Klage um eine verlorene Stadt

Sergi Doria entführt den Leser in das Barcelona von Carlos Ruiz Zafón

Von Eleonore AsmuthRSS-Newsfeed neuer Artikel von Eleonore Asmuth

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wer die drei am Genre des Schauerromans angelehnten Bücher (der vierte Teil der auf eine Tetralogie angelegten Reihe ist noch nicht erschienen) – „Der Schatten des Windes“ (2001), „Das Spiel des Engels (2008) und „Der Gefangene des Himmels“ (2011) – des spanischen Autors Carlos Ruiz Zafón kennt, ist schon mehrmals in die geheimnisvolle alte Welt Barcelonas eingetaucht. Die magischen Facetten dieser Stadt liegen unterhalb der heutigen „nacholympischen“ Metropole Kataloniens verschüttet. Das Barcelona, das der Autor dabei rund um den „Friedhof der Vergessenen Bücher“ zeichnet, ist faszinierend und abschreckend zugleich: In einem Durcheinander aus verschlungenen Gässchen, verwunschenen Plätzen, grotesken Bauwerken und verwahrlosten Vierteln entfaltet sich das Panorama einer Stadt, in deren Labyrinth sich die Zafón’schen Figuren bewegen. Auch in seinem Roman „Marina“, der 1999 erschien und den Übergang zwischen Jugend- und Erwachsenenliteratur im Schaffen des spanischen Autors markiert, ist Barcelona Schauplatz einer schaurig-abenteuerlichen Geschichte. In ihm vermischt sich ein von Melancholie getränkter Blick auf ein verlorenes Barcelona mit einer von Grusel gespeisten Erzählung rund um die jungen Helden Óscar und Marina.

Carlos Ruiz Zafón, der 1964 in Barcelona geboren und im Schatten des imposantesten architektonischen Bauwerks des Modernisten Gaudí, der Sagrada Familia, aufgewachsen ist, setzt dem Barcelona seiner Kindheit und dem der Erinnerungen seiner Eltern und Großeltern in ebendiesen Romanen ein Denkmal. Seine Kindheit und frühe Jugend verbrachte der Autor, so sagt er selbst, „in den Straßen von Sarriá und denen dieses anderen alten Barcelona, das von den Touristen nie ganz entdeckt worden ist und die Reiseführer nie haben einordnen können“.

Die literarische Beschwörung dieses Barcelona, in der Fakt und Fiktion sich die Hand reichen, und die sich bisweilen wie eine „Klage um eine verlorene Stadt“ liest, hat der ebenfalls aus der katalanischen Hauptstadt stammende Autor und Literaturkritiker der Zeitung „ABC“, Sergi Doria, zum Anlass genommen, ein Buch zu schreiben, mit dem der Leser in Form von acht imaginierten Spaziergängen in die Welt des Zafón’schen Barcelona eintauchen kann. Er hat die Romane des Bestsellerautors „auf der Karte Barcelonas ausgeschüttet“ und ist „mit ihren Figuren acht Routen abgelaufen“.

Folgt man Sergi Doria auf den Spuren der Romanhelden, schlendert man über die Ramblas, besichtigt den sagenumwobenen „Friedhof der Vergessenen Bücher“, durchquert das Raval und das Gotische Viertel, spaziert im Ciudadela-Park und über die Plaza Cataluña, durchläuft das Ribera-Viertel, erkundet die Universität, wagt sich heran an die Friedhöfe Barcelonas, bestaunt die protzigen Villen von Sarriá, Pedralbes und dem Tibidabo und besichtigt die architektonischen Kunstwerke der Modernisten, allen voran die von Gaudí.

Mithilfe eines Präludiums, das jedem der acht Streifzüge vorangestellt ist, versorgt Doria den interessierten Spaziergänger vor jedem Rundgang mit einer Karte, die die wichtigsten Stationen der jeweiligen Route markiert, und einigen Zitaten von Zafón, die auf die anstehende Entdeckungstour einstimmen.

Begleitet wird der Leser bei seinen Rundgängen, die sich an den Schauplätzen der vier großen Barcelona-Romane von Zafón orientieren, einerseits von dem fachkundigen Doria, der wie ein Stadtführer über historische Bauten, architektonische Besonderheiten, geografischen Wandel, aber auch über Realitätsgehalt und Phantasie der von Zafón konstruierten Szenerien aufklärt. Andererseits wirken die besuchten Orte durch die immer wieder eingeflochtenen Originalzitate der Romanfiguren besonders authentisch und greifbar.

Doria konstruiert so eine gelungene Symbiose aus Historizität und fiktionaler Literatur – beides Elemente, die die Zafón’schen Romane so besonders machen: Er blendet kleine Sequenzen historischen Fachwissens über die katalanische Großstadt ein und verwebt diese geschickt mit Einblicken in das literarische Barcelona, wie es von Zafón erschaffen wurde. So gelangt man von der „architektonischen Barceloneser Gotik zur literarischen Gotik, in der Carlos Ruiz Zafón sehr bald das passendste Vehikel für seine Ausdrucksbedürfnisse fand“.

Wer sich nicht ganz auf seine Phantasie verlassen möchte, findet durch zahlreiche Fotos, die die jeweilige Szenerie illustrieren, Unterstützung. Leider wurde dabei darauf verzichtet, durch die Angabe von Jahreszahlen den genauen Entstehungszeitraum der Fotografien kenntlich zu machen. Ein Umstand, der durch das ständige Lavieren zwischen den verschiedenen Zeiten, in denen die Romane spielen, weiter verstärkt wird. Wer sich nicht (mehr) en détail mit den chronologischen Abläufen der verschiedenen Handlungsstränge der Romane auskennt, mag mitunter manchmal ob der richtigen zeitlichen Einordnung verwirrt sein.

Insgesamt schafft es Doria jedoch, auch unwissenden Lesern die Welt des spanischen Autors und seiner Figuren näher zu bringen. In keinem Moment verrät er wichtige Schlüsselszenen der Erzählungen oder deren unerwartete Wendungen oder gar Ausgänge.

Darüber hinaus ergänzt Doria seine Spaziergänge durch das literarische Barcelona abschließend mit Zusatzmaterial zur Biografie Zafóns, zu ihn inspirierenden Büchern und Musik, die auch in seinen großen Barcelona-Romanen von Bedeutung sind. Mit einem Vorwort des katalanischen Autors und Journalisten Sergio Vila-Sanjuán, das die besondere Beziehung zwischen Carlos Ruiz Zafón und Barcelona beschreibt, wird das Buch zu einem perfekten Sammelsurium der magischen Welt Zafóns.

Deshalb ist „Das Barcelona von Carlos Ruiz Zafón“ nicht nur ein Geschenk an leidenschaftliche Zafón-Fans, sondern auch an all diejenigen, die sich von Barcelonas Charme und seiner Geschichte sowie dem phantasievollen Zafón’schen Blickwinkel auf die pulsierende Metropole Kataloniens begeistern lassen wollen.

Titelbild

Sergi Doria: Das Barcelona von Carlos Ruiz Zafón. Spaziergänge durch eine erzählte Stadt.
Mit einem Vorwort von Sergio Vila-Sanjuán .
Übersetzt aus dem Spanischen von Peter Schwaar.
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013.
287 Seiten, 19,99 EUR.
ISBN-13: 9783100153364

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