1913 – ein Schlüsseljahr der Moderne?

Ein Sammelband analysiert deutsche „Aufbrüche und Krisenwahrnehmungen“ am Vorabend des Ersten Weltkriegs

Von Jens FlemmingRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jens Flemming

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ein Buch mit dem Titel „Das Jahr 1913“ hat es schon einmal gegeben, erschienen exakt vor einhundert Jahren: 1914 bei Teubner in Leipzig. Gedacht war dies als Beginn eines Periodikums, keine Chronik, wie der Herausgeber David Sarason betonte, sondern ein „Denkmal der Zeit“, eine fortlaufende Dokumentation der „Strebungen und Werturteile der Gegenwart“, gleichsam ein Vademekum für kommende Generationen, das deren historische Spurensuche erleichtern würde, ein Plan, dem der Krieg dann rasch den Garaus machte. Gerade in einer Epoche, die „Ewigkeitswerte“ nicht mehr von den Banalitäten des Tages zu scheiden wisse, hieß es in der Vorrede, seien „rückschauende Betrachtung“ und „rückerinnernde Vertiefung“, sei Erfassung des „Ganzen der Kultur“ dringend nötig. Von den in solchen Wendungen mitschwingenden zivilisationskritischen Untertönen war allerdings in den Beiträgen des Sammelwerks wenig zu spüren. Hier überwog die nüchterne bis skeptische Bestandsaufnahme, auch der Stolz auf das in und von Deutschland Erreichte, vielfältig durchwirkt von Fortschrittsgewissheit und Machbarkeitsphantasie.

Von anderen Perspektiven lässt sich der von Detlev Mares und Dieter Schott besorgte Aufsatzband leiten, der die Referate einer an der TU Darmstadt veranstalteten Ringvorlesung präsentiert. Hier geht es um „Aufbrüche und Krisenwahrnehmungen“, die 1913 offenbar kulminierten. Das titelgebende Jahr gewinnt dadurch eine eigentümliche Bedeutsamkeit. Gewiss, die Deutschen feierten Kaiser Wilhelms 25-jähriges Thronjubiläum und manch anderes mehr, aber das hätte, wenn es nicht der Zufall gewollt hätte, auch an einem beliebigen anderen Datum passieren können. Tatsächlich war 1913 nur das letzte Friedensjahr vor dem Großen Krieg, eine wirkliche Zäsur markierte es nicht. Insofern handelt es sich eher um eine Art Chiffre, die das zum Ausdruck bringen soll, was in den Kulturwissenschaften mangels scharfer zeitlicher Trennlinien ein wenig vage als „Epoche um 1900“ verhandelt wird: jene Jahrzehnte zwischen den 1880er-Jahren und 1914, in denen sich, geprägt von mannigfaltigen Spaltungen und Widersprüchen, Prozesse einer mehrdimensionalen, vielgestaltigen Moderne abzeichnen und vollziehen.

1913 sei ein „Jahr der Möglichkeiten“ gewesen, konstatieren die beiden Herausgeber. Dies freilich ist ein Charakteristikum, das sich ohne Verrenkungen auch auf andere Epochen applizieren ließe. Schließlich ist Geschichte prinzipiell offen, kann diese oder andere Richtungen nehmen. Insofern darf man zweifeln, ob es wirklich, wie verschiedentlich behauptet, ein „Schlüsseljahr der Moderne“ gewesen ist. Durch den nachfolgenden Krieg bekommt es in der Retrospektive allerdings doch eine spezifische Färbung, setzt den vorläufigen Schlusspunkt unter eine Entwicklung, die auf unnachahmliche Weise Robert Musil im „Mann ohne Eigenschaften“ auf den Punkt gebracht hat. „Aus dem ölglatten Geist der letzten zwei Jahrzehnte des neunzehnten Jahrhunderts hatte sich plötzlich in ganz Europa ein beflügelndes Fieber erhoben“, schrieb er 1930: „Niemand wußte genau, was im Werden war; niemand vermochte zu sagen, ob es eine neue Kunst, ein neuer Mensch, eine neue Moral oder vielleicht eine Umschichtung der Gesellschaft sein sollte. Darum sagte jeder davon, was ihm paßte. Aber überall standen Menschen auf, um gegen das Alte zu kämpfen.“

Das Alte, das war in Deutschland der Geist des Wilhelminismus, waren Konventionen und angestaubte Rituale, schienen Städte zu sein, in denen die Menschen, ihrer Überlieferung und ihrer Wurzeln entfremdet, eng zusammengedrängt in Stein- und Asphaltwüsten hausten. Dagegen Front zu machen, war das Programm der bürgerlichen Jugendbewegung, die sich, wie Jürgen Reulecke zeigt, von der Welt der Erwachsenen abwandte, hinauszog in die Natur, sich in eigene kulturelle Sphären hineinträumte, von gesellschaftlicher Wiedergeburt, Vitalisierung und geistiger Verjüngung schwärmte. 1913 traf man sich auf dem Hohen Meißner, angeregt durch den Jenenser Verleger Eugen Diederichs, bezog Position gegen die moderne Zivilisation oder gegen das, was man für deren Auswüchse halten wollte, ohne sich allerdings von der Moderne als solcher zu verabschieden. Aber es sollte eine Moderne der „Wahrhaftigkeit“ sein, ohne „entseelte Arbeit“ und ohne „entseelten Genuß“, auch ohne den Hader der Parteien, vielmehr getragen von Toleranz und individueller Verantwortung, mit der freideutschen Jugend als Speerspitze, die 1914 hochgemut in den Krieg zog und 1918 enttäuscht daraus heimkehrte. Die Generation der Väter habe das blühende Erbe des Reichs herunter gewirtschaftet, notierte 1922 ein Anonymus: „Was sie uns hinterlassen haben ist – Konkurs.“ Aus derlei Sentiments erwuchsen die generationellen Konflikte der Nachkriegszeit, erwuchs die Vorstellung von einer Jugend ohne Väter, eine Formel, die Peter Suhrkamp Anfang der 1930er-Jahre bemühte, um den Abmarsch in das Lager des völkischen Radikalismus, nun repräsentiert durch die NSDAP, zu erklären.

Was in der Epoche vor 1913 „im Werden“ war oder doch im Werden sein sollte, glaubten viele zu wissen, zum Beispiel Natur- und Heimatschützer, auf deren Postulate Friedemann Schmoll das Augenmerk lenkt. Ging es diesen um die Erhaltung des deutschen Waldes, damit, wie schon Wilhelm Heinrich Riehl formuliert hatte, „Deutschland deutsch bleibe“, so glaubten andere, dass die Identität und der Vorrang Deutschlands als Kulturnation durch die Rezeption, ja die berufene Nachfolge der alten Griechen beglaubigt werde. Zwei Tendenzen, so der Befund von Elke Hartmann, zermürbten diesen Anspruch: Durch Verwissenschaftlichung sei die „Vorbildlichkeit der Antike“ ebenso zerstört worden wie durch das unaufhaltsame Vordringen der Gymnasien neuen Typs, der Realgymnasien, die Wert auf Naturwissenschaften und moderne Fremdsprachen legten, um den Anforderungen einer beschleunigtem Wandel unterworfenen Welt genügen zu können.

Wie die meisten anderen Autoren schlägt auch Christoph Dipper zeitliche Bögen, die über das Jahr 1913 hinausweisen. Sein Thema ist die „Entstehung der Moderne“, festgemacht an der Kunst wie an den Suchbewegungen von Max Weber und Ernst Troeltsch. Von jenem stammt das bis zum Überdruss zitierte Wort von der „Entzauberung der Welt“, hervorgerufen durch „Intellektualisierung und Rationalisierung“, durch den Siegeszug der Wissenschaft. Wenn man nur wolle, meinte Weber, könne man jederzeit alles erfahren, alles wissen. Daher gebe es „prinzipiell keine geheimnisvollen Mächte“ mehr, Magie habe ausgespielt, werde ersetzt durch die Überzeugung, „alle Dinge durch Berechnung beherrschen“ zu können. In diesem Horizont begann die Geschichte ihre Bedeutung als Lebensmacht zu verlieren, was den Bruch der Gegenwart mit der Vergangenheit implizierte, historische Kontinuität, die bis dahin als selbstverständlich galt, in Frage stellte. Das lässt sich, wenn man will, als Symptom einer Krise deuten, von der freilich weniger die breiten Schichten der Gesellschaft erfasst wurden, als die Köpfe einer schmalen Elite von Akademikern und Literaten, die sich selbst geistesaristokratische Züge anhefteten. Für den Theologen Troeltsch, der nach dem Krieg das Denkmodell des Historismus einer kritischen Prüfung unterziehen sollte, war die „moderne Welt“ autonom, nicht mehr bestimmt durch Kirche und Religion, als solche weder gut noch böse. Dazu eine Haltung zu gewinnen, die Moderne nicht zu verteufeln, sondern zu begreifen, sich mit ihr argumentativ zu konfrontieren, sei nicht zuletzt die Aufgabe eines der Welt zugewandten Protestantismus.

Im Herbst 1913 wurde als Höhepunkt erinnerungspolitischen Tuns das Leipziger Völkerschlachtdenkmal eingeweiht. Hier feierte sich, wie Birte Förster darlegt, das nationale, das bürgerlich monarchische Deutschland, das den ‚Befreiungskrieg‘ gegen das napoleonische Frankreich als Inbegriff einer Volkserhebung, die er in Wahrheit nicht war, zum Vorbild für die Gegenwart erhob. Auf die wiederum fiel schon länger der Schatten drohender Kriegsgefahr, gegen die als Garant des Friedens noch stets die Sozialdemokratie ihre Anhängerschaft aufzubieten pflegte. Als es dann im August 1914 soweit war und der Krieg an die Pforten der europäischen Mächte klopfte, schwenkten Partei und Gewerkschaften auf die Linie der Reichsleitung unter Kanzler Bethmann Hollweg ein. Walter Mühlhausen analysiert diese überraschende Wendung mit einem generationellen Zugriff, indem er den Blick auf die Funktionsträger nach August Bebel richtet, auf die von ihm so bezeichnete „zweite Generation“. Deren Vertreter nämlich waren, argumentiert der Autor, fester mit den gesellschaftlichen Verhältnissen im Wilhelminischen Deutschland verwachsen, als ihre antikapitalistische, systemoppositionelle und internationalistische Programmatik ahnen ließ. Am Ende fiel diese in den Orkus, nationales Empfinden und patriotische Loyalität obsiegten über die zuvor beschworene internationale Solidarität des Proletariats, und die Losungen, die auf den großen Massenversammlungen im Juli 1914 ausgerufen wurden, entpuppten sich rasch als folgenlose Rhetorik.

Unter dem Stichwort „Aufbrüche“ schreibt im letzten Teil des Buches Angelika Schaser über das „Jahrhundert der Frauen“, eine Überschrift, hinter die sie zu Recht ein Fragezeichen setzt; Noyan Dinçkal schildert die Einweihung des Deutschen Stadions in Berlin, gedacht als repräsentative Heimstatt der Olympiade, die – vorgesehen für 1916 – wegen des Krieges nicht stattfinden konnte. Die Veranstaltung, die sich in den „außergewöhnlichen Festzyklus des Jahres 1913“ einreihte, wurde unter den Augen des Kaisers als militärisches Spektakel inszeniert. Die Frankfurter Zeitung ironisierte das als „Miniatur-Militarismus“, der auf dem „Rasen Olympischer Spiele“ ausgesprochen „peinlich, schematisch, kommissig“ wirke.

Innovatorische Potentiale in Städtebau und Architektur analysiert abschließend Werner Durth. Gleich eingangs zitiert er den Kunstkritiker Karl Scheffler, der in etlichen Schriften für eine Abwendung vom Historismus plädierte, was mit einer Mahnung an die Architekten einher lief, sich mit den jeweils aktuellen sozialen und wirtschaftlichen Gegebenheiten produktiv auseinanderzusetzen, dabei zur modernen Welt kongeniale Wege einzuschlagen. Dies umzusetzen, machte sich der Deutsche Werkbund zur Aufgabe. Walter Gropius und andere warben für eine neue Formensprache bei der Gestaltung von Bauten und industriell gefertigter Gebrauchsgüter. Der Krieg brach diese Ansätze zunächst ab, aber sie wirkten weiter und ragen bis in unsere Tage hinein, sind Teil, wie Durth eindringlich ins Gedächtnis ruft, einer fortwährend geführten und zu führenden Debatte über den Zusammenhang von Tradition und Moderne.

Titelbild

Detlev Mares / Dieter Schott (Hg.): Das Jahr 1913. Aufbrüche und Krisenwahrnehmungen am Vorabend des Ersten Weltkriegs .
Transcript Verlag, Bielefeld 2014.
280 Seiten, 27,99 EUR.
ISBN-13: 9783837627879

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