Helden der Biegsamkeit

Was trieb Thomas Mann und Robert Musil zur Kriegsapologetik, mit welchen Folgen?

Von Markus JochRSS-Newsfeed neuer Artikel von Markus Joch

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es gibt erfreulichere Jubiläen als hundert Jahre „Friedrich und die große Koalition“. Der 1915 in der Januar/Februar-Ausgabe des „Neuen Merkur“ erschienene Text stellt in Thomas Manns bellizistischem Schaffen, dem ohnehin wenig rühmlichen, eine Eskalation dar. Zwar warten schon die im November 1914 veröffentlichten „Gedanken im Kriege“ mit Franzosenschelte und greller Metaphorik auf ‒ zur Welt der „cancanierenden Gesittung“ heißt es: „Wimmelte sie nicht von dem Ungeziefer des Geistes wie von Maden?“ Soll heißen: Mit dem welschen Politisieren ist nun Schluss. Auch feiert der sonst so Maßvolle in der „Neuen Rundschau“ den Krieg ganz unironisch als „gewaltige[n] und schwärmerische[n] Zusammenschluss der Nation in der Bereitschaft zu tiefster Prüfung“. Doch erst mit der Abhandlung im „Merkur“ segnet Mann das konkrete Vorgehen der deutschen Heeresleitung ab, und dies elegant.

Der Schlieffen-Plan wird in historischer Verfremdung verhandelt, vorderhand nur vom Siebenjährigen Krieg gesprochen, „dessen Wiederholung oder Fortsetzung wir heute erleben“. Was sollte der Feldzug Friedrichs des Großen gegen Frankreich, Russland und die Habsburger Monarchie mit der Attacke gegen die Entente zu tun haben? Wie 1756 der Einfall von Preußen in das neutrale Sachsen, so die Suggestion, sei auch der Überfall des Deutschen Reichs auf das neutrale Belgien vom „Recht der aufsteigenden Macht“ gedeckt. Mit der im August 1914 aufkommenden und noch heute kursierenden Version, die deutsche Westoffensive sei ein Präventivschlag, daher kein wirklicher Angriff gewesen, zeigt sich Mann einverstanden, wenn er auch Friedrich ständig für eingekreist erklärt. Sein Machttheorem aber geht über den legitimatorischen Standard hinaus, es rechtfertigt den deutschen Angriffskrieg unumwunden.

Erinnernswert am Ja zum Völkerrechtsbruch sind weniger die chauvinistischen Töne selbst. Solche waren im ersten Kriegsjahr Legion unter Deutschlands Schriftstellern, wie man spätestens seit Thomas Anz’ und Joseph Vogls Sammlung deutscher Weltkriegslyrik weiß (1982). Wirklich von Interesse dürfte die Stimmungsmache von 1914/15 heute nur noch sein, wenn sie dem Gesamtwerk des jeweiligen Autors scharf kontrastiert. So gilt Thomas Manns Œuvre nicht eben als martialisch; gerade das Frühwerk hält es bekanntlich mit dem Gegenteil, mit Décadence, Liebe zum Pathologischen und Seelenzergliederung. Betreffs der Letzteren stellt sich der Autor 1908 als „Sohn und Diener“ des „europäischen Romans“ vor, was zur deutschnationalen Positionierung sechs Jahre später ebenso wenig passt. Verblüffen kann sein Ultranationalismus noch im Nachhinein, weil er von einem Erzähler der übernational orientierten Moderne stammt.

Dem gleichen Irritationspotential begegnen wir beim namhaftesten Kriegsenthusiasten Österreichs. Wie Oliver Pfohlmann unterstreicht, „[stand] das im August 1914 auch in Musil tobende Gefühlsgemisch aus Nationalismus, Opferbereitschaft und Bellizismus […] im klaren Widerspruch zu seinen bisherigen ästhetischen Werten und Zielen. Diese verstanden sich seit Brünner Jugendtagen als europäisch-modern, wie es für viele Vertreter der Literarischen Moderne bis dahin selbstverständlich war. Dagegen waren die vom Krieg schlagartig wiederbelebten Werte wie Treue, Nationalismus oder Pflichterfüllung genau jene, die von Musils Generation bis 1914 als obsolet abgelehnt wurden.“ Offensichtlich ziehen zwei Autoren von Rang bei der geistigen Mobilmachung nicht nur mit ‒ wie etliche mindere, etwa die Heimatkünstler ‒, sie vollziehen zugleich eine Kehrtwende.

Soll man die heute prominentesten der frühen Lobreden auf den Ersten Weltkrieg also als opportunistisch einstufen ‒ oder als Zeugnisse des Mitgerissenseins, denen eine situative Überzeugung zuzubilligen wäre, wenn auch eine verblendete? In welchem Mischungsverhältnis stehen Anpassung und Überzeugung, Kalkül und Stimmung, Entscheidungsfreiheit und sozialer Zwang? Die Fragen an Thomas Mann und Robert Musil zu adressieren, drängt sich nicht nur aus dem kalendarischen Grund der hundert Jahre auf, hinzu kommt ein seit 2014 deutlich veränderter Forschungsstand.

Lange Zeit schien es, als sei „Europäertum, Krieg, Deutschtum“, Musils berüchtigter Text für die „Neue Rundschau“, geschrieben unmittelbar vorm Einrücken zum Landsturm, ein zwar peinlicher, aber relativ folgenarmer Fauxpas. Gewiss konnte man dort über Befremdliches stolpern, etwa über den Grund, aus dem der immerhin 33-jährige sich und die Landsleute von ehemaligen Freunden im Feindesland getrennt sah: weil „wir von einer unnennbaren Demut geballt und eingeschmolzen werden, in der der Einzelne plötzlich wieder nichts ist außerhalb seiner elementaren Leistung, den Stamm zu schützen“. „Schutz“ klang, als habe Serbien Österreich-Ungarn den Krieg erklärt; „einschmelzen“ ließ Lust an Gleichschaltung und Ich-Verlust erkennen; vom „Stamm“ zu sprechen hieß, sich dem Atavismus hinzugeben, nicht etwa (wie wenig später Sigmund Freud) seine Wiederkehr auf den Schlachtfeldern kritisch zu reflektieren.

Dennoch wirkte der Artikel vom September 1914 wie ein lässlicher Fehltritt. Teils, weil viele andere Schriftsteller der Kriegsbegeisterung genauso verfallen, sie doch alle so ,zivilisationsmüde‘ waren, teils, wichtiger, weil der späte Musil, im himmelweiten Unterschied zu den meisten anderen, selbstkritische Worte fand. Sein rückblickendes „Der Krieg kam wie eine Krankheit, besser wie das begleitende Fieber, über mich“ wurde aus gutem Grund zum Zitatklassiker. Obgleich die Pathografie reine Passivität voraussetzte, insofern auch einen leicht selbstentlastenden Zug hatte, zeigte sie doch, dass das trübe Zwischenspiel und sein textueller Niederschlag dem Autor unangenehm genug waren. Warum sich dann als Nachgeborener darüber mokieren? Vor allem aber: Verglichen mit dem publizistischen Gefecht, das Thomas Mann dem Westen über volle vier Jahre geliefert hatte, anfangs auftrumpfend (in den Aufsätzen von 1914/15), danach im zähen Rückzug (1915-18, mit den ausufernden „Betrachtungen eines Unpolitischen“), schienen die zwei Druckseiten des österreichischen Kollegen fast schon eine Petitesse ‒ auch dem Verfasser.

Das Relativieren und Bagatellisieren darf als überholt gelten. „Der Dichter im Dienst des Generals“, die aktuelle Studie der Klagenfurter Musil-Expertin Regina Schaunig, zeigt, dass der vermeintliche Ausrutscher nur der Auftakt war für Musils Propagandaschlacht als Chefredakteur zweier Soldatenzeitungen. Eine von 1916 bis -18 währende Tätigkeit, die er „zur vollsten Zufriedenheit seiner Vorgesetzten“ ausübte (Aktennotiz) und ihm im November 1917 das Ritterkreuz des Franz-Joseph-Ordens einbrachte. Die mehr als drei Dutzend[1] Leitartikel und Feuilletons für die Durchhaltegazetten „(Tiroler) Soldaten-Zeitung“ und „Heimat“ (Wien), ein von Schaunig akribisch dokumentiertes, dabei ausgesprochen sachlich, nie polemisch kommentiertes Material, laden zum Vergleich ein.

Abgesehen davon, dass Oberleutnant Dr. Robert Musil, seit Herbst 1917 Hauptmann „von Musil“, in der Galerie dienstbarer Intellektueller ein zentraler Platz gebührt, kann es seine Kriegsbejahung mit der Standhaftigkeit Thomas Manns aufnehmen. Auch sein Einsatz nimmt einen untypischen Verlauf: Führt beim Gros der Schwärmer von 1914 der Erfahrungsschock des Maschinenkriegs dazu, dass die Anfangsbegeisterung dem Entsetzen weicht und meist im Spätpazifismus mündet, sucht Musil eben diesem entgegenzuwirken. Noch im dritten Jahr will der uniformierte Schriftleiter den Krieg als Österreichs „gewaltige Prüfung für die Zukunft“ verstanden wissen, „die wir bestehen müssen, wenn wir einen Rang unter den Völkern und Staaten behaupten wollen, der unserer Anlagen und unserer Vergangenheit würdig ist.“

Nicht nur unerwartet als ,Geisteskrieger‘ hervorzutreten, sondern den neuen Kurs auch bis zur Niederlage der Mittelmächte zu halten, ist die augenfälligste Gemeinsamkeit zweier moderner Klassiker, getragen vom Ehrgeiz nationaler beziehungsweise ,kakanischer‘ Wortführerschaft. Das im Fall von Thomas Mann geläufige Repräsentationsbedürfnis kennt der Musil der zweiten Kriegshälfte gleichermaßen („wir müssen“), auch weil der Weg der Donaumonarchie in den Zwergstaat für ihn beim Dienstantritt im Juni 1916 noch nicht vorhersehbar ist.

Ein Unterschied im Ähnlichen ergibt sich schon aus der lebenspraktischen Differenz: dass Musil vor der Phase der Leitartikel an der italienischen Südfront gekämpft hat, Thomas Mann sich dagegen von einem genehmen Stabsarzt ausmustern lässt. Was der Bürgerkünstler für zugleich soldatisch und künstlerisch erklärt, „Schonungslosigkeit gegen sich selbst“ und „Blutzeugenschaft“, lebt er lieber im Münchner Arbeitszimmer aus, wodurch ein Dreieck der Anti- und Sympathien entsteht. Der heftige Widerwille gegen den Kriegsgegner Heinrich Mann eint die beiden -befürworter, andererseits zählen Zivilautoren wie Thomas Mann für den Dichter-Offizier Musil seit Kriegstagen zu den nicht ganz vollwertigen Kombattanten ‒ den „Hinterlandsdichtern, deren Phantasie ein Leibschaden vor der Berührung mit Dreck und Herrlichkeit des Lebens in der vordersten Linie schützt“ (Zitat von 1916). Thomas Mann seinerseits zeigt ,Problembewusstsein‘, insofern er 1914/15 versucht, den Unterschied zwischen buchstäblichem und rhetorischem Kriegsdienst kleinzureden.

Schwerer jedoch wiegt eine Ähnlichkeit im Unterschied. These eins dieses Essays besagt: Was Interesse und Wendigkeit ihres „Gedankendienst[es] mit der Waffe“ betrifft (Thomas Mann), neigt der eine wie der andere Propagandist zur nachträglichen Selbsttäuschung. Was beide im Nachhinein vor sich verbergen, vor anderen ohnehin, ist die eigene Anpassungsfähigkeit. Nur verfährt Musil dabei meist subtiler. Auseinanderzuhalten wiederum sind die Motive der Stellungnahmen von 1914/15 und deren langfristige Auswirkungen. Dazu These zwei: Thomas Manns frühe Kriegspublizistik zeigt einen höheren Opportunismusgrad als die von Musil ‒ acht zu sechs auf der Göring-Eckardt-Skala.[2] Dafür sind beim Österreicher die Spätfolgen des Kriegsengagements gravierender.

Gerade weil Thomas Mann spätestens im Mai 1915, Musil im März 1917 intellektuelle Tiefpunkte durchlaufen, ist zu fragen, wie sie es schafften, sich vom Bellizismus wieder zu lösen, im Gegensatz etwa zu Ernst Jünger, der den Krieg nach 1918 aufs Papier verlagerte. Thomas Manns Entwicklung haben uns unsere linksliberalen Deutschlehrer ja immer besonders gern als Bekehrungsgeschichte erzählt: Aus dem kriegerisch-konservativen Saulus des Ersten Weltkriegs wird mit „Von Deutscher Republik“ (1922) ein Paulus, so friedliebend und demokratisch, dass es zur Kanonisierung dreimal reicht. (Und seine BBC-Ansprachen erst.) Das ist wahr und schön, aber wie kriegte er die Kurve? Und kam Musil aus der Bellizisten-Nummer anders heraus, weil sie beim Ritterkreuz-Träger auch ein Sein, nicht nur ein Meinen betraf?

Hier sei am Schluss skizziert, wie sich beide Autoren verdeckt korrigierten, Musil allerdings die Pazifisten-Allergie weiter pflegte (6., 7.). Dass sie zur Selbstblockade im September 1933 beitrug, ist auch einmal anzusprechen, denn bei allen Verdiensten: „Robert Musil ‒ Literatur und Politik“, Klaus Amanns Standardwerk von 2007, stellt die Beziehung zwischen Kriegs- und Nachkriegshaltung allzu hagiografisch her (7.).

Und wie hält man es bislang mit Schaunigs Buch? Rezensent Hermann Schlösser weiß das offenbar für besorgt gehaltene Publikum des Literaturhauses Wien zu beruhigen: Klar schreibe der Militärjournalist Musil handfester, einfacher und volkstümlicher als der Romancier, auch fehle es nicht an Frontkämpfer-Pathos, doch gewisse Freiheiten habe er sich schon herausgenommen und zu den politischen Entwicklungen eine kritische Haltung gezeigt. Eine bemerkenswert positive Sichtweise, wie an einigen volkstümlichen Passagen veranschaulicht sei (4.). Im Ernst, des Schönfärbens bedarf es nicht. Musils Platz in der Hall of Fame ist seit Ewigkeiten gesichert, durch den „Törleß“, „Die Amsel“, wenn nicht schon durchs „Fliegenpapier“, vom „Mann ohne Eigenschaften“ zu schweigen. Da sollten Ausflüge in die Hall of Shame gelassener registrierbar sein, ohne Scheuklappen.

Nur für eine kleinere Akzentverschiebung sei plädiert, weniger zu beanstanden gibt es, was den Umgang mit Thomas Manns Kriegsschriften angeht (zu einem apologetischen Ausreißer 2.). Erst im letzten Mai nahm sich Heinrich Detering in einem Züricher Vortrag zwei besonders unschöne Stellen vor, Manns rassistischen Ausfall zum Bild eines senegalesischen Entente-Kämpfers und die Verharmlosung des Leids von Kriegsinvaliden („An die Redaktion des ,Svenska Dagbladet‘, Stockholm“, 1915 / „Betrachtungen“). Das dazu Notwendige hat die Göttinger Koryphäe gesagt, wie dem Bericht der NZZ zu entnehmen ist.[3]

Nicht ganz so glücklich wird man mit den einleitenden Worten des Berichts selbst. Sie bescheinigen Thomas Mann einen „ziemlich scheußliche[n] Gesinnungswechsel“ bei Kriegsausbruch, doch „,opportunistisch‘ zu nennen“ sei er „nur auf den ersten Blick. Gleich vielen Dichtern in Europa verfiel Mann im August 1914 einer Euphorie, in welcher er den Krieg als Reinigung, Befreiung und Hoffnung begrüsste.“ In der Formulierung steckt, neben der Scheu vor dem O-Wort, die seit Jahrzehnten eingeschliffene Gewohnheit, das Motiv von Kriegsapologetik disjunkt zu denken: entweder Opportunismus oder Begeisterung. Das Oder können wir streichen; besonders Thomas Manns Beispiel zeigt, wie sich die beiden Antriebe paaren. Auch wird hier vorgeschlagen, Manns Kurswechsel primär an den vorausgegangenen literarischen Werken zu bemessen. Dass der Staatsdichter von 1914/15 sich in Friedenszeiten einmal gegen die Zensur eingesetzt hat, wie die NZZ hervorhebt, ist natürlich interessant, doch bestehen zwischen Kriegs- und Friedenspositionen noch ganz andere Spannungen. Und dass sie nur das Verhältnis zum „Tod in Venedig“ betreffen (1912), wie Hermann Kurzke noch 2009 meinte, meine ich eher nicht.

1. Defensiv- und Soldatenphantasie (Thomas Mann)

 „Der ganze nationalistische Katechismus, angefüllt mit Irrsinn und Verbrechen, ‒ und der ihn predigt, ist euer eigener Ehrgeiz, dürftiger noch, eure Eitelkeit.“ Über Heinrich Manns Botschaft vom November 1915, Deutschlands kriegsseelige Literaten seien den gleichen Motiven gefolgt wie zwei Jahrzehnte zuvor die antidreyfusards in Frankreich, zeigt sich Thomas in den „Betrachtungen“ tief empört. Der „Zola“-Essay unterstelle ihm „Applaussucht, Erwerbssinn“, wo es nur um Beistand für das bedrängte Vaterland gegangen sei. Gegen den Vorwurf, sich im vergangenen Jahr wie andere als „geistige[r] Mitläufer“ entpuppt zu haben (Heinrich), führt er seine Überzeugungskonstanz an: „Denn jene meine Haltung und Parteinahme […] war notwendig, gesetzmäßig, folgerecht, echt und wahr, sie war Ergebnis, Quintessenz, unmittelbarer Ausdruck meines Wesens, meiner Herkunft, Erziehung und Bildung, meiner Natur und Kultur, die nicht ganz gemein, nicht ganz und gar schlecht sein kann, da ich ihr zwei oder drei Werke abgewann, die gut sind und von einiger Dauer sein werden […].“ Gehen wir der Kontinuitätsbehauptung („folgerecht“) nach, auch anhand der Werke ‒ bilden die Stellungnahmen vor und im Krieg tatsächlich eine sozialisationsbedingte Einheit?

Was Thomas Mann fraglos fortsetzt, ist eine antidemokratische Linie. In gewohnten Bahnen bewegt er sich bei Kriegsausbruch, wenn er die Demokratie auf der undeutschen Seite verortet und moralisch unterlegen wähnt, weil „unser soziales Kaisertum“ (mit Arbeiterversicherung!) moderner sei als „die unsauber plutokratische Bourgeois-Republik“, „irgendein Advokaten-Parlamentarismus“. Es spricht ein Freund des Dreiklassen-Wahlrechts und Patriziersohn, der politischer Gleichheit die ,Humanität‘ vorzieht, das heißt den wohltätigen und jovialen Umgang des Herrn mit den Untergebenen. „Wenn ich mich an den Ton, das Verhältnis zwischen meinem Vater und seinen Speicherarbeitern erinnere“, lautet eine Reminiszenz in den „Betrachtungen“, „so bin ich wenig bereit, es zu glauben, daß durch Emanzipation und soziales Gesetz Menschlichkeit und Menschenwürde sonderlich gefördert worden sind.“

Zugrunde liegt dem Paternalismus ein Gesellschaftsbild, in dem kodifizierte Gleichheit der naturwüchsigen gesellschaftlichen Rangordnung widerspricht. Offengelegt wird das Hierarchisieren erstmals im bei Kriegsbeginn noch unveröffentlichten Material, dem vorletzten der 1913 geschriebenen Kapitel des „Felix Krull“, wo der Held die Leser beiläufig wissen lässt, dass „die natürlich-ungerechte und adelsfreundliche Verfassung des Menschengeschlechts“ für ihn heitere Selbstverständlichkeit ist.

Wie nahe literarische Figur und Autor sich hier stehen, verdeutlicht ein Kommentar des Essayisten von 1917, dem ein gleiches Wahlrecht so absurd vorkommt, dass ihm ein musikalischer Vergleich dazu einfällt: „Einen berühmten Kapellmeister hörte ich ausrufen: ,Es wird dahin kommen, daß das Orchester darüber abstimmt, ob eine Stelle piano zu spielen sei oder mezzo-forte!‘“ (Das klappte selbst 1968 nicht, da war Frank Zappa vor.)

Abgezeichnet hat sich Thomas Manns herablassendes Verhältnis zur Volksherrschaft aber bereits in der humoristischen Manier, mit der das Jugendwerk von 1902 die ’48er-Revolution abfertigte, namentlich im Dialog von Hafenarbeiter Carl Smolt und Konsul Buddenbrook: „Je, Herr Kunsel, ick seg man bloß: wie wull nu ’ne Republike, seg ick man bloß…‘. ,Öwer du döskopp… Ji heww ja schon een!‘“ Mit der Verfassung der Freien Hansestadt Lübeck erübrigen sich also gleiches Wahlrecht und Parlamentarismus in Deutschland, und Carl kann für seinen Herrn die Kutsche rufen gehen.

Dass eine gerade Linie familiär verwurzelter Demokratiescheu von den Kriegsschriften über die Anfänge des Hochstaplerromans zurück bis zu den „Buddenbrooks“ führt, lässt erkennen, was Thomas Mann 1914/15 zuvorderst umtreibt. Die frankophile Linkswende des älteren Bruders, 1905 beginnend und zunächst nur eine unangenehme Überraschung ‒ kommt Heinrich nicht aus gleichem Haus, war er nicht mal Ästhet? ‒, ist Thomas nun schon lange genug ein Dorn im Auge. Bei Kriegsausbruch gegen die westlichen Demokratien zu wettern, ist für den Jüngeren deshalb doppelt befriedigend. Er kann sich als Praeceptor Germaniae versuchen und im gleichen Zug, endlich, den „Zivilisationsliteraten“ brüskieren. Endlich, da Thomas Mann mit seiner Meinung zur Demokratie seit den „Buddenbrooks“ hinterm Berg hielt, Vorbehalte gegen die brüderliche Entwicklung auch im Briefwechsel nur anzudeuten wagte. Als die Kriegsbegeisterung aber selbst Altnaturalisten und Frühexpressionisten erfasst, selbst diese mehrheitlich ihre Demokratisierungsforderungen zurückstellen und Heinrich erfreulich isoliert ist, nutzt Thomas die Gunst der Stunde und geht auf Konfrontationskurs.

An diesem Punkt zeichnet sich die erste Selbsttäuschung der „Betrachtungen“ ab. Es trifft zu, dass die in den „Gedanken“ geäußerte Ablehnung der parlamentarischen Demokratie mit einer eingefleischten Einstellung nur übereinstimmte und nicht etwa, wie Heinrich suggeriert, dem Anbiedern an die politisch Herrschenden diente. Aber ist Thomas deshalb jene vom Älteren verfolgte Unschuld, als die er sich in den „Betrachtungen“ seiten-, nein, kapitellang geriert? Dagegen spricht neben dem Taktieren ein Wechsel der Tonlage.

1912 porträtierte Thomas Mann den „strengen Bruder“ als Typus des Literaten: „anständig bis zur Absurdität“, „von der Kunst im naiven und treuherzigen Sinn geschieden durch Bewußtsein, durch Geist, durch Moralismus, durch Kritik“. Sich selbst sah er eher auf Seiten der geistfernen, was hier hieß: „sittlich indifferent[en]“ Künstler. Die Definition des und die noch moderate Absetzung vom Geist-Begriff ‒ heute würde man sagen: von der Political Correctness ‒ kann dem Literaten nicht entgangen sein, dafür verfolgten die Brüder jeden Schritt des anderen zu genau. Im Essay vom November 1914 nun präsentiert der liebe Tommy dem lieben Heinrich die Begriffe von 1912 plötzlich mit verächtlichem Zungenschlag. Über einen Grund für den wohlverdienten Untergang der Friedenswelt ist jetzt zu lesen: „Die Moral ward zur Spielart der Korruption, Anständigkeit grassierte als Velleität [nur Gewolltes, Aufgesetztes, MJ]“. Zumal sie im gleichen Absatz wie dieser schon zur Genüge vergiftete Satz stehen, kann Heinrich die Formulierungen „cancanierende Gesittung“ und „Ungeziefer des Geistes“ (!) schwerlich nur auf politisierende Franzosen gemünzt sehen, er darf und muss sie auch auf sich selbst beziehen, den ,französischen Geist‘. Sie sind ein Schlag ins Gesicht.

Da sich Heinrich Mann Vergleichbares vorher nicht erlaubt hat, dürfen wir schließen, dass die „Betrachtungen“, jenes Werk also, mit dem sich Thomas Mann angeblich nur „zur Wehr setzte“ (Hans Wysling, 1984), das „Menschlichkeit statt Ideologie“ vertrete (Edo Reents, 2006), als musterhafte Kritik linker Selbstgerechtigkeit „eine tiefe Wahrheit“ enthalte (Kurzke, 2009), von einer verfolgenden Unschuld stammt. Mit der Basalphantasie des Groß-Essays, sich und Deutschland gegen die Invektiven des Zivilisationsliteraten zu verteidigen, verdrängt Thomas Mann, dass er selbst den Bruderkrieg eröffnete, sich im November 1914 gegenüber dem Hauptkonkurrenten im literarischen Feld so verhielt wie der deutsche Generalstab an der Westfront: offensiv.

Der zweite blinde Fleck: Um der neuen, großen Zeit willen und in negativer Fixierung auf Heinrich, der 1910 den deutschen Faust- und Autoritätsmenschen zum Feind erklärte, treibt es Thomas in den ersten Kriegsmonaten zu einem Lob des Preußen- und Soldatentums, das durchaus nicht folgerecht anmutet. Im Gegenteil, mit ihm werden zentrale Elemente des bisherigen Erzählwerks umgebogen.

In welchem Stil schildert der Geschichtserzähler Friedrichs Befehl, die sächsische Grenze zu überschreiten, und die Reaktionen darauf? „Die sächsische Grenze?! Aber Sachsen war ja neutral! Sachsen spielte ja gar nicht mit!! ‒ Das war ganz einerlei, ‒ Friedrich fiel am 29. August mit sechzigtausend Schnurrbärten in Sachsen ein. Von dem Lärm, der sich über diesen unerhörten Friedens- und Völkerrechtsbruch in Europa erhob, macht man sich keine Vorstellung. Oder doch, es ist wahr, ja, neuerdings macht man sich wieder eine Vorstellung davon.“ Der letzte Satz ist Anspielungsironie, gemeint ist die aktuelle alliierte Propaganda, die die Verletzung der belgischen Neutralität zum Beweis teutonischer Barbarei erklärt. Das „unerhört“ ist Simulationsironie, es imitiert die Empörung insbesondere der britischen Presse vom Herbst 1914. Und die beiden letzten Sätze sind ironische Parabase: Gegeben wird ein Erzähler, der die Vergleichbarkeit der Reaktionen von 1756 und 1914 kurz aus den Augen verloren hat und sich ihrer erst wieder bewusst werden muss ‒ aber wie das spöttische „Lärm“ und das übertriebene „unerhört“ signalisieren, ist ihm die Vergleichbarkeit natürlich stets gegenwärtig.

Denkwürdig bleibt das amüsierte Verhältnis zum deutschen Überfall, weil der Autor a) sich von dessen Folge, mehr als 6.000 getöteten belgischen Zivilisten, wie man heute schätzt, die Laune nicht verderben lässt, zivile Opfer kein Thema sind, b) dem historischen Leitbild, Friedrich dem Großen, einen Touch des hinreißend Unbedenklichen verleiht, c) Ironie in den Dienst von Preußen/Deutschland stellt, dessen Feinde spüren lässt. Solche Funktion des ,Komischen‘ ist neu im Œuvre.

1911 ging der Witz noch auf Kosten eines Hohenzollern. Im zweiten Kapitel des Hochstapler-Romans spielt der kleine Felix, im Kinderwagen unterwegs, Wilhelm I.: „ich [zog] aus irgendeinem Grunde meinen Mund so weit wie möglich nach unten, so daß meine Oberlippe sich übermäßig verlängerte, und blinzelte langsam mit den Augen, die sich nicht nur infolge der Verzerrung, sondern auch vermöge meiner inneren Rührung röteten und mit Tränen füllten. Still und ergriffen von meiner Betagtheit und hohen Würde, saß ich im Wägelchen“. Es ist dies, durch die kindliche Imitation kaiserlicher Gebärde, eine womöglich liebevoll gemeinte, aber eine Unverschämtheit, und für wahre Borussen dürfte sie sich spätestens dann am Rand der Majestätsbeleidigung bewegen, wenn Patenonkel Schimmelpreester Felix’ Theater mitspielt: „,Seht, da fährt er, der Heldengreis!‘“ Ein gewisser Kontrast zur Sachsen-Passage: Was die ,politische Richtung‘ betrifft, nimmt Thomas Manns Komik binnen drei Jahren den Weg vom Satireblatt „Simplicissimus“ (das er von 1898 bis 1900 lektorierte) zur „Neuen Preußischen Zeitung“, eine scharfe Kurve.

Der unbedingte Wille, sich auf die Seite des deutschen Militärs zu stellen und damit Heinrich diametral entgegen, führt im Winter 1914/15 zu einem Quantensprung, das Verhältnis zu Potsdam betreffend. Wo vordem nur eine Nähe zur ,preußischen Tugend‘ Selbstbeherrschung bestand, ablesbar am Habitus eines Gustav Aschenbach, wird nun der Fremdbeherrschung gehuldigt. Preußen nach Friedrich, das ist für den frisch gebackenen Historiografen nicht nur ein militärisch leistungsfähiger, es ist auch ein verwaltungstechnisch auf Vordermann gebrachter Staat. Autoritär und übertrieben streng, wie Kritiker sagen? „Von Vertrauensseligkeit, Lässigkeit, Sorglosigkeit ‒ auch nicht eine Spur. Jedem wird auf die Finger gesehen wie nie zuvor“: Gerade die vom König erzwungene Disziplin des Beamtenapparats imponiert dem Chronisten. In seiner Sicht ist sie Voraussetzung für den Aufstieg eines Landes, das den europäischen Großmächten aufs Erbaulichste das Fürchten lehrt und von dem ganz Deutschland jetzt zu lernen hat.

Das klang in den „Buddenbrooks“ anders. Warum wurde für den kleinen Hanno die Schule in Lübeck zur Höllenqual? Sein junger Autor, stolzer Sohn der Freien Hansestadt, schrieb es dem Ungeist aus Brandenburg zu, einem Klimawechsel nach 1871, der sich auch an der Trave bemerkbar gemacht habe: „Wo ehemals die klassische Bildung als heiterer Selbstzweck gegolten hatte, den man mit Ruhe, Muße und fröhlichem Idealismus verfolgte, waren nun die Begriffe Autorität, Pflicht, Macht, Dienst, Karriere zu höchster Würde gelangt“. Die Abrechnung mit „preußischer Dienststrammheit“ verstand unter ,verpreußter‘ Schule die Schwundstufe einer vormals humanen, niveauvollen, altbürgerlichen.

Der gleiche Autor, der 1902 die Leitwerte der Hohenzollern-Monarchie ablehnt und auf einen kulturellen Riss innerhalb Deutschlands hinaus will, wird ihn 1914 in grandioser Vereinfachung schließen ‒ „Deutschland ist heute Friedrich der Große“ ‒, um einen anderen zu entdecken, der zwischen Preußens Gloria und welschen Geschäftemachern verläuft. Wie eingangs angedeutet, das diskursive Hauptproblem im Krieg besteht nicht einmal im termingerechten Umwerten Preußens und im Chauvinismus ‒ sind Positionswechsel und Regressionen so selten? ‒, es besteht im Dementi, jemals und politisch genehm umgewertet zu haben.

Auch die Behauptung von „gleichnishaften Beziehungen“ zwischen Künstler und Soldat, ein Kernstück der „Gedanken“, wirkt wenig folgerecht. Hier knüpft Thomas Mann an eine Konstruktion an, die er selbst bereits 1912 als wackelig bedeutete. Zwar lautet die erlebte Gedankenrede des Schriftstellers Aschenbach: „[…] auch er war Soldat und Kriegsmann gewesen […], ‒ denn die Kunst war ein Krieg, ein aufreibender Kampf“. Doch da die gepanzerte Arbeitsdisziplin des Protagonisten zusammenbricht, haftet sowohl seiner quasi-militärischen Haltung (Geradheit, Selbstüberwindung) als auch der Rede vom Künstler als Kriegsmann der Hautgout des nur Gewollten an. Kurzke hat 2009 die Position vertreten, was in der Erzählung tatsächlich „bloße Velleitäten“ gewesen seien, könne 1914 nicht mehr als leere Attitüde gelten. Begründung: „Haltung, Entschiedenheit und Willenskraft hatten plötzlich einen Gegenstand“, eben den Krieg. Aber spitzt sich die Velleität ‒ die Thomas Mann so gern auf den Bruder projiziert ‒1914 nicht noch zu?

Wem fiele bei der Lektüre der „Gedanken“ nicht ein Forcieren auf? Gab in der venezianischen Novelle der Künstler nur das „Sinnbild für einen zarten und zeitgemäßen Heroismus“ ab, soll er mit dem Soldaten nun das gefährliche Leben gemein haben, die „Verachtung dessen, was im bürgerlichen Leben ,Sicherheit‘ heißt“. Die Einstellung mag auf bekokste Expressionisten zutreffen, bei einem Ex-Bohèmien, der zehn Jahre zuvor geruht hat, sich eine bürgerliche Verfassung zu geben, ist sie eher theoretischer Natur. Der Stehkragen als wilder Mann, das kann kaum gutgehen.

Und das Posing-Problem ist noch das kleinste. Um den Brückenschlag zwischen Künstler und Soldat zu plausibilisieren, wird ein beiden Berufen gemeinsamer, als Tertium comparationis dienender Tugendkatalog aufgemacht, mit Merkmalen wie „Solidität, Exaktheit, Umsicht; Tapferkeit, Standhaftigkeit im Ertragen von Strapazen und Niederlagen“. Der erste heikle Punkt des Verfahrens ist das großzügige Abstrahieren von einer Differenz ‒ vom Töten respektive Getötet-Werden, das Soldaten im Krieg erwartet, Künstler selten (bleiben sie bei der Arbeit). Zudem sind besagte Eigenschaften keine spezifisch künstlerischen oder soldatischen. Was freilich niemand schöner veranschaulicht hat als Thomas Mann selbst. Er bringt die Brücke zwischen Kunst und Krieg schon im Vorhinein zum Einsturz, 1913 im Hochstapler-Roman.

Felix Krull führt nun einmal vor, dass Solidität, Exaktheit und Umsicht dem Gegenteil des Militärischen dienen können, wenn er sie auf ein aufwändiges Studium und hypergenaues Vorspielen epileptischer Symptome verwendet, um von der Musterungskommission für untauglich befunden zu werden. Besondere Umsicht beweist er ‒ und hier entwickelt sich die berühmte Szene zum Geniestreich ‒, wenn er das Simulantentum verbirgt, indem er sich wiederholt als „vollkommen diensttauglich“ vorstellt und ,gesteht‘, eine Ausmusterung als Schande zu empfinden: „[…] ich wüsste nicht, wie ich meiner Mutter mit einem solchen Bescheid unter die Augen treten sollte. Sie […] bringt der Heeresorganisation die wärmste Bewunderung entgegen.“ Diese zweite Simulation, die der Achtung vor dem Staate, ist blanker Hohn, vom „Simplicissimus“ unerreicht. (Überhaupt unschlagbar.) Weniger schön ist das Verhältnis zur Sachsen-Passage. Die Ironie auf Kosten des Staates einer Ironie in seinem Dienste weichen zu lassen, ist die wohl deutlichste Anpassung des Künstlers Thomas Mann.

Einen Widerspruch zwischen der „besten bisher geschriebene[n] Szene“ des „Krull“, wie er selbst meint, und seiner im Jahr darauf begonnenen Kriegspropaganda kann Thomas Mann auch im Nachhinein nicht erkennen. Im Brief an Paul Amann vom Juli 1918 räumt er zwar ein, in den „nächsten zehn Jahren […] wohl öffentlich nicht“ nicht mehr aus dem Musterungskapitel „vorlesen [zu] können“, doch schreibt er die missliche Lage begriffsstutzigen Lesern zu: Krulls „Anstößigkeit“ sei „nur äußerlich, und im Grunde ist er ein Militarist“. Das ist weniger als die halbe Wahrheit, da die Kriegs- und die Vorkriegspositionierung das „im Grunde“ grundverschieden interpretieren.

In den „Gedanken“ sucht die Angleichung von Soldaten- und Künstlerleben die existenzielle Differenz von buchstäblichem und metaphorischem Soldatentum vergessen zu machen. Nur so lässt sich eine Gleichwertigkeit des „Dienstes“ im Schützengraben und im Lehnstuhl für den Staat vertreten. Im Hochstapler-Roman verhält es sich umgekehrt, weil Krulls Elitismus keine Staatsloyalität kennt. Ja, der Held beansprucht soldatische Züge für sich, „kriegerische Strenge, Selbstbeherrschung und Gefahr“ ‒ so weit stimmt er mit dem Kriegspublizisten überein. Doch im Gegensatz zu ihm legt er den Lesern offen, warum er nur „figürlich, aber nicht wörtlich“ soldatisch zu leben gedenkt: weil ihm die „Einspannung in ein plump tatsächliches Verhältnis“ das Wichtigste koste, die Freiheit. Wenn Krull den praktischen Unterschied von figürlich und wörtlich zum Thema macht, betont er, was der Kriegsapologet verbirgt: sich für das wörtliche Dienen zu schade zu sein.

Überdies schreibt Letzterer den Soldaten künstlerischen Glanz zu, wertet damit die Uniformierten (weiter) auf. Nicht so Krull: Indem er ausgerechnet der Simulanten-Nummer kriegerische Klasse bescheinigt, treibt er die Verhöhnung des Militärs auf die Spitze. Der ,Drückeberger‘ macht den Uniformierten auch noch die schmückenden Attribute streitig, ohne sich die Nachteile eines „plump tatsächlich[en] Verhältnisses“ einzuhandeln: öden Drill besten-, Sterben schlechtestenfalls. Der Protagonist stellt Rosinenpickerei zur Schau, sein Autor hingegen wird sie 1915 diskret betreiben und sich hüten, ein tatsächliches Verhältnis plump zu nennen. Stattdessen kompensiert er das fortgeführte Zivilleben durch verbale Schützenhilfe für die Truppe. Kurz, der Kriegspublizist verbeugte sich vor den Preußen, Krull tanzte ihnen auf der Nase herum.

2. Zwischenfazit: 1915 als Geburtsstunde des deutschen Anti-Intellektuellen

Wer wird es einem Schriftsteller verdenken, dass er nicht darauf brennt, an die Front zu gelangen? Der Reizwert entsteht natürlich nicht aus dem vernünftigen Verbleiben am Schreibtisch. Zu denken gibt der Hang, dort anfeuernde Konstrukte zu ersinnen ‒ Deutschland als Reich „stilvolle[r] Wildheit“ (,Kultur‘) ‒, dafür das Morden und Sterben anderer in Kauf zu nehmen und das Delegieren durch ein Gerede von gleichnishaften Beziehungen zu vernebeln. Weiter erhöht wird der Wert durch die imaginäre Position, in die Thomas Mann im ersten Kriegsjahr wechselt: aus der des staatsfernen Simulanten in ‒ ja, in welche? Ist es wirklich der Soldat, in dem sich der Künstler „wiedererkenn[t]“?

Der einfache, dem die Geschosse um die Ohren fliegen, ist es nicht. Attraktiver ist schon das Modell Feldherr, lässt der „Friedrich“ erkennen. Man achte einmal auf die erlebte Rede, in der des Königs Anleitungen zur Kriegsführung wiedergegeben werden: „Er verachtet auch die verschanzte Stellung, die sonst in so hohen Ehren stand. Die Schlacht um jeden Preis! Den Feind zur Bataille zwingen! […] Angriff, Angriff! Attaquez donc toujours!“ Hier ist sie kein ironischer Erzählmodus, sie ist ein identifikatorischer.Die im Winter 1914/15 bereits praktisch bezogene Position ‒ sich den Feldherrnblick einzusetzen ‒, erfährt im Mai 1915 ihre theoretische Fundierung, wenn Thomas Mann dem „Svenska Dagbladet“ als das spezifisch deutsche Projekt „die Synthese von Macht und Geist“ vorstellt, „in der Tat die Ausgleichung von Geist und Macht“. Soll der Geistbegriff am Nullpunkt politischer Kritik angesiedelt sein, wird man ein Gegenmodell zu dem des Bruders kaum übersehen können. Was 1915 verneint wird, ist die Figur des Intellektuellen, den Heinrich in „Geist und Tat“ (1910) als Gegenpol zur politischen Macht definiert hatte.

Für Thomas Mann war der Krieg ein Mittel zum Zweck, die willkommene Gelegenheit, das Modell Zola, vom Bruder adaptiert, durchzustreichen. Was auch heißt: Die oben beschriebenen Anpassungsleistungen waren wesentlich reaktiv. An der Begeisterung für die deutsche Sache und wirklicher Faszination am Preußenkönig ändert das wenig, nur sollten wir nicht vergessen, dass die Chance, dem Intellektuellen eins auszuwischen, im ersten Kriegsjahr der besondere Kick war.

Und im Übrigen, lieber Hermann Kurzke, sollte man heutigen Lesern keine Märchen erzählen, wie das von einem Thomas Mann, der schon in den „Betrachtungen“ ein „Reformer“ und „leise auf dem Weg zur Republik“ gewesen sei. Die Rückzugsposition des Anti-Intellektuellen war 1917, dass, wenn sich Volksherrschaft schon nicht aufhalten lässt („Verhängnis“), Politik und Literatur eben strikt getrennt gehören. Überdeutlich wird die Unlust auf Demokratie und ihre Staatsform, wie auch der für die Synthese von Macht und Geist typische Blick von oben, wenn der Nationaldichter über dem deutschen Volk beim ersten Anzeichen der Kriegsmüdigkeit den Stab bricht: „Mein Gott, das Volk! Hat es denn Ehre, Stolz ‒ von Verstand nicht zu reden? Das Volk ist es, das auf den Plätzen singt und schreit, wenn es Krieg gibt, aber zu murren, zu greinen beginnt und den Krieg für Schwindel hält, wenn er lange dauert und Entbehrungen auferlegt.“ Wer so spricht, steht der Demokratie so nahe wie Jan Hofer der Kommune 1.

3. Musil beglückt

Folgt man „Europäertum“, so weckt die Mobilmachung im August 1914 auch in Musil, seit sechs Monaten Kulturjournalist in der deutschen Reichshauptstadt, eine ungeahnte Lust am Patriotismus. Von Thomas Mann aber, der sich und andere glauben lassen wird, jetzt nur zuzuspitzen, was er immer schon gedacht hat, unterscheidet sich der Redakteur der „Neuen Rundschau“ fundamental, insofern er ausdrücklich benennt, was den Kriegsbegeisterten vom Vorkriegsskeptiker trennt.„Treue, Mut, Unterordnung […]. Wir wollen nicht leugnen, dass diese Tugenden einen Begriff von Heldenhaftigkeit umschreiben, der in unsrer Kunst und unsren Wünschen eine geringe Rolle gespielt hat. Teils ohne unsre Schuld, denn wir haben nicht gewußt, wie schön und brüderlich der Krieg ist, teils mit unsrer Absicht, denn es schwebte uns ein Ideal des europäischen Menschen vor, das über Staat und Volk hinausging“. So kurios die Entschuldigung für eine unheldische Vergangenheit anmutet, an der Transparenz des Positionswechsels scheint Heinrich Manns Opportunismusvorwurf abzuperlen. Bei so viel Offenheit, wie sie hier gezeigt wird, kann der Ankläger offenbar gar nichts entlarven.

Inmitten der Euphorie und Aggressivität, die die anderen Artikel in der September-Ausgabe der „Rundschau“ kennzeichnet, sorgt Musils Beitrag für eine Prise Nachdenklichkeit, ohne wirklich zu stören. Einerseits spricht der neue Mann in der Redaktion den eigenen Kurswechsel an und reklamiert so, unausgesprochen, intellektuelle Lauterkeit. Andererseits will er eine hintergründige Verwandtschaft zwischen seiner Vorkriegs- und Kriegsposition erkennen, womit er die eingestandene Wandlung gleich wieder relativiert. Und da er dabei durchgehend die erste Person Plural verwendet, verschafft er der ganzen Verlagsmannschaft ein vorteilhaftes Selbstbild: „Unsere Dichtung war eine Kehrseitendichtung, eine Dichtung der Ausnahmen von der Regel und oft schon der Ausnahmen von den Ausnahmen. […] Und sie war gerade dadurch in ihrer Art von dem gleichen kriegerischen und erobernden Geist belebt, den wir heute in seiner Urart verwundert und beglückt in uns und um uns fühlen.“ Als Avantgardisten waren immer schon Helden, wir kommen jetzt nur zu uns selbst: Auch Musil schließt Künstler- und Kriegerexistenz kurz und ist darin dem Bürgerkünstler nahe.

Doch nun gibt es erhebliche Differenzen. „Jeder avantgardistische Literat ein potentieller Kriegsteilnehmer, so könnte man spotten. Aber es war Musil offenbar blutiger Ernst“ ‒ dem Biographen Karl Corino ist zuzustimmen, da hier offenbar kein Poser spricht. Zum einen ist der Privatmann Musil bereit einzurücken, und dies, obwohl er sich wegen seiner angeschlagenen Gesundheit, der noch 1913 amtlich bescheinigten, wohl einen Posten in der Etappe hätte sichern können ‒ worauf Pfohlmann hinweist. Zum anderen dient in „Europäertum“ das In-eins-Setzen von Künstler- und Soldatentum einer Rechtfertigung des Positionswechsels, was Thomas Mann für völlig überflüssig hält. Da er den Legitimationsbedarf sieht, zeigen Musils kriegsbezogene Äußerungen von Anfang an mehr Selbstreflexion.

Längst zum Markenzeichen geworden sind die nachträglichen seiner Selbstbeobachtungen. Das gilt insbesondere für ein essayistisches Fragment von 1918, in dem sich dieser Autor fragt, warum über seine Generation „der Krieg mit dem Rausch des Abenteuers […], mit dem Glanz ferner unentdeckter Küsten“ gekommen sei, und das als Grund den Überdruss an der bürgerlichen Sekurität nennt: „Dieser Mensch von 1914 langweilte sich buchstäblich zum Sterben!“ Die extrem hohe ,Einschaltquote‘, der sich besagte Passage heute in der Germanistik erfreut, rührt vom Eindruck her, dass sie das „Phantasma des Authentischen“ und den „spontan[en]“ Zug der Literatur von 1914 besonders markant einfängt (Klaus Scherpe). Auch spricht Musil mit der Abenteuerlust eine Ursache der Kriegsbegeisterung an, die nicht-altruistischer Natur ist, deshalb realistischer wirkt und schon etwas selbstdistanzierter als die 1914 bemühte Brüderlichkeit, die nur hehre.

Nun lässt sich einwenden, dass Musil, wenn ihm so sehr nach Abenteuer und fernen Küsten war, auch August Engelhardt in der Südsee hätte besuchen können, statt zum Gewehr zu greifen. Mehr Möglichkeitssinn wäre schön gewesen. Außerdem hatte er die Angewohnheit, für sein Bedürfnis nach Thrill gleich die ganze Gesellschaft haftbar zu machen („Mensch von 1914“), wo der Analytiker eigentlich nur sich selbst und andere Kriegsenthusiasten auf die Couch hätte legen dürfen. Doch verströmen seine Selbstbeschreibungen immerhin den Charme des Freimütigen.

Spricht es nicht für eine gewisse Redlichkeit, wenn er 1921 in der „Neuen Rundschau“ im Kern das Gleiche schreibt wie 1914, die Attraktion des Krieges nur noch eine Idee weiter ausleuchtet? „Darin war auch das berauschende Gefühl enthalten, zum erstenmal mit jedem Deutschen etwas gemeinsam zu haben. Man war plötzlich Teilchen geworden, demütig aufgelöst in ein überpersönliches Geschehen“ ‒ das „zum erstenmal“ verweist auf einen Faktor, ohne den die wenn auch nicht totale, so doch verbreitete Euphorie von 1914 kaum erklärbar ist. Gerade am Normalzustand moderner Schriftsteller, an ihrer habitualisierten Abneigung gegen den „warmen Mief der Gruppe“ (Wiglaf Droste), zu dem auch das sogenannte Nationalgefühl zählt, an ihrem Dasein als Einzelgänger und Spaltungsspezialisten also kann das ganz Andere wachsen: ein Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Bedenkt man weiter, dass sich Musil im Nachhinein eher klein als zum Helden macht („Teilchen“, „demütig“), zu Rausch und Abenteuerlust steht, statt sie retrospektiv zu rationalisieren, und seine Kriegsbegeisterung schließlich sogar pathografisch verhandelt („Krankheit“, „Fieber“), scheinen sich seine Selbstauskünfte zu höherer Aufrichtigkeit zu summieren.

Komisch nur, dass die Tagebuch-Eintragungen vom August 1914 wenig fiebrig klingen und so gar nicht berauscht: „Neben aller Verklärung das häßliche Singen in den Cafés. Die Aufgeregtheit, die zu jeder Zeitung ihr Gefecht haben will. Leute werfen sich vor den Zug, weil sie nicht ins Feld dürfen. […] Eine einzelne Zeitung ‒ die Post ‒ hetzt noch gegen die Sozialdemokraten u. spricht vom ,inneren Feind’, den man über dem äußeren nicht aus den Augen verlieren dürfe. […] Psychotiker sind in ihrem Element, leben sich aus. […] Einstein ist begeistert; alles andere ausgelöscht. […] Die Verlustlisten:… tot … tot … tot … so untereinandergedruckt, niederschmetternder Eindruck.“ Hier spricht kein beglücktes Teilchen, sondern ein skeptischer Beobachter, der halb sarkastisch, halb deprimiert den Kopf schüttelt über eine in Berlin allenthalben anzutreffende Pathologie.

Selbst Carl Einstein hat sie erfasst, den Ultra-Expressionisten, einen Anführer des literarischen Fortschritts, was doch vor Kurzem noch hieß: vorsätzlichen Außenseitertums. Die privaten Aufzeichnungen lassen nicht nur keine Begeisterung spüren, in der Kombination der Vokabeln „Verklärung“, „häßlich“ und „hetzen“ schwingt Verachtung für die Kriegsenthusiasten mit.

Mit der Spontaneität von „Europäertum“ ist es nicht weit her, zu deutlich ist die Diskrepanz zwischen der im Tagebuch dokumentierten Real- und der im September-Artikel behaupteten Aufbruchstimmung. Wie erklärt sich die Kluft? Warum entschied sich der Publizist zunächst contre cœur, in den Gesang vom „schön[en]“ Krieg einzustimmen, versuchte er sich ein Hochgefühl zu eigen zu machen, das ihn zuerst abstieß? Die Frage stellt sich auch, weil die Selbstverbiegung innerhalb der ersten Kriegswochen nur vom zahlenmäßig kleineren, dem nicht-affirmativen Zweig der Musil-Forschung zur Kenntnis genommen worden ist, und dieser, wie etwa Corino, von einem „Tribut an den Zeitgeist“ spricht. Buchstabieren wir die plausible Formel einmal aus.

Der Zeitgeist trägt unter anderem den Namen von Musils Chefredakteur, zu dem das Tagebuch, unmittelbar vor der Notiz zum hässlichen Gesang der Cafés, vermerkt: „Die, welche nach einer Weile erklären, das [sic] sie ihr Gleichgewicht wiedergefunden haben und nichts an ihren Anschauungen zu ändern brauchen zb Bie.“ Zumal im Licht des direkt danach Gesagten liegt auf der Hand, dass Musil mit dem stramm nationalistischen Kurs, auf den Professor Oskar Bie die „Rundschau“-Mitarbeiter einschwört („Jetzt schreiben wir alle nur Briefe ins Feld“), Schwierigkeiten hat. Doch seine Vorbehalte öffentlich zu machen, wagt der Redaktionsneuling von Samuel Fischers Gnaden nicht.

Wie auch, er ist in eine Hochburg der Bellizisten geraten. Deren Phalanx reicht von Bie über den Cheflektor Moritz Heimann bis zu Alfred Kerr, dem Starkritiker und Mentor, dem Musil eine vielbeachtete Eloge auf den „Törleß“ zu verdanken hat. Hätte Musil sich tatsächlich gegen den Rest der Mannschaft gestellt, wäre ihm wohl jenes Diffamiert-Werden sicher gewesen, das er am Umgang mit dem sogenannten inneren Feind beobachtet. Sozialdemokraten noch nach ihrem Einschwenken beargwöhnt zu sehen, kann kaum ermutigen.

Jetzt ist Unterordnung angesagt, Treue zum eigenen Zweifel weniger. Sie ist schwer aufrechtzuerhalten in einer literarischen Gruppe, in der selbst Schweigen, die diplomatische Form der Reserve, vernehmlich wäre. Eine Lage, die Musil erneut von Thomas Mann unterscheidet, der in die Kriegsverherrlichung ohne Not ausbricht. Entschuldigen soll der Vergleich nichts, aber doch eine graduelle Differenz markieren. Zumal wenn man unter Opportunismus eine Haltung versteht, die sich „um des eigenen Vorteils willen jeder gegebenen Situation bedingungslos anpasst, sittliche Grundsätze dabei jedoch außer acht lässt“ (Brockhaus Wahrig), erscheint das Verhalten des „Rundschau“-Mitarbeiters in etwas milderem Licht.

Eine Anpassung, vermutlich eher instinktiv als bewusst, ist zwar in beiden Fällen offensichtlich. Gleiches gilt, needless to say, für die Missachtung moralischer Grundsätze ‒ den organisierten Blutrausch zur Kulturfrage beziehungsweise zur „elementare[n] Leistung“ zu überhöhen, kommentiert sich selbst. Doch nur Musil ist in einer Zwangslage. Und Vorteilsnahme lässt sich schwerlich ausmachen, wenn der konforme Artikel mit einer riskanten Bewegung Richtung Kaserne verbunden ist. Einen Vorteil im Sinn der Verbesserung der eigenen Position im literarischen Feld kann sich nur Thomas Mann versprechen. Ihm bietet die Kriegsapologetik die Chance, den starken Konkurrenten Heinrich zu schwächen, indem man ihn zunächst andeutungsweise, in den „Betrachtungen“ dann explizit als undeutschen Geist stigmatisiert („hochnäsigste Entfremdung und Selbstausschließung“).

Auch rückt Thomas Mann durch die wiederholten öffentlichen Interventionen im ersten Kriegsjahr zum Wortführer der nationalistischen Intelligenz auf. Auf solchen Zuwachs an symbolischem Kapital schielt Musil bei Kriegsausbruch nicht ‒ dann hätte er versucht, über den August 1914 hinaus der Redaktion angeschlossen zu bleiben. Ihm ist nur daran gelegen, nachteilige Folgen zu vermeiden, seine literarische Karriere nicht zu gefährden. Sich 1914 dem redaktionellen Umfeld zu attachieren bedeutet, sich die Option „Neue Rundschau“ für die Nachkriegszeit offenzuhalten, die man in Deutschland zu Kriegsbeginn noch nahe glaubt. (Scheitern wird die Rückkehr zu Fischer 1920 an unvereinbaren Gehaltsvorstellungen.)

Schief allerdings ist Musils Wahrnehmung, wenn er gut zwei Dekaden später, im Schweizer Exil, den Abschied von der „Rundschau“ in der Mitte des Augusts 1914 zu seinem „Ausschluß u. Selbstausschluß aus D.[eutschland]“ stilisiert. Ein Selbstausschluss hätte im Nein zum Krieg bestanden. So aber verließ der austriakische Mitarbeiter die deutschen Kollegen mit einer wohlformulierten Selbstangleichung und aus einem für sie achtenswerten Grund, folgte er nur dem Ruf des Vaterlands. Der ,Ausgeschlossene‘ ging lediglich einstweilen und in Ehren, statt gegangen zu werden; selbst das Gehalt bezahlte Fischer ihm (laut Pfohlmann) bis Anfang 1915 weiter. Dass Musil die ungeliebte Förderung der Frühexpressionisten floh, mit der ihn der Verlagschef betraut hatte, ist das Erinnerte. Ausgeblendet bleibt, dass er sich ideologisch einer Redaktion beugte, die seine einzige institutionelle Stütze im deutschen literarischen Feld war, nach dem desaströsen Misserfolg des Erzählbands „Vereinigungen“ (1911) unverzichtbar.

Auch in das Einrücken spielte sozialer Zwang hinein. „Mama Du sollst mehr Vertrauen zu mir haben, ich werde meine Pflicht tun, um ehrenvoll aus diesem blutigen Krieg hervorzugehen“: Corinos Vermutung, Musil habe mit der brieflichen Versicherung zu Kriegsbeginn Zweifel der Eltern an seiner patriotischen Standfestigkeit zerstreuen wollen, leuchtet ein. Speziell der Vater hatte Grund zur Skepsis. Der einzige Sohn von Alfred Musil hat, wie erinnerlich, 1908 eine wissenschaftliche Laufbahn ausgeschlagen, 1913 die vom Senior vermittelte Bibliothekarsstelle in Wien aufgegeben, mit der literarischen Laufbahn scheint es nach dem „Törleß“ aber auch nicht recht voranzugehen. Sollte da ein Professor für Maschinenbau nicht verlangen dürfen, dass der Junior sich wenigstens im Krieg bewährt? Zumal vom Zögling eines Militär-Internats? Einem Reserveoffizier? Der Sohn befindet sich in einer beruflichen und familiären Zange ‒ und entscheidet sich denn doch, „beglückt“ zu befürworten, was sich nur um den Preis von Verwerfungen ablehnen ließe.

Robert Musil hat, um sein Ja zum Krieg zu erklären, im Nachhinein viel vom Erlebnishunger gesprochen. Sicher war auch er ein Beweggrund, nachvollziehbar etwa ist eine private Notiz gebliebene Begründung von 1918: „Familienleben zum Gähnen (aufrichtig gestanden!)“. Doch fallen seine Rückblicke höchst selektiv aus. Sie wollen nur ein Subjekt kennen, das sich einer Stimmung überließ, keines, das unter sozialem Druck stand und aus der Not eine Tugend machte. Das nachträgliche Beschwören von Erlebnis und Ausnahmezustand diente auch der Deckerinnerung. Ohne sie hätte man einen gefügigen österreichischen Professorensohn gesehen, der in Berlin tat, was Kollegen und Eltern von ihm erwarteten. Andererseits: „Man muß mit seiner Zeit gehn“, den Titel von Kapitel 89 seines Romans „Mann ohne Eigenschaften“, beherzigte er ‒ und lange im Voraus, wie es sich für Avantgarde gehört.

4. Betrachtungen eines Hochpolitischen ‒ Musils Propagandaschriften

Einer kleinen Bewusstseinsabwesenheit gleicht der Satz, mit dem Musil 1935 seinen Vortrag vor dem internationalen Schriftsteller-Kongress in Paris einleitete: „Ich habe mich zeitlebens der Politik ferngehalten, weil ich kein Talent für sie spüre.“ Da sind ihm zwei Jahre Kriegspublizistik entfallen, die das Prädikat „politisch“ verdienen. Vor allem verdeutlicht das von Schaunig Kompilierte, dass der Bescheidene nach der einmal getroffenen Entscheidung fürs Feld bald zum Wenn-schon-denn-schon fand.

Der Gefechtsbericht etwa, mit dem der professionelle Schreiber 1916 in der Zeitung seines Gebirgsregiments debütiert, durchsetzt Heldenpathos mit blutigem Naturalismus (den Hermann Schlösser lieber ausspart): „Mit hocherhobenem Kolben springt Oberleutnant D. zu den halbdurchschnittenen Drähten, […] um ihn blitzen Handgranaten und Minen auf, aber schon ist die Bresche frei und neben dem aus drei Wunden blutend zusammengesunkenen Oberleutnant drängt seine Kompanie mit wildem Kampfgeschrei vorbei.“ Bereits in diesem Satz will die Gefühlslenkung dem Leser das höchste Opfer des Einzelnen lohnend erscheinen lassen. Verstärkt wird die Steuerung durch die anschließende Passage, die wieder den individuellen Kampfesmut auszeichnet, ihm nun den Sieg des ganzen Regiments zuschreibt und nebenbei die Kälte vorm Feind demonstriert:

Da nimmt Feldwebel K. einen Spaten, nichts sonst, kriecht trotz der hageldicht einschlagenden Geschosse unter dem Drahthindernis durch, stürzt sich allein auf die Bedienung des Maschinengewehrs und macht den Italiener mit einem einzigen Schlag der kleinen Schaufel nieder. Durch diese Kühnheit verblüfft, setzt das feindliche Feuer auf Sekunden aus; diese Zeit genügt; durch das Beispiel des tollkühnen Feldwebels begeistert, stürzt sich ein Schwarm mit Scheren, Kolben und Spaten auf die Hindernisse, andere kriechen unter den Drähten durch und springen in die feindlichen Gräben. Kurzes erbittertes Handgemenge. Einzelnen stockt das Herz; dann beginnen Bächlein Fliehender nach hinten zu rinnen; endlich ergießt sich mit einemmal wilder Schwall der Flucht.

Ernst Jünger erblasst vor Neid. Da es sich um eine während der bewaffneten Auseinandersetzungen publizierte, die Kameraden intentional anstachelnde Verherrlichung handelt, stellt sie die militaristische Variante jenes politischen Aktivismus dar, gegen den schon immer gewesen zu sein Musil später beharrlich erklärt (auch sich selbst, 1933, in den unveröffentlichten „Bedenken eines Langsamen“).

Ferner treten in den Kriegsartikeln politdidaktische Absichten zu Tage, die etwas anders formuliert sind als die vordem ins Auge gefassten. 1913 nahm sich Musil für die nächsten Jahre noch eine sozialliberale Parteinahme vor: „Ich suche ein wirtschaftliches Programm, das die Durchführung einer reinen, beschwingenden Demokratie gewährleisten soll […].“ Beim Leitartikler nun ist am 11. März 1917 von einem „in der Bluttaufe verjüngte[n] Österreich“ die Rede, was man trotz der wunderlichen Metapher als verschlüsselten Reformwunsch lesen mag. Allein, wie soll modernisiert werden?

Eher wenig „sozialdemokratisch oder liberal, jenachdem [sic] wie es die Umstände fordern“ (1913), mutet der Ansatz des Artikels an, wonach sich die große Erneuerung aus dem organisatorischen Prinzip des Krieges zu ergeben habe: „Heute ist der ganze Staat eins geworden, Nährstand, Lehrstand und Wehrstand sind eine geschlossene Einheit in der Verteidigung des Vaterlandes, und so muß es auch bleiben im künftigen Frieden.“ Wäre es 1918 tatsächlich so geblieben, hätte sich kaum ein pluralistischer Staat gebildet. „Aus den Ständen und Klassen und Parteien und Völkern muß ein einziges organisches Wesen werden, dessen sämtliche Glieder in allen ihren Rechten und Pflichten zueinander genau abgestimmt werden müssen, zu dem Zwecke einer möglichst vollkommenen Betätigung des Ganzen in Krieg und Frieden.“ Die ultrakonservative Rede vom organischen Ganzen war, wenn nicht abgestimmt mit, dann wohl vollkommen nach dem Geschmack von Musils Vorgesetztem, Kommandant Alfred Krauß, später General und unter Hitler schließlich SA-Brigadier.

Nicht, dass Musil zum Prä-Faschisten mutiert wäre. Das Problem ist nur, dass er a) Volkskörper-Metaphorik nicht scheut, b) in sämtlichen Artikeln das Wort Demokratie meidet, c) geradezu obsessiv auf die austriakische Parteienwirtschaft schimpft und so der Rechten potentiell anschlussfähige Formulierungen bietet. Die Ursache: In den Artikeln schimmert die Abschaffung der Monarchie zwar noch als vages Ziel durch ‒ „Aus den Ständen […] muß […] werden“ ‒, aber zum einen bleibt dieses Vorhaben in den programmatisch kaisertreuen Blättern, für die zu schreiben er sich entschieden hat, unaussprechbar, und zum anderen ist die demokratische Zielvorstellung für den Politstrategen nicht mehr prioritär.

Vorrang hat erklärtermaßen, „eine zentralistisch gedachte Staatsgewalt gegenüber der föderalistischen Praxis [zu] stärken“. Die vordemokratische Vorstellung vom Staatsorganismus verdankt sich dem Hauptziel, dem Erhalt der Einheit von Österreich-Ungarn. Ihr wird ein demokratischer Impetus durchgehend untergeordnet ‒ bevor sich Musil im Dezember 1918, dem zweiten Friedensmonat, mit seiner Unterschrift unter das Programm des „Politischen Rates geistiger Arbeiter“ in einen Sozialisten ,rückverwandelt‘.

Die Kriegspublizistik einer historischen Ausnahmesituation geschuldet zu sehen und damit ihren Stellenwert zu verringern, wäre etwas zu einfach, da Kriegs- und Nachkriegshaltung eine Konstante zeigen: die Überzeugung, Pazifismus sei von Übel. Eine Blaupause dafür bildet der Artikel vom 18. März 1917. Er zitiert zunächst den „große[n] Heerführer“ Marschall von Hötzendorff mit der Bemerkung, von den deutschen Tauchbooten sei der „entscheidende[] Schlag“ gegen die Entente zu erwarten und man hätte den Krieg „heute schon beendet, wenn man diese Waffe früher hätte anwenden können“. Nach dem „früher“ geht die Logik mit auf Tauchstation: „Es war neben der Rücksicht auf Amerika der Widerstand innerpolitischer Kreise, die mit England nicht so grob umgehen lassen wollten, der solche Verzögerungen bewirkte. So mußten diesen Rücksichten auf unsere englandfreundlichen Pazifisten und Internationalen viele Milliarden und viele Zehntausende unserer Krieger zum Opfer fallen.“ Verantwortlich für den Tod Zehntausender k. u. k. Soldaten ist also weder das k. u. k. Armeeoberkommando noch gar ein von Hötzendorff persönlich, der nach dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger zum sofortigen Schlag gegen das Königreich Serbien drängte, ‒ nein, verantwortlich sind die Pazifisten und Internationalen (d. h. Sozialisten).

Aus der Bozener Spielart der Dolchstoß-Legende spricht eine Aversion, die sich im Nicht-Siegfrieden erst recht Luft machen wird. In einem unveröffentlichten Fragment von 1919 oder -20 lässt es sich der Unterschriftsteller vom Dezember 1918 nicht nehmen, „Internationalisten (Sozialisten wie Mensch-Schwärmer(n))“ schwere Fehler vorzuhalten: „Das philosophische Argument zugunsten des Krieges (als einer Ergänzung der unzulänglichen Bazillengeißelung der Menschheit) ließen sie sich entgehen. Sondern sie verherrlichten die Entente, die Drückeberger (unter denen doch wohl höchstens einer von Hundert ein Idealist war).“ Lassen wir die Entgleisung in Satz eins beiseite und achten wir auf die Stoßrichtung von Satz zwei, der Sozialisten und Pazifisten als Feiglinge respektive fünfte Kolonne des Feindes behandelt, um ihnen jegliche moralische Autorität absprechen zu können. Letzteres Anliegen schafft es in die veröffentlichte, die Selbstzensur überstehende Fassung.

In „Die Nation als Ideal und als Wirklichkeit“, dem „Rundschau“-Essay von 1921, werden die „vor der Entente palmwedelnden Pazifisten“ (hübsches Bild) auf dieselbe moralische Stufe gesetzt wie die Kriegsbegeisterten von 1914 ‒ genauer besehen ein wenig darunter. Wo diese „von etwas Irrationalem, Unvernünftigem, aber Ungeheurem berührt worden“ seien, hätten sich jene lediglich der gegenläufigen Form des Besessenheit hingegeben: „Wer schon zu Beginn Kriegsgegner war, mußte es fanatisch sein; er spie der Nation ins Gesicht, er meuchelte sie und bewies damit nur ‒ die Konträrfaszination.“ Interessant ist das Denunzieren im Gewand der Ausgewogenheit, eine Wortwahl („speien“, „meucheln“), die nur beweist, dass sich nichts schwerer verbergen lässt als Ressentiment.

5. Schaunigs Fingerzeige

Die antipazifistischen Spitzen der Nachkriegszeit stammen nicht aus „Der Dichter im Dienst des Generals“. Sie sind seit Jahrzehnten nachlesbar (schon in den von Adolf Frisé besorgten Werkausgaben), was die Frage aufwirft, welche wirklich neuen Perspektiven Schaunig eröffnet. Mindestens drei zeichnen sich ab.

Bekannt als Gründe für Musils Stolz auf die Kriegsteilnahme waren bislang die vom Essayisten und Erzähler selbst exponierten Erlebnisse: neben dem Kollektivrausch vom Sommer 1914 die Todesnähe im September 1915, jenes knappe Verfehlt-Werden durch einen Fliegerpfeil, das er in der Novelle „Die Amsel“ (1928) zur „profanen Epiphanie“ erhöht (Zitat Pfohlmann, in so treffender Übertragung des Worts von Benjamin.) Weniger bekannt als die todesmystische Seite des Künstlersoldaten war die propagandistische in der zweiten Kriegshälfte. Was auch daran lag, dass die oben zitierte Schlachtbeschreibung zwar bereits 1973 von Corino, doch an einem italienischen Publikationsort veröffentlicht wurde. Schaunig druckt sie erneut ab. Präsentiert die Klagenfurter Forscherin die Kriegsfeuilletons und -Leitartikel nun erstmals in größerem Umfang, wird sich das Ausmaß von Musils Bellizismus nicht mehr aus dem offiziellen Schriftstellerimage ausklammern lassen ‒ schon dies ein beträchtliches Verdienst.

Auf Skandalisierung jedoch verzichtet die Autorin, dies ist das größere. Die Bereitschaft eines hochmodernen Autors, sich einer propagandistischen Aufgabe mit Leib und Seele zu verschreiben, führt Schaunig präzise auf seine seit Jugendtagen inkorporierten Eigenschaften zurück. Habituell gespeichert sind demnach nicht nur die Freude an körperlicher Ertüchtigung, Ordnungsliebe und Selbstdisziplin, sondern auch die, zumindest für einen Schriftsteller, überdurchschnittlich entwickelte Fähigkeit zur Einordnung in einen Apparat. Sie ging Thomas Mann völlig ab, könnte man hinzufügen. Nach den Maßstäben des Militärs war er ein Mann ohne kriegswichtige Eigenschaft (was für ihn einnimmt), wiewohl auch er die Sphäre der Gewalt mit den Segnungen des ,Geistes‘ zu verbinden wusste.

Musils relativ enge Bindung an militärische Denk- und Handlungsmuster nachzuzeichnen, erweist sich als sinnvoll nicht nur, weil sich das Sichten der Propagandaschriften so vom permanenten Händeringen (,schlimm, schlimm, schlimm‘) hat lösen lassen. Mit dem Akzent auf der praktischen, nicht nur deklamatorischen Nähe zum Militärischen erhellt Schaunig ein im avantgardistischen Umfeld distinktives Merkmal. Veranschaulicht wird es auch an einem narrativen Anzeichen, der Wertungssteuerung im Hauptwerk, wo mit Stumm von Bordwehr ein General zum Sympathieträger aufrückt. Die Situation im August 1914 wäre ebenfalls Bourdieu-orientiert beschreibbar: Der Habitus des Reserveoffiziers wirkte auf Musil wie eine Schwerkraft, erleichterte einem seit fünf Jahren auf freie Schriftstellerei bedachten Akteur die Rückkehr zur Unterordnung. Was allerdings seine Wahlfreiheit nicht aufhebt, ein Habitus determiniert nichts.

Aufschlussreich ist die Loyalität zur Fahne noch in anderer Hinsicht, sie erklärt bestimmte Empfindlichkeiten Musils in der Nachkriegszeit. Auf die Sticheleien gegen die Pazifisten fällt ein neues Licht: Es sind nicht allein Erlebniswerte und der eine „Rundschau“-Artikel, die Musil 1921 gegen die ,Friedenspfeifen‘ zu verteidigen hat (implizit, versteht sich), hinzu kommt eine zweijährige Praxis als Durchhalte-Ideologe. Kenntlich wird eine stärkere Befangenheit gegenüber den Kriegsgegnern, als bisher anzunehmen war. Im literarischen Feld beförderte sie eine Animosität, über deren Gründe man viel gerätselt hat.

In der notorischen Feindseligkeit gegen den „blecherne[n] H.[einrich] M.[ann]“, im Tagebuch Ende zwanziger Jahre auftauchend und gipfelnd in einer Hitler-Assoziation (kein Witz), äußert sich nicht allein die Ablehnung der littérature engagée. Dann wären Egon Erwin Kisch oder Bertolt Brecht gleichermaßen Zielscheiben geworden. Es ist auch nicht allein das Menschheitspathos Heinrich Manns, das Musil stört; damit wäre nur ein Missfallen erklärbar. Das polemische Mehr, der Hass gilt dem moralischen Prestige des frühen Kriegsgegners, ,also‘ einem Meuchler. (Dass der Fliegerpfeil Musil leicht gestreift hätte, können wir sicher ausschließen.) Im Tagebuch der Jahre 1919-21 legt der Dichter-Offizier a. D. den Kern seines Grams offen, wenn er zu Pazifisten, und nicht nur frühen, missgünstig bemerkt: „Sie sind moralische Kriegsgewinner. Einem Zufallsvorteil verdanken sie das Übergewicht ihrer Anschauung.“ Verständlich, dass er da ein bisschen frustriert war. Aber es gab ja einen Leidensgenossen in München.

6. Rückzugsgefechte oder Lob der Biegsamkeit

Wie man aus den Tagebüchern weiß, zählt Musil zu den frühesten und aufmerksamsten Lesern der „Betrachtungen“. So vermerkt er Thomas Manns beruhigende Aussage, alle hätten 1914 nach Krieg verlangt, ohne Einwände. Aus der intensiven Lektüre folgt auch, dass er 1919 (kaum schon im Gebirgskrieg) von Heinrichs Manns Abrechnung mit den Kriegsapologeten erfährt ‒ vermittelt über Thomas’ Gegenrede.

Dessen sechstes Kapitel, „,Gegen Recht und Wahrheit‘“, beklagt sich ausschließlich über das J’accuse des „Humanitätsprinzipienreiter[s]“, und die anderen Kapitel seit dem dritten kommen in hoher Frequenz auf den „Zola“ zurück. „Tugendbold“ und „Vernunfttyrannen“, von Musil ebenfalls notiert, stammen aus Passagen bei Thomas Mann zu Heinrichs Gebaren, und wählt Musil Ende der zwanziger Jahre besagte Formulierung vom „blecherne[n] H. M.“, zitiert er, bewusst oder unbewusst, eine abfällige Stilbeschreibung aus den „Betrachtungen“: die „Tenorarie mit Blechunterstützung“.

So sehr diesem Leser die polemische Seite von Thomas Manns Buch zusagen muss, so wenig kann ihm der dort verhandelte Fremdtext gefallen ‒ des ,Zivilisationsliteraten‘ Vorhaltungen von Irrsinn, Verbrechen etc. Musils Kränkung wird kaum kleiner geworden sein dadurch, dass er sich und seinesgleichen 1919 vom Shooting-Star im deutschen literarischen Feld diskreditiert sieht, dank des soeben erschienenen „Untertan“ obenauf. Umso größer der Wunsch, diesen Herrn vom Sockel zu stoßen.

Freilich: nicht nur ihn. Wenn zu den Meuchlern rechnen soll, „wer schon zu Beginn Kriegsgegner war“, darf sich auch und gerade Karl Kraus angesprochen fühlen, obgleich er für Leser eines Berliner Periodikums („Rundschau“) vielleicht schwerer erkennbar ist als der deutsche Übeltäter. Dass sich in Musils Anspielungsrahmen sowohl ein Österreicher als auch ein Deutscher befinden, macht die Asymmetrie zu Thomas Mann aus, dessen Schelte früher Pazifisten sich in der Nachkriegszeit auf deutsche Autoren beschränkt. So auch in der letzten, platziert in der Geburtstagsrede von 1922 für Gerhard Hauptmann, wo aus dem Lob für dessen Nationalismus zu Kriegsbeginn ein Seitenhieb auf den Bruder und Hermann Hesse wird: „Er benahm sich nicht literatenhaft, ging nicht nach Zürich, um von dort aus sein Land und sein Volk pazifistisch zu begeifern.“

Doch sind das alles Rückzugsgefechte. Beide unserer ,bösen Buben‘ begegnen ihren ehemaligen Gegenspielern inzwischen ambivalent, ist ihnen doch längst klar, sich mit dem Bellizismus vergaloppiert zu haben. „Krieg ist Lüge“, erklärt Mann kurz nach der Bemerkung zu Zürich und fordert, „diesen roten Lumpenkönig vom Weltenthron zu stoßen“. Musil begnügt sich nicht damit, den Krieg nun im Allgemeinen irrational zu nennen; im Tagebuch ist er sogar imstande, sich das eigene Fehlverhalten von 1914 einzugestehen ‒ wenn auch zunächst nur indirekt, tastend. 1920 überschreibt er die Hypothek seinem Alter ego, dem künftigen Romanhelden Achilles (aus dem im „Mann ohne Eigenschaften“ Ulrich wird), bezeichnet dessen „Einlenken in die Allgemeinheit bei der Mob.[ilisierung]“ als „Fehlgriff“.

Es ist das dasselbe Prinzip, dem die gewesenen Bellizisten nun folgen: Zur Selbstkorrektur sind sie bereit, verdienstvoll genug. Aber kleinlaute Töne anschlagen? Ungern. Verneigungen vor frühen Kriegsgegnern kommen schon gar nicht in Frage. Sich bewegen, ohne zu Kreuze zu kriechen, das ist die Aufgabe, und noch heute ist spannend zu beobachten, wie unterschiedlich sie sie angehen.

Thomas Mann muss 1922, will er nicht auf Seiten der Konservativen Revolution landen und damit am ungeliebten gesellschaftlichen Rand, gleich zwei Positionen räumen. Die kriegsverherrlichende und die antidemokratische waren bei ihm gekoppelt. Leider sind beide dem großen Publikum bekannt, die „Betrachtungen“ ein Bestseller. Folglich ist das das Wichtigste beim Kurswechsel, den Eindruck des Umfallens zu vermeiden. Die Lösung: Mit der Berliner Rede schließt sich der Zauberer faktisch der Linie des Bruders an (Völkerverständigung und Republik bejahen), aber ganz so, als habe er im Kern nie etwas anderes vertreten. Er übt die Kunst des sich verleugnenden Widerrufs ‒ Kurswechsel weggezaubert.

Da Musil schon 1913 mit der Demokratie sympathisierte, muss er politisch nichts aufgeben; er entdeckt nur eine kurz auf Eis gelegte Position wieder. Und: Seine späte Kriegsapologetik ist, anders als die des Thomas Mann, den wenigsten im literarischen Feld sichtbar geworden. Wer kennt schon das Impressum einer Soldaten-Zeitung? Ihm droht somit keine Erklärungsnot, wenn er sich auf eine klar pazifistische Botschaft verlegt. Mit ihr aber würde er dem ehemaligen Militärjournalisten untreu und verleugnen, dass sich der Krieg für einen selbst recht abwechslungsreich gestaltete. Das „atavistisch mystische[] Moberlebnis 1914“, die ungeahnte Karriere als Chef-Redakteur und die als anregend empfundenen Erlebnisse der Todesnähe, deren spektakulärstes dem Erzähler auch noch unschätzbaren Stoff geboten hat, den Gesang des nahenden Fliegerpfeils, die Stimme Gottes ‒ nein, zum Gähnen war es nicht. Nur wenig überspitzt: Für Musil war der Krieg immer auch ein Selbsterfahrungs-Trip und „Die Amsel“ das Selfie vom schönsten Tag.

Für ihn besteht die Herausforderung darin, der Zerrissenheit Herr zu werden ‒ hier die Einsicht in den Fehlgriff, dort die Loyalität zum Dichter-Offizier und das Hängen an Erlebniswerten. Die Lösung nach 1918 ist, Äquidistanz zu halten: Den Nationalismus als Hauptursache des Krieges zu zerpflücken und damit implizite Kritik am Ich von 1914 folgende zu üben, doch nie, ohne zugleich die Pazifisten als verlogene oder naive Mensch-Schwärmer abzuwerten. Man muss ihnen den moralischen Triumph vergällen. ‒ Welche Vor- und Nachteile haben die beiden Varianten?

Achtet man nur auf Wahrheitswerte, nimmt sich Thomas Manns neue Selbstdeutung, insbesondere die Vorrede zu „Von deutscher Republik“, fragwürdig aus. „Dieser republikanische Zuspruch setzt die Linie der ,Betrachtungen‘ genau und ohne Bruch ins heutige fort, und seine Gesinnung ist unverwechselt, unverleugnet die jenes Buches: diejenige deutscher Menschlichkeit“ ‒ so wird aus dem Humanitätsbegriff ein Dummy-Term. Die „Betrachtungen“ rühmten den Krieg noch als „exzentrische Humanität“, weil „die wahre Kraft und Hoheit sich erst im Leiden ganz bewährt“, die Rede von 1922 hingegen beschreibt ihn als Gegenteil der Menschlichkeit, „Blutorgie von Egoismus, Verderbnis und Schlechtigkeit“. Bruchlos fortgesetzte Linie?

Nicht minder schillert die Kontinuitätsbehauptung, wenn der Redner im Berliner Beethovensaal sein überraschendes Ja zur Republik mit der „Einerleiheit von Humanität und Demokratie“ begründet. Walt Whitman betone doch auch, dass beim Bau der Demokratie oberflächliches Wahlrecht und Gesetzgebung nicht genügten, das Neue „in den Menschenherzen und ihrem Fühlen und Glauben Wurzel“ fassen müsse. Vom Amerikaner bestätigt sehen darf sein deutscher Leser das Credo der „Betrachtungen“, wonach „die Bestimmung des Menschen“ nicht „im Staatlich-Gesellschaftlichen aufgehe“. Doch liegt hier nur die schmale Überschneidung inkompatibler Konzepte.

Whitman gilt persönliche Achtung vor der Würde des Nächsten als Fundament und Ergänzung einer Humanität, die sich in institutionellen und dem Gleichheitsgrundsatz verpflichteten Regelungen niederschlägt. In Thomas Manns Kriegsschrift dagegen „[bedeutet] eine menschliche Denk- und Betrachtungsweise selbstverständlich den Gegensatz aller Politik“, „und was die Brüderlichkeit betrifft, so ist sie ohne moralischen Wert, wenn sie auf Gleichheit beruht“, schließlich untergrabe diese die grundgermanische „Lust am Dienen“. Deutsche Humanität war ein antiwestlicher Kampfbegriff, verhielt sich zum demokratischen Humanitätsverständnis oppositionell, nicht komplementär.

Thomas Mann, könnte man also beanstanden, verdeckt 1922 sich und anderen, dass er einen seiner Lieblingsbegriffe nicht beibehalten kann, ohne ihn vom vormals patriarchalischen Kern zu lösen. Eine vom Nachweis der und der Ungereimtheit allzu begeisterte Lektüre übersähe jedoch eins. So offensichtlich der Vortragende die Biegsamkeit des Begriffs austestet, nun hat sie ihr Gutes. Sie erlaubt dem Sprechenden eine segensreiche Illusion der Überzeugungskonstanz. Mit dem Glauben, sich in der Humanität treu zu bleiben und nicht einfach dem ,Zivilisationsliteraten‘ recht zu geben, ebnet sich Thomas Mann den Weg zur neuen Rolle, der des später noch so verdienstvollen Demokraten. Mag der Glaube auch trügerisch sein, erst er ermöglicht es, sich ohne narzisstische Kränkung mit der Republik anzufreunden, mit dem Bruder seinen Frieden zu machen ‒ und Spitzen gegen Pazifisten, nach der erwähnten letzten, ein für allemal einzustellen.

Mit dem Phantasma der Überzeugungskonstanz hat Musil nichts im Sinn, im Gegenteil nimmt er den Krieg als Beleg für unser aller Bildsamkeit: „Ich glaube, dass das seit 1914 Erlebte die meisten gelehrt haben wird, daß der Mensch ethisch nahezu etwas Gestaltloses, unerwartet Plastisches, zu allem Fähiges ist“. Interessante Schlussfolgerung. Der Sprechende selbst hat Plastizität zweifellos bewiesen, denken wir nur an die von Pfohlmann in diesem Forum herausgestellte: Noch 1913 Reflexion und Intellekt in der Literatur stark zu machen, um ein Jahr später in einen kollektiven Todeschor einzustimmen. Einmal mehr rechnet Musil einen Befund, der auf ihn und seinesgleichen passt, auf die Menschheit hoch ‒ so räsoniert sich’s leichter. Den Hang zum Abstrahieren kann man problematisch finden, genauso wahr aber ist, dass der Autor mit der Plastizität immer auch sich selbst meint, er sich nach seinem späteren Empfinden 1914 eine böse Überraschung bereitet hat (worauf schon die private Notiz zum Fehlgriff deutet). Eine verdeckte Selbstbeschreibung ist besser als keine, und zu öffentlichen Bußreden à la Klabund dürfte niemand verpflichtet sein.

Das Problem liegt bei einer Exegese, die die Beziehung zwischen Musils Kulturdiagnostik und dem vorausgegangenen Kriegsengagement abdunkelt. Klaus Amann referiert zwar, wie das „Theorem der menschlichen Gestaltlosigkeit“ 1923 ausgebaut wird und zitiert noch einen weiteren der Kernsätze: „wie einige Dichter wissen, ist auch die einzelne moralische Persönlichkeit etwas sehr Labiles, das viel mehr Möglichkeiten des Guten und des Schlechten hat, als deren alltägliche Ruhelagerung annehmen lässt“. Doch spricht der Interpret davon, als seien derlei Erkenntnisse am reinen Himmel der Fremdbeobachtung entstanden, eine Lehre aus dem Krieg im Allgemeinen, nicht auch Musils Verarbeitung der eigenen Nachgiebigkeit von 1914.

Wenn Letztere überhaupt ins Blickfeld kommt, dann nur ganz kurz und als reine Affekthandlung. Auf Amanns 138 Seiten zur politischen Essayistik gelten „Europäertum“ wenige Zeilen ‒ ohne Titelnennung, kein Zitat ‒, und sie vermelden lapidar, dass der Autor bei Kriegsbeginn seiner nationalen Begeisterung freien Lauf ließ. Dass die Apologetik einen Bruch mit der Vorkriegsposition markierte und dieser den Hintergrund abgab für die spätere Theoriebildung, müssen die Leser nicht auch noch wissen. Stattdessen wird ihnen die Figur der Gestaltlosigkeit als weise Erklärung für das Mitläufersyndrom in Diktaturen vorgestellt. Was sie auch ist, doch hat sie noch eine weniger feierliche Seite.

Schließt Musil von der Kriegserfahrung auf ein Zu-allem-fähig-Sein des Menschen, übergeht er, dass die frühen Kriegsgegner eher beharrlich als gestaltlos handelten. Zwar ist es verständlichem Selbstschutz geschuldet, wenn er seine eigene Anpassung in der Wandlungsfähigkeit aller Erdenbewohner verschwinden lässt, doch liegt die Theoriebildung auch auf der Generallinie, eine Überlegenheit der Pazifisten unsichtbar zu machen oder zu bestreiten. In dem Punkt zeigt sich der Theoretiker der Plastizität wenig plastisch, verhält sich umgekehrt Thomas Mann, von seiner Überzeugungsstärke so überzeugt, seit 1922 beweglicher.

Anti-Pazifismus kann sich unter den Avantgardisten der 1920-Jahre nur erlauben, wer die verpönte Insinuation des Vaterlandsverrats bald durch eine geschicktere Strategie ersetzt. Den Friedensfreunden Naivität nachzusagen, ist ohnehin befriedigender. Wenn Musil sie 1925 belehrt, „Böses, Jägerhaftigkeit, Kriegslust und dergleichen“ seien die moralischen Eigenschaften, denen die Menschheit ihren Aufstieg verdanke, und süffisant hinzusetzt, die „beliebte Aufgabe, den Menschen zu ,verbessern‘“, sei „weit schwieriger, als man es gemeinhin voraussetzt“, wird ein wesentlicher Teil des Selbstbilds kenntlich: in den Niederungen der Nachkriegsliteratur weit und breit der Einzige zu sein, der dämonischen Wahrheiten zum Menschengeschlecht kaltblütig ins Auge schaut.

7. Was der August 1914 mit dem September 1933 zu tun hat

Und wenn schon, mögen die geneigten Leser einwerfen, ein großer Erzähler muss kein Friedensengel sein. Ja, nur verschweigt „Robert Musil ‒ Literatur und Politik“ die Pazifisten-Allergie so konsequent, dass man meinen könnte, es gehe um Margot Käßmanns großes Vorbild. So bleiben die intellektuellen Unkosten natürlich unsichtbar.

Die Unversöhnlichkeit den Palmwedlern gegenüber sorgt zunächst einmal dafür, dass eine eindeutige Absage an den Bellizismus, wie sie Thomas Mann vorbringt („diesen roten Lumpenkönig…“), bei Musil fehlt ‒ obwohl er es ist, der 1921 so klar und knapp wie kein Zweiter das ideologische Rückgrat (auch) des Ersten Weltkriegs auseinandernimmt, also die Fiktion nationaler Gemeinsamkeit. „Das wahre Wir ist: Wir sind einander nichts. Wir sind Kapitalisten, Proletarier, Geistige, Katholiken… und in Wahrheit viel mehr in unsere Sonderinteressen und über alle Grenzen weg verflochten als untereinander. Der deutsche Bauer steht dem französischen Bauern näher als dem deutschen Städter […].“ Konservative oder völkische Vorstellungen konnte Musil in zwei, drei Sätzen zerlegen. Da er dafür jedoch nur bei gleichzeitiger Abwertung der sogenannten Mensch-Schwärmer zu haben war, wurde bei ihm, anders als bei Thomas Mann, die Abneigung gegen dessen Bruder chronisch. Was umso bedauerlicher ist, als Musil mit Heinrich Mann nach 1918 in der Ablehnung von Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus völlig übereinstimmte.

Es gab sogar ein Gebiet, auf dem er dem älteren der Manns näher stand als dem jüngeren. In der Brüderlichkeit ohne soziale Gleichheit, dem für Thomas Mann so wichtigen Kriegsideologem, erkannte Musil schon 1919 eine „Wohltätigkeitsprotzerei“. Nimmt man noch hinzu, dass sowohl Heinrich Mann als auch Musil bereits vor 1914 demokratisch orientiert waren, lässt sich resümieren: Mitunter funktionierte der Krieg wie eine Fehlschaltung, die zu ,politisch falschen‘ Bündnissen und Entzweiungen führte. Ohne seinen Ausbruch hätte Musil zu Heinrich Mann vermutlich eine entspannte Beziehung unterhalten. Aber für Konjunktive hat die Literaturgeschichte keinen Sinn. Der Rochus auf den „Blechernen“ bildete sich nun einmal aus und hatte eine Folge, die über reine Tagebuch-Gefechte hinausging.

Warum verweigerte sich Musil 1933 der Mitarbeit an der Emigranten-Zeitschrift „Die Sammlung“, dem antifaschistischen und dabei parteiunabhängigen, einem musterhaften Widerstandsprojekt? Weil, wie es die Legende will, die NS-Kulturbürokratie am 10. Oktober allen Beteiligten einen reichsweiten Boykott androhte? Bei Musil war die Erpressung gar nicht nötig. Er lehnte Klaus Manns Anfrage schon am 16. September ab, und woher die Unlust rührte, verriet er wenig später seinem Mäzen Klaus Pinkus, in dankenswerter Offenheit. Grundsätzlich sei die Sache schon bedeutsam, nicht aber „als eine von Kl. M. geleitete Zeitschrift, […] ganz abzusehen davon, wie ich zu Heinr. M. stehe“. Die literarische Opposition werde von „zweifelhaften Leuten geführt“.

Die Sünde von Klaus Mann, Sohn des „Großschriftsteller[s]“ Thomas Mann zu sein, wiegt schon schwer, doch sie allein hätte für das Nein nicht ausgereicht. In seiner ersten, im Juli verfassten Antwort auf die Einladung aus Amsterdam zeigt sich Musil zur Mitarbeit prinzipiell bereit, bittet lediglich um Geduld bis zum Herbst („werde mich freuen, Ihnen dann etwas übersenden zu können“). Im September-Schreiben dann erklärt er sich zum Mittun aufgrund seiner „augenblicklichen Arbeitslage außerstande, ‒ und leider noch auf eine Zeit, deren Kürze oder Länge ich nicht genau abzuschätzen vermag“. Dies ist ein Vertrösten auf den Sankt-Nimmerleins-Tag, bereits eine ablehnende Reaktion, wenn auch eine diplomatische. Was hat den Sinneswandel herbeigeführt?„Es sieht ganz danach aus“, vermerkt Amann treuherzig, „als sei Musil durch das erste Heft der ,Sammlung‘ und Klaus Manns kämpferisch programmatisches Vorwort auf- oder vielleicht auch abgeschreckt worden“. Danach sieht es durchaus nicht aus. Die von Thomas Mann und anderen gewählte Ausflucht der plötzlichen und unerwarteten Politisierung hat Musil selbst, und das ehrt ihn, der Fadenscheinigkeit überführt ‒ mit dem Bonmot, es werde „wohl niemand erwartet haben, daß eine Emigrationszeitschrift nur Liebesgedichte enthalte“. Abschreckend an der ersten Nummer war etwas anderes. Sie erschien „unter dem Patronat von André Gide, Aldous Huxley, Heinrich Mann“, und Letzterem war auch noch der Eröffnungs-Artikel vorbehalten. Ausschlaggebend für die faktische Absage erst bzw. schon im September war die herausgehobene Position von Klaus’ Onkel.

Zweifelhaft ist die Prioritätensetzung von Musil, der weiß, dass ihm die „Sammlung“ ermöglicht, „ein Lebenszeichen der Nichtgleichgeschaltetheit zu geben“, darauf aber lieber verzichtet, als mit Heinrich Mann zusammenzuarbeiten; der seine Absage an den Nationalsozialismus, besagte „Bedenken eines Langsamen“, lieber der Schublade überlässt, als auch nur Auszüge daraus im Emigrantenblatt zu veröffentlichen. Nicht unterm Patronat des Blechernen…

Das Nein ist nicht etwa einer Annäherung Heinrich Manns an die Kommunisten zuzuschreiben. Sie, die ihrerseits problematische, setzt erst 1934 ein, nachdem sich allzu viele Kollegen beim parteiunabhängigen Widerstand zurückgehalten haben. Dass das Publizieren in Holland dem klammen Musil kein Geld eingebracht hätte, erklärt seine Weigerung am wenigsten. Die Schublade dürfte kaum mehr abgeworfen haben, und ein anderes Blatt als die „Sammlung“ stand einem Nazi-Verächter wie ihm nicht mehr offen. Für die Entscheidung vom September gab es nur einen zwingenden Grund: die nachwirkende Aversion gegen den frühen Kriegsgegner „H. M.“. Zählebig ist der Widerwille, da Heinrich Mann für Musil keinen beliebigen Pazifisten darstellt, sondern die schlimmstmögliche Merkmalskombination. Inwiefern?

Was Musil an den Friedensfreunden besonders auf die Nerven geht, können wir der im zweiten Buch des „Mann ohne Eigenschaften“ (1932) auftretenden Figur des Dichters Friedel Feuermaul ablesen, die auf mehr als nur eine bestimmte Einzelperson verweist (wiewohl man nachgewiesen hat, dass für Alter, Gattungspräferenzen und familiären Hintergrund vor allem Franz Werfel Pate stand). Feuermaul markiert eine symbolische Position, die des pazifistischen Literaten, der es mit der All-Liebe und dem Glauben an die Güte des Menschen übertreibt. Eines der Muster für die Karikatur bezieht Musil aus den „Betrachtungen“, wo Thomas Mann sich an Heinrichs „vorgefaßten Schäferideen von der Vernunft und dem schönen Herzen der Menschen“ stieß und besonders über den „Verkünder entschlossener Menschenliebe“ die Nase rümpfte. Musil schreibt diese Linien fort, vermeidet jedoch den eifernden Ton der Vorlage, verfeinert sie.

Sein Pazifist erfährt weniger Beachtung, wird stets im Vorbeigehen vorgeführt. Beispiel: Es „war eine Gruppe entstanden, und in ihr führte Feuermaul lebhaft das Wort und liebte alle Menschen“ ‒ schon wendet sich der Erzähler wieder anderem Personal zu. In der Zeichnung Feuermauls wie auch im eleganten, ökonomischen Umgang mit ihm kulminiert die Wertungssteuerung der Publizistik, wonach man sich Pazifisten als geschwätzige Einfaltspinsel vorzustellen und sie herablassend zu behandeln hat.

Tatsächlich führt Heinrich Mann die Liebe zur Menschheit seit 1905 oft und gern im Munde, nicht anders als Werfel erleichtert er Musil das Karikieren. Für diesen ist der Spott jedoch auch Herzenssache, denn so lässt sich eine unangenehme Einsicht verdrängen: Man musste 1914 kein All-Liebender sein, um den Krieg abzulehnen. Nötig waren Rationalität und Unnachgiebigkeit, die, bei allem Hang zum Pathos, Heinrich Mann bewies. Musil hätte sie auch gern gezeigt, zwar nicht unbedingt seinerzeit, aber im Nachhinein zumindest.

Wir wissen, dass er mit seinem „Einlenken“ oder „Fieber“ nicht glücklich war. Wie ließe sich übersehen, dass er in Heinrich Mann die verpasste Möglichkeit seiner selbst wahrnahm? Umso inniger konzentrierte er sich auf dessen Schwachstelle, die hochmögende Rhetorik, umso lustvoller machte er aus dem Pazifismus eine Witzfigur, umso geringer war die Bereitschaft zur Kooperation. Der ästhetische Vorbehalt wuchs am lebensgeschichtlichen Neid, und beides war der Unbefangenheit nicht zuträglich.

Dass Musil dem Kontrahenten, der gar nicht weiß, dass er einer ist, 1933 immer noch nachträgt, sich 1914 keinen Fehlgriff geleistet zu haben, hat einen wenig mysteriösen Hauptgrund. Heinrich Mann griff die Kriegsapologeten seinerzeit bissiger an (,Zola‘ „sah die gehaltensten Dichter unvermittelt den windigsten Journalismus treiben“), als es etwa Hesse tat, so scharf wie sonst nur Kraus. Anders als der Fackel-Träger aber ist der Deutsche ein Erzähler, ein unmittelbarer Konkurrent, noch dazu 1930 durch die Verfilmung des „Professor Unrat“ weltberühmt geworden. Frühe Kriegsgegnerschaft, die Angriffe im „Zola“ und der Erfolg als Romancier waren ein Charakterfehler zu viel. Musils Nein vom September ist erklärbar. Aber akzeptabel? Fragen wird man dürfen.

An seinem Abrücken von der „Sammlung“ wäre nichts auszusetzen, hätte sich der Schriftsteller erst der Boykottdrohung und dem anschließenden Druck des Verlegers Rowohlt gebeugt. Was die endgültige Absage von 19. Oktober betrifft, bemerkt Amann zu Recht, dass den Romancier wohl die Vorstellung schreckte, durch den Boykott des „Mann ohne Eigenschaften“ um die Früchte jahrzehntelanger Arbeit betrogen zu werden. Dass er sie ernten wollte ‒ welcher Nachgeborene dürfte es bekritteln? Angesichts der investierten Zeit scheint mir Musils Eigeninteresse noch legitimer als das von Thomas Mann, der bis 1936 zum neuen Regime öffentlich schwieg, um das Erscheinen der „Joseph“-Romane in Deutschland nicht zu gefährden.

Leicht macht es einem Musil aber nicht bei der Kritik-Askese. Nachdenklich stimmt der Grund, aus dem er sich bereits im September gegen offenen Protest entscheidet: Weil er nicht mit einem Kollegen kooperieren mag, der es schon im Ersten Weltkrieg gewagt hat, sich öffentlich gegen die politische Macht zu stellen, scheut Musil ein zweites Mal davor zurück. Die Antipathie ist ihm wichtiger als die Chance, die Scharte von 1914 folgende auszuwetzen. Das erste Einknicken begünstigt das zweite, nur dass aus dem dienstbaren Intellektuellen von einst nun ein öffentlich schweigender wird. Pierre Bourdieu übrigens hätte dem einen wie dem anderen Verhalten nicht einmal das Attribut „intellektuell“ zuerkannt, weil er hier wie dort die machtferne Intervention vermisst hätte.

Keine Schwierigkeiten mit dem öffentlichen Verstummen von 1933 hat Amann. Weder das Motiv für den verfrühten Rückzug will er kennen noch einen Zusammenhang mit Musils Vorgeschichte. Im Bemühen, die Heldenlegende rein zu halten, gibt er sich dem Glauben hin, die Absage an Klaus Mann sei nur dem „Angewiesensein auf den deutschen Markt“ geschuldet gewesen, und eine Publikationsmöglichkeit für die „Bedenken“ habe gefehlt. Dass der vielleicht wichtigste Essay aus der Rasumofskygasse 20 dieselbe nicht verließ, fällt demnach in die Kategorie Schicksal.

Musils Wort, man könne angesichts des besorgniserregenden Antisemitismus in Deutschland „vielleicht heute nur die einfachste Pflicht tun und auf engstem Gebiet Zeugnis ablegen“, sei überzeugend, da nach dem Mai 1933 keine Zeitschrift in Deutschland bereit und in der Lage gewesen wäre, die Arbeit zu drucken, „auch die ,Neue Rundschau‘ nicht, als deren Redakteur er“ ‒ Musil ‒ „1914 dem nationalen Affekt gefolgt war und den Krieg begeistert begrüßt hatte. Den Affekten traute Musil seit damals nicht mehr“. Was wiederum die „Bedenken“ belegen sollen, die vor dem neuerlichen nationalen Rausch gefeiten. Ergo: Aus dem Jahr 1914 hat der Meister die richtige Lehre gezogen.

Wacker, wacker… Nun, dass Musil sich dem braunen Taumel „unmissverständlich“ fernhielt, stimmt. Mehr, in den „Bedenken“ findet sich ein unsterblicher Satz zur Intellektuellenvertreibung: „Mit einem Opfersinn ohnegleichen hat Deutschland in wenigen Wochen auf Forscher und Gelehrte verzichtet, unter denen sich nicht wenige befinden, die unersetzlich sind“. Die Ironie des ersten Substantivs hätte Goebbels, so steht zu vermuten, durchaus verstanden ‒ und im Tagebuch getobt vor Wut.

Aber leider konnte er die Stelle ja nicht zu Gesicht bekommen. Und das nicht, weil die „Rundschau“ bereits auf Parteilinie und Musil somit versperrt war, sondern weil dieser auf die Amsterdamer Alternative verzichtete, im Affekt gegen einen 1914 affektfrei gebliebenen Schriftsteller. So immun Musil nunmehr gegen nationale Gemütserregungen war, so wenig war er es gegen kollegiale. Deshalb gehört zur Nachgeschichte des Ersten Weltkriegs auch, dass sich ein begnadet treffsicherer Essayist vorsätzlich neutralisierte, zum Schaf im Wolfsfell machte.

Sich der „Sammlung“ zu verweigern, war keine ,Schande‘ (dafür waren ganz andere zuständig, Benn z. B.). Nur schade war es. In einer literarischen Zeitschrift europäischen Zuschnitts, die erste Namen der künstlerischen und wissenschaftlichen Welt zu den Beiträgern zählte, von Jean Cocteau bis Albert Einstein, wäre Musil gut aufgehoben gewesen. Eine parteipolitische Linie kannte das Blatt nicht, es wahrte Abstand zu Stalinisten, ästhetische Vielfalt und Internationalität waren bemerkenswert, drei Viertel der nicht-deutschen Beitrage verhandelten eher kulturelle als politische Angelegenheiten. Es war beileibe kein Kampfblatt.

Man konnte dort die Nazis so leidenschaftlich angehen wie ein Heinrich Mann, ohne dass auch nur der Hauch einer Verpflichtung bestanden hätte. Wenn man das moralische Lehramt ausübte, tat man es gerade mit der Autorität eines Projektes, das die künstlerische Unabhängigkeit aller Beteiligten achtete. Man sprach in jener „paradoxe[n] Synthese von Gegensätzen, von Autonomie und politischem Engagement“, die nach Bourdieu eine intellektuelle Intervention ausmacht. Hätte Musil seinen Essay in der „Sammlung“ veröffentlicht, wäre aus dem großen Erzähler auch noch ein Intellektueller geworden. Ausmalen darf man es sich. Wenn es Wirklichkeitssinn gibt, muss es auch Möglichkeitssinn geben.

[1] Vgl. Regina Schaunig: Der Dichter im Dienst des Generals. Robert Musils Propagandaschriften im Ersten Weltkrieg. Klagenfurt, Wien: Kitab-Verlag 2014, S. 356ff.: Musil zugeordnet hat die Forschung bislang 40 Beiträge. Nur auf deren Pool beziehen sich die Kommentare der Autorin und beziehe auch ich mich. Über hundert weitere Beiträge in der „(Tiroler) Soldaten-Zeitung“ stellt Schaunig „zusätzlich zur Diskussion“. 

[2] Vgl. zu den Leistungen der Namensgeberin, mit dem Maximalwert 10 den Maßstab setzend, zuletzt Simone Schmollack: Die Opportunistin hat gewonnen. Mit Katrin Göring-Eckardt entscheiden sich die Grünen für die Uneindeutigkeit. Das ist zwar Angela Merkels Erfolgsrezept, macht es aber nicht besser. In: Die Tageszeitung, 08.10.2013, online abrufbar hier; sowie schon Joachim Rohloff: Mehr Demagogie wagen. Was ist Katrin Göring-Eckardt, die Vorsitzende der grünen Bundestagsfraktion, eigentlich für eine? In: Konkret 04/2004, online abrufbar hier.

[3] Vgl. Joachim Güntner: Ziemlich scheußlicher Gesinnungswechsel. In: Neue Zürcher Zeitung, 01.06.2014, online abrufbar hier.

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Thomas Mann: Betrachtungen eines Unpolitischen.
Herausgegeben von Hermann Kurzke. Textband und Kommentarband. Große kommentierte Frankfurter Ausgabe. Werke - Tagebücher - Briefe. Bd. 13. 1/2.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2009.
1432 Seiten, 80,00 EUR.
ISBN-13: 9783100483485

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Regina Schaunig: Der Dichter im Dienst des Generals. Robert Musils Propagandaschriften im Ersten Weltkrieg.
KITAB, Klagenfurt 2014.
367 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-13: 9783902878403

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