nicht die Literatur, sondern die Malerei, und so saß ich denn, soweit es die Augen erlaubten, recht fleißig an unsern schönen Waldrändern unter den Kastanien und aquarellierte die heiteren Tessiner Hügel und Dörfer…Meine Bildermappe wurde dicker, und so sachte und unmerklich wie jedes Jahr wurden die Felder gelber, die Morgenfrühen kühler, die Abendberge violetter, und in mein Grün musste ich immer mehr Gelb und Rot mischen. Plötzlich waren die Kornfelder leer, die rote Erde forderte Caput mortuum und Krapplack, und die Maisäcker waren golden und blassblond, es war September geworden, und die Klarheit der Nachsommertage begann“. Wenn aber das Krapplack im Malkasten fehlte, dann behalf er sich, so teilt Hesse in einer gleichermaßen ernst gemeinten wie ironischen Studie über das „Aquarellmalen“ mit, mit einer Mischung von Zinnober und Blaurot, und wenn auch das nichts half, tönte er die Umgebung des roten Hohlziegeldaches aus dem Blau ins Gelbgrüne, um wenigstens die Kontrastwirkung zu erzielen. Seine Aquarelle aus dem Tessin sind aus reiner Lust an der Farbe dahingeflossen, andere aber wirken doch sehr gebaut, wenn etwa Häuser das Blickfeld beherrschen.

Die autodidaktische Malerei Hesses steht wohl der des mit ihm befreundeten Schweizers Louis Moilliet, eines Mitgliedes der Künstlervereinigung „Der Blaue Reiter“, und der von August Macke am nächsten. Aber auch zu dem Schweizer Cuno Amiet, einem Mitglied der Künstlergruppe „Die Brücke“, stand Hesse in engem Kontakt. Was Hesse 1919 über die Ansteckungskraft der Bilder Amiets geschrieben hat, klingt, als ob der Dichter sein eigenes künstlerisches Credo verfasst hat: „Sein Blick lockt Farbe aus dem Grau, ahnt Sonne auch in der Dämmerung…Farbe ist flüchtig, Farbe ist Leben, ist Oberfläche, ist zarteste, dünnste, sensibelste Haut der Dinge, und so lösen sich die Dinge in (seinen) besten Bildern ganz in Farbe auf…Er tastet, er spielt, er stammelt oft, wo ein anderer redet, um dem tausendfältigen Roman des Lichtes zu folgen…Er setzt keine Grenzen, sondern erweitert sie“.

Die poetische Herkunft der Bilder Hesses ist offensichtlich. „Er ist ein Dichter, der malt, und ein Maler, der dichtet. Sein Umgang mit Farben ist nicht weniger poetisch als der mit Worten. Wer seine Bilder als Märchen in Farben auffasst, versteht sie vielleicht am besten“, stellte Volker Michels fest. Nicht ein Dichter, sondern ein Maler scheint in wenigen Pinselstrichen etwa in der Erzählung „Klingsors letzter Sommer“ eine Landschaft entworfen zu haben: eine rosige Straße im dampfenden Talgrün, bläuliche Bergzüge mit winzigen weißen Dörfern auf dem Berggrat oder rote edelsteinerne Häuser im tiefen Grün der Gärten. Man hat nachgezählt, dass es mehr als 50 Farben sind, die Hesse in dieser Erzählung eingesetzt hat: Schneeweiß und grauweiß, lila und violett, tiefblau und hellblau, rot, rotbraun, hellrosa, zitronengelb, staubgrün, braun, grau, stählern und so weiter. Die Farben bilden nicht nur die Wirklichkeit nach, sie sind auch einem inneren Sinngehalt zugeordnet, der der ganzen Erzählung zugrunde liegt.

So bieten auch die Farben in Hesses Aquarellen nicht nur die sommerlich-südliche Landschaft Tessins dem farbenfrohen Künstler- wie Betrachterauge dar, sondern sie üben darüber hinaus eine spezifisch dichterische Funktion aus, sie sind mit Bedeutungen behaftet, die aufs Engste mit dem künstlerischen Grundkonzept zusammenhängen.

Titelbild

Regina Bucher / Sebastian Möllers / Ina Hildburg (Hg.): Hermann Hesse, Mit Feder und Farbe. Werke aus dem Nachlass Heiner Hesse .
Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2014.
176 Seiten, 24,80 EUR.
ISBN-13: 9783775737272

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