Ungleiche Seelenzwillinge

Kurt Oesterles „Der Wunschbruder“ erzählt von mehreren Familien-Bindungen

Von Anton Philipp KnittelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anton Philipp Knittel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Mit seinem Debütroman „Der Fernsehgast oder Wie ich lernte die Welt zu sehen“ (2002) ist Kurt Oesterle (Jahrgang 1955) tief in die dörfliche Lebenswelt der 1960er-Jahre eingetaucht. Der zeitliche Rahmen der Beziehung zwischen den beiden Protagonisten Max Stollstein und seinem „Wunschbruder“ Wenzel Bogatz umspannt zwar rund vier Jahrzehnte, im Kern ist es jedoch wieder die Zeit der 1960-er und 1970-er Jahre: „Vor einigen Monaten begegnete mir zum ersten Mal nach sehr langer Zeit jener Mensch wieder, der in der Kindheit mein Wunschbruder gewesen war und der mich damals fast umgebracht hätte“, lautet der erste Satz des Textes. Dabei lesen wir jenes „Wenzelbuch“ von Max Stollstein, das vor allem „ein Buch vom Überleben und Sich-selber-Retten“ ist, wie es am Ende heißt.

Entstanden ist, um es bereits hier zu sagen, ein klug komponiertes und überzeugendes Buch, das die Geschichte zweier Außenseiter auf faszinierende Weise mit der Geschichte von Heimatvertriebenen im noch jungen Wirtschaftswunderland auf dem Dorf verbindet.

Da ist zum einen das von vier Erwachsenen wohl überbehütete Einzelkind Max Stollstein. Der Einzelgänger ist Sohn eines Schreiners im Dorf Rotach, alias Oberrot, jenem Dorf im Limpurger Land, in dem der Autor Kurt Oesterle aufgewachsen ist. Mangels Geschwister eröffnen die Eltern Max, der sich vor Sehnsucht nach einem Bruder fast verzehrt, die Bildungslaufbahn. Zum anderen ist dort der etwa gleichaltrige Wenzel Bogatz, der eines Tages mit seiner Familie und mehreren Geschwistern oder Halbgeschwistern im Dorf auftaucht.

Rasch avanciert Wenzel zum „Wunschbruder“ des Erzählers, zumal Alkohol, Gewalt und bordellartige Umtriebe in seinem neuen „Zuhause“ das Leben des heimatvertriebenen Stotterers prägen, was wiederum die entsprechenden Hilfsreflexe der Stollsteins auslöst. Und so gelangt Wenzel irgendwann als Pflegesohn zu den Stollsteins, als diese das Elend im einen Steinwurf entfernten „Rocky-docky“ nicht mehr mit ansehen können und wollen.

So scheint Max’ Sehnsucht nach einem Bruder zunächst gestillt, doch alsbald verweigert sich Wenzel der Familie. Er läuft weg, kehrt irgendwann zurück oder wird aufgegriffen, gerät zunehmend auf die schiefe Bahn, bis Vater Stollstein aus Sorge um Max Wenzel hinauswirft: die Rettung für Max und – wie sich später herausstellt – auch für Wenzel, der sich später Wolfgang nennt. Nach der zufälligen Begegnung nach Jahrzehnten, mit der der Roman einsetzt und die die beiden ungleichen Seelenzwillinge wieder zueinander führt, kommt es zu mehreren Treffen auf neutralem Boden, an entscheidender Stelle in Heilbronn und auf der Heuchelberger Warte.

Kurt Oesterle verknüpft in „Der Wunschbruder“ mehrere Vatersohn-Geschichten und mehrere Generationen gekonnt, ohne den Spannungsbogen aufzugeben. So sind mit „Der Wunschbruder“ nicht nur die Psychogramme schwieriger Familien- und insbesondere Vater-Sohn-Konstellationen entstanden, sondern zugleich auch der Aufriss einer Zeit, als Vertriebenenschicksale kaum wahrgenommen wurden. Zudem thematisiert der unbedingt lesenswerte Roman nicht zuletzt in der Beziehung von Wenzel/Wolfgang zu seinem Sohn auch die (über-)lebensnotwendige Balance von Erinnerung und Verdrängung, von Vergessen und Vergegenwärtigen.

Titelbild

Kurt Oesterle: Der Wunschbruder. Roman.
Klöpfer und Meyer Verlag, Tübingen 2014.
534 Seiten, 25,00 EUR.
ISBN-13: 9783863510817

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