Gnostischer Dezisionismus?

Ruth Groh liest Carl Schmitt als Gnostiker

Von Jan-Paul KlünderRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jan-Paul Klünder

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Heinrich Meier veröffentlichte 1988 die Schrift „Carl Schmitt, Leo Strauss und ‚Der Begriff des Politischen‘. Zu einem Dialog unter Abwesenden.“ Meiers ungemein wirkmächtige These lautete: Carl Schmitts Begriffsbestimmung des Politischen als Freund- / Feindverhältnis sei theologisch motiviert, und diese religiöse Fundierung bilde das geistige Zentrum des gesamten Werkes. Fanden sich in der frühen Rezeptionsphase einige Interpretationen (so etwa von Karl Löwith, von Krockow usw.), die Carl Schmitt als nihilistischen Denker kritisierten, dominiert seitdem die Lesart der „Politischen Theologie“. Dass die Theologie beziehungsweise die politische Theologie das eigentliche Zentrum seines Denkens ausmacht, davon wollte Schmitt die Nachwelt auch selbst überzeugen und publizierte 1970 den Text „Politische Theologie II“, quasi als Selbstrechtfertigung und autoritäre Leseanweisung.

Ruth Groh widmet sich in ihrem Buch „Carl Schmitt gnostischer Dualismus. Der boshafte Schöpfer dieser Welt hat es so eingerichtet“ – wie der Titel bereits vermuten lässt – der Frage, ob die „Politische Theologie“ Schmitts als eine Variante der Gnosis verstanden werden kann. Formal ist zunächst anzumerken, dass unerfreulicher Weise auf der Buchrückseite alle Umlaute verschwunden sind, was zum Beispiel Wörtern wie „berhmtester“ oder „Verhnltnis“ führt. Von diesen formalen Mängeln abgesehen, ist zu erwähnen, dass die Autorin in gewisser Weise selbst Zeitzeugin ist – was von ihr zwar angesprochen, aber mit Blick auf die weitere Analyse nicht reflektiert wird. Als Ehefrau des verstorbenen Geschichtswissenschaftlers Dieter Groh lernte sie Carl Schmitt persönlich kennen und war in den 1960er-Jahren Teilnehmerin der von Ernst Forsthoff organisierten Ebracher Ferien-Seminare, an denen viele bekannte Intellektuelle wie Ernst Wolfgang Bockenförde, Arnold Gehlen, Niklas Luhmann, Reinhart Koselleck und eben Carl Schmitt teilnahmen. Ohne Umschweife skizziert die Autorin ihre persönliche Bekanntschaft, wobei sie den in der Bundesrepublik verfemten Staatsrechtler lediglich positiv charakterisiert: Ein „liebenswürdiger älterer Herr. Ich war fasziniert.“

Die häufig zu Beginn in Publikationen zu Carl Schmitt inszenierte Distanznahme und vehemente Abgrenzung von der Person bleibt damit aus. Bemerkenswert, aber nicht überraschend ist darüber hinaus, dass Ruth Groh in den 1960er-Jahren in der elitär-konservativen Szene um Carl Schmitt aufgrund ihres Geschlechts „naturgemäß als Gesprächspartner nicht gefragt“ war und erst viel später, als die gesellschaftlichen Verhältnisse offener geworden waren, selbst akademisch zu arbeiten begann. Kritisch oder wütend äußert sich die Verfasserin irritierender Weise aber nicht zu dieser Ungerechtigkeit. Auch das an die biografische Anekdote anschließende Vorwort und die im ersten Kapitel folgende Gnosis-Definition verwirren, weil jeweils mehrseitige wörtliche Zitate aus zwei älteren Schriften von Bernd Wacker und Christoph Markschies wiedergegeben werden, ohne, dass sich die Verfasserin selbst zum Gegenstand äußert. Gerade für das eigene Vorwort erscheint das etwas unorthodox. Die Analysekategorie „Gnosis“ könnte zudem stärker an der einschlägigen Arbeit von Hans Jonas oder gnostischen Originaltexten entwickelt werden, darüber hinaus verspräche beispielsweise die Bezugnahme auf Michael Pauens Vorarbeit zu gnostischen Argumentationsmustern bei pessimistischen Autoren wie zum Beispiel Arthur Schopenhauer, Walter Benjamin gewinnbringende Anknüpfungspunkte für den Fall Carl Schmitt.

Diese kritischen Anmerkungen sollen aber nicht den Eindruck erwecken, bei der vorliegenden Arbeit handele es sich insgesamt um eine oberflächliche Analyse. Im Gegenteil: Ausgangspunkt der Publikation ist die Verteidigung und Untermauerung der kundigen Untersuchung von Ruth Groh „Arbeit an der Heillosigkeit der Welt. Zur politisch-theologischen Mythologie und Anthropologie Carl Schmitts“, auf der Basis der 2003 erschienen Tagebücher Schmitts aus den Jahren 1912-1915. Die Autorin sieht ihre These durch die inzwischen veröffentlichen Tagebuchvermerke Schmitts zur Gnosis bestätigt und versucht dieses Motiv von den Frühschriften bis ins Spätwerk des Staatsrechtlers nachzuweisen. Bezugnahmen auf die Gnosis finden sich jedoch nur in den Schriften Schmitts, die um den Ersten Weltkrieg entstanden und dann wieder 1970 in der „Politischen Theologie II“, in der langen akademischen Schaffensphase dazwischen bekennt sich der Jurist hingegen nicht zur Gnosis. Groh argumentiert nun, dass die gnostischen Argumentationsmuster trotzdem implizit das gesamte Werke dominieren – quasi subkutan wirken. Gnostisch ist Schmitts Argumentation deshalb, weil sie den Dualismus eines guten und bösen Gottes gegen christlich/katholische Deutungen vertritt, also den monotheistischen Gott eigenmächtig in einen Erlöser- und Schöpfergott teilt, wobei letzterer die Rolle des Schwarzen Peters übernimmt und für alle Übel der Welt verantwortlich gemacht wird. Eine „gnostisch-dualistische Weltsicht“ identifiziert Groh ausgehend von Schmitts Promotion und Habilitation somit unter anderem in Unterscheidungen und Gegensätzen wie „Norm (Theorie) und Entscheidung (Praxis)“, „Soll und Sein und Außen und Innen“. An solchen Stellen und mit Blick auf die Unterscheidung von Freund und Feind lässt sich indes ebenso von einer differenztheoretischen Bauweise der Theorie sprechen.

Spannend ist gleichwohl, dass sich Carl Schmitt nur an wenigen Stellen offen als Gnostiker zu erkennen gibt und versucht, diese (‚geheime‘) Weltanschauung durch „Verbergungsstrategien“ unsichtbar zu machen. Der Grund, warum diese ideengeschichtliche Tradition verschwiegen wird, ist laut Ruth Groh der folgende: „Gnosis war eben Häresie“. Der Karrierist Carl Schmitt verleugnete seine eigentliche Überzeugung aus blanker Opportunität. Ob diese Erklärung genügt, um die Beweggründe eines Autors zu erklären, der Anfeindungen so bewusst in Kauf nahm wie Carl Schmitt und ob sich die Motive eines Autors überhaupt „objektiv“ rekonstruieren lassen, bleibt dahin gestellt. Mit diesem Argument kann Ruth Groh jedenfalls den Widersprüchen zur Gnosis-These begegnen, wie sie sich beispielsweise aus Schriften wie „Zur Sichtbarkeit der Kirche“ ergeben. Ob man diese Lesart nun teilt oder nicht, die Gnosis-These ist gleichermaßen innovativ wie reizvoll. Die Verfasserin folgt damit vordergründig der – fast hegemonialen – Lesart des Œuvres als „politische Theologie“, allerdings mit dem wichtigen Unterschied, dass sie die Fundierung dieser Theologie in der christlichen Offenbarung anzweifelt, um Carl Schmitt einer „höchst einseitigen und voluntaristischen Deutung biblischer Texte“ zu überführen. Ein lohnender Ansatz, weil die Selbststilisierung Schmitts zum katholischen Denker insbesondere in den Tagebuchaufzeichnungen des „Glossarium“ äußerst fraglich erscheint. Insgesamt finden sich in Schmitts Schriften sehr heterogene und inkonsistente Bezugnahmen auf das Christentum und den Katholizismus und weiterhin kann ebenso angezweifelt werden, dass die Theologie das einzige und unwidersprochene „Zentrum“ in den vielschichtigen Schriften Carl Schmitts ist.

Sehr treffend beschreibt Ruth Groh Carl Schmitts eigenwillige Version einer Geschichtstheologie, welche mit Hilfe der Figur des ‚Katechon‘ – des Auf- und Niederhalters des Antichristen – die Eschatologie, die von christlicher Seite eigentlich herbei zu wünschen ist, aufzuhalten oder zu verzögern versucht. Statt das apokalyptische Ende der Geschichte herbeizusehnen, versucht Schmitts theologische Geschichtstheorie paradoxerweise die Erlösung hinauszuzögern und die Menschheit gewissermaßen im diesseitigen Elend von Feindschaft und kriegerischen Konflikten festzuhalten.

Wer sich von der (Re-)konstruktion der theologischen, dogmatischen Auseinandersetzungen Carl Schmitts mit den kritischen Einwänden von Hans Blumberg und Erik Peterson nicht abschrecken lässt, wird definitiv belohnt durch die überzeugende Rückführung der Freund-Feind-Unterscheidung auf gnostische Dualitätsvorstellungen. Ruth Groh zeigt anschaulich wie Carl Schmitt theologische Begründungen und Zuschreibungen funktionalisiert und religiöse Quellen zurechtbiegt, um seine These der Politischen Theologie zu retten. Ziel dieser Argumentationsstrategie Schmitts ist die Verteidigung seiner Begriffskonstruktion des Politischen, seiner Staatstheorie sowie der radikalen Zeitkritik. Gerade an dieser Stelle erscheint eine weitergehende Analyse lohnend, um die weltliche Dimension der Theorie stärker mit den polit-theologischen Spekulationen und Fundierungsversuchen zu verzahnen. Aber im Rahmen einer kleinen Schrift kann zweifellos nicht alles diskutiert werden und die Abhandlung besticht gerade durch die gezielte Aufklärung der gnostischen Prämissen. Diese, so zeigt Groh, führen bei Carl Schmitt zu einem „Willen zur Macht“, der auf die Grundprinzipien der neutestamentarischen Offenbarung völlig verzichtet und diese lediglich als „Fassade für einen Kult“ missbraucht, mit dem Ziel, der römischen Kirche zu einer großen „politischen Form“ zu verhelfen. Aus dieser theologischen Prinzipienlosigkeit mutiert Carl Schmitt zum Großinquisitor Dostojewskis. In Anlehnung an Karl Löwiths kritische Begriffsschöpfung „okkasioneller Dezisionismus“ lässt sich Carl Schmitts theoretische Position somit ebenfalls als gnostischer Dezisionismus charakterisieren.

Titelbild

Ruth Groh: Carl Schmitts gnostischer Dualismus. "Der boshafte Schöpfer dieser Welt hat es so eingerichtet (...)".
Forum Religionsphilosophie 22.
LIT Verlag, Berlin 2014.
140 Seiten, 29,90 EUR.
ISBN-13: 9783643112927

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