Juli 1914

Als wär’s ein Stück von mir

Von Carl ZuckmayerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Carl Zuckmayer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Einen Kriegsausbruch wie den von 1914 wird es in der Weltgeschichte nicht mehr geben. Wenigstens nicht im Umkreis der uns bekannten abendländischen Welt. Was in afrikanischen oder asiatischen Völkern an irrationalen Frequenzen, an unverbrauchter Potenz zu kollektivem Rausch und Enthusiasmus vorhanden ist, liegt außerhalb unserer Vorstellung und mag sich auf andere Weise entladen. Die alten Völker Europas, auch ihre Nachkommen in der ‚Neuen Welt’, sind heute, im sinkenden Zyklus des zwanzigsten Jahrhunderts, ernüchtert – womit nicht gesagt ist, daß sie einsichtiger oder klüger geworden seien. Das ließe sich auch nur von Einzelpersonen, nicht von Gruppen oder Volksverbänden behaupten. Aber die Völker insgesamt haben das Gruseln gelernt. Sogar die später Geborenen, die selbst keine Katastrophenjahre mehr mitgemacht haben, tragen eine Art von Erinnerung, ein Vorgeburts-Trauma in sich, das sie eher zu Skepsis und Rationalität als zu naiver Begeisterung anhält: das Unterbewußtsein ist politisiert. Das unsere war romantisch-emotional und apolitisch. Schon der Zweite Weltkrieg wurde in keinem der beteiligten Länder mit dieser naiven Begeisterung begrüßt. Der Erste in allen.

Ein solches Ereignis, auf eine unvorbereitete Welt hereinbrechend, auf Menschen, die keiner Propaganda ausgesetzt, keiner hochgepeitschten Hysterie erlegen wären, läßt sich nicht wie ein Gewitter oder ein Schneesturm beschreiben. Was wir vom Kriegsbeginn im Jahr 1870 gehört und gelesen hatten, gab uns keinerlei Vorstellung von seiner Wirklichkeit. Es waren leere Worte und erstarrte Bilder: „Das Volk jubelte auf den Straßen“ (wie und warum jubelt ein Volk?) – „Überall wurden die Fahnen gehißt und patriotische Lieder gesungen“ – „Man drängte sich zu den Waffen“ – „Die Frauen versammelten sich, um für die Lazarette Scharpie zu zupfen“ – das alles blieb im Bereich der Phrase, farblos, unreal, auch was man bei den Reden am Sedanstag, sogar von alten Veteranen, erfuhr. Kein Mensch konnte sich ausdenken, wie so etwas wäre, wenn es im Augenblick wieder geschehen würde, zumal keine Neigung dazu vorhanden schien. Da war die Legende von den Freiheitskriegen, von der Bildung geheimer Freikorps, von Lützows wilder verwegener Jagd und den Schillsehen Offizieren uns, den balladesk eingestimmten Jüngern des ‚Wandervogel’, fast näher und verständlicher. Aber auch die gipfelte in dem Satz: „Das Volk steht auf, der Sturm bricht los“, der so abstrakt war wie die Parasangen und Stadmen in Xenophons Zug der Zehntausend. Was im Jahre 1914 wirklich geschah, und wie das vor sich ging, läßt sich nur aus dem Erlebnis eines einzelnen rekonstruieren, und das meine mag besonders exemplarisch sein, weil wir – meine Eltern, mein Bruder und ich – die letzten Friedenswochen nicht in Deutschland verbrachten, sondern in dem von den Ereignissen unbetroffenen, höchstens indirekt berührten Holland. So sind wir in die Kriegserregung nicht, wie das im Inland der Fall war, allmählich hineingewachsen, sondern wir haben sie buchstäblich über Nacht, als eine plötzliche Eruption erfahren, der eines seit langer Zeit kalten Vulkans vergleichbar, den man für tot und erloschen gehalten hatte.

Als am 28. Juni 1914 das österreichische Thronfolgerpaar in Sarajewo ermordet wurde, hatte ich andere Sorgen. Das Ereignis berührte und betraf mich nicht mehr als irgendeine irgendwo in der Welt verübte Mordtat oder eines der Bombenattentate, wie sie von Rußland bekannt waren. Es war auch keineswegs ein allgemeiner Gesprächsstoff. Man faßte das mehr als einen bedauerlichen Unglücksfall auf, eine Panne der für uns ohnehin schwer begreiflichen Donaumonarchie mit ihren vielen Völkern. Die Balkankriege in den Jahren 1912 und 1913, in denen zuerst die Bulgaren mit den Serben, Montenegrinern und Griechen über die Türken hergefallen waren, dann die Rumänen, Griechen, Türken über die Bulgaren, hatten für uns noch, wie für die Bürger im ‘Faust’, hinten weit in der Türkei stattgefunden. Man las mit Schauder und Ekel von dem blutigen Gemetzel, das diese Völker untereinander anrichteten, wie man heute von der gegenseitigen Abschlachtung im Kongo, im Sudan, in Nigeria liest. Auch hatte Österreich nur wenige Jahre vorher, 1908, einen kleinen Annexionsfeldzug gegen Bosnien und die Herzegowina auf eigne Faust unternommen, ohne daß das die internationalen Beziehungen gestört oder den deutschen Bundesgenossen hineingezogen hätte. So erwartete sich kaum jemand von dem Vorfall in Sarajewo und von dem Konflikt Österreich-Ungarns mit den Slawen die Auslösung einer Weltkrise.

Für mich war dieser Zeitpunkt krisenhaft in höchster Potenz, aber aus ganz verschiedenen Gründen. Kurz vor Beginn der Sommerferien, die von der ersten Juli- bis zur zweiten Augustwoche dauerten, sollte ich als Oberprimaner, ein halbes Jahr vorm Abitur, aus der Schule ausgeschlossen werden, weil ich durch wiederholte Aufsässigkeit meinen Klassenlehrer mitten im Unterricht in einen Ohnmachtsanfall getrieben hatte. Daß dieser Klassenlehrer ein kranker und äußerst nervöser Mann war und solchen Anfällen öfters unterworfen, rettete mir zwar, durch seine eigene Fürsprache, im letzten Moment den Kragen, konnte aber für mich selbst nicht als mildernder Umstand gelten, zumal ich ihn, einen Gelehrten von Rang, persönlich respektierte und liebte. Ich kam mir vor wie ein Mörder, schlimmer als der von Sarajewo, der ja noch den Grund einer Überzeugung für sich hatte. Bei mir war es reiner Übermut, frivole Leichtfertigkeit gewesen, eine Rebellion um des Rebellierens willen. Man hatte mich nach dem Vorfall, der das ganze Schulhaus in Erregung versetzte, durch den Pedell nach Hause abführen und meinen Eltern ein Schreiben übergeben lassen, in dem das ‚consilium abeundi’ – der Rat, freiwillig aus dem Gymnasium auszuscheiden – enthalten war. Die Tage, bis durch eine Konferenz des gesamten Lehrkörpers meine vorläufige Relegation auf Bewährung zurückgenommen und in eine mehrstündige Karzerstrafe umgewandelt wurde, waren katastrophenschwül. Mein Vater war fest entschlossen, falls ich wirklich hinausgeschmissen würde, mich nicht in einer anderen Anstalt das Maturum nachholen zu lassen, sondern mich in eine technische Lehre zu stecken, als Vorbereitung zum Eintritt in die Kapselfabrik. Von seinem Standpunkt aus war das durchaus verständlich, denn wer im Gymnasium nicht gut tut, ließ Schlimmeres für die folgenden Studienjahre befürchten. Für mich hätte der Ausschluß von Universität und freiem Bildungsgang, vor allem aber die technische Lehre und die drohende Fabrik, ein Verdammungsurteil, eine Art von ‚Lebenslänglich’ bedeutet, und ich war meinerseits fest entschlossen, in diesem Fall von zu Hause durchzubrennen und notfalls in die französische Fremdenlegion zu gehen. Denn es kam, zu der Schulkatastrophe, noch eine zweite, tiefergreifende hinzu.

Das war die erste Liebe. Und, wie ich glaubte, die große Liebe. Die einzige. Die immerwährende. Die gegenseitige Empfindung, die durch nichts mehr in der Welt ersetzbar oder zu verändern sei. Sie hatte, im vorausgegangenen Winter, mich und meine Partnerin in der ‚Tanzstunde’, eine blonde, blauäugige, berückend hübsche, kluge und gebildete Annemarie, überwältigt. Zuerst lebten wir sie in gemeinsamen geistigen Interessen aus, was uns viel tiefer verband, als es eine rein erotische Neigung vermocht hätte. Sie war die Tochter einer reichen Mainzer Familie, die auch im kulturellen Leben der Stadt eine Rolle spielte. Sie wollte Kunstgeschichte studieren und verstand bereits einiges davon, was sie für mich von all den biederen, oberflächlichen Bürgertöchtern, zukünftigen Gebärmüttern und Hausfrauen, abhob – ich war für sie der ‚junge Dichter’. Obwohl wir uns täglich sahen, tauschten wir täglich unmäßig lange, in der Nacht geschriebene Briefe aus, über alles, was uns bewegte, vor allem: die Zukunft, die wir uns nur gemeinsam vorstellen konnten. Dann kam der Kuß, die Umarmung, die Leidenschaft. Und schließlich wurden wir, unmittelbar vor meiner Schulkatastrophe, ertappt, als wir – statt mit unseren Fahrrädern zum Tennisplatz zu fahren – auf der damals noch einsamen ‚Ingelheimer Au’ uns wie Daphnis und Chloe dem Liebesspiel ergaben. Auch wenn es eine echte Kinderliebe war, so bedeutete das in dieser Zeit einen skandalösen Affront gegen Zucht und Sitte. Die Eltern – nicht die meinen, sondern die des Mädchens – setzten unsrer Verbindung ein jähes Ende. Ihr Vater, ein Mann von großer Intelligenz und gediegenen Kenntnissen in orientalischer Kunst, nahm das Ganze als eine jugendliche Exaltation, vor deren möglichen Folgen man uns mit allen Mitteln bewahren müsse. Wir durften uns nicht mehr sehen, nicht mehr schreiben, sie stand unter strengster Bewachung, und ich fühlte mich um das Beste und Edelste in meinem Leben betrogen. Tragischer Weltschmerz und Verbitterung gegen die ‚Gesellschaft’ erfüllten mich, als wir die sommerliche Reise antraten.

Obwohl nun schon der Notenaustausch zwischen Österreich, Serbien, Rußland, Frankreich, Deutschland hin und her ging, sahen meine Eltern, wie die meisten anderen Leute, keinen Grund, daheim zu bleiben oder über die Weltlage besorgt zu sein. Wilhelm der Zweite, so hieß es, werde zwischen den Österreichern und „seinem lieben Niki“, wie er den ihm verwandten Zaren Nikolaus von Rußland angeblich zu nennen pflegte, vermitteln – was er und seine Minister wohl auch zunächst versuchten – und es nicht zum Krieg kommen lassen. Er sei und bleibe ,Friedenskaiser’. Unser stehendes Heer war so ein schönes, adrettes Friedensspielzeug, für Paraden, Regatten, Geburtstagsfeiern und das gesellschaftliche Leben. Die alldeutsche Kriegspartei war klein und unpopulär. Man fühlte sich gesichert in einer Welt des Fortschritts, der Zivilisation, der Humanität. Man spürte kein Rieseln im Gemäuer, hörte kein Knistern im Gebälk. Man sah kein Wetterleuchten.

So gab man sich, während der ersten zwei Wochen, unbekümmert der guten Ferienlaune hin, in dem schönen Badeort Domburg auf der Insel Walcheren, wo der buschige Wald bis fast zu den Nordseedünen wächst.

Indessen wuchs die Kriegsgefahr in der Welt, die wir vom friedlichen Holland her nur durch einen leichten, flimmernden Sommernebel gesehen hatten, und plötzlich riß dieser Dunst auseinander und enthüllte ein drohendes, blutig-finsteres Geleucht. Die täglichen Zeitungsmeldungen registrierten die rapide Ausdehnung des Konflikts, die Nachrichten überschlugen sich. Schon wurden wilde Kundgebungen von Wien, von Berlin, von Paris und Petersburg gemeldet, wo offenbar die panslawistische Kriegspartei das Heft in der Hand hielt, schon las man von ernster Spannung zwischen Deutschland und England, in der holländischen Presse dem „geheimen deutschen Kriegsrat“, in der deutschen der „englischen Eifersucht und Einkreisungspolitik“ in die Schuhe geschoben. Schon gab es unkontrollierbare Gerüchte von ersten Grenzgefechten, von Einfällen und Angriffen auf fremdes Gebiet, die dann wieder dementiert wurden, und die ruhigen Holländer schauten uns merkwürdig an: wie Leute, die man jetzt lieber nicht sehen möchte. Wir selber wollten es einfach noch nicht glauben. „Ein Krieg in unserer Zeit“, sagte mein Vater, „ist ein Wahnsinn, ein Atavismus. Das würde ja die ganze Welt ins Verderben stürzen. Dazu entschließt sich keiner. Bis wir nach Hause kommen, ist alles wieder vorbei.“ Aber in Wahrheit spürten wir jetzt doch das kommende Unheil.

Ich erinnere mich mit voller Deutlichkeit an einen Abendspaziergang mit meinem Bruder auf den distel- und stichgrasbewachsenen Dünen. Wir schauten lange in einen rostigen Sonnenuntergang, dem rasches Schattengrau folgte, und sahen ein Schiff, wohl einen Fischkutter, mit rotbraunen Segeln und einem teergeschwärzten Mast lautlos und in gespenstischer Langsamkeit meerwärts gleiten. In diesem Augenblick wußten wir beide – es war in den späten Julitagen und noch nichts wirklich entschieden –, daß der Krieg kommen werde, daß der Friede verloren sei und unsere Jugend zu Ende. Wir faßten uns an den Händen und fanden im Bewußtsein dieser Unentrinnbarkeit die Sprache nicht, jeder wohl in aufsteigender Furcht um das Leben des anderen. Nichts spürten wir von irgendwelcher Ergriffenheit oder vaterländischer Empfindung, nichts als Grauen und Abscheu vor dem Unbegreiflichen, dem sinnlos Motorischen dieses Abgleitens der vernünftigen Welt ins Wahnwitzige.

In dieser Nacht schrieb ich einen Zyklus von Gedichten, die ich später verloren habe. Es gehört zu den Merkwürdigkeiten meines Lebens – und vermutlich geschehen solche in jedem Leben, nur von den meisten kaum beachtet –, daß ich jetzt vor einem knappen Jahr, aus dem Nachlaß einer verstorbenen Freundin, mit der ich vierzig Jahre keinen Kontakt mehr hatte, diese Verse in meiner damaligen Handschrift zurückerhielt, zusammen mit einigen Briefen und Gedichten von mir, die sie aufbewahrt hatte.

Ich setze das erste und das letzte dieser Gedichte hierher, weil sie mehr als jede Schilderung Aufschluß geben über den Seelenzustand eines jungen Menschen, der noch nicht von der nationalen Erregung überwältigt war.

Erst –
Erst hingen sie
Wie dunkler Tang den das Meer ausspie
Stumpf durch die Straßen und Plätze hin
Und jedes Einzlen angstgequälter Sinn
War voll von Flehen: Herr, wend es ab!
Herr, laß es nicht geschehen,
Stoß mich nicht ins Grab!
Und spürt zugleich: ein ungeheures Wehen
Von Wetterstürmen, in die Zeit hinein,
Und hört: Musik! Ein fernher schwellend Schrein –
Und plötzlich schrie
Ein Weib – ein Mann –
Und bald warn’s tausend
Die fast bewußtlos schrien
Und sangen, Stimmen brausend
Zum harten Firmament, wie ein Choral
Aus eines Scheiterhaufens Todesqual
Der keiner kann entfliehn – –
Das war, so hieß es dann,
Begeisterung. Wir wollen Krieg, und Sieg!
Die Waffen sind geladen!
Und glühend stieg
Von ihren Mündern jetzt ein Schwaden
Zum tauben Himmel an.

Einmal
Einmal, wenn alles vorüber ist,
Werden Mütter weinen und Bräute klagen,
Und man wird unterm Bild des Herrn Jesus Christ
Wieder die frommen Kreuze schlagen.
Und man wird sagen: es ist doch vorbei!
Laßt die Toten ihre Toten beklagen!
Uns aber, uns brach es das Herz entzwei
Und wir müssen unser Lebtag die Scherben tragen.

Ich packte diese Gedichte in ein Kuvert und schickte es, expreß an die Redaktion der ‚Frankfurter Zeitung’.

Am 28. Juli erklärte Österreich den Krieg an Serbien und begann gegen Belgrad vorzurücken. Man las in den Blättern von einer Teilmobilmachung Rußlands gegen Österreich. Mein Vater führte in den nächsten zwei Tagen einige Ferngespräche, ich nehme an, mit Freunden zu Haus und mit dem deutschen Konsulat. Am 30. Juli kam er sehr ernst aus der Telefonzelle. „Wir müssen packen. In Deutschland ist der Zustand erhöhter Kriegsgefahr erklärt, alle deutschen Untertanen im Ausland werden aufgefordert, sofort zurückzukommen.“ Am 31. reisten wir ab.

Die Frau des Hotelbesitzers fragte mich besorgt, ob ich mit meinen siebzehn womöglich auch schon in den schrecklichen Orlog müsse. „Nie!“ sagte ich. „Nie gehe ich in einen Krieg, um auf andere Menschen zu schießen. Da laß ich mich lieber einsperren.“ Es war der letzte Zug, Vlissingen-Rheinland-Basel, der noch die Grenze passierte, bevor sie geschlossen wurde. In Vlissingen, wo er am Abend abging, stiegen Deutsche ein, die mit dem Anschlußboot von England gekommen waren. Sie erzählten, daß man in London auf der Straße oder im Restaurant nicht mehr deutsch sprechen könne, ohne beschimpft oder angerempelt zu werden. Sie machten, wie wohl auch wir, einen verstörten, bedrückten, ratlosen Eindruck. So rar es noch auf der Grenzstation, spät in der Nacht. Aber wir hatten die Grenze noch nicht lang überschritten, da wurde es auf eine unfaßliche Weise anders. Schon die deutschen Zöllner, sonst unbeteiligte, gleichgültige Beamte, hatten uns Heimkehrende mit einer fast freudigen Herzlichkeit begrüßt, als seien wir persönliche Verwandte, die sie lang nicht gesehen hatten. „Es geht los“, sagte der eine oder andere, „morgen muß ich einrücken.“ Das hatte etwas von einem heiteren Stolz, einer frohen Zuversicht, als ginge es zu einem Schützenfest oder einer Hochzeitsfeier. Die nächste Station war bereits von militärischen Gestalten belebt, der Zug füllte sich mit Urlaubern und Reservisten, die hastig noch einmal nach Hause oder zu ihrer Truppe eilten. Fast alle hatten lachende, ja strahlende Gesichter, man sah keinen, der betrübt, nachdenklich, unsicher wirkte. „Wir haben es nicht gewollt“, sagten viele, „aber jetzt heißt es die Heimat schützen“, oder: „Hoffentlich wird mein Regiment gegen Rußland eingesetzt, dort ist die Gefahr am größten“ – „Die Kosaken sollen schon in Ostpreußen sein“ – „Wir sind Ulanen! Wir werden sie schon wieder wegjagen!“ – Man drückte ihnen die Hand wie alten Freunden, mein Vater bot ihnen holländische Zigarren an. (Das Schmuggeln hatte er auch in dieser Situation nicht lassen können.)

In Köln, gegen Morgen, kam der Ernst hinzu. Der große Bahnhof hallte und dröhnte, wie man es noch nie gehört hatte: von Marschtritten, Fahrgeräuschen, Liedern, die irgendwo im Chor gesungen wurden, Geschrei, dem Rasseln einer Geschützverladung, Pferdewiehern, Hufknallen auf der harten Rampe: ein Regiment oder mehrere rückten ab. In unser Abteil stiegen einige Offiziere, in der neuen feldgrauen Uniform, mit blankem Lederzeug und Reitgamaschen. Ein Rittmeister wurde von seiner jungen Frau bis ins Kupee begleitet, sie standen eng aneinandergelehnt mit verflochtenen Fingern und schauten sich ins Gesicht, wortlos, bis das Signal zur Abfahrt ertönte, dann riß sie sich los, lief hinaus. „Grüß die Kinder!“ rief er ihr noch nach, aber sie drängte sich schon durch die Menge davon, offenbar weinend. Der Offizier steckte sich eine Zigarette an, lächelte verlegen. „Na ja“, sagte ein anderer, „wenn man verheiratet ist …“

Wir hatten uns auf dem Bahnsteig Extrablätter ergattert: noch war die Mobilmachung nicht offiziell, noch war kein Krieg erklärt, was da vor sich ging, waren strategische Truppenverschiebungen, aber niemand dachte mehr an Frieden. Der Morgen dämmerte, bleiweiß und neblig, überm Rhein, der Zug fuhr langsam, an den Bahndämmen und Brücken patroullierte Landwehrbewachung in Zivil, mit Binden um den Arm, die Gewehre über die Schulter gehängt. Die heiteren Landser von der Nacht waren irgendwo ausgestiegen, die Offiziere saßen ruhig, schweigsam, gefaßt in unsrem Abteil. Ich hatte einem älteren Obersten meinen Platz angeboten und stand auf dem D-Zug-Gang, die Stirn an die Scheibe gedrückt. Was ich empfand, kann ich genau registrieren. Mit jedem Kilometer, den wir durch deutsches Land fuhren, ging etwas in mich ein – nicht wie eine Infektion, eher wie eine Strahlung, wie ein nie verspürter, prickelnder Strom, als ob man, die Hände an die Kolben einer Maschine gelegt, elektrisiert würde … Es vertrieb das leise Würge- und Übelkeitsgefühl, von der ungewohnten Nachtfahrt ohne Frühstück und der Erregung, aus dem Hals und den Därmen, es bündelte sich im Kopf zu hellen, blitzhaften Funken, die allmählich, mit dem Steigen der Sonne, in Leib und Seele eine durchdringende Wärme erzeugten, eine trancehafte Lust, fast Wollust des Mit-Erlebens, Mit-Dabeiseins. Ich habe einen solchen Zustand von Überhellung und Euphorie später noch ein- oder zweimal im Feld, vor Angriffen, im Augenblick der Entscheidung erlebt, sonst nie mehr. Immer wieder schaute ich heimlich zu dem selbst noch jungen Offizier, der von seiner Frau Abschied genommen hatte, und sah mich an seiner Stelle (mit meiner verbotenen Annemarie), aber ich hätte auch sofort mit ihm tauschen mögen oder neben ihm sein, an seiner Seite gehn; das alles war kein Denken, sondern eine Kette von sprunghaften Assoziationen, aber es war entscheidend: sein Schicksal und das all der vielen, die jetzt vielleicht ihrem Tod entgegengingen, war auch das meine, das unsere, es gab keine Trennung und keinen Abstand mehr, es war auch nicht mehr schlimm oder furchtbar, da es ja allen geschah, und unter diesen allen war man einer, der an jedes anderen Stelle treten könnte. Das Wesen der Stellvertretung, auf der jede menschliche Gemeinschaft beruht, überkam uns damals, ohne Überlegen, mit einer fast religiösen Gewalt, und nahm etwas voraus, das man später mit einem vielgeschundenen, abgedroschenen, aber inhaltsschweren Wort „Kameradschaft“ nannte.

Die Ankunft im sommerlich verschlossenen und eingemotteten Elternhaus, in dem die Polstermöbel mit weißem Stoff überzogen waren, denn die Dienstmädchen waren noch nicht von ihren Dörfern zurück, brachte mir außer dem erregenden Ausnahmezustand dieser Heimkehr eine besondere, unerwartete Überraschung. Im Briefkasten lag ein Schreiben der ‚Frankfurter Zeitung’ (ich hatte, im Vorgefühl, daß unsres Bleibens in Holland nicht mehr lange wäre, meine Heimatadresse angegeben), das mir die Annahme meiner „hochbegabten Verse“, deren Haltung ganz im Sinne der Redaktion sei, mitteilte: ein Ereignis, das ich seit meinem vierzehnten Jahr in kühnsten Traumen erhofft hatte. Ich hatte schon oft Gedichte oder Prosastücke an Zeitungen und Zeitschriften eingeschickt, die aber immer nur, wenn überhaupt, mit höflichem Bedauern zurückgekommen waren. Jetzt ließ mich das merkwürdig kalt, es enttäuschte mich eher, machte mich weder stolz noch froh. Ich konnte, nach weniger als vierundzwanzig Stunden, meine Gedichte nicht mehr verstehen, sie waren mir über Nacht fremd geworden, ich fand sie falsch, ahnungslos, beschämend, ich hatte den Wahrsinn verloren, der ihnen innewohnte. Außerdem war der vierzig Stunden alte Brief von einem Expreßschreiben eingeholt worden, in dem die Redaktion ihre Annahme, oder vielmehr die Zusage des Abdrucks, zurücknahm, da die Zeitereignisse darüber, auch über ihre, der Redaktion bisherige Auffassungen, hinweggebraust seien. Man habe jetzt der Idee eines künftigen Weltfriedens mit dem Säbel in der Faust zu dienen – was mich in diesem Augenblick auch restlos überzeugte.

Es war Samstag, der erste August. In unserer Gegend, der Mainzer Neustadt, war alles totenstill, kein Mensch und kein Fahrzeug auf der Straße, die Häuser wie ausgestorben. Aber von der Stadtmitte her hörte man, undeutlich und verworren, ein leises Brausen von vielen Stimmen, Gesang, Militärmusik. Ich lief in die Stadt. Je näher ich dem Schillerplatz kam, auf dem sich das Gouvernement der Garnison befand, desto dichter wurde das Gedränge: so ging es sonst nur zu, wenn an Fastnacht der Rosenmontagszug erwartet wurde. Aber die Stimmung war anders. Obwohl man Rufen, auch Schreien und Lachen hörte, war in dem ganzen Getriebe eine zielhafte Geschlossenheit, nichts von müßiger Neugier, so als hätte jeder dort, wo alle hinströmten, etwas Dringendes, Unaufschiebbares zu tun. Mitten durch all die Menschen marschierten kleine Kommandos der Gouvernements-Wache, die an den Straßenecken noch druckfeuchte Plakate anschlugen, darauf stand in großen, weithin lesbaren Buchstaben:
Seine Majestät der Kaiser und König hat die Mobilmachung von Heer und Flotte angeordnet. Erster Mobilmachungstag ist der zweite August.                                                                                                          gez. Wilhelm, I. R.

Sonst nichts. Wer damals dabei war, hat diesen Text nie vergessen. Da und dort traf ich Schulkameraden oder Freunde aus der Nachbarschaft, und auch das gehörte zu dem Unfaßlichen: wir sprachen kaum miteinander, wir berieten uns nicht, wir schauten uns nur an, nickten uns zu, lächelten: es war gar nichts zu besprechen. Es war selbstverständlich, es gab keine Frage, keinen Zweifel mehr: wir würden mitgehen, alle. Und es war – das kann ich bezeugen – keine innere Nötigung dabei, es war nicht so, daß man sich etwa vor den anderen geniert hätte, zurückzubleiben. Man kann vielleicht sagen, daß es eine Art von Hypnose war, eine Massenentscheidung, aber es gab keinen Druck dabei, keinen Gewissenszwang. Auch in mir, der ich am vorletzten Abend noch zu einer Holländerin gesagt hatte: „Nie werde ich in einen Krieg gehen!“ war nicht mehr der leiseste Rest einer solchen Empfindung.

Der weite Schillerplatz vorm Gouvernement war schwarz von Menschen, man erwartete wohl eine offizielle Kundgebung, eine Ansprache des Gouverneurs öder dergleichen, aber es geschah nichts, die Militärmusik spielte die prächtigen alten Märsche, da und dort hörte man ein paar Stimmen „Hurra“ rufen oder das Deutschlandlied singen, aber das verebbte gleich wieder, es ging ernst und würdig zu, fast feierlich, trotz der immer dichter gedrängten Menschenmenge. Extrablätter der lokalen Zeitungen wurden angeboten, in denen man las, daß Rußland entgegen seinem ausdrücklichen Versprechen seine gesamte Riesenarmee mobilisiert habe, daß die „russische Dampfwalze“ mit ungeheurem Einsatz von Divisionen auf die deutsche Ostgrenze zustampfe, daß Frankreich ohne Warnung mobilgemacht habe und den deutschen Westen bedrohe. Wir sprachen nur noch davon, bei welchem Regiment man sich am besten melden sollte. Einer unserer Freunde, Sohn eines höheren Offiziers, informierte uns, daß mit den Kriegserklärungen am nächsten Tag zu rechnen sei und daß dann wohl überall Freiwillige angenommen würden. Am liebsten wären wir gleich alle zusammen in eine Kaserne gelaufen und gar nicht mehr heimgegangen. Wir hatten die Arme ineinandergehakt und bildeten eine Kette, um uns im Gedränge nicht zu verlieren – ich weiß noch heute den Namen jedes einzelnen, der da mit mir ging: Karl Gelius, Franz Klum, Leopold Wagner, Heinz Römheld, Geo Hamm, Richard Schuster, Ferdinand Pertzborn, Fritz Hahn – ich sehe ihre siebzehnjährigen Gesichter, wie sie damals waren, jung und frisch, ich könnte sie nie anders sehen, denn sie sind nicht gealtert. Sie sind alle tot, kriegsgefallen, jeder der hier Genannten. Zum Abschluß spielte die Militärkapelle, in langsamem Takt, das Lied vom Guten Kameraden, und wir sangen mit, ohne noch die Bedeutung dieser Strophe zu ahnen: „Es hat ihn weggerissen – Er liegt zu meinen Füßen – Als wär’s ein Stück von mir.“ […]

Anmerkung der Redaktion:

Diesen Auszug aus Carl Zuckmayers 1966 erschienener Autobiographie „Als wär’s ein Stück von mir“ mit seinen Erinnerungen an den Juli 1914 veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmigung des S. Fischer Verlages. Eine Fortsetzung erscheint in der August-Ausgabe.

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Carl Zuckmayer: Als wär’s ein Stück von mir. Horen der Freundschaft.
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 1969.
696 Seiten, 10,95 EUR.
ISBN-10: 3596210496
ISBN-13: 9783596210497

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