Angekommen im Olymp der Klassiker

Heiner Müller wird die Ehre einer vorzüglichen Bibliographie zuteil

Von Bastian ReinertRSS-Newsfeed neuer Artikel von Bastian Reinert

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In einem Gespräch über das Ende der DDR, die unmittelbare Nachwendezeit und die Lage der Intellektuellen nach 1989, das Gregor Gysi (damals bereits Abgeordneter im Bundestag) 1992 mit Heiner Müller in Berlin führte, entgegnete Müller auf die Frage nach seinen Illusionen, er hätte keine, um dann schließlich mit Bezug auf Brechts Fatzer-Fragment zu ergänzen: „Alles, was nach mir geschieht, ist, als geschähe es nicht.“ Nach seinem Tod, der sich 2015 schon zum 20. Mal jährt, ist allerdings eine Menge geschehen – auch in der Müller-Forschung.

Ihre zentralen Hilfsmittel sind seit jeher die gemeinsam von Florian Vaßen und Ingo Schmidt erarbeiteten Bibliographien zu Heiner Müller, die bereits 1993 und dann in einer erweiterten Version nochmals 1996 erschienen. Inzwischen liegt seit 2013 im Aisthesis Verlag eine über Jahrzehnte mit unermüdlichem Eifer überarbeitete und in ihrem Umfang um mehr als das Dreifache ergänzte Neuausgabe dieser Bibliographie vor, für die Vaßen nun allein verantwortlich zeichnet. Neben den eingearbeiteten früheren Bänden ist diese zwei-, eigentlich dreibändige Bibliographie (Band zwei wurde in zwei Teilbände gesplittet) um die internationale Müller-Rezeption erweitert worden und nimmt alle gedruckt vorliegenden Texte von und zu Müller bis Ende 2011, in Einzelfällen sogar noch bis 2012, auf und ist damit für die Müller-Philologie schon jetzt ein unverzichtbares Standardwerk. Auch deshalb, weil sich Vaßen auf knapp 1.800 Seiten zudem die Mühe gemacht hat, sogar bisher unveröffentlichte Müller-Materialen aufzunehmen: Texte, Gespräche, Übersetzungen, Ton- und Videomaterial. Das alles ist bislang nur im Heiner-Müller-Archiv (HMA) zugänglich, das sich in der Akademie der Künste in Berlin befindet, der Müller selbst einmal als letzter (Ost-)Präsident vorstand, bevor die beiden Akademien Ost und West 1993 unter der Präsidentschaft von Walter Jens vereinigt wurden.

Dass Müller in den 1980er- und 1990er-Jahren zu einem Modeautor avancierte, zeigt sich an der beachtlichen Fülle an Material, das hier in den voluminösen (Teil-)Bänden zusammengetragen wurde. Die Bibliographie umfasst neben der Primärliteratur (erster Band), die allein schon mehr als 600 Seiten füllt, auch die auf inzwischen über 1.000 Seiten angewachsene Sammlung an Forschungsliteratur (zweiter Band). Besonders gelungen ist, dass sich die Bibliographie aufgrund ihrer klaren Gliederung ganz exzellent zusammen mit der im Suhrkamp Verlag erschienen Werkausgabe Müllers benutzen lässt, indem sie die dort gewählten Kategorien zur Einteilung dieses umfangreichen und vielschichtigen Werkes weitgehend übernimmt: Theater- und Hörstücke, Drehbücher und Libretti, Lyrik, Prosa, Übersetzungen, Rezensionen, Briefe, Schriften, Reden und Lesungen sowie Gespräche, Interviews und Diskussionen. Ebenfalls in den Band der Primärliteratur aufgenommen ist eine äußerst verdienstvolle Bibliographie zu Produktionen, die im Kontext Müllers entstanden sind, also sämtliche Weiterverarbeitungen seines Werkes in Hörstücken und -spielen, Vertonungen und Partituren, Drehbüchern und Libretti, Rundfunkbeiträgen und Fernsehinszenierungen, Filmen, Videos und anderen Ton- und Bildträgern sowie die künstlerischen Rezeptionen Müllers in literarischen Texten, Bildern und Zeichnungen, Comics und Fotos, Installationen und Ausstellungen sowie Theaterstücken und Inszenierungen.

Die beiden Teilbände des zweiten Bandes versammeln neben allgemeinen Darstellungen und Beiträgen zu übergreifenden Themen sämtliche Forschungsliteratur zu Müllers Lyrik und Prosa sowie zu den Theater- und Hörstücken, Drehbüchern und Libretti und sind damit nicht nur für die Müller-Forschung unentbehrlich, sondern auch für die Theaterwissenschaft als solche von großer Bedeutung, da sie mit Müller und der immensen Rezeption seines Schaffens ein weites, für ihre Disziplin insgesamt ganz wesentliches Diskursfeld abstecken.

Wenn Heiner Müller auch kein Modeautor mehr ist, so ist er heute immerhin auf dem besten Wege dahin, ein (moderner) Klassiker zu werden. Eine bessere Grundlage zur weiteren Erforschung seines Werkes als diese Bibliographie gibt es nicht. Umso bedauerlicher ist es, dass selbst viele große, immerhin noch einigermaßen kaufkräftige Bibliotheken nicht mehr gewillt sind, die annähernd 200 Euro für diese drei Bände auszugeben – seit ihrem Erscheinen ist diese auf absehbare Zeit sowohl an Qualität wie Quantität nicht zu überbietende, unverzichtbare Bibliographie laut Verlagsauskunft erst 100 Mal verkauft worden. Vielleicht lässt sich ihre nächste Aktualisierung als Dünndruckausgabe in einem Band realisieren, der bei einem Preis von unter 100 Euro gewiss ein größeres Publikum finden würde. Sowohl dem Verlag Aisthesis als auch dem Herausgeber Florian Vaßen wäre das als wohlverdiente Anerkennung für diese ungeheure Kraftanstrengung nur zu wünschen.

Titelbild

Florian Vaßen: Bibliographie Heiner Müller. 3 Bände.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2013.
1786 Seiten, 188,00 EUR.
ISBN-13: 9783849810313

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