Macht über die Seelen

Hugo von Hofmannsthal im Dialog mit Elsa und Hugo Bruckmann – und mit dem Orient

Von Jochen StrobelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jochen Strobel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Salon Bruckmann am Münchner Karolinenplatz gilt als Brutstätte des Nationalsozialismus. Hier hat die kunstsinnige Hausherrin dem proletenhaften, gesellschaftlich bis dahin nicht satisfaktionsfähigen Parteiführer Adolf Hitler seit 1924 den Weg zur national-konservativen Hautevolee der bayerischen Landeshauptstadt geebnet. Die aus bayerisch-rumänischem Hochadel mit byzantinischen Wurzeln gebürtige Prinzessin Cantacuzène, die 1898 im Alter von bereits 33 Jahren den bürgerlichen Kunstverleger Hugo Bruckmann heiratete, war im Unterschied zu den meisten ihrer Standesgenossinnen eine hoch gebildete Frau. Schon vor ihrer Heirat, in Wien, hatte die begeisterte Deutschnationale einen Salon geführt. Spätestens während des Ersten Weltkrieges und der Niederlage hatte sich ihre nationalistische bis völkische Gesinnung noch einmal verstärkt. Hitler hatte sie schon 1921 im Münchner Zirkus Krone erstmals gehört; nach einem Besuch in Landsberg 1924 schwor sie ihm „Treue bis zum letzten Atemzug“. Die Wandlung der Bruckmanns führte aber auch zu einer zunehmenden Verödung des Salons.

Am Anfang stand ein alles andere als unverdächtiger Gast: In München lud sie im Januar 1899 erstmals Freunde und Verwandte zu einem Leseabend ausgerechnet mit Houston Stewart Chamberlain ein, den sie 1894 in Wien kennen gelernt hatte. Die Jahre dazwischen waren für den Autodidakten von größter Bedeutung, denn 1896/97 verfasste er sein Hauptwerk „Grundlagen des Neunzehnten Jahrhunderts“, eine Bibel des Rassenantisemitismus, die Alfred Rosenberg und Adolf Hitler beeinflusste.

Es darf freilich nicht verwundern, wenn Elsa Bruckmann als mütterliche Freundin ihren Schützling Hitler ausgerechnet als Künstler wahrzunehmen versuchte, ganz ihrer eigenen Kunstliebhaberei gemäß. Sie verkörperte mit ihrem Lebensweg die Verbürgerlichung des (Hoch-)Adels ihrer Zeit, doch zugleich bediente sie die aristokratischen Bedürfnisse des gehobenen Bürgertums.

Die Ehe mit dem in der NS-Zeit ebenfalls stramm linientreuen Hugo Bruckmann – schon der Uraufführung von Hofmannsthals „Turm“ wohnte er mit dem „Hakenkreuz an der Brust“ bei – basierte wohl nicht zuletzt auf dem gemeinsamen Interesse an zeitgenössischer Kunst. Elsa selbst schrieb, dichtete und malte. Zeitweilig artikulierte sie sogar den Wunsch, beruflich auf eigenen Beinen zu stehen. Sie betätigte sich kunstgewerblich, auch literarisch, und übersetzte ein wenig.

Die Begeisterung für die Künstler ihrer Zeit und das lebenslange Bedürfnis nach Austausch mit ihnen, das die vorliegende Edition dokumentiert, darf als die andere Seite der Elsa Bruckmann angesehen werden. Der Band nun stellt die mit drei Dichtern gewechselten Briefe vor, denen Elsa Bruckmann eine „intellektuell ebenbürtige Partnerin“ war, so der Herausgeber Klaus E. Bohnenkamp.

Dokumentiert werden gleich drei Briefwechsel mit Protagonisten der Moderne: Der kaum neunzehnjährige Hugo von Hofmannsthal hatte Elsa Prinzessin Cantacuzène 1894 in Wien kennen gelernt. Etwa 100 Briefe begleiten eine Freundschaft, die bis 1922 währte. In einem Zeitraum von fast 40 Jahren entstanden die Briefe Rudolf Kassners an das Ehepaar Bruckmann. Die mit Rainer Maria Rilke geführte Korrespondenz hingegen umfasst nur die Jahre 1910 bis 1919, überliefert sind kaum 50 meist recht kurze Schreiben.

Die junge Prinzessin, so scheint es, schmückte sich mit der Bekanntschaft des jungen Loris; es entsteht eine Liebelei, die Hofmannsthal später als „Flirtation“ abwertete. Viel mehr als Briefe wechseln wollte der junge Dichter offenbar nicht; seine Launen, seine Nervosität und Streitlust drohten die Beziehung gleich nach ihrem Beginn zu zerstören. Seine Abwehrhaltung kam nicht ohne Projektionen aus, so wenn er 1894 in sein Tagebuch schrieb: „Warum erinnert mich irgend etwas an ihrem Wesen an Stefan George?“ Die Prinzessin war für ihn einerseits eine Quelle der Inspiration und der Wunsch nach stetigem Gedankenaustausch war groß, andererseits fürchtete er von ihr in Besitz genommen zu werden. Seine Problemlösungsstrategie war distanzierender Art; so schreibt er gleich in einem der ersten Briefe: „Manchmal fällt mir auf, wie unendlich kurz ich Sie eigentlich kenne, und dass ich Sie ganz anders behandle, als sonst junge Damen der Gesellschaft, nämlich mit viel mehr innerm Respect und viel mehr äußerer Camaraderie.“

Zugleich gibt und fordert er, fern aller erotischer Avancen, „eine herzliche und andauernde Freundschaft für Sie, für Ihr Leben als ganzes“. Man begegnet sich nun im Interesse an Walter Pater, an den Präraffaeliten oder an Hermann Bahr. Noch vor der Eheschließung schöpft Hofmannsthal auch zu Hugo Bruckmann Vertrauen, den er „nett, gutmüthig und anregend“ findet.

Die auf erklärter Freundschaft – oder auch auf der Nötigung, immer wieder zu schreiben – gründende Korrespondenz versandete dann aber in Besuchsadressen und Reiseplanungen. So holte Hofmannsthal 1912 guten Rat ein für eine geplante (und dann tatsächlich mit der Gattin, Ottonie von Degenfeld sowie R. A. Schröder durchgeführte) Fahrt nach Umbrien („einen kleinen Ausflug per Auto nach Umbrien planend“) – ein für damalige Verhältnisse wohl höchst ambitioniertes Unternehmen.

Immerhin war es dem jungen Hofmannsthal dann doch auch gelungen, der verehrten Prinzessin sein Herz auszuschütten oder jedenfalls Bedeutendes und Grundsätzliches zu schreiben, so 1896 mit 22 Jahren:

„Es ist möglich, dass ich einmal Bücher schreiben werde, die, ohne besonders groß zu sein, sich von allen andern unterscheiden. Es ist auch möglich, dass ich mit der Zeit ganz aufhöre, irgend etwas niederzuschreiben und meinen Enkeln die paar Sachen, die ich vor dem zwanzigsten Jahr gemacht habe, als eine sonderbare Erbschaft hinterlasse. Über alles das habe ich gar keine Vorstellung. Ich möchte auch manchmal wissen, ob ich jung sterben werde, oder lange und einsam weiterleben, oder eine große Macht über die Seelen der Menschen erlangen, wie ich mir das früher manchmal als möglich vorgestellt habe.“

Der Briefwechsel des Ehepaares Bruckmann mit Hofmannsthal endet 1920; eine letzte Begegnung fand 1924 statt – also in jenem Jahr, in dem Elsa Bruckmann sich ihrem neuen Idol verschrieb. Dass Hofmannsthal in seinem letzten Brief noch von „einem edlen Deutschland“ spricht, mit dem er „sterben werde“, mag seine Adressatin zwar angesprochen haben, hatte aber mit ihrer Gesinnung nur wenig zu tun. Darüber, ob das Ende der lange Zeit weitgehend im Medium der Schrift existenten Beziehung mit Elsa Bruckmanns Radikalisierung zu tun hatte, kann nur spekuliert werden. Doch hatten auch Rilke und Rudolf Kassner seit etwa 1920 keinen persönlichen Kontakt mehr zu dem Verlegerpaar.

Der Spürsinn und die Gründlichkeit des Herausgebers verdienen höchstes Lob. Mit einer über 100-seitigen Einleitung erschließt Bohnenkamp die biographischen und kulturgeschichtlichen Kontexte, der Stellenkommentar zu den 300 Briefen widmet sich auch dem scheinbar nebensächlichsten Detail. Die Edition beruht auf schier unzähligen Archivrecherchen.

Alles in allem gewähren die erstmals edierten Korrespondenzen einen guten Einblick in ein Zentrum der künstlerischen Moderne, die zur Gegenmoderne umschlägt. Elsa Bruckmann hat aus ihrer Verehrung Hitlers nie ein Geheimnis gemacht. Auch diesem blieb die treue Anhängerin unvergesslich: Noch zu ihrem 80. Geburtstag im Februar 1945 ließ ihr der „Führer“ ein Paket mit Zucker, Kaffee und Honig zukommen. Indessen mischte sich schon vor Kriegsbeginn auch Skepsis in ihre überlieferten Äußerungen zum deutschen „Geschick“ unter Hitler. Der Herausgeber merkt an, dass sie im 1946 ausgefüllten Entnazifizierungs-Fragebogen den frühen Parteieintritt ebenso verschwieg wie die Verleihung des Goldenen Parteiabzeichens der NSDAP an sie. Eine Strafe von 2.000 Reichsmark musste die „Mitläuferin“ nicht mehr bezahlen, sie verstarb 1948.

Verweist nicht zuletzt die Korrespondenz Hofmannsthals mit einer Anhängerin der völkischen Ideologie wie Elsa Bruckmann trotz allem auf die Internationalität der Moderne, so überschreitet eine kleine Monographie zu Hofmannsthals Orient-Bezügen die Grenzen Europas. Die motivanalytische Arbeit versucht sich an einer Bestandsaufnahme oder arbeitet einer solchen vielmehr vor. Das orientalische Leitsymbol des Teppichs, auf das sich Teona Djibouti immer wieder konzentriert, war allerdings bereits vor Erscheinen ihrer Studie erforscht worden, wie so manche Referenzen nicht nur wenig eigenständig, sondern geradezu anachronistisch wirken. Doch kommen Hofmannsthals Ghasele ins Spiel, seine Rezeption der Märchen aus Tausendundeiner Nacht, ist vom Standort Wien als „Brückenpfeiler“ zwischen Orient und Okzident die Rede. Zahllose Grammatik, Tipp- und Zitierfehler lassen die Hoffnung auf eine zukünftige Bearbeitung des Themas noch wachsen.

Titelbild

Teona Djibouti: Aufnehmen und Verwandeln. Hugo von Hofmannsthal und der Orient.
Iudicium-Verlag, München 2014.
224 Seiten, 25,00 EUR.
ISBN-13: 9783862053896

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Titelbild

Klaus E. Bohnenkamp (Hg.): Hugo von Hofmannsthal, Rudolf Kassner und Rainer Maria Rilke im Briefwechsel mit Elsa und Hugo Bruckmann 1893-1941.
Wallstein Verlag, Göttingen 2014.
706 Seiten, 49,90 EUR.
ISBN-13: 9783835315396

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