Entfremdung nach Fukushima

Nina Jäckles Psychogramm einer traumatisierten japanischen Gesellschaft fordert auch vom Leser einen „langen Atem“

Von Lisette GebhardtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lisette Gebhardt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der namenlose Protagonist des Romans „Der lange Atem“ ist ein Totengesichtkünstler, das heißt ein Phantombildzeichner, der sich zu einem forensischen Porträtmaler mit exzellenten anatomischen Kenntnissen entwickelt hat. Seine Aufgabe ist es, die oft stark entstellten Gesichter der Tsunami-Opfer, die ihm als Fotos vorliegen, in seinen Bildern zu rekonstruieren. Angehörigen wird es damit ermöglicht, ihre Verwandten zu erkennen. Dann kann ein bislang unbekannter, mit Nummern markierter Leichnam, einem ordentlichen Begräbnis zugeführt werden.

Während sich der Zeichner mehr und mehr dieser Aufgabe hingibt, wächst die Einsamkeit seiner Ehefrau. Die durch die Dreifachkatastrophe erlittenen Verluste erhöhen die Verletzlichkeit der Menschen und legen alte Wunden bloß. Ein Neuanfang scheint nicht realisierbar, und so kommt es zu Regelübertretungen und am Ende zu einem großen Bruch.

Ein Katastrophenszenario wie jedes andere?

Es ist nicht leicht für einen westlichen Autor, die Welt aus einer japanischen Perspektive schildern zu wollen. Immer unterstellt der Text etwas: Ein zu viel an „Japanischem“ führt zu exotistischen Extremen, etwa zu süßlichem Japankitsch oder zur betulichen landeskundlichen Unterweisung; eine zu geringe Bezugnahme auf die Besonderheiten des Landes trägt den Vorwurf der Beliebigkeit ein: Das Erzählte hätte auch an einem anderen Ort spielen können. Die Autorin geht an dieser Stelle vergleichsweise geschickt vor. Sie beschränkt sich auf einen Blickwinkel, den des Zeichners, stellt die Ehefrau an seine Seite und bringt mit der jungen Frau, die sich vom Zeichner ein Porträt ihres verschollenen Bruders erbittet, ein bewegliches Moment in das Erzählte, das in Form eines Kammerspiels angeordnet ist.

Während Ausgangsidee, Szenario und die Personenkonstellation mit ihrem engen Aktionsfeld durchaus reizvoll sind, beinhaltet die Charakterisierung des Ehepaars als unfähig zur Kommunikation und also auf dem Kurs völliger Entfremdung zahlreiche Gemeinplätze. In der Tat müsste diese Skizze zwischenmenschlicher Zermürbung nicht in Fukushima spielen.

Zu den Informationen, die die Autorin einstreut, um anzuzeigen, dass der Schauplatz nur das Katastrophengebiet im Nordosten Japans sein kann, zählen die Erwähnung von Datum und Uhrzeit des Ereignisses, dazu die Hinweise auf den möglicherweise schädlichen Verzehr von Fisch, auf die Schmetterlinge mit deformierten Flügeln, die Hündin Ban auf dem im Meer treibenden Hausdach, die Müllsäcke mit verseuchter Erde, der Frachter mitten in der zerstörten Stadt, das verschlammte Schuttfeld, auf dem noch Alltagsgegenstände wie Bügeleisen, Lampenschirme oder Kinderschuhe zu entdecken sind, Wasserflaschen, die zum Schutz vor Radioaktivität aufgereiht werden, sowie das Maskottchen von Fukushima, der gelbe Vogel Kibitan, der seit 3/11 auch Warnbotschaften zur Gefahrenlage in der Region verkündet. Man kann aus einer Nebenfigur wie dem neuen Nachbarn des Paars schließen, dass die Handlung etwa ein Jahr nach den tragischen Ereignissen spielt; der Mann in besten Jahren, ein Profiteur des Unglücks, sucht offenbar in den Notunterkünften eine junge Frau zwecks ebenso hoffnungsvoller wie berechnender Familiengründung.

Ob es eine dramaturgisch gut durchdachte, persönliche Eigenart des Zeichners als sensibler Sonderling ist, Radiergummireste seiner Rekonstruktionen auf Papier pietätvoll – wie Asche in einer Urne – in einer Teedose aufzubewahren, oder nur ein skurril-japonesques Detail in Murakami-Manier, bleibt unklar. Man kann dem Text keine übermäßige Japonisierung vorwerfen, auch wenn das Seehundplüschtier Paro und der Kaiser als Trostspender der Nation ihren Auftritt haben. Die traurige Frau des Zeichners wahrt Distanz zu den Worten der Majestät und weiß, wie viele andere auch, dass man den Aussagen der Verantwortlichen misstrauen sollte. Insofern zeigt sich Jäckle auf der Höhe der Zeitgeschichte.

Der Radiergummi in der Hose

Wohlwollenden Lesern werden vermutlich erste Zweifel am Text aufkommen, wenn sie bemerken, wie häufig und redundant die Leitmotive bemüht werden. So ist der Radiergummi allgegenwärtig im Roman. Er taucht bald wieder als Geschenk der jungen Frau und als weißer Radiergummi auf, der sich in der Hose des Mannes (!) befindet, wo er ihn in seiner verschwitzten Hand hält. Hier kippt die Tragik, die die Autorin jeder Zeile einschreiben möchte, ins ungewollt Komische. Wenn man in einem Text also gefühlte hundert Mal das Wort „Radiergummi“ liest – etwa in Sätzen wie „(m)anchmal spiele ich mit dem Radiergummi in meiner Hosentasche, ich werde niemals mehr ohne Radiergummi sein“ –, dann kann man dieses Verfahren als poetische Intensität wahrnehmen oder doch als schriftstellerische Effekthascherei, der es eben nicht gelingen kann, die Katastrophe in Worte zu fassen. Für die wirklich erfolgreiche Bewältigung einer so schwierigen Aufgabe genügt es wohl kaum, das Stilmittel der repetitio überzustrapazieren.

Ein „Sagt-meine-Frau-Roman“?

Einmal sensibilisiert für die redundanten, refrainartigen Strukturen des Erzählten, verdichtet sich das Unbehagen hinsichtlich der Sprache des Romans. „Der lange Atem“ stützt sich, in der Annahme, das rhetorische Moment der Wiederholung eigne sich stets für die Abbildung des Unsagbaren − wie es etwa auch in Herta Müllers „Atemschaukel“ (2009) der Fall ist − über Gebühr auf Wort- und Satzwiederholungen.

Schon eingangs liest man den Satz „sagt meine Frau“; diese Wendung verfolgt den Leser dann über hundertfünfzig Seiten lang, wie ihn im übrigen auch die sekundäre Leitmotivik begleitet: das Meer, die Kante, das Glück, das Kind Aoko, das Hochzeitskleid der Frau, das Fotoalbum, der Schlamm, die Wolken, die Teedose und der notorische Radiergummi.

Man wünscht sich, die Autorin hätte sich eines Radiergummis im Geiste bedient und ihren Roman weniger komponiert. Die Beschwörung einer Epiphanie gelingt eventuell besser mit sparsamen Mitteln. Um die Tragweite von „Fukushima“ aufzuzeigen, reichen schon Hinweise wie der, dass das Beben das Trägheitsmoment der Erde verändert und die Länge eines Tages um fast zwei Mikrosekunden verkürzt habe.

Titelbild

Nina Jäckle: Der lange Atem. Roman.
Klöpfer und Meyer Verlag, Tübingen 2014.
176 Seiten, 19,00 EUR.
ISBN-13: 9783863510770

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