Offene Wunden

Volker Demuths ambitionierter Roman „Stille Leben“ kreist um Leben, Kunst und Tod

Von Anton Philipp KnittelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anton Philipp Knittel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Mit seinem Romandebüt „Stille Leben“ legt der promovierte Literaturwissenschaftler und ehemalige Professor für Medientheorie und Mediengeschichte Volker Demuth (geboren 1961), der bislang hauptsächlich als Lyriker und Essayist in Erscheinung getreten ist, ein mehrstimmiges und gleichermaßen vielschichtiges wie ambitioniertes Roman-Triptychon über das Leben, die Kunst und den Tod vor. Dabei steht der linke Flügelalter unter dem Francis Bacon-Trinkspruch „We are meat“, die Mitteltafel ziert das einem Anonymus zugeschriebene Motto „Geschichte – ein Schlachthaus. Zeit – ein Fleischerbeil“, während dem rechten Flügel der Satz „Es werde frisches Fleisch“ vorangestellt ist. Die Predella wird mit einem Satz aus dem Johannes-Evangelium eingeleitet: „Und das Wort ward Fleisch und nahm seine Wohnung unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.“

Im „Prolog“ erklärt eine namenlose Geowissenschaftlerin, die bisher „lediglich als Herausgeberin von Büchern, die Beiträge diverser Symposien versammelten, öffentlich in Erscheinung getreten“ ist, dass sie während eines Forschungsaufenthalts in einer Hütte im Bergland Guatemalas Disketten gefunden habe: „Weder also wusste ich, von wem sie stammten, noch was sich darauf befand. Ich schob darum die erste kurzerhand in den Laptop, und mit dem Schließen des Laufwerks und dem Öffnen der Dateien begannen für mich Tage tiefster Verstörung.“

Die aufgefundenen „Aufzeichnungen, Notizen, Berichte, Gespräche“ entstammen Arnes Disketten. Sie enthalten seine Lebensspuren sowie die seiner ehemaligen Geliebten Caroline, einer exzentrischen Kunststudentin und Künstlerin. Die Wissenschaftlerin gibt den Inhalt mit wenigen Eingriffen, wie sie im „Prolog“ erläutert, heraus, nicht zuletzt deshalb, weil „die Geschichte, zumindest was davon vor Jahren sichtbar geworden war“, in der Öffentlichkeit einen „ziemlichen Wirbel“ verursacht hatte. Der „Wirbel“ wird schließlich in der Predella klar, wenn er auch an dieser Stelle nicht aufgelöst werden soll.

Der Biologe und Wissenschaftler Arne, so erfahren wir aus seiner Perspektive im Verlauf des Textes, der verschiedene Zeit- und Raum-Ebenen verbindet, verliert den Halt unter seinen Füßen, als er mit ansehen muss, wie seine Frau Ute und sein zehnjähriger Sohn Anton bei einem Autounfall verbrennen. Er gibt das Haus in Berlin auf, zieht in ein altes Umspannwerk, beginnt zu trinken und gibt seine Arbeit bei einer Biotech-Firma auf. Über eine Kontaktanzeige, mit der der „linke Flügel“ einsetzt „Suche Geliebte. Ich männl., 46/178, ungebunden. Sie: 30-45J., gebunden. Zuschriften unter: doppelstunden@freenet.de“, sucht er seine Einsamkeit zu überwinden.

Doch weder die kurze Liaison mit der Russin (oder Ukrainerin) Maria, mit Annagreta, einer Deutsch-Afrikanerin, oder mit der Intellektuellen Vera helfen über seine offenen Wunden, die übrigens auch in einer gelähmten Gesichtshälfte als Folge einer missglückten OP symbolisiert werden, hinweg. Und auch seine Geliebte, die Kunststudentin Caroline, mit der Arne im Louvre vor Rembrandts Bild „Der geschlachtete Ochse“ ins Gespräch kommt, trägt einige offenen Wunden mit sich herum. Sei es die Beziehung zu ihrer Mutter oder der Hungertod ihrer Schwester Manuela, sei es das traumatische Verhältnis zum Kriegsfotografen Jay oder das sadomasochistische zu Virgil: verletztes Fleisch überall. Ein dichtgezogenes Motivgeflecht – von der Farbe Grau, über den Todestanz, vom Thema Stille bis zum Thema Eis und Frost durchzieht den Roman bis zum überraschenden Ende, an dem das stillgestellte Leben Carolines seziert und letztlich literarisiert wird. So ist „Stille Leben“ nicht nur eine poetische Reflexion über das Leben, die Liebe, die Kunst und den Tod, sondern auch über das Schreiben.

Künstler-Romane lassen sich auf verschiedene Weisen spannend erzählen, etwa als Liebes- und Kriminalgeschichte wie Wilfried Steiner in seinem vorletzten Roman „Bacons Finsternis“, oder als ironisches Spiel mit dem Kunstbetrieb wie Steiners „Die Anatomie der Träume“ oder wie Ralph Dutli als gelungene psychische Einfühlung mit entsprechender Distanz in seinem Roman „Soutines letzte Fahrt“, der darin auf Soutines Nähe zu Rembrandt, Francis Bacon und dem Malen mit Blut verweist.

Volker Demuth hat nun seine eigene, gelungene, sprachbrillante Variante mit „Stille Leben“ vorgelegt. Klug und stringent komponiert – über verschiedene Orte und Zeiträume hinweg –, fordert sein Roman zu einem konzentrierten Lesen heraus. Eine Anstrengung, die sich jedoch zweifelsohne lohnt, zumal auch mehrfache intertextuelle Anspielungen etwa auf Max Frischs „Homo faber“ – wie unter anderem die rückblickenden Aufzeichnungen, die entscheidende Szene im Louvre, der verzögerte Flug zu Beginn des Textes, das Verschwinden in Guatemala oder Manuelas Skepsis am „kolossalen Homofabertum“ und einiges mehr – gut gewählt sind.

Titelbild

Volker Demuth: Stille Leben. Roman.
Klöpfer und Meyer Verlag, Tübingen 2013.
334 Seiten, 22,50 EUR.
ISBN-13: 9783863510589

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