Ein ferner Blick

Henri Focillon und das Werden Europas vor tausend Jahren

Von Marc-André KarpienskiRSS-Newsfeed neuer Artikel von Marc-André Karpienski

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Mit dem vorliegenden Buch blickt der Leser in eine ferne Vergangenheit und zwar nicht nur in das Mittelalter, sondern auch in die Zeit des Zweiten Weltkrieges. Wir haben es hier nicht mit der neuesten Forschung aus dem akademischen Betrieb zu tun, sondern mit einem Werk, das Henri Focillon (1881–1943) am Ende seines Lebens unvollendet hinterließ. Essayistisch und bildreich liegt eine pointierte Einführung in die Kulturgeschichte des Mittelalters um das Jahr 1000 vor, so wie er sie damals sah.

Der französische Kunsthistoriker Henri Focillon hatte reiche Museums- und Universitätserfahrung gewinnen können, bevor er ins Exil nach Yale ging, wo er auch fern seiner Heimat zukünftige Kunsthistoriker stark beeinflusste. L’an Mil, so der Originaltitel, blieb unvollendet und zwar in einem doppelten Sinne. Zum Einen wurde der vorliegende Text nicht endgültig redigiert, zum Anderen sollte er nur den Auftakt bilden zu einem weitergehenden Werk zur Kunstentwicklung des Mittelalters. Ganz verschwunden in einer Schublade ist das Manuskript damals aber nicht, es erschien im Original 1952. Mit der vorliegenden Ausgabe liegt nun die erste deutschsprachige Übersetzung vor.

Zwischen den beiden Buchdeckeln steckt aber mehr als nur diese Übersetzung. Etwas seitenstärker als der Haupttext ist der Kommentar von Gottfried Kerscher, Professor für mittelalterliche Kunstgeschichte in Trier. Der Kommentar enthält umfassende Informationen zu Henri Focillon und ordnet sein Werk und L’an Mil im Besonderen in die Kunstgeschichtsschreibung der Entstehungszeit ein, wobei auch Verweise auf die heutige Relevanz und Kritik nicht fehlen. Gerade der immer noch virulente Gegensatz zwischen nationalen Kunstauffassungen und einem (west-) europäischem Blickwinkel hat es Kerscher dabei angetan. Insgesamt fragt sich der Rezensent aber, ob solch ein ausschweifender Kommentar notwendig zum Verstehen des Haupttextes ist.

Dieser Haupttext selbst verlangt vom Leser die uneingeschränkte Aufmerksamkeit, in dem Henri Focillon konstatiert, dass es eine Wende der europäischen Kunst um das Jahr 1000 gab. Dabei fragt er sich, wie es dazu kam und was die Folgen für die europäische Entwicklung waren. Hierbei spielen, so der Autor, geographische Zustände, politische und kulturelle Prozesse eine wichtige Rolle, die es bei der Beurteilung der Kunst zu beachten gilt. Das westfränkische Reich hatte zum Beispiel durch seinen Zugang zum Mittelmeer, zu den antiken Städten Italiens und den arabischen Einflüssen andere Entwicklungsmöglichkeiten als das Ostfrankenreich im 10./11. Jahrhundert.

Als moderne Einführung in eine Kulturgeschichte des europäischen Mittelalters kann das Werk Focillons nicht taugen, dazu baut es zu sehr auf überkommenen und widerlegten (wissenschaftlichen) Prämissen auf, was aber bei einem Alter von mehr als 70 Jahren auch nicht verwundert. So schildert Focillon „Gallien“ als territorial homogen und bekannt für seine „humanitäre Haltung“. Gallien oder dann Frankreich erscheinen als stark vom römischen Reich und dem mediterranen Raum beeinflusst und bildet zusammen mit der christlichen iberischen Halbinsel den Okzident. Dagegen erscheint das Kollektiv der Germanen als barbarisch, was durchaus negativ konnotiert ist. Moderne Ansichten zur Akkulturation und Ethnogenese konnten damals nicht rezipiert werden.

Die weitere Entwicklung Frankreichs und Deutschlands wird nach Focillon nicht unerheblich vom Zugang zum Mittelmeer und Atlantik bestimmt, der wichtige Entwicklungsimpulse setzt. Dass diese Impulse über das Meer auch für den Nordseeraum denkbar sind, akzeptiert er nicht, denn dort lebten die Skandinavier, die einen „nomadischen Instinkt“ hatten, und nur auf „Morden, Brandschatzen und Stehlen“ aus waren.

Verbunden werden diese Deutungen durch psychologisch in die Zukunft verlängerte Befunde. Die Tendenz zu gigantischen Bauwerken, so wie sie Focillon im nationalsozialistischen Deutschland sicherlich bemerken konnte, beruht seiner Meinung auf der Christianisierung des nordöstlichen Deutschlands. So war Deutschland für ihn dann auch ein Nachzügler der nationalen Entwicklung im 9./10. Jahrhundert. Ob Frankreich in seinen heutigen Grenzen wirklich weiterentwickelt war, darf bezweifelt werden.

Man könnte so fortfahren, aber das wird dem Text nicht gerecht. Man muss L’an Mil als Zeitdokument verstehen und würdigen, mit dem Focillon eine Erklärung für unterschiedliche Entwicklungen in der Kunst und Kultur suchte. Es sollte dann ebenfalls die Einleitung für weitergehende Werke sein, aber dazu ist es nicht gekommen, so dass manche Aussagen provokant ohne Beleg bleiben.

Auf die Ausstattung mit Abbildungen sei noch hingewiesen. Die Abbildungen im Originalwerk sind in der Übersetzung nicht wiedergegeben, da laut Kerscher die Vorlagen nicht reproduzierbar sind, stattdessen werden im Kommentar Abbildungen von Gebäuden oder auch Buchmalereien gezeigt, auf die Focillon in seinem Text Bezug nimmt. Dies ist für das Verständnis des Werkes in Ordnung, aber dennoch befremdlich. Zu Beginn des Kommentars sind auch Karten abgebildet, die zwar grundsätzlich – wie der dazugehörige Text – in den fränkischen Raum einführen, aber nicht gänzlich zu diesem passen. Hier leitete wohl der Kostenaspekt die Kartenauswahl.

Als Fazit bleibt zu sagen, das wir es mit einem Buch für Kenner zu tun haben. Wer nach älteren kulturgeschichtlichen Ansätzen der Kunstgeschichtsschreibung sucht oder die ideologischen Positionen der Geisteswissenschaftler in den 30er und 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts zwischen Nationalismus und europäischer Idee nachzeichnen möchte, dem sei diese Quelle angeraten.

Ein Beitrag aus der Mittelalter-Redaktion der Universität Marburg

Titelbild

Henry Focillon (Hg.): Das Jahr Tausend. Grundzüge einer Kulturgeschichte des Mittelalters.
Herausgegeben und kommentiert von Gottfried Kerscher.
Übersetzt aus dem Französischen von Nathalie Groß.
WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2012.
248 Seiten, 49,90 EUR.
ISBN-13: 9783534239030

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