Mädchen in Jungsklamotten

Jennifer Clement legt mit „Gebete für die Vermissten“ einen beeindruckenden Roman vor

Von Martin GaiserRSS-Newsfeed neuer Artikel von Martin Gaiser

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wie definiert man einen Frauenroman? Ist das ein Buch, das primär von Frauen handelt, in den überwiegenden Fällen auch von einer Frau verfasst? Ist es ein Buch, dessen Themen Männer nicht oder nur peripher interessieren? Oder anders gefragt: gibt es das Genre Frauenroman denn überhaupt oder ist das nur ein gut funktionierendes Verkaufsetikett? Wie dem auch sei, im vorliegenden Fall handelt es sich um einen Roman, der von einer Frau geschrieben wurde und dessen Hauptfiguren überwiegend weiblich sind. Ein ,Frauenroman‘, wie er zuhauf in den Wühltischen der Großbuchhandlungen liegt, ist „Gebete für die Vermissten“ jedoch beileibe nicht. Ganz im Gegenteil: Die in Mexiko-Stadt aufgewachsene US-Schriftstellerin Jennifer Clement legt hier ein Buch vor, das ohne Übertreibung zu den wichtigsten des Jahres 2014 zählt.

„Gebete für die Vermissten“ nimmt ein Land und innerhalb dieses Landes eine Region in den Fokus, die überwiegend missachtet oder mit den Stereotypen Gewalt, Korruption und Drogen gleichgesetzt wird. Nicht, dass es in Clements Roman nicht um diese Themen ginge, ein zeitgenössischer Roman, dessen Handlung in Mexiko spielt, wird diese Themen gar nicht ausklammern können. Doch im Gegensatz zu primär kriminalistischen und/oder politischen Büchern der jüngeren Zeit (Sam Hawken, Don Winslow), handelt dieses Buch von dem eher unbedeutenden mexikanischen Bundesstaat Guerrero und im engeren Sinn von einem Dorf auf einem Hügel. Dort leben nur noch Frauen, weil die Männer entweder in den Norden, also in die USA, gegangen oder tot sind. Die Frauen fristen ein ärmliches Leben, betreiben ein wenig Landwirtschaft und versuchen, irgendwie über die Runden zu kommen. Vor allem aber versuchen sie, ihre Töchter zu schützen, denn die gefürchteten Mädchen- und Menschenhändler mit ihren schwarzen SUVs haben es auf die schönen Heranwachsenden abgesehen. Und so ersinnen die Mütter immer neue Techniken und Taktiken, um ihre Töchter möglichst lange vor dem Zugriff der grausamen Horden zu verschonen, beispielsweise dürfen die Kinder ihre Haare nicht wachsen lassen und keinen Schmuck angelegen: Jungsklamotten sind die bevorzugte Kleidung und Fingernägel bleiben unlackiert. Außerdem werden Erdlöcher ausgehoben, in die die Mädchen flüchten können, falls die Mütter die Staub- und Rauchwolken der Geländewagenkolonnen früh genug erspähen.

Im Zentrum steht das Mädchen Ladydi (der ungewöhnliche Name wird im Lauf des Romans erklärt), dessen Vater lange in Acapulco gearbeitet und sich schließlich auch aus dem Staub gemacht hat. Der Leser weiß nicht, welche Perspektive diese Kinder haben, die zwar alljährlich einen neuen Lehrer bekommen (in diese Gegend will keiner freiwillig, weswegen sie nach einem Pflichtjahr wieder verschwinden), aber mit ihrer Bildung fast nichts anfangen können. Ladydi und ihre Freundinnen machen das Beste aus ihrer Situation, helfen ihren Müttern bei der Arbeit und hoffen auf ein Wunder. Und tatsächlich verschafft ihr Cousin Ladydi eine Anstellung als Hausmädchen auf einem wunderschönen großen Anwesen in Acapulco. Und auf einmal scheint alles möglich, Ladydi verliebt sich, ein neues Leben könnte beginnen.

Doch besagter Cousin ist in üble Geschäfte mit brutalen Kontrahenten verwickelt und schon bald steckt die junge Frau in größten Schwierigkeiten, wandert sogar ins Frauengefängnis. Jennifer Clements Roman, der nur knapp 230 Seiten umfasst, besteht aus zwei Teilen: dem Teil in der Heimat Ladydis und dem Teil fern des Dorfes und der Mutter. Diese beiden Teile unterscheiden sich stark, trotzdem liest sich der immer spannende und oft schockierende Roman wie aus einem Guss. Die Autorin, die über zehn Jahre in Mexiko recherchiert und dabei Hunderte Interviews mit betroffenen Frauen geführt hat, legt mit „Gebete für die Vermissten“ ein auch sprachlich absolut gelungenes Buch vor. Sie zeigt mit viel Einfühlungsvermögen, einer an den richtigen Stellen drastischen, dann wieder zarten und ruhigen Sprache ganz neue, so bisher nicht gekannte Aspekte der großen Probleme Mexikos auf. Ein lesenswertes Buch, dessen großartige Hauptfigur lange im Gedächtnis bleibt und das ein starkes Plädoyer für den Überlebens- und Freiheitswillen ist.

Titelbild

Jennifer Clement: Gebete für die Vermissten. Roman.
Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Nicolai von Schweder-Schreiner .
Suhrkamp Verlag, Berlin 2014.
232 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783518424520

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