Albtraum von einer Gesellschaft

In seiner neuen Novelle lässt Joachim Zelter das „Wiedersehen“ zwischen Lieblingslehrer und Lieblingsschüler grotesk scheitern

Von Dietmar JacobsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Jacobsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wiedersehen von Leuten, die einst das gleiche Klassenzimmer miteinander teilten, sind beliebt in der Literatur. Und das nicht nur, weil die meisten Leser nachvollziehen können, was ihnen hier auf humoristische, ernste oder grotesk-makabre Weise aufgetischt wird. Es ist auch das unbestreitbar vorhandene große Konfliktpotenzial, welches auf die Tagesordnung rückt, wenn sich nach langer Zeit Menschen wiederbegegnen, die einstmals gemeinsam lernten, miteinander um die Aufmerksamkeit des Lehrers buhlten und sich gegenseitig auszustechen suchten im Kampf um die bessere Zensur.

Inzwischen ist man erwachsen geworden, steht fest mit beiden Beinen im Leben oder hat seine Chancen leichtfertig vertan. Doch zurück in den Mauern seiner alten Schule und in der Gesellschaft der Freunde und Feinde von einst werden plötzlich Dinge wieder wichtig, die man längst hinter sich gelassen zu haben glaubte. Seelische Wunden, Jahrzehnte früher wohlüberlegt oder aus Unachtsamkeit geschlagen und in der Zwischenzeit nur ungenügend verheilt, brechen wieder auf. Rechnungen aus Kindertagen werden präsentiert, alte Lieben erneuert, Neid auf den einstigen Klassentrottel, der nun das dickste Portemonnaie in der Tasche hat, geschickt zu verbergen gesucht. 

In seiner neuen Novelle hat nun auch Joachim Zelter erkannt, welche Möglichkeiten in einer solchen Konstellation stecken. Allein ein schlichtes „Klassentreffen“  à la Franz Werfel („Der Abituriententag“) oder Robert Menasse („Die Vertreibung aus der Hölle“) präsentiert er uns nicht. In „Wiedersehen“ scheint es hingegen zunächst so, als würden lediglich ein Lehrer und sein Lieblingsschüler nach Jahren, in denen man sich aus den Augen verloren hat, wieder zusammenfinden. Aus Arnold Litten, dem Eleven von einst, ist inzwischen ein veritabler, international beachteter Kafka-Experte geworden, der gerade an einer kommentierten Neuausgabe von Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ sitzt. Und Thorsten Korthausen, der Lehrer mit dem speziellen Methodenarsenal, scheint nichts weiter vorzuhaben, als seinem einstigen Schüler im persönlichen Gespräch bei einem Glas Wein versichern zu wollen, wie stolz er auf ihn und seinen wachsenden Ruhm sei.

Doch es kommt anders, als der flügge gewordene Litten denkt. Denn als er, seine Freundin an der Seite, zu dem per Telefon vereinbarten Treffen anreist, hat Korthausen für reichlich Publikum gesorgt. Dem soll nun präsentiert werden, was aus dem Lieblingsschüler von einst draußen in der Welt geworden ist. Haus und Garten füllen sich mit erwartungsfrohen Menschen, denen Arnold Litten mit all seinen Titeln und Preisen vorgeführt wird als das Spitzenprodukt der experimentierfreudigen Pädagogik seines alten Lehrers. Gar einen Vortrag des Kafka-Experten hat Korthausen angekündigt und dazu illustre Hörer geladen. Ein Strukturalist findet sich ein, ein seine Umgebung für gewöhnlich zu Tode langweilender Thomas-Mann-Fan ist darunter sowie ein Lateinlehrer, dem es ein grimmiges Vergnügen bereitet, jeden ihm begegnenden Satz – ob gedruckt oder gesprochen – nach Fehlern zu durchforsten. Und natürlich dürfen auch jene Schüler nicht fehlen, die, wie einst Arnold Litten, immer ein ganz besonderes Verhältnis zu ihrem Lehrer hatten, von ihm gefördert und den anderen vorgezogen wurden.

Wer je ein Buch von Joachim Zelter gelesen hat, weiß, mit wie viel Freude am Sprachwitz, mit welch ausgefeilter Dialogkunst und überbordendem Einfallsreichtung der Tübinger Autor zu Werke geht. Auch in „Wiedersehen“ überzeugt er mit einem pittoresken Personal, einer sich langsam zur absurden Farce steigernden Handlung und einer Pointe, hinter der man die von Johann Wolfgang von Goethe für das Novellengenre als notwendig erachtete „unerhörte Begebenheit“ vermuten darf.

Arnold Litten jedenfalls, als Meisterschüler angekündigt, versagt vollkommen vor dem von seinem Lehrmeister zusammengerufenen Publikum. Sein extemporierter Vortrag bringt die Zuhörer erst zum Gähnen und dann zum Abwandern. Für Aufmerksamkeit hingegen sorgen andere Genies aus der Korthausen-Schule: der „Anagrammjäger“ Nietzsche etwa, den das Publikum achtungsvoll bestaunt, oder der Dichter und Rezitator John von Havel, von dem der Literaturexperte Litten noch nie gehört hat.

Eine Schulsatire? Eine sich grotesker Mittel bedienende Komödie darüber, wie das Leben selbst den hoffnungsvollsten Talenten noch ein Bein zu stellen vermag? Das bizarre Porträt eines sich von seinen wissbegierigen Anfängen inwischen weit entfernt habenden Akademikers, den nur noch seinesgleichen versteht? „Wiedersehen“ ist vieles – am Ende aber vielleicht auch nur der Albtraum von einer Gesellschaft, in der jeder nur noch sich selbst der Nächste ist.

Titelbild

Joachim Zelter: Wiedersehen. Novelle.
Klöpfer und Meyer Verlag, Tübingen 2015.
126 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-13: 9783863514006

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