Paris gehört uns

Über Anna Sterns Roman „Schneestill“

Von Heike HaufRSS-Newsfeed neuer Artikel von Heike Hauf

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Anna Sterns Roman „Schneestill“ spielt im Pariser Winter, in einer von Farbe und Lärm befreiten Stadt. Die reduzierte Fülle evoziert Bilder wie aus einem Schwarzweißfilm. Man ist erinnert an die Nouvelle Vague, an improvisierte Personenkonstellationen, die von bedeutsamen Blicken und rätselhaften Dialogen bestimmt werden. Das magische Zentrum bilden dabei zwei seltsame Frauenfiguren, die den männlichen Helden Rätsel aufgeben. Dialoglastige Szenen wechseln mit Einzelbetrachtungen des einsamen Flaneurs auf den Straßen.

Die Geschichte beginnt mit Roel, einem jungen Ethnologiestudenten, der davon träumt Künstler zu sein. Er hat ein Konzept für ein Kunstprojekt, das mit seinen Fotos und den zufälligen Geschichten von Fremden zu tun hat. In einem Café macht er die Zufallsbekanntschaft einer Frau, die offensichtlich erschöpft an die Bar tritt, sich aber kein Getränk leisten kann. Er bestellt einen Tee für sie und wird dafür von ihr mit einem Origami-Schwan beschenkt. Die beiden trennen sich, ohne irgendwelche Kontaktdaten auszutauschen.

Am darauffolgenden Tag erkennt er die junge Frau auf einem Zeitungsbild wieder. Es soll sich um eine gerade entlassene Kindsmörderin handeln. Roel kann sich das nicht vorstellen und begibt sich auf die Suche nach der jungen Frau. Er ist fasziniert von ihrem Geheimnis und fühlt sich von ihrem Charme angezogen. Der Zufall spielt ihm in die Hände und er trifft sie erneut und führt ein langes Gespräch mit ihr. Seine Verwirrung nimmt aber nur zu. Wer ist diese Théa, in die er sich zu verlieben beginnt? Kaltblütige Mörderin oder krankhafte Lügnerin? Sein Interesse wird nur noch mehr geschürt und er möchte Théa in jedem Fall für sein Kunstprojekt gewinnen.

Dazu kommt noch eine zweite Ebene: Die Perspektive seines Freundes Daniel, der scheinbar glücklich mit seiner Freundin Romi, einer sportlichen, jungen Frau, liiert ist. Aber unerwartete Abgründe tun sich auf. Romi leidet unter Aggressionsschüben, deren Ursache ein Kindheitstrauma ist. Daniel muss mit seinen Gefühlen der Hilflosigkeit und Ohnmacht kämpfen und verfällt seiner Liebe dabei umso mehr.

Der Leser kennt die Innenperspektiven der Männer und erlebt mit ihnen das Geheimnis der Frauen, das ergründet werden will: Handelt es sich bei der einen um eine Hysterikerin und bei der anderen um eine Lügenbaronin? Trotz allem oder gerade aus Faszination über diese Mysterien scheinen die Männer ihrer Liebe verfallen zu sein.

Diese verwegene Geschichte zieht die Leser sofort in ihren Bann. In einem Paris, das lediglich aus einem Café, einer Straßenecke und zwei Wohnungen zu bestehen scheint, ist die Stimmung irgendwie kriminell aufgeladen. Dicht, verstörend und erotisch ist die Atmosphäre, in der eine Gefahr zu lauern scheint.

Geheimnisvoll und interessant ist auch die Autorin: „Schneestill“ ist ein Debütroman. Anna Bischofberger (geb. 1990) ist der bürgerliche Name der Autorin, die mittlerweile in Zürich Umweltnaturwissenschaft studiert, nachdem sie von ihrer ersten Wahl Germanistik enttäuscht war.

Vieles in „Schneestill“ erinnert an den Roman „Im Café der verlorenen Jugend“ des diesjährigen Nobelpreisträgers Patrick Modiano. Gemeinsamkeiten sind nicht nur der Schauplatz Paris mit seinen Cafés und zufälligen Begegnungen, mit den Straßen, die nicht nur zum Flanieren, sondern auch zum Belauern einladen. Da ist der Hang zum ungelösten Rätsel, um dem Alltag zu entfliehen.

„Ich kann alles und nichts sein oder ich kann mich dafür entscheiden, gar nie mehr etwas zu sein, verstehst du?“ Dieser Satz steht in „Schneestill“ und passt genauso gut zum „Café der verlorenen Jugend“. Die Figuren streifen mit ihren Kunstprojekten durch Paris – hier eine Installation mit Fotos von zufälligen Personen und ihren Geschichten, dort eine Karte der neutralen Zonen, wo sich die Verschollenen aufhalten sollen. Die Menschen begegnen sich gegenseitig wie objets trouvés, ohne daraus einen anderen Nutzen ziehen zu wollen, als der Herbeiführung einer surrealen Lebenserfahrung.

„Wenn man jemand wirklich liebt, muss man seine geheimnisvolle Seite akzeptieren … Genau darum liebt man ihn ja …“. Auch dieser Satz von Modiano gilt für die Figuren beider Romane, die sich formell im Perspektivwechsel der Kapitel gleichen. Zwei atmosphärisch dichte Romane, die beide sehr empfehlenswert sind. „Paris nous appartient“ wie ein Filmtitel von Jacques Rivette heißt – Paris gehört uns: uns allen.

Titelbild

Anna Stern: Schneestill. Roman.
Salis Verlag, Zürich 2014.
243 Seiten, 24,95 EUR.
ISBN-13: 9783906195186

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