Zerstörte Hoffnungen

Burga Kalinowski befragt in ihrem Interviewband ehemalige DDR-Bewohner zu Wende und Wiedervereinigung

Von Stefan JägerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefan Jäger

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„War das die Wende, die wir wollten?“ Diese Frage stellte die Berliner Journalisten Burga Kalinowski 42 Personen, die zum Zeitpunkt der Umbrüche 1989/90 in der DDR lebten. 27 der geführten Interviews finden sich nun im gleichnamigen Buch versammelt. Zu den von ihr Befragten gehören Politiker, Juristen, Autoren, Schauspieler, Musiker, Theologen, Wissenschaftler und Handwerker, die verschiedenen Generationen angehören. Der älteste  wurde 1928, der jüngste 1971 geboren. Einige der von ihr Interviewten gestalteten die Wende aktiv mit und beteiligten sich bei den verschiedenen Bürgerrechtsbewegungen, organisierten Demonstrationen oder verfassten Resolutionen. Andere wiederum beobachteten die Umbrüche mit eher skeptischem Blick oder erlebten sie als „etwas, das mir zugestoßen ist“, wie einer der Befragten berichtet. Für alle jedoch brachten die Ereignisse von 1989/90 – mal größere, mal kleinere, positive wie negative – Veränderungen mit sich.

Unglücklicherweise bleiben die positiven Seiten, die Wende und Wiedervereinigung für die Interviewten hatten, in den Gesprächen lediglich Randnotizen. Vielmehr zieht sich ein pessimistischer und zuweilen auch verbitterter Grundtenor durch das Buch: Der Großteil der Interviewten gibt vor, sich überhaupt keine Wende gewünscht zu haben, oder wenn, dann eine unter anderen Vorzeichen. Klar ist man sich indes weitgehend darüber, dass Ende der 1980er-Jahre Veränderungen notwendig gewesen seien, jedoch nicht durch eine Wiedervereinigung der beiden getrennten deutschen Staaten, sondern innerhalb der DDR.

Enttäuscht äußert sich beispielsweise Victor Grossmann, 1952 als Deserteur der US-Armee in die DDR gekommen, über den Wandel des Mottos auf den Montagsdemonstrationen in Leipzig von „Wir sind das Volk“ zu „Wir sind ein Volk“ und zur anschließenden Wiedervereinigung: „Ich wollte Verbesserungen und Reformen, damit die Leute für den Sozialismus zu gewinnen waren, nicht den Untergang.“ In ganz ähnlicher Weise meldet sich Manfred Stolpe, von 1990 bis 2002 Ministerpräsident des Landes Brandenburg, zu Wort: „Wir haben nicht den Sturz der DDR gefordert. Wir wollten wirklich […] einen verbesserlichen [sic!] Sozialismus, eine bessere DDR.“ Die beiden vertreten damit ähnliche Positionen, wie sie die Bürgerrechtsbewegung, die in den Herbstumbrüchen 1989 noch treibende Kraft gewesen ist, gefordert hatte. Doch spätestens mit der Volkskammerwahl im März 1990 wurde deutlich, dass die Mehrheit der DDR-Bevölkerung eine Wiedervereinigung mit der BRD anstrebte. Stimmen, die sich zu einer solchen Position bekennen, vermisst man in „War das die Wende, die wir wollten?“ oft schmerzlich – die nostalgisch gefärbten befinden sich deutlich in der Überzahl. Dies verwundert jedoch kaum, wenn man bedenkt, dass der Interviewband im Verlag Neues Leben erschienen ist, der vor der Wende von der FDJ gelenkt wurde.

Mit den wehmütig an die DDR gedenkenden Stimmen verknüpft findet sich in vielen Beiträgen eine massive Kritik am ‚kapitalistischen System‘ generell beziehungsweise an der freien Marktwirtschaft. Sie werden als Grundübel im wiedervereinigten Deutschland ausgemacht. Willibald Nebel, ehemaliger Arbeiter in der Kali-Grube in Bischofferode, die 1993 von der Treuhand ‚abgewickelt‘ wurde, spricht in seinem Interview davon, dass sich viele DDR-Bürger vom Überangebot in der BRD hätten blenden lassen. Erst nach der Wende sei ihnen klar geworden, dass die Marktwirtschaft „brutal und unmenschlich“ sei. Ähnlich wie Nebel denken auch andere Befragte in klaren Schwarz-Weiß- beziehungsweise Freund-Feind-Schemata, wenn es um das Thema Wende geht. Einer der Interviewten treibt es auf die Spitze, indem er ein Stereotyp an das andere reiht: angefangen von Aussagen wie „Wir sind ein anderer Schlag Menschen als die im Westen“ bis hin zu „im Westen ist alles kalt. Hier ist alles freundlicher. Hier gibt es Freunde, hier gibt es Kumpel, hier ist es eben sozialer.“ Natürlich, so möchte man entgegnen, war die Sozialisation in der DDR eine andere wie die in der BRD und ist die „Wiedervereinigung“ in vielen Bereichen nicht oder zumindest nicht vollständig geglückt, doch Gräben werden nicht übersprungen, indem man die immer gleichen Klischees wiederholt.

Nach solchen Stimmen ist man geradezu froh über Interviews wie beispielsweise dasjenige von Hellmuth Henneberg, der zur Wendezeit Fernsehmoderator bei der Jugendsendung „ELF99“ und beim Umweltmagazin „OZON“ gewesen ist. Der weitverbreiteten Meinung, dass heute alles „kälter im Umgang“ miteinander sei, entgegnet er: „Das mag alles sein, aber ich kann nicht erkennen, dass man nicht auch selbst was dafür tun kann und tun sollte, damit es eben kein kalter Umgang ist. Es ging auch in der DDR nicht überall fröhlich und gemeinschaftlich zu, wie solche Vorstellungen, die manchmal im Nachhinein idealisiert werden, es behaupten.“ Auch äußert er sich selbstkritisch zu seiner eigenen politischen Einstellung um 1989/90. Er sei ein „sozialistisch verblendeter, neugieriger, sensibler Mensch“ gewesen, der nur „sehr unzureichend bereit war zum politischen Nachdenken, also auch Meinungen zu akzeptieren, die abwichen von sozialistischer Staatsdoktrin. […] Und ich habe festgestellt, dass das ein Irrtum war.“ So viel kritische Selbsteinsicht tut gut. Auch weil sich Henneberg in seinem Interview weitestgehend differenziert äußert und versucht, Verallgemeinerungen zu umschiffen, sticht es positiv gegenüber anderen heraus.

Verallgemeinerungen gegenüber aufgeschlossen zeigt sich hingegen die Herausgeberin des Interviewbandes. So spricht Kalinowski in ihrem kurzen Vorwort von „Ostmenschen“ [sic!], die „25 Jahre lang […] auf die richtige Erinnerung hin trainiert“ worden seien: „Ein bemerkenswerter Propaganda-Erfolg der neuen Erinnerungs- und Gedenkkultur: Das politisch Zeitgemäße als Erinnerungsimplantat.“ Ihre Behauptung impliziert damit zugleich, dass die Erinnerungskultur seit der Wende von ominösen geheimen Mächten gelenkt werde und missliebige Meinungen verboten würden – das klingt zu sehr nach ‚Verschwörungstheorie‘ und nicht nach seriösem Journalismus. Sicher ist, dass die Themen Wende und Wiedervereinigung noch nicht zu den Akten gelegt werden können und noch längst nicht auserzählt sind. Das verdeutlichen nicht nur die Interviews in diesem Band, sondern auch die große Anzahl an Filmen, Dokumentationen und literarischen Neuerscheinungen, die jetzt, 25 Jahre nach der Wiedervereinigung, noch immer dazu erscheinen.

Titelbild

Burga Kalinowski: War das die Wende, die wir wollten? Gespräche mit Zeitgenossen.
Verlag Neues Leben, Berlin 2015.
320 Seiten, 19,99 EUR.
ISBN-13: 9783355018340

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