Sie wollen, dass immer Krieg sei

In seiner Reportage-Sammlung „Ein Tag wie ein Leben“ gibt Arkadi Babtschenko ein vielstimmiges Bild davon, was Krieg mit Soldaten, Söldnern und Folterern macht

Von Fabian MayRSS-Newsfeed neuer Artikel von Fabian May

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Was genau ist Krieg? Der Kriegsreporter Arkadi Babtschenko schreibt dazu: „Der Krieg ist eine spezielle Form der zwischenmenschlichen Beziehung in der Gesellschaft.“ Das gibt erste Anhaltspunkte. Aber es geht noch weiter. Bei ihm geht die Antwort schon über drei Bücher.

Babtschenko (*1977) hat zweimal im Krieg in Tschetschenien gekämpft: 1996 eingezogen, 1999/2000 freiwillig. Seit er zurück ist, schreibt er nur noch über den Krieg. Er sagt, alles andere interessiere ihn nicht mehr. Nun ist sein Sammelband „Ein Tag wie ein Leben. Vom Krieg“ auf Deutsch erschienen. Und zwar, bevor sein Heimatland die Krim annektiert und die Ukraine aufgerührt hat.

Die Lektüre lohnt auch diesmal. Man erfährt viel über Machtmechanismen in der Politik und ihrem Werkzeug, der Armee. Über das, was man verallgemeinernd als „russische Seele“ beschreibt. Und über das, was die Amerikaner bei denen angerichtet haben, die heute im Irak „heiligen Krieg“ führen gegen die klientelistische Regierung al-Malikis:

„Manchmal habe ich einen Menschen gefoltert und dabei gedacht: Herrgott, was tue ich hier, der ist doch unschuldig! Als der Skandal um Abu Ghraib aufflog, als diese Fotos auftauchten und die Welt von all dem erfuhr, verstand ich plötzlich, dass dieses Wertesystem, in dem ich lebe, vom Rest der Welt nicht geteilt wird. Wir sind es gewohnt, von lauter Menschen umgeben zu sein, die so denken wie wir selbst.“

Das alles vermitteln diese Texte zwischen lakonischer Raffung und Erlebnisbericht übrigens ganz nebenbei. In erster Linie geben die seit 2004 in russischen Zeitungen veröffentlichten Reportagen („Saschka Lajs“) und Features („Was kostet ein Soldat?“) eine Antwort darauf, was Krieg ist: nämlich die Prägung, die er den Menschen gibt, die in sein Einflussgebiet geraten. Veteranen aus Tschetschenien, Afghanistan, Südossetien, ein Folterer aus Abu Ghraib und ein Held aus dem „Großen Vaterländischen Krieg“ (1941–45) werden gefragt und dürfen darüber sprechen, wie ihr persönlicher Nachkrieg sich gestaltet.

Und als Nachkrieg muss ihr Weiterleben beschrieben werden. Denn, wie Babtschenko besonders über die Tschetschenien-Rückkehrer befindet: „Sie wollen nur eins – dass immer Krieg sei und dass sie immer in diesem Krieg seien.“ Wie es das Militärsprech des russischen Originaltitels schon andeutet: „Operation „Leben“ geht weiter“.

„Man muss leben, schon wegen der Jungs, die gefallen sind, um ihr Andenken im Herzen zu tragen. Wenn wir alle verschwinden, dann wird niemand mehr da sein, um sich an sie zu erinnern. Und Gedanken habe ich viele. Aber sie in Worte zu fassen … (lacht) Komm, schenk ein.“

Dabei begeht Babtschenko zwei Fehler nicht: Anders als Remarque, mit dem er zu Unrecht oft verglichen wird, erschöpft er sich nicht darin, den desillusionierten Materialismus einer Generation herzuleiten, „die vom Kriege zerstört wurde – auch wenn sie seinen Granaten entkam“. Und anders als z.B. Kevin Powers („Die Sonne war der ganze Himmel“, 2013) lässt er seine Veteranen nicht in einem lebensfeindlichen Schuld-Idealismus ertrinken.

„Das Interessanteste passiert bei der Entlassung. Dabei hat der Soldat die ihm zur Nutzung übergebene Panzerweste, den Pionierspaten, seinen Helm und anderes vollständig und unversehrt wieder zurückzugeben. Helm da? Nein. Unterschreib die Einbehaltung vom Sold, dann kannst du gehen. Gott sei Dank hat niemand nach dem Schlafsack gefragt.“

Babtschenkos Kriegsschilderungen sind weder humanistisch noch sprachverneinend-karg. Sie wirken so unverbrämt, wie man es sich bei einem, der menschlich Position bezieht, nur vorstellen kann. Draufhalten und Weitersagen. Das macht ihn zum besten Kriegsschreiber, den ich kenne. Und Klischees hin oder her: Vielleicht ist er das auch, weil er trotz aller Verurteilung der Eliten in seinem Land ganz im trotzigen Russentum verwurzelt ist.

„Der erste ‚kleine, siegreiche’ Krieg bei uns begann 1905. Und nichts hat sich geändert. Immer noch das gleiche großmannssüchtige Imperium mit einer viehischen Einstellung zu den eigenen Menschen, mit keiner anderen Macht als der gottgegebenen. In Russland leben einhundertvierzig Millionen Menschen. Ob sich irgendjemand von ihnen einmal in dieses paradiesische, nunmehr prorussische Zeno-Nikosi verirren wird, für das neun russische Leben geopfert wurden?“

Dieses radikal differenzierte Buch stellt jeden Pazifisten vor das Problem, die Veteranen nicht verurteilen zu können. Und da, wo es Hintergründe schildert, macht es auf schmerzlich nüchterne Weise die gesellschaftsvertraglichen Perspektiven sichtbar, unter denen es sinnhaft erscheint, dass ein Einzelner für die große Maschine Staat sein Leben lässt:

„Der Krieg ist eine spezielle Form der zwischenmenschlichen Beziehung in der Gesellschaft. Die Gesellschaft verlangt von einem Bürger, der Soldat wird, auf die eigene Persönlichkeit zu verzichten. Dafür lässt sie ihm die Freiheit, für die Verteidigung der kollektiven Interessen zu sterben. Wenn der Soldat erklärt: ‚Ich gelobe bis zum letzten Tropfen Blut…’, versteht es sich, dass auch der Staat gelobt, bis zum letzten Tropfen seines Bürokratenblutes die Interessen der Soldaten als die eines Individuums zu verteidigen.“

Das Einzige, was mir dieses Buch nicht über den Krieg erklärt: Wieso man nicht von vornherein alles daran setzt, niemals in die Lebensfalle Krieg zu geraten. Aber dafür muss man vielleicht Russe sein.

Wer es im Strandurlaub (oder sonstwo) gerne hart und erdig mag, ist mit diesem Reportageband richtig beraten.

Zugegeben: Die Räder des russischen Militarismus drehen sich rapide weiter.Aber was Babtschenko auf den 264 Seiten mit dem Untertitel „Vom Krieg“ menschlich zu sagen hat, ist zeitlos.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Arkadi Babtschenko: Ein Tag wie ein Leben.
Übersetzt aus dem Russischen von Olaf Kühl .
Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2014.
264 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783871347658

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