August 1914

Als wär’s ein Stück von mir

Von Carl ZuckmayerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Carl Zuckmayer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

[…] Gegen Abend, noch vor Dunkelheit, rückten die 117er aus, das ‚Leibregiment der Großherzogin’, die populärste Infanterietruppe unserer Heimat, bei der viele bekannte Persönlichkeiten der Stadt gedient hatten und jetzt als mobile Reserve mitmarschierten. Man sah vertraute Gestalten, auch die Spitzen des ‚Mainzer Rudervereins’, die bei mancher internationalen Regatta den Sieg errungen hatten. Sie kamen an unsrem Haus vorbei, das nahe beim Bahnhof lag: die höheren Offiziere, Regiments- und Bataillonsstab, zu Pferd, die Führer der kleineren Einheiten, junge Leutnants, zu Fuß, zehn Schritte vor ihrer Mannschaft, so wie sie ihr dann im Kampf vorausgegangen und zum großen Teil gefallen sind. Sie waren in Feldgrau, noch ohne Stahlhelme, die erst im Verlauf des Kriegs eingeführt wurden – die berühmten ‚Pickelhauben’ mit grauem Stoff überzogen. Fast alle hatten Blumensträuße am Helm, am Tornister oder an den Gewehrläufen. Manche Gesichter waren von Sommerhitze und Wein gerötet, die meisten ruhig und gesammelt. Junge Mädchen, Bräute und Schwestern, liefen neben der Marschkolonne her und winkten den ihren zu, einige weinten. Auch unsere Köchin, die neben uns vor der Haustür stand, weinte – ihr Bruder war als Sergeant dabei, und als sie ihn neben seiner Gruppe hermarschieren sah, stürzte sie auf ihn zu und steckte ihm ein Päckchen in die Tasche. Er lächelte und grüßte uns mit seinem einfachen, derbknochigen Bauerngesicht. Ein junger Soldat warf seine Blumen im Vorüberziehn einer vor einer anderen Haustür stehenden Frau zu, die sie an ihr Herz preßte; wir wußten, daß es seine Mutter war. Er hielt die Hand noch erhoben, als er um die Straßenecke verschwand. Diese kleinen, unbedeutenden Einzelheiten waren es, die uns mehr ergriffen als der Anblick des Ganzen und sich dem Gedächtnis unauslöschlich einprägten. Es spielte keine Blechkapelle, die ersten Regimenter rückten still und ohne Musik aus, aber vom Bahnhof her hörten wir sie dann singen, wie mit einer Stimme.

Der Auszug der aktiven Armee, die sofort vor den Feind kam, hatte nichts von Kriegstaumel, Massenhysterie, Barbarei oder was man sich sonst von den – bald in der Welt als „Hunnen“ oder „Boches“ gebrandmarkten – deutschen Soldaten vorstellte. Es war eine disziplinierte, besonnene, ernst entschlossene Truppe, von der sich viele wohl der Tragik des Geschehens bewußt waren. Es war eine Pracht und zugleich ein Jammer, sie anzuschauen – Ähnliches erzählte mir der spätere Pazifist und radikale Kriegsgegner Fritz von Unruh von seinem Ulanenregiment –, es war eine Pracht an gesunden Leibern und an unverbildeter Menschenart, es war eine hoffnungsvolle, leistungsstarke Generation, wirklich und wahrhaftig die Blüte der Nation, die da hinauszog um zu sterben. Denn die wenigsten, die bei Kriegsbeginn dabei waren, sind zurückgekommen, und kurz darauf folgte der Nachwuchs. Deutschland hat sich nie ganz davon erholt. Als es soweit hätte sein können, wurden seine jungen Männer wieder in einen Krieg getrieben. von einer gewissenlosen Führung entfesselt und noch viel unglückseliger in seinem Ausgang. Damals, im Jahre 14, glaubte man noch an ein Aufblühen durch den Krieg. Doch es wurde ein Welken.

Auch meine Eltern waren von der Gewalt des Augenblicks mitgerissen, vom Anblick der ausziehenden Truppen erschüttert und aufgewühlt, so daß es für mich keiner großen Überredung bedurfte, um ihre Erlaubnis zur freiwilligen Meldung zu erhalten. Mein Bruder, damals vierundzwanzig Jahre alt, hatte sich früher, um sein Musikstudium nicht unterbrechen zu müssen, vom Dienst zurückstellen lassen und war der sogenannten ‚Ersatzreserve’ zugeteilt worden. Nun mußte er auf seinen Gestellungsbefehl warten. So war ich der erste, der loszog. Meine Mutter versuchte tapfer, ihre Angst zu überwinden, doch hatte sie die Hoffnung, daß der Krieg früher zu Ende sei als meine Ausbildung. Daran glaubten damals die meisten, und als der Kaiser bei einem Truppenaufmarsch in Berlin geäußert hatte: „Ehe die Blätter fallen, seid ihr wieder zu Hause!“ nahm man sein Wort für Gewähr. Wir Jungen hatten nur eine Angst: es könne wirklich zu Ende sein, bevor wir dabei gewesen waren… Am nächsten Morgen begann unser erster Sturm: auf die Kasernen. Ich wollte zur Kavallerie, weil ich mir darunter das Kühnste und Nobelste vorstellte, aber das Dragoner-Regiment Nr. 6, die einzige Kavallerieformation in unserer Stadt, hatte nach Auffnahme einiger Offizierssöhne die Tore bereits gesperrt, aus Mangel an Pferdematerial für die Ausbildung. Man hätte sein eigenes Pferd stellen müssen, ich aber besaß nur ein Fahrrad. Auf diesem raste ich mit zwei Gleichaltrigen nach Gonsenheim zur Kaserne des Feldartillerie-Regiments Nr. 27, bei dem es ebenfalls die Gewißheit gab, aufs Pferd zu kommen. Nach stundenlangem Anstellen und Warten in einer endlosen Reihe von Freiwilligen wurde ich tatsächlich angenommen und mit meinem Gestellungsschein nach Hause geschickt, um mich am nächsten zur ärztlichen Untersuchung einzufinden. Die bestand in einem kurzen Abhorchen an der Brust, einem noch kürzeren Klopfen auf den Rücken und unter die Kniescheibe, dann war ich Soldat.

Soldat-Werden, sein Jahr abdienen müssen, war für mich während der Gymnasialzeit immer eine peinliche, bedrohliche Vorstellung gewesen. Das bedeutete: Sich-Richten, Stillstehen, Maulhalten, Parieren, Subordination – den Verlust aller Freiheit. Jetzt war es das genaue Gegenteil: Befreiung! Befreiung von bürgerlicher Enge und Kleinlichkeit, von Schulzwang und Büffelei, von den Zweifeln der Berufsentscheidung und von alledem, was wir – bewußt oder unbewußt – als Saturiertheit, Stickluft, Erstarrung unserer Welt empfunden, wogegen wir schon im ‚Wandervogel’ revoltiert hatten. Jetzt hatte das die Beschränkung auf Wochenende und Feriensport verloren, es war Ernst geworden, blutiger, heiliger Ernst, und zugleich ein gewaltiges, berauschendes Abenteuer, für das man das bißchen Zucht und Kommißkram gern in Kauf nahm. Wir schrien „Freiheit“, als wir uns in die Zwangsjacke der preußischen Uniform stürzten. Es klingt absurd. Aber man war, mit einem Schlag, ein ‚Mann’ geworden, dem Unbekannten, der Gefahr, dem nackten Leben gegenübergestellt – die Drohung des frühen Todes erschien uns dagegen gering. Ja, es war eine Art von Todeslust, von mystischer Begehr nach dem Blutopfer, was damals die Welt übermannte, und ich glaubte nicht, daß hier das berühmte Wort Clemenceaus von der „Verliebtheit des Deutschen in den Tod“ am Platze ist. Ich hörte später von der gleichen Gestimmtheit in Frankreich, in England, dann sogar in Amerika. Was in Rußland vorging, blieb uns dunkel und unbekannt.

In dieser inneren Befreiung der ganzen Nation von ihren abgelebten Konventionen, in diesem ‚Aufbruch’ ins Ungewisse, ins ungeheure Wagnis, ganz gleich wen es verschlinge, sahen wir den Sinn des Kriegs, den Quell unserer Begeisterung. Eroberungsziele, Machtansprüche waren für uns kein Thema. Wenn wir „Freiheit“ riefen, meinten wir es gewiß im primitiven, im nationalen Sinn: unser Volk sollte befreit werden von der Bedrohung seiner Existenz (an die wir, wie alle kriegführenden Völker, bedingungslos glaubten), auch vom Druck einer Welt-Gegnerschaft, die ihm die freie Entfaltung seiner Kräfte versagen wollte. Aber wir meinten mehr. Es war keineswegs ‚militarischer’, es war revolutionärer Geist, der in den Barackenlagern und Zeltställen der Kriegsfrei ligen, in den Rekrutendepots von 1914 lebte. Die Jüngsten kamen wie ich von der Schulbank, viele von den umliegenden Universitäten, Heidelberg, Marburg, Gießen, und den Polytechniken, aber außer diesen ‚Intellektuellen’ gab es die jungen Arbeiter, Lehrlinge, Kaufleute, Landwirte, Künstler, einen Durchschnitt durch alle Stände und Klassen. Neben mir auf dem Strohsack schnarchte ein Schauspieler vom Mainzer Stadttheater, auf dem andern ein junger Maschinenschlosser, dessen Vater in der Fabrik meines Vaters an der Metallwalze stand. Gerade mit solchen, die aus dem – uns bisher kaum oder nur oberflachlieh bekannten – Proletariat kamen, ergaben sich jetzt und später im Feld die stärksten Bindungen, und man tat gut, sich an sie zu halten. Sie hatten uns, den Söhnen des gepflegten Bürgertums, den Sinn für das Reale voraus, sie waren tüchtiger, geschickter, bedürfnisloser als wir, und man war stolz, daß es nicht, wie sonst zwischen ‚Einjährigen’ und ‚Gemeinen’ einen Unterschied in der Behandlung und im Zusammenleben gab. Diese Sprengung des Kastengeistes hatte nichts von kommandierter ‚Volksgerneinschaft’, sie war durch keine materiellen Interessen und keine ideologische Doktrin unterbaut, sie ergab sich von selbst, sie hatte einen naturbestimmten, elementaren Zug oder wurde von uns jungen Menschen so erlebt und geglaubt. Tatsächlich war sie das beste und produktivste Element, das uns aus all den Umwälzungen der kommenden Zeit erwachsen konnte. Bei uns im Südwesten Deutschlands lebte wohl Gedankengut der Revolution von 1848 und der Frankfurter Paulskirche noch stärker fort als anderwärts, und dieser Tenor beherrschte die Gespräche und Diskussionen, in denen wir bis zur Abstraktion, zur Kategorie, zur philosophischen Deutung unserer recht handgreiflichen Erlebnisse vorzudringen suchten. Todmüde von Pferdetransportcn, zu denen man uns zunächst, bis das Ausbildungspersonal beisammen war, verwendete, dann von Stalldienst, erstem Reitunterricht, Geschützexerzieren, Marschübungen, und dazwischen von endloser Warterei, Abzählen, Appellen, gingen doch noch die halben Nächte im Debattieren hin, in jenen flüchtig aufgebauten, geteerten Baracken oder Turnhallen oder Wirtshaussälen, wo man uns aus Platzmangel in den Kasernen bis zu fünfzig und hundert Mann zusammengepfercht hatte. Ich höre noch die ausgesoffene, heisere Baßstimme des dicken Heidelberger Studenten von ungezählten Semestern, eines Troeltsch-Schüler, wenn er uns den Geist der Zeit erklärte und immer wieder in die Prophezeiung ausbrach: so wie der Krieg 70 die deutsche Einheit, so werde der Krieg 14 das deutsche Recht und die deutsche Freiheit bringen. Unser Sieg (an dem keiner zweifelte) bedeute ein kulturell und politisch geeintes Europa unter der Ägide des deutschen Geistes, es werde erst dann zu einer wahren Verständigung der Nationen kommen, die auch uns einen neuen Horizont erschließen müsse, und dem heimkehrenden Volksheer werde Berlin das freie, allgemeine und geheime Wahlrecht nicht verwehren können. (Noch mehr Freiheit konnten wir uns nicht ausdenken.) Der Kaiser, auf den wir unseren Fahneneid schworen, war für uns der, der am 4. August gesagt hatte: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!“ und von seinem Reichstag, einschließlich der Sozialdemokraten, begeistert akklamiert worden war. Das aber war für uns ein Versprechen, und wir erwarteten, als Kriegsziel, eine reformierte, konstitutionelle Monarchie, deren eigentliche Regierungsform demokratisch sei. In einer dieser Nächte wurde, trotz aufgerittener Hintern und strapazierter Muskeln, mit verteilten Rollen das ‚Festspiel in deutschen Reimen’ gelesen, das Gerhart Hauptmann zur Erinnerung an die Freiheitskriege geschrieben hatte, und wir belustigten uns über den preußischen Kronprinzen, der es, ein Jahr vorher, in Breslau hatte verbieten lassen. Die Debatten gingen nach allen Richtungen ins Uferlose, Religion, Soziologie, Griechentum, Idealismus im Sinne von Kant und Schiller oder Goethes Naturdämonie mit einbeziehend, bis die barsche Stimme eines Fuhrknechtes oder Rheinschiffers „Ruhe!“ brüllte, weil er, mit Recht, Schlafen für wichtiger hielt. Ich weiß nicht viel von mir selbst aus dieser Zeit, auch nicht, was ich in freien Stunden geschrieben habe. Ich weiß nur, ich war ein Anderer geworden, den ich nicht gekannt hatte. Alle waren Andere geworden, und es war, als ob wir uns alle, uns selbst untereinander, ganz neu, zum ersten Mal, kennenlernten.

Unter den Kriegsfreiwilligen dieser ersten Zeit waren nicht nur die Jungen, Unerfahrenen, Anonymen. Berühmte Namen, große Persönlichkeiten des Geisteslebens und der Politik waren in dieser Schar vertreten, man las davon in der Zeitung und fühlte sich in seinem eigenen Entschluß bestätigt. Ludwig Frank, Reichstagsabgeordneter aus Mannheim, die große Hoffnung der Sozialisten, moderner Politiker in frühen Mannesjahren, war einer der ersten, die ins Heer eintraten, auch einer der ersten, die gefallen sind. Desgleichen der junge Otto Braun, Sohn prominenter und sozialistischer Eltern, selbst eine Art von literarisch-intellektuellem Wunderkind. Der rebellische Dichter Richard Dehmel ging mit Enthusiasmus ins Feld, berühmte Reinhardt-Schauspieler, wie Alexander Moissi, von Geburt Italiener, und Paul Wegener, genossen als Freiwillige eine beschleunigte Offiziersausbildung, um rasch, aber mit gebührendem Vorzug hinauszukommen. Gerhart Hauptmann, Künder des sozialen Mitleids und der Menschlichkeit, schrieb Kriegsgedichte, desgleichen der notorische Spötter und Ironiker Alfred Kerr und der von ihm entdeckte junge Klabund, um nur einige von ungezählten Namen zu nennen. Der Aufruf des großherzigen Deutschenfreundes Romain Rolland, den der Krieg in der Schweiz überrascht hatte, zu einer Internationale des Geistes über die nationalen Gegensätze hinweg wurde von deutscher Seite schroff zurückgewiesen und verhallte in seinem eigenen Land ungehört. Thomas Mann gehörte einem Gremium deutscher Gelehrter und Schriftsteller an, das eine harte Absage an die Intellektuellen des ‚Westens’ und ein rückhaltloses Bekenntnis zum nationalen Krieg publizierte. Wie kam das alles? Nur engstirnige Fanatiker können sich einbilden, daß diese hervorragenden Träger des deutschen Geisteslebens alle miteinander nichts als feige Opportunisten gewesen seien, daß sie als ‚Knechte der herrschenden Klasse’, wider besseres Wissen, mit ins Kriegshorn geblasen hätten, um ihre Auflagen oder Tantiemen zu sichern. Aber sie waren zutiefst unpolitisch, auch jene, deren Werk von sozialem Empfinden inspiriert war, sie hatten vielleicht gesellschaftskritisch denken gelernt, aber kritische Verantwortung für Zeit- und Weltpolitik lag ihnen fern und gehörte nicht zum kulturellen Metier. Dadurch wurden auch sie von der Hochstimmung, der ekstatischen Gläubigkeit des vaterländischen Rauschs, des patriotischen Ethos blindlings überwältigt. Wie hätten wir, die Exponenten des geistigen Mittelstandes, und noch dazu die jungen, nie zu politischem Denken angehaltenen Kreise, kritischer oder besonnener sein sollen? Vielleicht liegt hier eine Art von Schuld oder Versagen der für uns maßgebenden älteren Generation. Aber ich glaube eher, daß sie im Zuge ihrer Epoche nicht anders sein konnten, als sie waren. Historiker werden darüber befinden, sich streiten und vermutlich nie einig werden. Die Problematik der Ereignisse bleibt ungeklärt. Es ist leicht und billig, das Wort Schicksal zu gebrauchen. Es ist leichtfertig und bedenklich, einseitige Schuld zu konstatieren. Wir aber waren, persönlich, als menschliche Existenzen, nun wirklich einem Schicksal konfrontiert, dem sich zu entziehen fast unmenschlich gewesen ware.

Es gab Ausnahmen, von denen wir nichts wußten und erst viel später erfuhren. In Berlin hatte sich in aller Stille ein anderer Prominenter der Reinhardt-Bühnen, Victor Arnold (für die, die sich erinnern, der feinste, sublimste, seltsamste Komiker dieses reichen Ensembles), das Leben genommen: weil er in einer Welt des Mordens und der Vernichtung nicht spielen und Späße machen könne. In Österreich starb der große Dichter Georg Trakl, als Sanitäter in einem Feldlazarett, an seiner Kriegsverzweiflung. Der junge deutsche Lyriker Alfred Lichtenstein, der mit der aktiven Truppe ausrückte, schrieb seine melancholischen Abschiedsverse, die mit den Zeilen enden:

„Am Himmel brennt das brave Abendrot.
Vielleicht bin ich in vierzehn Tagen tot.“

Es dauerte keine acht. Die große Ausrottung unserer geistigen und künstlerischen Zukunft hatte begonnen und steigerte sich dann vier Jahre hindurch zum Kataklysma. Ernst Stadler, der geniale Literaturdozent aus Straßburg, Dichter des ‚Aufbruch’, den wir jetzt so gut für unseren Kriegstaumel umdeuten konnten; Reinhardt Johannes Sorge, einer der hoffnungsvollsten, schon bei Reinhardt aufgeführten jungen Dramatiker; Franz Marc, für uns der Sankt Franziskus der neuen Kunst, August Macke – sie sind alle gefallen, wie Unzählige, die nie mehr ersetzbar sind. Das gleiche wird auf der englischen, französischen, russischen Seite geschehen sein. Wir aber sahen in alledem damals nur das Heroische, den hohen Sinn und die Größe des Opfers. Noch ging es lustig zu, noch glaubte man an das Frisch-Fröhliche eines raschen Feldzugs. Auf den Eisenbahnwaggons, mit denen Ersatz an die Front ging, stand mit Kreide: „Kostenloser Ausflug nach Paris!“ und dort, in Frankreich, sang man – nach der Melodie des Schlagers ‚Margaraète’: „Nous irons/Tous à Berlin/Pour voir Guillaume et ses Prussiens!“ Keine der beiden Seiten hat ihr Ziel erreicht: weder Berlin noch Paris. Aber nach Mainz sind die Franzosen schließlich doch gekommen…

In Paris hatte man bei Kriegsausbruch den Sozialisten Jaurès, einen der markantesten Führer der Arbeiter-Internationale, von chauvinistischer Seite ermordet. In Deutschland wurde der einzige Opponent gegen die Kriegskredite und für die Internationale, Karl Liebknecht, zeitweilig eingesperrt und dann in ein Arbeitsbataillon gesteckt. Davon nahm die Öffentlichkeit kaum Notiz, und an uns ging es spurlos vorüber (erst in den späten Kriegsjahren wurden mir die Namen Liebknecht und Rosa Luxemburg ein Begriff), denn wir waren von einer Liebe erfüllt, die uns für alles andere taub und blind machte. Ja, wir zogen in diesen Krieg wie junge Liebende, und wie diese hatten wir keine Ahnung von dem, was uns bevorstand. Wie Liebende, welche die Wirklichkeit der Liebe nicht kennen, nichts wissen von ihrer Herrschsucht, ihrer Grausamkeit und ihrer Gewalt. So stürzten wir uns hinein: heißhungrig, maßlos, exaltiert. Und, wieder wie Liebende, von uns selbst und unsrer eingebildeten Unwiderstehlichkeit berauscht.

In der zweiten Augustwoche, in der nach den Sommerferien die Schule anfing, wurden alle Oberprimaner, die sich kriegsfreiwillig gemeldet hatten, von ihrem Truppenteil für einen halben Tag beurlaubt. Noch einmal fanden wir uns in jenem Schulsaal zusammen, aus dem ich einige Wochen früher so unrühmlich ausgewiesen worden war, um das Notabitur zu absolvieren. Fast alle waren bereits in Uniform, und die wenigen, die wegen eines körperlichen Gebrechens oder weil sie einem Priesterseminar angehörten und nur dem Sanitätsdienst beitreten durften, noch nicht Soldat waren, fühlten sich unglücklich und beneideten uns. Für uns war das Ganze ein gewaltiger Spaß. Die Uniform gab auch dem schlechtesten Schüler noch einen Zug von Manneswürde, gegen die der Lehrer machtlos war. Er konnte einen jungen Krieger, der bereit war, sein Leben dem Vaterland zu opfern, nicht wegen mangelnder Kenntnisse in griechischer Grammatik durchfallen lassen. Es wurden uns nur die leichtesten Fragen gestellt, in denen keiner versagen konnte. Das Abitur, der Schreckenstraum vieler Jugendjahre, wurde zu einem Familienfest. Der Rektor bezeichnete uns als junge Helden und drückte jedem Uniformierten, sogar mir, seinem schwarzen Schaf, markig die Hand. Wir waren heilfroh und fühlten uns von einer großen Lebensangst befreit. Denn für die größere, die ewige, die Angst des Menschen vor dem Tode, reichte unsere Phantasie noch nicht aus. Die Todesangst hatten wir erst zu lernen. In unsren Schulfächern war sie nicht vorgekommen.

Eine Hochstimmung wie die der ersten Augusttage – sei es die eines Kriegsausbruchs oder einer Revolution – kann in der breiten Masse nicht anhalten, ohne zu verflachen und sich ins Phrasenhafte, Hohle, Gewaltsame zu verkehren. Bald schäumte die Kriegshysterie aus trüben Gossen, und sie tobte sich vor allem in der Jagd auf angebliche ‚Spione’ oder ‚Feindagenten’ aus, die man in sinnloser Aufregung, ohne Grund und Beweis, auf den Straßen stellte und hetzte. Wehe dem Mann, der jetzt eine ‚ausländische’ Physiognomie hatte! Unweit von meinem Elternhaus, am ‚Neuen Brunnen’, wurde ein Herr mit gelblicher Hautfarbe und schwarzen Haaren von der Menschenmeute verbellt, dann von immer mehr anschwellenden Haufen in die Enge getrieben, beschimpft, mit Spazierstöcken und, von alten Weibern, mit Regenschirmen geschlagen, da das Gerücht umsprang, er habe den Brunnen vergiften wollen (der kaum mehr benutzt wurde und keinen Anschluß an die städtische Wasserversorgung hatte), schließlich von Schutzleuten in Gewahrsam genommen, bis sich herausstellte, daß er der Vertreter einer spanischen Flaschenkorkfabrik war, der mit meinem Vater in Geschäftsverbindung stand. Er habe sich durch Fluchtversuch verdächtig gemacht, hieß es dann zur Entschuldigung für die Beulen und Schrammen, die er davongetragen hatte. Selbstverständlich hatte der Mann versucht wegzulaufen, nachdem er so leichtsinnig gewesen war, seinen Zigarettenstummel in den Abfluß des Brunnenbeckens zu werfen, und die Leute wie auf ihn eindrangen. Dieses Volksvergnügen ebbte rasch wieder ab, dafür traten nun die Heimkrieger, Fähnchenstecker, Kathederheldcn und Bierbankstrategcn auf ihren Posten. Der ernste Patriotismus des Kriegsbeginns sank ins Pfahlbürgerliche ab, zittrige Greise schnaubten nach Feindesblut und postulierten die deutsche Wirtschaft, schmerbäuchige Herren begrüßten einander unter Stimmaufwand mit dem Hetzspruch: „Gott strafe England!“ (wie vermutlich zwanzig Jahre später, sofern sie noch lebten, mit „Heil Hitler!“), und die Leitartikler der Presse taten das ihre dazu.

Uns junge Soldaten, denen der baldige Einsatz bevorstand, berührte das nicht, wir hatten Wichtigeres zu tun und an Ernsteres zu denken, wir quittierten das Getöse und den Schwulst unserer Heldenväter (meiner gehörte nicht zu der Sorte!) mit ironischem Grinsen. Aber wir glaubten alles, was verlautbart wurde. Wir kamen nicht auf den Gedanken, an einer offiziellen Version zu zweifeln oder gar einen Siegesbericht für übertrieben zu halten. Unsere Hochstimmung, mit der wir zum Militär gelaufen waren, flaute nicht ab, trotz der und jener Schindereien oder Ärgernisse, die sich aus dem Dienst ergaben. Unsere Überzeugung, daß dieser Krieg eine gerechte Sache, Notwehr und Schutz der Heimat bedeutete, wuchs mit jeder Meldung, ebenso unsere Bewunderung für die Tapferkeit und den Elan der kämpfenden Truppe, wovon man bald durch Augenzeugen, zurückgekehrte Verwundete der ersten Schlachten, erfuhr. Wir waren immer wie von einem leichten, euphorischen Fieber befallen, und es lag etwas Mystisches in der Luft: wenn die Glocken für einen Sieg läuteten, war es, als stürmten sie von selber. Im Anfang gab es fast täglich einen solchen Sieg zu feiern, den Fall von Lüttich und der großen belgischen Festungen, die Einnahme von Reims, Lille und Antwerpen, das Vordringen an der ganzen westlichen Front, und als die Front an der Marne zum Stehen kam und die deutsche Armee ihre erste große Niederlage einstecken mußte, wurde das nur wie eine strategische Pause dargestellt. Wir begrüßten auch das, denn es gab uns die Chance, beim endgültigen Sturm auf Paris schon selber dabeizusein. Auch verschaffte uns, als die Siege in Frankreich dünner wurden, der wackere Hindenburg durch die Schlachten in Ostpreußen, Masuren, Polen die Gelegenheit, neue zu feiern. Natürlich glaubten wir, daß Englands Außenminister, Sir Edward Grey, die ganze Kriegsintrige gegen uns gesponnen habe, denn so las man es. Die berühmte Denkschrift (‚Meine Mission in England’) des deutschen Botschafters in London, Fürst Lichnowsky, in den Entscheidungstagen, aus der das Gegenteil hervorging, wurde erst 1918 bekannt. Und wir glaubten das ‚deutsche Märchen’: daß wir keineswegs durch unseren Einmarsch die Neutralität Belgiens gebrochen und damit Englands Kriegserklärung herausgefordert hätten, sondern daß das hinterlistige Belgien den Franzosen den Durchmarsch und seine Transportmittel für den Angriff auf Deutschland zur Verfügung gestellt habe und unser Einfall ein Akt der Notwehr gewesen sei.

Jedes Volk glaubte ja damals, daß alles, was seine Führung gegen den Kriegsfeind unternehme, ein Akt der Notwehr sei. Kein Volk im Jahr I4 dachte, für rein materielle oder Gewaltzwecke zu kämpfen (wobei ich wieder sagen muß, daß uns die russische Mentalität dunkel und unbekannt blieb), alle kämpften sie für den Schutz der Heimat, jede Nation verteidigte der Menschheit höchste Güter, und dieser Glaube war, zunächst, naiv und nicht durch Propaganda angefacht. Aber er wurde nun von der Kriegspresse, in allen Ländern, ausgenutzt und zum Haß, zum extremen Nationalismus, zur Unmenschlichkeit hochgepeitscht. „Jeder Schuß ein Russ’, jeder Tritt ein Brit’, jeder Stoß ein Franzos’“, solche Schandverslein wurden fleißig gedruckt und, selbst von Frauen und Kindern, in gedankenloser Verrrohung nachgeplappert. Auch das Lieblingswort unseres Kronprinzen: „Immer feste druff!“ wollte uns nicht recht gefallen.

Es ist sehr merkwürdig, wie rasch sich in solchen Zeiten ein Unterschied zwischen Generationen herausbildet, wie tief die Kluft ist, die zwischen ein oder zwei Jahrgängen entsteht. Alles, was ich hier erzähle, gilt für jenen ‚ersten Schwung’, der 1914 Soldat wurde und ins Feld ging. Es gilt schon nicht mehr für die, welche eineinhalb bis zwei Jahre jünger waren, also bei Kriegsbeginn noch unter der militärischen Altersgrenze, dem Hurra-Patriotismus ihrer Schulmeister ausgesetzt und des Steckenbleibens der Fronten, der Ausartung des stürmisch begonnenen Feldzugs in den Materialkrieg. in ein allgemeines, systematisches Massenschlachten gewärtig: dazu gehörten Erich Maria Remarque und seine Altersgenossen. Ihnen war die heroische Geste, sich vor der Zeit und ohne Zwang ins Heer zu drängen, verwehrt, sie mußten ihre normale Schulzeit abschwitzen, um dann widerwillig eingezogen, gedrillt und gezwiebelt zu werden, und sie gingen ohne Illusionen ins Feld, da sie sich des Schreckcns, der sie dort erwartete, wenigstens andeutungsweise bewußt waren. Für uns war die kurze Ausbildungszeit ein anstrengender, aber auch amüsanter Übergang, ein kapitaler Spaß, nicht anders, als hätten wir in einer sehr realistischen Militärkomödie mitzuspielen. Gerade die ungewohnten Härten, die kleineren oder größeren Entbehrungen und Unannehmlichkeiten, die man mitzumachen hatte, waren von einem anfeuernden Reiz. Von einem Tag auf den andern gewöhnte man sich daran, unter einer kratzenden Wolldecke auf Strohsäcken zu schlafen, mit einer Masse von Männern, deren Ausdünstung und Erziehung nicht die beste war. Ununterbrochen wurde gesungen, selbst wenn wir halbtot von der Überanstrengung des Dienstes in unsere Quartiere zurückwankten. Die meisten dieser Soldaten- und Kriegslieder, teils alte, teils neu entstandene, waren uns vorher unbekannt, und ich erinnere mich nicht, daß wir sie gelernt hätten, man konnte sie von selbst.

„Und unser aller schönstes junges Leben, Hurra!
Liegt in dem Krieg wohl auf das Schlachtfeld hingestreckt“

schmetterten wir heraus, ohne dabei wirklich an das eigene Leben zu denken. Fast alle diese Lieder hatten mit dem frühen Tod, dem Grab, dem Abschied, Sterben und Fallen zu tun, aber sie erhöhten nur unser romantisches Lebensgefiihl. Zutiefst glaubte jeder, derjenige zu sein, der überlebt und wiederkommt. An das Lied vom ‚Guten Kameraden’, wurde plötzlich – niemand wußte, von wem erfunden – ein neuer Gloria-Refrain drangehängt, der mit dem trivialen Vers endete:

„Die Vöglein im Walde
Die sangen sangen sangen
So wunderwunderschön:
In der Heimat, in der Heimat
Da gibts ein Wiedersehen…“

Mich rührt diese einfältige Strophe noch heute, in der Erinnerung an die jungen Menschen, für die es kein Wiedersehen gab. […]

Anmerkung der Redaktion: Diesen Auszug aus Carl Zuckmayers 1966 erschienener Autobiographie „Als wär’s ein Stück von mir“ mit seinen Erinnerungen an den August 1914 veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmigung des S. Fischer Verlages. Er setzt die Erinnerungen fort, die wir in der Juli-Ausgabe von literaturkritik.de veröffentlicht haben.

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Carl Zuckmayer: Als wär’s ein Stück von mir. Horen der Freundschaft.
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 1969.
696 Seiten, 10,95 EUR.
ISBN-10: 3596210496
ISBN-13: 9783596210497

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