Eine nicht eben geringe Recherchearbeit

Karin Schmidt-Kohberg sucht in frühneuzeitlichen Frauenzimmerlexika und Katalogen nach Beispielen gelehrter Frauen

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Auch im 21. Jahrhundert gibt es noch immer zahlreiche Bestrebungen, Frauen und Mädchen jegliche Bildung zu verweigern. Sind es heutzutage fast ausnahmslos Islamisten, die vor keinem terroristischen Verbrechen zurückschrecken, um ihre frauen- und überhaupt menschenfeindlichen Macht- und Gottesfantasien auszuleben, so war Frauen in manchen europäischen Ländern wie etwa Deutschland noch bis ins 20. Jahrhundert hinein der Besuch höherer Bildungsanstalten von staatlicher Seite untersagt. Derlei Verbote konnten freilich nie verhindern, dass es immer Frauen gab, die den Mut und die Kraft aufbrachten, ihrer Wissbegierde zu folgen. So gab es spätestens von der Antike – und vermutlich auch schon pharaonischen Zeiten – an gebildete Frauen.

Zahlreiche Beispiele für die „Weibliche Gelehrsamkeit“ aller Zeiten finden sich etwa in den zu Beginn der Frühen Neuzeit aufkommenden „Frauenzimmer-Lexika“ und „Katalogen berühmter Frauen“, wie Karin-Schmidt-Kohberg in ihrer Dissertation nachdrücklich zeigt. Hierzu hat sie fünfzehn der Lexika und sechs Kataloge ausgewertet. Gegenüber anderen Textsorten wie Erziehungsratgebern, Lehrplänen und theoretischen Erörterungen zeichnen sie sich der Autorin zufolge dadurch aus, „daß in ihnen nicht nur ein Konzept weiblicher Erziehung und Bildung entworfen wird, sondern durch die Biographien zugleich die Ergebnisse eines Bildungsprozesses präsentiert werden“.

Als erstes einschlägiges Lexikon deutscher Sprache erschien im Jahr 1631 Johann Frawenlobs „Lobwürdige Gesellschaft der gelehrten Weiber“. Ihm ist das Zitat entnommen, dem die vorliegende Studie ihren Titel verdankt: „Manche Weibspersonen haben offtmals viel subtilere Ingenia als die Manspersonen“. Im „Literarischen Taschenbuch auf das Jahr 1832“ berichtete Christian J. Wagenseil im jüngsten Text des Quellenkorpus „Von gelehrten und schriftstellernden Frauenzimmern“.

Zu ihrer Zeit wurden die untersuchten Lexika und Kataloge „breit rezipiert“. Denn während der Frühen Neuzeit schien es von Belang, „ob und wie viele gelehrte Personen, auch weibliche, eine Nation aufzuweisen hatte“. Dies wiederum könnte vermuten lassen, dass die Autoren besonders gerne – und vielleicht gelegentlich auch schon mal ohne genaueres Hinsehen – ein möglichst beeindruckende Anzahl Gelehrter und so auch gelehrter Frauen anführten. Einige der tatsächlich ausschließlich männlichen Autoren wollten allerdings zudem ausdrücklich nachweisen, „daß Frauen grundsätzlich zur Gelehrsamkeit fähig sind und dichten können“.

Daher führten sie unter den berühmten Frauen ihrer Lexika insbesondere Dichterinnen und gelehrte Frauen an, um ihre Zeitgenossinnen zu motivieren, „diesen Beispielfrauen nachzueifern“. Nicht immer jedoch finden sich in den Lexika und Katalogen Bemerkungen über die grundsätzliche „Verstandesfähigkeit von Frauen“. Etwa die Hälfte der Autoren, die sich hierzu äußern, „attestieren“ ihnen diesbezüglich „die gleichen Fähigkeiten“ wie den Männern. Dies allerdings nicht selten mit dem Hinweis, dass die eigentliche Aufgabe des weiblichen Geschlechts, dennoch die „Verwaltung des Hauswesens“ sei. So geht es denn auch „keinem der Autoren der Verzeichnisse darum, daß Frauen sich durch Bildung und Gelehrsamkeit für eine berufliche Tätigkeit qualifizieren“. Und es findet sich nicht einer unter ihnen, der fordern würde, „daß dem weiblichen Geschlecht der Zugang zu Lateinschulen oder anderen höheren Bildungseinrichtungen wie Universitäten oder Akademien gestattet werden soll“. Bemerkenswert ist bei all dem, dass die untersuchten Quellen den in ihnen aufgeführten Frauen „Kenntnisse und Fähigkeiten in den Bereichen“ zusprechen, „die auch für gelehrte Männer der Zeit zentral waren“. Gelehrte beider Geschlechter befassten sich vorrangig mit theologischen und religiösen sowie philosophischen Fragen.

Schmidt-Kohberg selbst geht es nicht etwa darum, „einzelnen Frauen“ in den „Mittelpunkt“ zu stellen, die „Herausragendes geleistet“ oder „zur Entwicklung des jeweiligen Fachgebietes beigetragen“ haben. Vielmehr interessiert sie, „welchen Beitrag die Verzeichnisse gelehrter und berühmter Frauen zur Diskussion über gelehrte Frauen leisten“. So fragt sie danach, welche Positionen die untersuchten Lexika und Kataloge vertreten, was sie unter einer „gelehrten Frau“ verstehen und ob sich dieses Verständnis im Untersuchungszeitraum wandelt. Zudem beleuchtet Schmidt-Kohberg das „Sozialprofil“ der in den untersuchten Werken vorgestellten Frauen und ergründet, „wie sie ihr Wissen erwarben“. Zunächst aber stellt sie die Verfasser der Verzeichnisse chronologisch nach Geburtsjahr geordnet vor.

Für ihre umfängliche Untersuchung hat die Autorin eine nicht eben geringe Recherche-Arbeit auf sich genommen, die ihren Ausdruck auch in dem selbst für eine Qualifikationsarbeit außergewöhnlichen Anmerkungsapparat findet, der Quellenbelegen und Ergänzungen sowie Erläuterungen dient.

Titelbild

Karin Schmidt-Kohberg: „Manche Weibspersonen haben offtmals viel subtilere Ingenia, als die Manspersonen“. Weibliche Gelehrsamkeit am Beispiel von frühneuzeitlichen Frauenzimmerlexika und Katalogen.
Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach 2014.
416 Seiten, 34,95 EUR.
ISBN-13: 9783897413580

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