Tödliches Fahrzeug

Zu Stephen Kings Thriller „Mr. Mercedes“

Von Thomas NeumannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Neumann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Stephen Kings Roman „Mr. Mercedes“, dessen Titel mehr als nur eine Anspielung auf eine süddeutsche Luxusautomobilmarke ist, handelt von dem pensionierten, übergewichtigen und selbstmordgefährdeten Detective Hodges. Hodges ist in Pension, verbringt seine Tage vor dem Fernseher und lebt vor sich hin, bis er einen Brief bekommt, dessen Absender er als den Täter eines Anschlags identifizieren kann. Dabei wurde mit einem Mercedes in eine Menschenmenge gefahren. Der Täter überfuhr die Opfer mehrmals und konnte unerkannt entkommen. Hodges leitete die Ermittlungen. Dabei hatte er auch Kontakt mit einer älteren Dame, deren Mercedes der Täter für den Anschlag gestohlen hatte. Im Raum stand bei den Ermittlungen der Vorwurf, dass der Autoschlüssel im Fahrzeug liegen gelassen wurde und dies dem Täter ermöglichte, den Wagen zu entwenden. Eine Mitschuld konnte nicht ausgeschlossen werden. Die Frau beging Selbstmord.

Hodges beginnt die Ermittlungen an dem ungelösten Fall wieder aufzunehmen – obwohl ihm dies als Detective im Ruhestand eigentlich verboten ist. Der „Täterbrief“ ist beunruhigend und Hodges vermutet, dass sich ein Anschlag wiederholen wird. Wie nahe Hodges der Wahrheit kommt, wird durch die Erzählperspektive des Täters deutlich: „Wer Macht und Kontrolle haben will, fährt mit einem Mercedes 12-Zylinder allzeit am besten!“

Stephen King ist und bleibt der „Schocker-King“, der gerne mit den Mitteln und formalen Techniken des Films arbeitet. Er verwendet gegen einander „geschnittene“ Perspektiven, schildert die Situation jeweils aus der Perspektive verschiedener Charaktere. Diese Stellen erhöhen die Dynamik und führen zu schnellen Szenen und einem rasanten Handlungsablauf. Dabei wird das Geschehen, das auf die von Hodges vorausgeahnte Katastrophe zuläuft, immer wieder mit schrägen und verstörenden Informationen aus der Sicht des Attentäters gekoppelt.

Stephen King gibt dem Täter einen Namen und ein Gesicht. Er ist ebenso, wie die anderen Protagonisten, mit einer eigenen Geschichte an der Handlung beteiligt. Dies ist verstörend, vor allem, wenn dieser die Chancen seiner eigenen Entdeckung in der Erzählung rekapituliert. Der Autor schildert ein eindringliches Szenario des Schreckens. Sein Erzähler schleicht in die persönlichen und privaten Schutzzonen seiner Protagonisten hinein und schmuggelt dort Urängste ein. Es dringt unauffällig in das alltägliche Leben ein und macht aus einem kinderfreundlichen Eismann, ähnlich wie in anderen seiner Romane, ein Monster. Und so wird dieser Sehnsuchtsort der Kindheit zu einem Ort der Angst. Größer kann die Bedrohung nicht sein, spannender kann eine Reise mit dem King nicht werden. Unbedingte Leseempfehlung – auch wenn der Roman auf den letzten Seiten etwas schwächelt, aber Kings Romanenden haben nicht erst mit „Mr. Mercedes“ eine aufdringliche, religiöse Erlösungskomponente. Absolute Leseempfehlung für vibrierende Spannung!

Titelbild

Stephen King: Mr. Mercedes. Roman.
Wilhelm Heyne Verlag, München 2014.
591 Seiten, 22,99 EUR.
ISBN-13: 9783453269415

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