Die Ketten der freien Liebe

Christian Uetz‘ Roman „Es passierte“ lässt verständnislos zurück

Von Martin BeckerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Martin Becker

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ein gewöhnlicher Mensch ist Damian sicherlich nicht. Von Haus aus Theologe verdient er sein Geld lieber mit Spanischunterricht. Gott sucht Damian auch lieber im Bett mit vielen Frauen statt in der Bibel und am liebsten in der Unterwerfung. Doch so richtig frei ist diese Liebe nicht. Damian wirkt mehr wie ein Getriebener, der schon längst nicht mehr weiß, was ihn eigentlich antreibt außer der Angst.  Er sehnt sich nach dem Tod, aber als er glaubt, sich mit HIV infiziert zu haben, fährt er doch zu seiner Langzeitaffäre Liv. Obwohl die beiden sich geschworen haben, absolut offen zueinander zu sein, bringt es Damian nicht über sich, ihr von seiner Befürchtung zu erzählen.  Dass Liv später, als sie es selbst errät, dafür Verständnis aufbringt, ist nicht die einzige Stelle im Roman, die deutlich macht, dass es nicht primär um eine realistische Figurenzeichnung geht. Überhaupt sind die Frauenfiguren im Roman nur dazu vorhanden, Kristallisationspunkte für Damians philosophische Exkurse zu bieten.

Neben Liv, die sich ein Kind mit Damian wünscht und im Laufe des Romans eine Beziehung mit einer anderen Frau eingeht, ist da noch die keusch lebende Maria, die dann doch mit ihm schläft , die junge Philosophiestudentin Diotima , die nicht mit ihm schläft , und Clara, die neunundsiebzigjährige Pianistin, die ebenfalls mit ihm schläft.

„In Damians Leben gab es nur Frauen. Er hatte tiefere Freundschaften mit Männern, doch sah er in diesen so sehr sich, dass er alle Männer selbst war; und so gab es doch nur ihn und das andere Geschlecht. Es war ihm in seinem selbstverblendeten Donjuanismus gar nicht vorstellbar, dass es anderen Männern nicht genauso ging.“

Dieser Narzissmus zieht sich als roter Faden durch den Roman. Selbst als Liv tatsächlich schwanger wird, flüchtet sich Damian lieber in philosophische Gedankengänge und Liebschaften. Seine Wünsche und Fantasien sollen wohl als Ausgleich für die oft etwas hölzernen philosophischen Dialoge dienen. Da liest man Nietzsche und Heidegger, Platon und Hölderlin heraus, aber dennoch gelingt Damian kein Ausbruch aus seiner Sackgasse. So steigt er am Ende des Romans in den See und weiß nicht, ob er das andere Ufer erreichen kann und überhaupt will. Und der Leser weiß nicht, was er ihm wünschen soll. Zu kalt lassen ihn diese Figuren. Für empathische Regungen sind sie zu schematisch und so verpufft die interessante Anlage des Romans, den man mit einem Schulterzucken beendet.  

Ein Beitrag aus der Komparatistik-Redaktion der Universität Mainz

Titelbild

Christian Uetz: Es passierte. Roman.
Secession Verlag für Literatur, Zürich 2015.
203 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783905951684

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