Utopische Verwirrung der Geschlechter

Ursula K. Le Guins Gender-Science-Fiction-Roman „Die linke Hand der Dunkelheit“ wurde neu aufgelegt

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Nur wenigen Romanen gewährt der Heyne Verlag die Ehre, sie in die Reihe aufzunehmen, mit der er das 50-jährige Bestehen seiner Science-Fiction-Abteilung feiert. Ursula K. Le Guins „Die linke Hand der Dunkelheit“ wurde sie aus gutem Grund zuteil. Lange bevor die Gender Studies reüssierten und in Person Judith Butlers nicht nur das soziale, sondern auch das sexuelle Geschlecht als konstruiert theoretisierten, entwarf Le Guin eine Geschlechterutopie wie zuvor vielleicht nur Naomi Mitchison, die Anfang der 1960er-Jahre die humanoiden MarsbewohnerInnen ihres Erzählbandes „Memoiren einer Raumfahrerin“ grundsätzlich mit je zwei Geschlechtern ausstatte, die zudem der Kommunikation dienten. Nur zu bestimmten Zeiten entwickeln Mitchisons marsianische Wesen vorübergehend „monosexuelle Eigenschaften“. Le Guins ebenfalls humanoide Einheimische des Planeten Gethen wiederum sind die meiste Zeit ihres Lebens geschlechtslos, bilden aber regelmäßig für eine Reihe von Tagen ein männliches oder weibliches Geschlecht aus, ohne vorher zu wissen, welches es denn dieses Mal sein wird. Der Ich-Erzähler, der auf den Planeten Gethen entsandte Terraner Genli Ai, wird daher auf dem fernen Himmelskörper nicht nur mit einer denkbar fremden Kultur konfrontiert, sondern erfährt durch die nähere Bekanntschaft mit einem Wesen namens Estraven auch seine ganz persönliche Geschlechterverwirrung.

Bei dem vorliegenden Roman handelt es sich um eine der beiden großen Utopien  der amerikanischen Autorin. Gilt die eine der (biologischen) Geschlechteridendität, so befasst sich die andere mit einer anarchistischen Gesellschaft. Beide Romane sind wie zahlreiche andere Science-Fiction-Werke der Autorin in dem von ihr geschaffenen Hainish-Universum angesiedelt. Ebenso wie „Die linke Hand der Dunkelheit“ erschien eine deutsche Ausgabe des Romans zuerst im Heyne Verlag, der ihn 1976 unter dem Titel „Planet der Habenichtse“ veröffentlichte. Im Jahr 2006 brachte ihn die Edition Phantasia in einer neuen Übersetzung von Joachim Körber unter dem Titel „Die Enteigneten“ heraus, der sich stärker an dem des englischsprachigen Originals („The Dispossessed“) orientierte, ohne allerdings dessen Doppeldeutigkeit zum Ausdruck bringen zu können.

Auch „Die Linke Hand der Dunkelheit“ – im Original „The Left Hand of Darkness“ – erschien hierzulande zunächst unter anderem Titel, nämlich „Winterplanet“. Mit der Ausgabe von 2001 übernahm der Verlag auch Le Guins selbstkritische Vorbemerkung aus den 1970er-Jahren. Verzichtet wurde nun hingegen auf das dort ebenfalls enthaltene Vorwort von John Clute, womit allerdings kein allzu großer Verlust einhergeht.

Science-Fiction-Fans, die den Roman noch nicht kennen, sei jedenfalls wärmstens empfohlen, die Gelegenheit der Neuausgabe zu nutzen und sich LeGuins preisgekrönten und noch immer beeindruckenden Gender-Science-Fiction-Roman zu beschaffen.

Titelbild

Ursula K. Le Guin: Die linke Hand der Dunkelheit. Roman.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Gisela Stege.
Wilhelm Heyne Verlag, München 2014.
400 Seiten, 8,99 EUR.
ISBN-13: 9783453315945

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